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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Mit dem Frett

Dick und fest liegt der Nebel auf der Heide, und die Luft ist rauh und naß. Das ist das Wetter, wie wir es brauchen.

Die letzten Tage war es uns zu schön. Hoch war der Himmel und warm die Luft. Wunderschön war es in der Heide. Die Birken waren goldene Springbrunnen, der Bent gesponnenes Glas, die Rauschbeerbüsche hatten Blätter aus roter Seide.

Mißfarbig sind heute die Birken, fahl der Bent und schmutzig sehen die Rauschbeeren aus. Und doch gefällt uns die Heide heute besser als gestern und ehgestern, denn da steckte kein Kaninchen im Bau; vergeblich schliefte das Frett ein, und auch die Suche brachte nicht viel, weil die Karnickel zu fest lagen. Heute aber wird das Fretten sich lohnen.

Ich trete an den Zwinger und mache den Mausepfiff. Es raschelt in dem Heu, ein rotes Näschen erscheint, der gelbweiße Kopf taucht hervor, hellrote Augen blinzeln mich an. Ich fasse das noch halb verschlafene Tier, stecke es in die Manteltasche, und dann gehen wir drei Schützen los. Der Nebel wogt und wallt in den Gründen. Unsichtbare Krähen quarren, unsichtbare Häher kreischen, Bergfinken quäken, Zeisige quietschen, Dompfaffen flöten, Meisen trillern und pfeifen überall. Aber keine Heuschrecke fiedelt, wie gestern, kein Falter fliegt, keine Hummel brummt, kein Reh zieht über die Wiesen.

Hier auf dem Kopfe des Hügels ist der große Bau. Gestern steckte kein Stück darin; heute wird er gut befahren sein. Ich lange das Frett heraus, ziehe ihm den Gummifaden mit der kleinen Schlittenschelle über den Kopf, setze es vor eine der Ausfahrten und gebe ihm, da es noch halb im Schlaf ist, einen kleinen Klapps. Faul schlieft es ein, aber sobald es unter Tage ist, hören wir an dem hastigeren Geklingel, daß es sich vermuntert hat und fleißig sucht.

Ich sehe mir die beiden anderen Jäger an. Mein Freund steht mit aufmerksamen Gesicht da, das Gewehr in den Händen; eifrig gehen seine Augen hin und her. Der Jagdaufseher sieht aus, als schliefe er. Mit halbgeschlossenen Augen steht er da, die Pfeife im Mundwinkel, die Hände in den Taschen, den Drilling unter dem Arm. Wer ihn nicht kennt, möchte glauben, er höre und sehe nicht. Aber er wird, wie immer, so auch heute Jagdkönig bleiben.

Es rumpelt unter der Erde. Meines Freundes Augen gehen blitzschnell hin und her. Der Jagdaufseher döst weiter. Da flitzt ein graues Ding vor seinen Füßen aus der Erde, schlägt einen Haken und flüchtet nach den hohen Heidbüschen hin. Aber schon hat der Jagdhüter den Kolben an der Backe, es kracht und etwas Weißes blitzt im Heidkraute auf. Noch einmal knallt es, und wieder leuchtet es weiß zwischen den braunen, rötlich beperlten Büschen. Der Aufseher legte das zweite Stück um. Und noch einmal knallt es und abermals. Mein Freund schoß ein Kaninchen mit dem zweiten Schuß. Nun rumpelt es bei mir; ein grauer Kopf mit großen schwarzen Augen erscheint in der Fahrt, geht wieder zurück, und gleich darauf flitzt das Karnickel aus einer anderen Fahrt, und so schnell heraus, daß ich es erst mit dem zweiten Schuß langen kann.

Da klingelt es auch, das Frett schlieft aus, ich nehme es auf und es geht zu einem anderen Bau. Es ist etwas heller geworden. Die Sonne kämpft mit dem Nebel, und der Wind, den sie mitbringt, hilft ihr, ihn zu verjagen. Hier und da beginnt ein Birkenbaum zu strahlen, die Rauschbeerbüsche glühen auf, dort an der Hügelflanke lodern die Bickbeeren blutrot, das Sandrohr über ihnen schwenkt silberne Fahnen, und der Bent leuchtet wie blankes Gold. Lustiger locken die Meisen, öfter prahlen die Häher, der Grünspecht läßt sein gellendes Lachen erklingen und aus der Höhe kommt das Gekurre reisender Kraniche.

