Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060601
modified20160412
projectid8f464659
Schließen

Navigation:

Südsüdwest

Die letzten Tage waren über die Maßen langweilig. Der Wind kam erst kühl aus Norden und dann naß aus Westen. Kein Bock trat aus, kein Fisch lief. Grau wie der Himmel war meine Stimmung.

Als ich heute früh hinausblickte, hing der Himmel wieder voller schmutziger Wäsche; doch als ich das Fenster aufstieß, kam mir eine weiche, warme Luft entgegen, und als ich nach der kunstvollen Windfahne auf der Schmiede sah, lachte ich; der Wind kam von Südsüdwest.

So aß ich denn mit fröhlicherem Gesichte als die Tage vorher, packte mir ein halbes Dutzend Butterbrote ein, langte den Fischkober von der Wand, machte die Schottangel klar, und jetzt bummele ich das Brummelbeerlied flötend nach der Marsch, über die die Schwalben fliegen, und an deren Gräben Rohr und Risch in dem lauen Winde silberne Wellen schlagen.

Heute ist es anders als gestern, wo ich faul und verdrossen durch die Wohld schlich und mich über alle ärgerte, über das Gezeter des Zaunkönigs, das Gepiepse der flüggen Vogelbrut, den Regenruf des Schwarzspechtes, die Schnecken am Boden, und die Wolken in der Höhe. Zum Lesen hatte ich keine Lust gehabt, zum Schreiben noch weniger, die Jagd brachte auch nichts, das wußte ich; so wankte ich stumpfsinnig durch den Wald, müde am Leibe, mürrisch von Gemüte. Ein toter Tag war es gestern.

Heute ist er quick und frisch. Lustig schwenken die Eichen und Ellern ihre Zweige, die Hänflinge schwatzen, die Buttervögel tanzen, die Blumen am Grabenbord nicken fröhlich mit ihren blauen, weißen, roten und gelben Köpfen, die Kibitze tummeln sich über dem Brache, hoch über mir kreist das Storchenpaar mit seinen drei Jungen, die Weidenbüsche blitzen und blinkern nur so, der Goldammerhahn singt ein inniges Liedchen ohne Ende, die Heuschrecken fiedeln in den Hecken, Spatzenschwärme brausen zwitschernd dahin, Schillebolde flirren über jedem Kolk, und alle Bauern, die mir entgegenkommen, haben blanke Augen. Gestern war die Welt scheußlich; heute ist sie schön.

Das meint auch der Müller, der in dem blauen, weiß bemehlten Beiderwandanzuge vor der Türe steht: »Schön' Wetter von Tage!« ruft er mir zu. »Heut beißt der Hecht, wenn er überhaupt gebissen hat.« So ist es nämlich. Im allgemeinen beißt er bei Südsüdwest am besten, aber es kann vorkommen, daß er auch dann nicht beißt. Ich will es hier im Mühlenkolke gleich einmal versuchen. Zwischen den Stengeln der Mummeln und Wasserrosen pflegen ganz gute Hechte zu stehen. Ich rolle auf, werfe und rolle an; wie ein Silberblitz schießt der Blenker durch die dunkle Flut. Hopp; schon habe ich Anbiß, haue an und schwinge den Fisch auf die Wiese, denn am Biß fühle ich, daß es ein geringer Hecht ist, den ich nicht zu drillen brauche. Ein halbpfündiger ist es nur, und er hat sich so oberflächlich gefangen, daß ich ihn leicht von dem Haken losmachen und wieder zurücksetzen kann, der Bachfrau zuliebe, damit sie mir nicht den Fang verdirbt. Hier am Kolke will ich aber nicht weiterfischen; im stillen Wasser freut mich das Angeln; nicht. Da unten, wo die drei dicken Ellern sich über das Flüßchen lehnen, dicht umsponnen von Hopfen und umstanden von rosig blühendem Kunigundenkraut, dort will ich es versuchen. Dazu muß ich aber über den schwankenden Steg und hinter den von weißblühenden Buschwinden durchflochtenen Weidenbüschen durch das brusthohe Gewirre von Nesseln und Disteln, Kletten und Klebkraut. Mit weitem Schwunge bringe ich den Blenker zu Wasser und lasse ihn dicht an den rosenroten Wasserwurzeln der Ellern vorüberspielen. Aber Anbiß habe ich nicht. Noch einmal fliegt er in die Wellen und blitzt hinter dem Uferschilfe durch die Flut. Und wieder beißt nichts. Und zum dritten und vierten Male flimmert er durch die Wellen; doch kein Zucken und Rucken kündet mir Fang.

