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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Auf der Lauer

An der äußersten Ecke der Jagd, fern von den Feldern, weitab von den Wiesen, liegt ein ödes Sandtal.

Einst war es mit hungrigen Fuhren bestanden. An einem glühenden Mittsommertage kam Feuer dort aus und der ganze Bestand fiel in Asche. Köhler kamen und verarbeiteten die verbrannten Stangen, und seitdem sind die Bauern noch nicht wieder dazu gekommen, den Ort aufzuforsten.

Das ist auch nicht so leicht, weil der Boden ganz aus weißem, leichtem, steinlosem Sande besteht, den der Wind hinweht, wo er ihn haben will. Hier und da haben sich einige krüpplige Fuhren angesiedelt, im Windschatten gedeihen auch magere Brombeeren, auf den Kuppen der Hügelchen, die sich wie Wellen nebeneinander erheben, wuchert das Sandrohr, in den Tälchen der Moorhalm; sonst ist nur etwas Heidkraut zu sehen und ein dürres, blaugrünes, struppiges Büschelgras.

Ich liebe diese Ecke. Kein Mensch stört mich dort. Und so leer und verlassen es da auch ist, so ganz unlohnend ist das Weidwerken nicht. Allabendlich schleicht der Fuchs hier umher; gern sticht der Dachs unter dem Renntiermoose nach Käfern, die Rehe wechseln aus den Dickungen täglich über die Blößen, und die Hirsche brunften mit Vorliebe an diesem stillen Orte. Als ich mich neulich abends bis an die krumme krause Eiche heranschlich, konnte ich einen jagdbaren Bock schießen. Ich tat es nicht, denn er steht hier sicher und es sind nicht allzuviel Rehe in diesem Teile der Jagd. Hinterher bekam ich einen starken Fuchs mit grau bereiftem Balge zu Blick, und auf den will ich heute passen. Der Abend ist warm, die Luft ist still; keine der Fahnen des Sandrohres, nicht eine der Rispen des Moorhalmes rührt sich. Bekomme ich den Fuchs auch nicht, so werde ich doch eine schöne Stunde verleben.

Der Abglanz der Sonne, die hinter den Stämme der Fuhren untergeht, liegt auf der Blöße und gibt ihr Farbe und Leben. Der Kohlenschutt glimmert und gleißt wie blanker Stahl, der Sand blinkt und blitzt wie klares Wasser. Die Sandrohrbüsche schimmern wie Silber, der Moorhalm scheint zu Gold geworden zu sein, die dürftigen Heidelbeerstauden vor den Krüppelfuhren glühen, als wären ihre Blätter aus Rubinglas, die ärmlichen Brombeerbüsche lodern wie rote Flammen, die kränklichen Birken strahlen hell und selbst der abgefrorene Knöterich auf dem Fahrwege lebt wieder auf.

Die Sonne ist dahingegangen und nahm die Farbe und das Leben mit sich hinab. Kalt und tot liegt alles da. Leichenfarbig ist der Sand, sargschwarz stehen darin die mit Kohlengrus bedeckten Hügelchen, und die Baumstümpfe auf ihnen sehen wie vergessene Grabsteine aus. Unheimlich, wie ein Gespenst, nimmt sich der Bock aus, der dort drüben aus der schwarzen Dickung tritt, und der helle Bussard, der an dem hohen Holze vorbeistreicht, scheint kein Vogel aus Fleisch und Bein zu sein, sondern der Schatten des jungen Försters, den vor zwei Jahrzehnten Wilderer hier hinterrücks erschossen.

Der Bock ist hinter einer Sandwelle verschwunden. Ein Hase taucht auf, bleibt einen Augenblick sitzen und stiebt dann, als sei der böse Feind hinter ihm, von dannen. Ein kühler Luftzug läßt das schwarze Laub der verbogenen Espe vor mir laut aufrascheln und bewegt die blassen Fahnen des Sandrohres auf unheimliche Weise. Eine Eule schwebt lautlos über die Krüppelfuhren, sieben Wildenten hasten an dem kaltblauen Himmel dahin.