Hier, wo zwischen den hohen Wacholdern und den krausen Fuhren weiße Sandflecke die Fahrten schon von weitem verrieten, wollen wir es abermals versuchen. Flott schlieft das Frett ein, und kaum ist es unter Tage, da poltert es laut und drei Kaninchen springen auf einmal. Gelassen, wie immer, läßt der Aufseher zwei davon Kobolz schlagen, eins erwische ich, und ein viertes langt sich mein Freund. Mit diesem Bau wären wir nun wohl fertig und könnten einen anderen nehmen, wenn Hänschen ausschliefte. Wir warten und warten; doch es taucht nicht auf. Wieder rumpelt es bald hier, bald da unter unseren Füßen, und dann vernehmen wir ein feines, dünnes Quietschen. Ein Kaninchen klagt, das das Frett gerissen hat. Nun kann es uns gehen, wie vor einer Woche, wo wir drei Stunden vor dem Bau saßen und Schafskopf spielten, bis Hänschen mit rot beschmiertem Fange wieder ausschliefte. Aber da poltert es bei mir, ich mache mich fertig, lasse aber den Finger vom Drücker, denn auf dem Kaninchen, das unter mir herausfährt, hängt das Frett. Mit einem mächtigen Sprunge schüttelt das Karnickel es ab, kommt aber nicht weiter, denn schon läßt der Jagdhüter es im Feuer überrollen.

Die Sonne ist jetzt ganz und gar da. Alle Birken strahlen, alle Brombeerbüsche glühen, goldig strahlt der Bent, silbern blitzt das Sandrohr und die abgeblaßte Heide sieht aus, als wolle sie von neuem aufblühen. Schon fliegt ein Trauermantel, summt eine Biene, brummt eine Hummel, blitzen Mücken und Fliegen dahin, und die Heuschrecken, die sich vor dem Nachtfrost retten konnten, zirpen leise. Hier zwitschert ein Hänfling, dort stümpert ein junger Finkenhahn, da singt ein Rotschwänzchen sein Abschiedslied, und in der Luft hängen die Heidlerchen und dudeln, als wäre es Mai. Auf den Wegen suchen die Mordwespen nach Raupen und Spinnen, und ab und zu flirrt sogar noch eine rote oder gelbe Wasserjungfer dahin.

Bau auf Bau nehmen wir, aber mit jedem wird die Beute geringer. Die Sonne hat den Boden erwärmt und die Kaninchen herausgelockt, die sich nun in die hohen Heidbüsche stecken und nach der kalten, nassen Nacht durchsonnen. Nur fünf Kaninchen bringen wir aus sechs Bauen zur Strecke, und jetzt stehen wir da und machen dumme Gesichter, denn Hänschen kommt und kommt nicht wieder zutage; es wird ein Kaninchen gewürgt und sich vollgefressen haben und eingeschlafen sein. Wir locken mit Mausepfiff und Junghasenklage in die Fahrten hinein, trampeln auf dem Baue hin und her, aber das hilft alles nichts. So verlegen wir denn die Ausfahrten und Einfälle mit Fuhrenzweigen bis zum Abend, wo wir wiederkommen und zusehen wollen, ob das Frett seinen Blutrausch ausgeschlafen hat, und gehen zum Jagdhause zurück.

Heiß brennt die Sonne, macht aus allen absterbenden Blättern Gold und Rubinglas, läßt die Kronsbeeren wie Silber blitzen, färbt das Risch an den Torfkuhlen blutrot und putzt die Heide wieder so schön wie gestern und ehgestern, und die Jagd auf Kaninchen ist ebenso unlohnend.

So wollen wir denn die Hunde holen und im Bruche auf Hasen suchen gehn.

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