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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Zwischen den Hecken

Der Wind, der die ganze Nacht über die See kam und die Wellen weit auf den Strand warf und Tang und Seegras bis hoch in die Dünen schmiß, hat sich gelegt, und nur die Zitterpappeln in den hohen Knicks rühren sich noch ein wenig, als könnten sie die stürmische Nacht nicht vergessen.

Warm scheint die Sonne vom blauen, weiß bewölkten Himmel, unter dem die Schwalben hin und her fahren. Über dem gewaltigen Kleeschlage, auf dem schwarzweiße Rinder weiden, summen die Bienen, brummen die Hummeln und tanzen die weißen Falter. Hunderte von Saatkrähen ziehen krächzend nach den Brachen.

Ich suche Hühner. Zehn Koppeln habe ich schon abgestreift. Ein Dutzend Knicks habe ich überstiegen, bin ebensooft durch die Drahtzäune gekrochen und habe nur ein einziges Volk gefunden. Aber nach dem ersten Schusse, mit dem ich ein Huhn herabholte, schlugen die anderen über den Knick und waren verschwunden.

Der Hund säuft aus der Viehtränke, sieht mich an und wedelt, als wolle er mich aufmuntern. Ich steige zu der nächsten Koppel herab, auf der vor acht Tagen noch Roggen stand, und die jetzt ganz bunt ist von Tausenden von Stiefmütterchen, Rittersporn und Feldminze. Der Hund zieht an und sucht eifrig hin und her. Hier sind die Hühner frisch gewesen. Aber auch nur gewesen; wer weiß, wo sie jetzt schon sind. Vielleicht liegen sie dicht neben mir in den Brombeeren und Haselbüschen, vielleicht sind sie auch schon viel weiter. Ich will sie anrufen. Ich lege die Fläche der rechten Hand vor den Mund und sauge kurz und schnell, daß es einen doppelten Laut gibt. »Kieritt!« klingt es scharf und schrill, und noch einmal und abermals. Horch! Es antwortet mir von drüben her. »Komm', Kora! Da sind die Hühner!«

Ich krieche durch den Drahtzaun. Hinter mir her schimpft die Elster und vor mir zetert der Dorndreher. Der Hund sucht quer über die Weizenstoppel, wendet dann plötzlich und zieht vor dem Knick an, erst langsam, und nun ganz eifrig vorangehend. »Langsam, Kora!«

Da steht er schon vor einem dichten Gewirre von Brombeeren, Nesseln, Kletten und Glockenblumen. Burrend steht ein Teil des Volkes auf. Nur einen Schuß bringe ich an, nur ein Huhn hole ich herunter. Ehe ich den zweiten Schuß anbrachte, strichen die anderen Stücke über den Knick. Vielleicht drückte sich aber noch ein Huhn. Der Hund sucht und sucht. Endlich steht noch ein Huhn auf, das ich fehle, und sofort ein zweites, das im Knall in die Büsche fällt. Eine geraume Weile dauert es, ehe der Hund es mir zubringt, so tief fiel es in das Gestrüpp.

Weiter geht es zur nächsten Koppel, einem gemähten Kleeschlag, auf dem Jungvieh weidet, das mich dumm anglotzt und Miene macht, den Hund anzunehmen. Ich jage es beiseite und lasse Kora suchen. Drei Hühner stehen auf, doch nur eins davon kann ich beschießen; die anderen streichen so unglücklich, daß ich nicht schießen kann, ohne das Vieh zu gefährden. Aber ich kann zufrieden sein. Schwierig ist die Jagd hier. Immer muß man Obacht geben, daß man in dem unsichtigen Gelände keinen Menschen anbleit oder ein Stück Vieh erlegt. Vorgestern suchte ich fünf Stunden und kam mit zwei Hühnern zurück.

Die nächste Koppel kommt an die Reihe. Ihre Knicks strotzen von schwarzglänzenden Brombeeren, feuerroten Schneeballdolden, blauen Schlehen und rotbäckigen Wildäpfeln. Dazwischen protzt der Rainfarn mit seinen goldenen Blumen; hohe Glockenblumen erhebe ihre blauen Kelche, Wasserhanf schwenkt seine rosigen Federbüsche. Ich bleibe ein Weilchen stehen und lehne mich gegen das graue Drehkreuz des Schlagbaumes, teils um mich zu verschnaufen, teils um an der bunten Pracht ringsumher meine Augen zu weiden. Da ist kein Fleck in dem hohen Gebüsch, in dem es nicht von Früchten funkelt, und davor prahlen Disteln mit roten Köpfen, schwenkt der Beifuß sein silbernes Laub, leuchten gelbe Habichtskräuter. Es schwirrt und flirrt und summt und brummt von Fliegen und Faltern, Bienen und Hummeln, und überall, wo eine der großen grünen Heuschrecken singt, blitzt es silbern auf. Gestern war es tot hier und leer und still; heute lebt und webt es. Hänflinge und Stieglitze erfüllen das Gebüsch mit Geflatter und Gezwitscher, Drosseln rascheln im Gestrüpp; der Grünspecht wiehert, ein Turmfalke kichert, und hier und da und dort meckert hart und herb ein Laubfrosch.

Doch der Vormittag muß ausgenutzt werden. Darum reize ich, als auf drei Koppeln die Suche unnütz war, wiederum, und so lange, bis ich Antwort bekomme. Ich übersteige den Knick und stehe vor einem Stier, der mit wütendem Schnauben auf mich losgeht. Er kann mir nichts tun, denn seine Augen sind verbunden. Die Hündin sucht die Koppel ab, findet aber nichts.

Wieder geht es weiter. Mitten auf dem Überstieg liegt eine große blanke Ringelnatter in der Sonne, die eilig in das Gestrüpp kriecht. Kaum stehe ich auf dem Knick, da bunt es um mich her: ein Dutzend Hühner steht auf, ehe daß ich spannen kann, und fällt hier und da und dort ein. Schnell merke ich mir, wo sie blieben, und suche sie einzeln. Hinter dem nächsten Knick stehen drei auf einmal auf. An Schießen ist nicht zu denken, denn sie streichen dicht über eine Schafherde hinweg.

Nach langem Suchen finde ich eins davon wieder und bekomme es. Und es geht wieder von Knick zu Knick, von Koppel zu Koppel, von Stoppel zu Stoppel, über gemähte Wiesen, bunt geblümte Brachen, Kleeschläge und Hohlwege, und nach zweistündiger Arbeit erbeute ich schließlich noch ein einziges Stück.

Nun aber bin ich der Suche satt. Mein Gesicht trieft von Schweiß und das Hemd klebt mir am Rücken. Unter einem Wildpflaumenbaume lagere ich mich hin, füttere den Hund und ruhe mich aus. Über mir ist Schwalbengezwitscher, vor mir ist Schmetterlingsgeflatter und hinter mir in den Büschen das Geschrill der Heuschrecken. Und rundumher funkelt und leuchtet und blitzt es rot und blau und schwarz von Beeren und Früchten, und strahlt und schimmert es von stolzen Blumen, den letzten im Jahre.

Die Augen wollen mir zufallen. Ich sehe noch eine große Möwe dahinsegeln, höre noch aus der Ferne die Brandung donnern, denn der Wind hat wieder aufgefrischt, und wache erst wieder auf, als drei Mägde laut redend und mit den Milchkannen klappernd hart an mir vorbeikommen und aufquieken, wie mein Hund sich knurrend erhebt. Ich lache ihnen, noch halb im Schlafe, zu, recke und strecke mich und wieder geht es den Hühnern nach zwischen den Knicks.

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