Mich fröstelt; ich ziehe den Windgurt fester um den Leib. Es ist alles so tot, so leer und so kalt um mich und in mir wird es ebenso. Mir ist, als hätte ich kein Herz im Leibe und als würde keine süße Blume mehr in meinem Leben blühen und duften. Böse blickt mich mit leeren Augenhöhlen der grünliche Schädel eines Rehes an, der auf dem schwarzen Kohlenschotter liegt, und ich bin froh, als ein Mistkäfer dumpf brummend vorüberfliegt, zum Beweise, daß es doch noch Leben auf der Welt gibt.

Aber dann geht es mir warm über den Leib, denn auf dem siebenten Hügelchen zu meiner Rechten steht der Fuchs. Lang und hoch steht er da, sichert nach mir herüber und schnürt auf mich zu. Ich habe den Dreilauf gehoben und warte, daß er wieder sichtig wird, um ihm die Kugel anzutragen; doch ich lauere vergebens, und endlich sehe ich ihn ganz hinten vor der Dickung entlang schleichen. Ich überlege noch, ob ich ihn mit der Todesklage des Hasen, mit dem Drosselangstgeschrei oder dem Mausepfiff heranzwingen soll, da kracht es so laut links im Holze, daß ich heftiger zusammenfahre, als es sich für einen Mann gehört, der drei und ein halbes Jahrzehnt weidwerken geht.

Und es bricht und kracht, und mir pfeift der Atem im Halse, und das Herz schlägt schmerzhaft wild, und dann lache ich über mich selber, denn das, was sich da in dem Heidkraute bewegt, das ist weiter nicht als der Dachs. Er wird mit den Branten die faulen Stümpfe nach Larven und Käfern zerklaubt und darum so viel Lärm gemacht haben, wie ein brunfttoller Haupthirsch. Ich atme tief auf, lege die Waffe wieder auf die Knie und lange eine Zigarre als Langeweilevertreib aus der Tasche, lasse sie aber schnell wieder fallen, denn das, was jetzt dort auf der Sandscholle steht, schwarz und groß und hoch, das ist eine Sau, eine grobe Sau, und sogar ein hauendes Schwein.

Meine Knie fangen an zu beben und die Hände zittern mir, als ich den Drilling hebe. Und jetzt, da ich anbacke, fliegen mir die Arme so, daß ich die Augen ein kurzes Weilchen schließen muß. Aber dann gebe ich mir einen Ruck, ziehe den Kolben wieder an die Backe und bringe das Fadenkreuz des Zielrohres so gelassen hinter das Blatt der Sau, als gelte es einem Wilde, auf das ich jeden Tag zu Schusse kommen kann, und drücke kalt und sicher.

Im Feuer sah ich, wie der Basse rundum schlug. Aufatmend, mit hochklopfendem Herzen, stehe ich da und starre dahin, wo er stand, nehme dann das Fernrohr ab, lade eine neue Kugel, spanne wieder und lausche mit offenem Munde, bis ich aus den Brombeerbüschen ein Brechen kommen höre, und ein Blasen. Ich prüfe den Wind mit nassem Finger, finde ihn günstig und schleiche mich, jeden Gang genau berechnend, daß kein Halm knistert und kein Dürrast knastert, bis zu der verdorbenen Eiche, um etwas Schutz zu haben, falls die Sau mich annimmt, und von da bis zu der schneeweißen Sandwelle, hinter der das Blasen und Brechen ertönt, und Schritt um Schritt komme ich so weit, bis ich, durch einen Baumstumpf gedeckt, in die Sinke hineinsehen kann und das kranke Stück erspähe, das ganz frei im weißen Sande auf der Seite liegt und bläst. Da, wo das Blatt endet, halte ich hin und trage die zweite Kugel an. Aber erst als das Blasen längst aufgehört hat und kein Lauf mehr den Sand aufrührt, trete ich heran, tauche einen Fuhrenbruch in den roten Schweiß und stecke ihn an den Hut. Dann muß ich mich umsehen. Weiß ist der Sand, schwarz wie Gräber stehen die Hügel darin; ängstlich flüstert der Wind in den bleichen Halmen, unheimlich raschelt das düstere Espenlaub, und der Stern, der am kalten Himmel steht, funkelt giftgrün.

Mich fröstelt. Ich wollte, ich hätte die Sau schon aufgebrochen und verblendet, und säße im Kruge des Dorfes, das da weit, weit hinter den schwarzen Wäldern jenseits der öden Heide liegt.

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