Weiter gehe ich durch die Wiese, in der die blauen Taubenblumen nicken und die weißen Dolden schwanken, bis ich bei dem Flutloche bin, das das Winterwasser in das Ufer riß. Da drängen sich Kalmus, Wasserlilien, Igelkolbe und Rohr durcheinander, gelbe Mummeln und weiße Seerosen erheben sich über ihren breiten Blättern und zwischen dem starren Laube der Krebsschere, ein guter Platz ist das für einen Fisch, er hat hier ruhiges Wasser, wie es der Hecht liebt, schattige Deckung und zugleich Sonnenwärme, und dicht dabei den offenen Fluß, will er seinen Stand verändern. Ich überlege: soll ich drüben einwerfen, wo an dem Grabenkopfe Blutweiderich und Goldweiderich mit weißen Spierstauden und blauen Klingelwicken ein grellfarbiges Gewirre bilden, oder weiter unten, wo das Gaisblatt den Eichbusch mit wachsgelben Blüten und purpurnen Beeren behängt hat? Und soll ich dippen oder spinnen?

Hinter mir in der hohen Pappel kichert eine Elster; vor mir auf dem Schlehbusch macht sich der Dorndreher über mich lustig. Ich will erst dippen und dann spinnen. Behutsam lasse ich den Blenker an kurzer Leine auf ein Teichrosenblatt niedergehen und lotse ihn von da in das Wasser, ihn drei Male sinken lassend. Beim dritten Male habe ich Biß, haue an und winde auf. Schwer geht das; ein guter Fisch scheint gefaßt zu haben. Nur zieht er zu stetig, wehrt sich zu wenig. Am Ende ist es ein Ast oder eine Wurzel. Ich ziehe langsam und ein mit dicken Flußschwammklößen bedeckter Zweig erscheint zwischen den Mummelblättern. Also darum kicherte die Elster, lachte der Würger! Hätte ich doch lieber gesponnen! Nun habe ich mir an der besten Stelle vorläufig den Fang verdorben. Vielleicht schlumpt es weiter unten hinter den Kopfweiden, wo der Bach in den Fluß fällt.

Langsam schlendere ich hinter den Ellern hin, in denen es von allerlei flügger Vogelbrut piepst und flattert. Dann schreien alle Schwalben auf, und mit einem Vogel in den Griffen streicht ein Sperbermännchen dicht über meinen Kopf hin. Die Kuhstelze flattert vor mir her und warnt, und von Busch zu Busch schlüpfen, von mir aufgescheucht, Rohrsänger und Grasmücken. Hier, wo ein Schilfhorst die kleine Bucht anfüllt und in den Fluß einspringt, könnte ich es versuchen. Gleichgültig werfe ich aus und rolle auf. Hui Anbiß! Und ein fester Ruck war es, also wohl ein guter Fisch. Ein Glück, daß ich keine Überlegung mehr zum Anhauen brauche. Ich rolle auf und versuche den Fisch zu landen, doch er wehrt sich gewaltig und strebt nach dem hohlen Ufer hin, wo der rosenrot blühende Brombeerbusch bis auf das Wasser hängt. So gehe ich rückwärts und drille den Hecht erst in das freie Wasser gebe ihm Leine und rolle dann so schnell auf, daß er Atemluft und Leben verliert, und lande ihn. Kein Riese, aber immerhin ein Hecht von vier Pfunden. Den hätte ich hier nicht erwartet.

