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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Von Knick zu Knick

Nun hat es schon eine volle Woche lang gestürmt und geregnet. Bö auf Bö fegte über das Land, und schien einmal ein halbes Stündchen die Sonne, dann kam ein Guß hinterher, daß alle Hohlwege zu Bächen wurden. Ich habe längst die Hoffnung aufgegeben, den alten Schaufler zu strecken, der sich nur in der Brunft zum Rudel und sich die übrige Zeit bald hier, bald dort umhertreibt, je nachdem der Wind geht, und der mir freigegeben ist. Aber es ist auch kein Genuß, im Regenrock, Überhosen und hohen Stiefeln durch den aufgeweichten Klei zu steigen, immerhin ist es besser, als im Gutshause zu bleiben und die trüben Gesichter sehen zu müssen.

Der Gutsherr und seine Frau zwingen sich wohl zu einem Lächeln und einem freundlichen Worte, aber ich weiß, wie ihnen zumute ist. Zwei Jahre gab es schlechte Ernten, das eine durch den Regen, das andere durch die Dürre, und jetzt geht auch die halbe Ernte zum Kuckuck. Noch ist längst nicht alles Korn eingefahren, der Hafer steht zum Teil noch auf dem Halm, teils wächst er auf den Stiegen aus, das Heu fault auf den hohen Wiesen und liegt auf den tiefen im Wasser, von den Frühkartoffeln ist die Hälfte krank und mit den späten wird es nicht anders sein. Ein schwerer Druck liegt auf dem ganzen Hause.

So mache ich mich denn regenfest, öle die Büchse gründlich und gehe hinaus. Tief ist der Himmel, schwarze Wolkenfetzen hetzt der Nordwestwind unter ihm her. Die hohen Pappeln rauschen wild, die Eichen brausen und die Birken streuen schon gelbe Blätter auf den nassen Weg. Saatkrähen und Dohlen ziehen, rauh quarrend und schneidend lachend, über den Park dahin und am See, dessen Wogen wild gegen das Ufer schlagen, flattern die Möwen kreischend vor dem hastig zuckenden Röhricht auf und ab. Tiefer wird das Gewölk; ein heftiger Schauer pratscht daraus und drückt die wandernden Schwalben, die in losem Verbande stumm angeschossen kommen, fast bis auf den Boden herunter. Unter einer geköpften Esche am Knick habe ich den Guß abgewartet. Nun ist der Himmel wieder hell, die Sonne scheint blank und alle Büsche glitzern. Grell leuchten die Trauben der Eberesche und die Hagebutten aus dem Knick heraus, dunkel funkeln die Brombeeren und die Früchte von Faulbaum und Kreuzdorn, und sommerlich schimmern über den goldenen Rainfarnblüten und den blauen Glöckchen die rot und gelb gemusterten Blumen des Gaisblattes und große weiße Winden aus dem Laube. Schon lockt ein Fink wieder lustig, ein Hänfling fliegt zwitschernd dahin und im Schlehbusch schmettert der Zaunkönig sein keckes Liedchen.

Eilig pirsche ich hinter dem Knick her, überall da, wo ich Ausblick habe, die quellige Wiese abspähend, die sich vor der Fichtenschonung hinzieht, und auf der sich der alte Eingänger ab und zu äst. Mit gellendem Gezeter warnt der alte Amselhahn vor mir, und sofort fährt hinter den bleichen Kohldisteln und dem schwarzen Schaftheu, die das Bächlein einfassen, ein Haupt mit langen Lauschern empor. Es ist aber nur die alte Ricke, die immer hier steht. Weiter schleiche ich, bis ich die ganze Wiese übersehen kann, und eile dann weiter den Hohlweg entlang, durch das rieselnde Wasser und den zähen, klebrigen Mergel, in den meine Füße tief einsinken, bis ich bei der Eschenschonung vor dem hohen Holze stehe.

