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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 86
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Auf der Heide

Herbsttage gibt es, die gefahrvoller sind als die schwülsten Maiabende. War das ein Gejuche und Gequieke gestern abend auf der Dorfstraße, als ich mit dem Rade zur Köte fuhr, und ein Singen und Lachen! Frigge war über Nacht heimlich wiedergekommen und hatte dem Jungvolke so viele Liebholzzweige und Küssekrautblüten geschenkt, daß es außer Rand und Band war.

Auch mit den Hirschen mußte die hohe Frau irgend etwas angestellt haben. Die Tage vorher meldete nur ab und zu einer, und so schläfrig und verdrossen, als täte er das mehr aus Pflichtgefühl als aus innerem Drange. Gestern aber verschwieg nicht ein einziger; ununterbrochen klang ihr Orgeln zu mir heran. Ich konnte nicht schlafen, denn auch mein Blut schlug Wellen; und so saß ich noch eine Stunde vor der Bude und hörte zu, was sie in die Nacht hineinschrien von Liebe und Haß, Zeugung und Mord.

Lange lag ich dann noch auf der Pritsche, ehe mir die Augen zufielen; aber mein Schlaf war bunt vor Bildern und heiß von Träumen, und mehr als einmal wachte ich auf. Dann stand ich vor einem Garten, dessen Bäume himmelblaues Laub trugen und in dem goldgelbe Blumen brannten; als ich eintrete wollte, brüllte mich eine schwarze Stimme an, und eine unsichtbare Hand schlug das eiserne Tor donnernd zu.

Ich stand auf und zog mich an, während die Blitze die Hütte bald mit blauem, bald mit gelbem Lichte erfüllten. Schließlich kamen Blitz und Donner zu gleicher Zeit, und damit brach das Wetter ab und der Regen rauschte eine Stunde lang. Nun hat er ein Ende genommen, und es wäre Zeit für mich, dem Hirsch entgegenzugehen. Aber die Moorfrau spielt mir einen Possen. Sie hat den Regen gesammelt und aufgesetzt, und der graue Brieten liegt dick und fest auf Wald und Heide. Er riecht wie Waschküchendampf. Es wird Mittag werden, ehe die Luft sichtig ist.

Ich will aber dennoch zu Holze ziehen. Es ist zu dumpf hier in der Bude, und das Blut geht mir schwül durch die Adern. Ich fühle es, daß das Gewitter wiederkommt. Ich kenne diese Tage; niemals sind die Hirsche reger. In der neuen Besamung meldet einer, und der vom Heisterloh schreit ihm entgegen. Weiterhin sind zwei andere im Gange. Jeder schreit anders. Mir ist, als schrie der da zur Linken tief blutrot, und der dort oben schwarz. Ich sehe ihre Stimmen wie rote und schwarze Wellen in den Nebel hineinfließen. Und mir kommt es vor, als sähe ich auch den dünnen, ängstlichen Pfiff der wandernden Drossel, die über mich hinstreicht, und das sehnsüchtige Flöten der reisenden Brachvögel.

Dann aber, hier auf der Heide, scheint es mir, als müsse ich erblinden, so dick ist der Nebel. Das Heidkraut vor meinen Füßen und der hohe gelbe Bent ist alles, was ich mit den Augen fassen kann, und ab und zu ein Machandel, der wie ein Geist neben mir auftaucht, und wie ein Gespenst hinter mir verschwindet. So unheimlich ist das, daß ich mich jedesmal gegen meinen Willen umdrehen muß, als wüßte ich nicht, daß es der gute Strauch ist und nicht ein böses Wesen aus der Welt, die einmal war. Ich trage nie Blumen; aber diese goldene Habichtskrautblüte muß ich mir anstecken als Talisman gegen die Unholde, die mir die Nebelhexe nachhetzt.

Nun bin ich bei den rauhen Fuhren. Sie sehen im Nebel aus wie eine Versammlung von verfluchten Seelen, die Baumgestalt angenommen haben. Zwischen ihnen kauern, wie zum Sprunge geduckte Tiger, die Machandeln. Rundherum ist ein verstohlenes Geflatter und ein verhaltenes Gezwitscher von unsichtbarem Vogelvolk. Dann kommt ein Schwirren durch die Luft, schwillt zum Gebrause an und geht in einem langen Zischen unter. Ein verlorener Krähenschrei klingt wie ein Ruf voller Furcht. Und wieder klagen Brachvögel; jammern Regenpfeifer. Und vor mir geht, das Gesicht verhüllend, die Jugend, und hinter mir her schleicht, mir schadenfrohe Augen machend, das Alter. Und ich gehe im Nebel und weiß nicht, wo der Weg hinführt.