Ich gebe ihm durch Genickstich und Schwanzschnitt den Rest, mache ihn hohl, tue ihn in den Kober und bummele weiter. Hier hinter der Fahrbrücke ist ein tiefe Stelle mit ruhigem Grundwasser. Am Ende habe ich dort Biß. Der Blenker fliegt weit hinter den Kolk und blitzt durch das Wasser. Noch ehe er da ist, wo ich ihn hinhaben wollte, beißt es; schnell haue ich an und werfe einen pfündigen Barsch in das Gras. Wo ein Barsch steht, sind mehr, und beißt einer, so beißen alle. Wieder werfe ich aus und hole ein, und noch einmal, und noch sieben Male, und sechsmal hole ich einen pfündigen Barsch heraus. Jetzt fängt der Kober schon an, mir das Kreuz zu drücken, denn elf Pfund Fisch habe ich darin. Und nun bekomme ich Fanghunger. Ich lasse den falschen Fisch durch den Kolk spielen und harre gierig auf Anbiß. Ein Dutzend Mal sehe ich das silberne Ding durch das Wasser wirbeln; aber kein Hecht beißt.

Der Himmel bezieht sich; die Sonne verkriecht sich; schwüler weht der Wind, es tröpfelt verloren und die Mücken werden lästig. Die Schwalben fliegen tief, das Habichtskraut faltet seine gelben Blumen zusammen und die Schmetterlinge hängen sich unter die Ellernblätter. Feines Beißwetter das; Südsüdwest und Gewitterluft! Ich gehe weiter und lasse den Blechfisch immer wieder spielen, hole aber nur einen pfündigen Hecht heraus. Aus dem Tröpfeln wird ein Geriesel. Ich habe keinen Regenrock mit, und so ist es besser ich mache, daß ich zur Mühle komme; Fische habe ich ja genug. Aber hier, bei dem Winterwasserloch, wo ich vorhin den Ast angelte, will ich es noch einmal versuchen, und nicht durch dippen, sondern mit spinnen. Ich lasse fliegen, doch der Blenker fängt sich an einem Reithalme und fällt auf die Sandbank, gerade einem dicken grünen Frosche vor das Maul, der hastig danach schnappt und sich fängt. Esel, komm, ich will dich losmachen! Ich ziehe langsam Blenker und Frosch quer über das Wasser, da platscht es und plumpst es. Blenker und Padde sind fort, ich kann gerade noch anhauen, und noch einmal anhauen, und dann rolle ich auf, muß aber wieder Leine geben, denn die Rute biegt sich zu sehr. Das muß ja ein Mordsfisch sein!

Ich nehme Leine und gebe welche, einmal, und noch einmal, und zum dritten Male, und abermals, und während mir das Herz klopft und der Puls fliegt und der Schweiß ausbricht und das Haar mich juckt, denke ich an den Tag, wo ich am Schloßsee bei Deutsch-Krone in Westpreußen als fünfzehnjähriger Bengel mich eine volle Viertelstunde mit einem sechzehnpfündigen Hechte herumbalgte, bis ich ihn endlich landete. Am Ende ist dieser ein ähnlicher Unflat, denn er wehrt sich nicht schlecht. Bald schießt er zu Grunde, bald strebt er flußabwärts; jetzt ist er hier und nun wieder da. Die Rute biegt sich und windet sich, die Leine ist gespannt wie eine Bogensehne, und ich kann immer nur aufrollen und abrollen, denn jedesmal, wenn ich den Hecht dicht am Ufer habe und landen will, wupp, rasselt die Rolle und er geht wieder zu Grunde.

Doch jetzt endlich scheint er matt zu sein. Langsam und stetig rolle ich auf, stoppe die Leine, schiebe die Rute hinter mich, greife die Leine und ziehe so lange, bis der Kopf des Hechtes sichtbar wird, und dann greife ich ihm schnell hinter die Kieme und werfe ihn in die Wiese, wo er wie wahnsinnig hin und her springt, bis ich ihm den Genickfang und den Schwanzschnitt beigebracht habe. Ein tüchtiger Kerl, wenn auch kein Sechzehnpfünder; doch seine acht Pfunde wiegt er sicherlich.

Ich ziehe ihm eine Weidengerte durch die Kiemen und hänge ihn über die Angelrute, einmal, weil er zu lang für den Kober ist, und dann, weil ich nicht ganz frei von Stolz und Eitelkeit bin, denn solche Hechte fängt man nicht alle Tage.

 << Kapitel 79  Kapitel 81 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.