Unwillig zuckt im Winde das hohe Gras hin und her, die rostroten Adlerfarnwedel zappeln ungeduldig, und wütend schütteln sich die jungen Eschen. Ich sehe einen dunklen Fleck zwischen dem Gestrüpp, und darüber etwas sich hin und her bewegen. Lange habe ich das Glas vor dem Kopfe; endlich erkenne ich einen angehenden Schaufler, und hinter ihm einen Schneider, und dann noch zwei weitere geringe Hirsche. Der Hauptschaufler aber steht nicht bei ihnen. Vorsichtig trete ich hinter den Knick, gehe zurück, und komm hinter der Wallhecke, die das Holz von Süden einschließt, zu dem Pirschsteige, der es durchzieht.

Da ist es trübe und unheimlich. Zornig rauschen die hohen Buchen, deren silbergraue Stämme auf der Wetterseite lange schwarze Regenstreifen bekommen haben. Zwischen dem dunklen Schaftheu, das alle quelligen Stellen dicht überwuchert, in dem fußhohen Fallaube und dem blanken Efeugewirre protzen überall mißfarbige oder giftig rote Pilze, und große Schnecken kriechen über den nassen Steig. Kein Vogellaut ist zu vernehmen. Ich schleiche behutsam dahin, jede Blöße abspähend, aber taub bleibt mein Weidwerken; weder auf dem großen Kahlschlage, wo die jungen Loden seiner warten, noch auf den Gestellen, wo süßer Wildklee steht, noch unter den alten Eichen, wo die Steinpilze gedeihen, ist der schwarze Schaufler zu finden, aber ebensowenig in der tiefen Quellschlucht. So will ich ihn im Eschenbruche suchen gehen.

Erst pirsche ich hinter dem Knick entlang, der es umhegt, trete einen Hasen heraus, dann einen Fasanenhahn, übersteige dann den Wall da, wo der Wacholder und die Haselbüsche eine Lücke lassen, und trete in das Bruch. Wild und wüst sieht es hier aus. Alle Stämme sind von Hopfen oder Geißblatt umrankt, der Boden ist verdeckt von einem hohen Wirrwarr von Riedgras, Disteln, Nesseln, Spierstaude und Klebkraut, aus dem hier und da eine letzte weiße oder rote Blüte leuchtet oder die Beeren des Mäuseholzes wie Rubine funkeln, und die Wasserlöcher und Gräben sind überwuchert von Schilf, Waldrohr und greis gewordenem Kunigundenkraut. Hier steckt der alte Hirsch mit Vorliebe, und so heißt es, sehr behutsam zu sein.

Aber jetzt zetert der Zaunkönig, und nun keift eine Amsel, dann warnt die Braunelle und darauf kreischt der Häher auf, und so wird der Schlauberger mich wohl eher gewahren als ich ihn. Zudem hält der Wind hier nicht Wort; bald weht mein Pfeifenrauch so, bald so, und so komme ich nicht recht vom Fleck. Nun springt auch noch ein Bock vor mir ab und schreckt gewaltig, und schließlich donnert ein Fasanenhahn in die Höhe und gockert mächtig, und so gebe ich alle Hoffnung auf, zumal die Sonne wieder verschwindet, der Himmel dunkel wird und eine grobe Bö das Wasser in Strömen herunterpratschen läßt. Ich suche unter einem hohen, dichten Weißdornbusche Schutz, warte, daß es besser werden soll, und beobachte währenddem den Laubfrosch, der sich fest an einen Stamm gedrückt hat, und zähle die weißen Falter, die sich unter die Hopfenblätter geflüchtet haben. Über eine Viertelstunde plantscht und pladdert es; dann endlich hellt sich der Himmel auf und die Sonne kommt wieder hervor. Gerade will ich mich von dem Baumstumpfe erheben, da höre ich halbrechts brechen. Ich sehe dahin und erblicke ein Paar mächtige graue Schaufeln, die über dem Gestrüpp hin und her schwanken. Das ist der Hirsch. Er zieht nach links hin. Ich muß schnell zurück, denn sonst wechselt er mir in den Wind hinein. Ich pirsche rückwärts, versuche, ob ich ihn nicht schußgerecht bekommen kann, sehe aber nichts von ihm als die Schaufeln und einmal den hin und her schnellenden Wedel. Wieder muß ich über den einen Knick und an den anderen entlang bis dahin, wo das Bruch endigt und das hohe Holz wieder beginnt, aber wie ich dort bin, sehe ich den Hirsch schon den Graben überfallen.