Aber dann schreit der Hirsch; er zieht nicht allzu weit über dem Winde vor mir her. Und drüben ruft der andere. Er bekommt keine Antwort. Und nun höre ich es brechen und poltern; gerade auf mich zu kommt es. Ich habe scharf gemacht und hinter einem Machandelstrauch halbe Deckung genommen. Die Gespensterangst ist vorbei; ich bin wieder jung und frisch und habe die Waffe in den Fäusten. Eine heiße Welle läuft mir über die Brust, die Halsadern schwellen mir an, das Herzblut stehe still und fängt dann an zu springen, denn ein Schatten taucht auf, und noch einer und ein dritter und vierter. Ich sehe, daß es Wild ist, aber genauer kann ich es nicht ansprechen. Und die Schatten sinken wieder unter.

Lange warte ich. Die Hirsche verschweigen immer noch. Ein Häher schwebt wie ein blasses Traumbild vorüber. Eine kühle Luft macht sich auf und stößt die Bäume an, daß die Tropfen aus den Nadeln fallen. Der Nebel fängt an, sich zu rühren. Ab und zu habe ich Sicht; aber immer schließt sich der weiße Dampf gleich wieder, und ich stehe da und bin allein mit dem schwarzen Busch vor mir und dem grauen Baume hinter meinem Rücken, in dem eine Tostmeise kläglich trillert.

Die Amsel zetert schrill, trocken schimpft die Schnarre, und nun meldet auch der Specht scharf, und wütend lärmt der Häher. Wahrscheinlich kommt der Fuchs. Aber so laut naht er nicht. Es wird ein Reh sein, das da vor mir bricht. Gleichgültig spähe ich dahin, bis mir die Augen müde werden von dem tauben Starren in das hellgraue Nichts. Es bricht wieder und rauscht ein wenig. Das Rotkehlchen meldet. Es schnurrt zu mir heran, knickst, sieht mich mit große Augen an und vergeht im dicken Dunste.

Ich stehe da und fühle, daß ich müde werde. Die Augenlider werden mir warm, und der Nebel schneidet mir Fratzen. Weiße Gesichter, streng geschnitten, kommen aus ihm heraus, vornehme Gespenstergesichter ohne Bart, Brauen und Haar; sie blicken mich spöttisch an, schwimmen bis vor meine Augen und zerplatzen; aber sofort schweben andere heran, Frauengesichter ebenso edel, und gleich böse und höhnisch mich anstierend.

Irgendwo vor mir rasselt eine Eichkatze an einem Stamme hinauf. Jetzt schimpft sie; halb lächerlich, halb unheimlich hört sich das an, zumal ich sie nicht sehe. Aber worüber regt sie sich bis zur Wut auf und faucht und schnalzt so erbittert? Mich kann sie nicht gewahrt haben; ich bin ebenso unsichtbar für sie, wie sie für mich. Und jetzt lärmt ein Häher, und sieben andere stehen ihm bei. Es ist ein Gekreische und Geschrei, als wäre der Habicht unter sie gefallen.

Was war das eben da? Knörte dort ein Hirsch oder war es mein Magen, der Laut gab? Und das da, ist da ein Machandel? Es bewegt sich. Aber was rührt sich nicht, wenn die Moorfrau braut, die Hexe, die Zauberin, die aus Büschen Hirsche und aus Hirschen Büsche macht! Doch jetzt fängt die Büchse mir in den Händen an zu tanzen, denn ein Stück Wildbret steht dort, und noch eins, und beide haben die Häupter dahin gewandt, von wo sie herwechselten. Und hinter ihnen drein kommt ein selbstgefälliges, zufriedenes Brummen. Das ist er, er, der Hirsch!

Langsam ziehen die beiden Stücke vorüber. Dann starrt ein Geweih aus dem Nebel, schiebt sich voran, zieht ein graues Haupt hinter sich her, dem ein schwarzer Hals nachwächst, auf das ein braunes Blatt folgt. Darauf bringe ich das silberne Korn, und sobald es darin feststeht, mache ich den Finger krumm. Ein Schnauben ertönt, ein Gepolter erschallt, Hähergekreische und Drosselgezeter ist um mich herum, und vor mir stürmt ein Hase dahin. Und ich stehe da, bohre die Blicke durch Pulverrauch und Nebel und suche ein Schlagen und Brechen zu erhaschen. Aber es ist still um mich bis auf das Quäken der Bergfinken und das Locken der Meisen.

Ich lade ganz verstohlen wieder und horche, und dann schleiche ich in den Nebel hinein der Stelle zu, wo der Hirsch stand. Sie ist leer, aber zwei lange Ausrisse sind im Sande, und einen hellroten Fleck schaumigen Schweißes finde ich, und einen dunkleren hier auf dem weißen Kiesel. Der Hirsch ist mein; weit kann er nicht mehr fliehen mit dem Schusse. In der Wohld vor mir wird er liegen.

Der Nebel tanzt und wirbelt. Über mir wird es hell. Die Sonne kommt. Ich fühle sie nicht nur auf dem Gesicht; ihre Strahlen dringen bis in mein Herz. Und während ich zur Jagdbude gehe, um das Rad zu holen und mir im Forsthause Söllmann, den roten Rüden, auszubitten, denke ich, daß der Herbst auch Sonne hat und Früchte, und nicht bloß Nebel und Dürrlaub.

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