Ich renne, was ich kann, um ihm den Wechsel nach der Fichtenschonung abzuschneiden, aber er ist schneller als ich; nachdem ich eine Weile hinter dem Knick gelauert habe, pirsche ich an den Fichten entlang und finde seine nagelfrische Fährte in sie hineinstehen. Ich umschlage die Dickung, warte auf der anderen Seite auf dem Gestell, ob er nicht herauswechselt, bekomme eine neue Bö auf den Hals, umschlage die Fichten abermals und spüre den Hirsch zurück in das Bruch. Er hat den trockenen Graben angenommen, ist in ihm entlanggezogen und nach den Seewiesen hingewechselt. Von Knick zu Knick schleiche ich, finde zweimal die Fährte in dem Hohlwege und auf der Sandblöße, bis ich endlich hinter einem von Schilf umwachsenen Wasserloche das hohe Schaufelpaar gewahre. Durch hüftenhohes, quatschnasses Gestrüpp arbeite ich mich den einen Knick hinauf und am anderen hinunter bis auf die Höhe des Wasserloches, aber inzwischen hat der Hirsch sich bis an den anderen Knick geäst, und wieder ist nichts von ihm zu sehen als sein Geweih. Abermals braust eine Bö daher, und er verschwindet nach dem Holze zu.

Der Wind ist günstig. Ich laufe, so schnell ich kann, quer über die nasse Wiese, verschnaufe ein Weilchen vor dem Knick, übersteige das Siegel und sehe den Hirsch gerade noch in dem Hagen verschwinden. Wieder laufe ich, bis ich dort bin, verschnaufe hinter einer krummen, zerborstenen Eiche, bis mein Atem standhafter geworden ist, und schleiche dann in das Holz hinein. Ich spähe und spähe, bekomme den Hirsch aber nicht zu Blick. Es dämmert immer mehr; die Goldhähnchen suchen schon nach dem Boden herunter und die Sonne steht tief. Ein kühler Wind geht und es fröstelt mich, denn ich habe mich heiß gelaufen. Ich ziehe den Gürtel fester um den Leib und überlege, ob ich nicht doch lieber zum Gute zurückgehen soll, da bricht es zur Linken, und hinter der siebenfachen Buche her tritt der Schaufler hervor. Er steht gut, aber er hebt sich zu schlecht von dem schwarzen Schaftheu ab. So muß ich warten, bis er nach langem Sichern sich vorwärts schiebt, und so wie er da vor der dicken hellen Buche steht, von der er schärfer absticht, setze ich ihm die Kugel auf das Blatt. Ich vernehme sie schlagen und sehe die hohe Flucht, die der Schaufler macht, und höre ihn davonstürmen, dem Bruche zu.

Ein Weilchen warte ich, dann gehe ich zum Anschuß, finde hellen Schweiß auf den dunklen Efeublättern und da ich in dem nassen Fallaube seine Fährte gut halten und lautlos darauf gehen kann, pirsche ich ihm nach. Er ist nicht weit gekommen; nach fünfzig Gängen höre ich ihn schlagen. Am Fuße einer mächtigen Buche liegt er, das Haupt gegen sie gelehnt. Bis auf dreißig Gänge gehe ich in Deckung heran und setze ihm die zweite Kugel zwischen Hals und Blatt. Da fällt sein Haupt herab; noch einmal schlägt er, zittert und streckt sich. Bei rauschendem Regen breche ich ihn auf. Über mir fallen die Krähen quarrend in den Kronen ein. Faulholz poltert zu Boden, die Äste quietschen und knarren im Winde und immer hohler heult es in den Lüften.

Dann stapfe ich, den schweißgetränkten Bruch am feuchten Hute, auf lehmigen Wegen zwischen den tropfenden Knicks durch den dunklen Abend dem Gute zu, ohne rechte Freude im Herzen, der trüben Gesichter gedenkend, die mich dort erwarten.

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