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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 79
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Am Äschenwasser

Zarte, kaum sichtbare, blaß rosenrote Wetterköpfe stehen über den dunkelen Fichten im perlgrauen Dunste. Die Luft ist weich und warm und still; kein Lüftchen rührt an Halm und Laub. Die Schwalben fliegen tief, die Bremsen sind böse; über dem Bach schwirrt, flirrt es von allerlei großem und kleinem Getier, und alle Augenblicke geht ein Fisch danach auf. Mit der Fluggerte über der Schulter spähe ich den Bach entlang, der sich dort sprudelnd und strudelnd durch die zerwaschenen Klippen quält und hier glucksend und klucksend an grauen Schotterbänken und blumigen Ufern vorüberströmt.

Dort drüben, wo ein dichtes, manneshohes Bollwerk von Disteln, Dolden, Glockenblumen, Spierstauden, Nesseln und Riesenampfer sich bis an das Ufer drängt, wo auf den roten, blauen, gelben und weißen Blüten es von Faltern, Käfern, Fliegen, Bienen, Wespen und Hummeln surrt und burrt, ging eben ein gute Fisch auf. Silbern blitzt er: eine Äsche ist es. Die will ich haben. Ich suche im Fliegenbuche eine große, braune Fliege, schlinge sie an das Vorfach, mache einen Probewurf in der Luft und lasse die Fliege dahin fallen, wo es wieder einmal blitzte und platschte. Kaum hat der künstliche Köder die Flut berührt, da habe ich Anbiß, haue an, merke am Mangel an Widerstand, daß es nicht die starke Äsche ist, schwinge einen Fisch von knapp einem Viertelpfund in die Wiese, löse ihn von dem Haken und werfe ihn wieder ein, der Bachfrau zuliebe, damit sie mir nicht den Fang verdirbt.

Der starke Fisch geht jetzt dort auf, wo die Waldrebe das dunkle Laub der Ellern mit silbernen Sternen durchflicht und der Berghollerbusch seine roten Korallen leuchten läßt. Dreimal lasse ich die Fliege dahinfallen, wo sich das dunkelgrüne Wasser mit goldenen Kringeln schmückt. Beim dritten Male gibt es einen Ruck, doch wie ich anhaue, surrt die Leine leer durch die Luft. Der Fisch hat nur gespielt.

Ich fische eine Weile verloren, bringe die Fliege jetzt dahin, wo die Pestwurz ihre breiten Blätter spreizt, dann auf die Stelle, wo das Waldkreuzkraut mit seinen mächtigen goldenen Blütenschirmen prahlt, darauf vor den krausen Schneeballbusch, der über und über mit rubinroten Beeren behängt ist, aber kein Fisch beißt, alle zupfen nur.

Die Luft ist zu dick und zu unsichtig für die graue Fliege. Ich reiße sie ab, knüpfe eine ganz helle an und werfe dort ein, wo vorhin die starke Äsche alle Augenblicke ihren silbernen Bauch zeigte. Dem Wurfe folgt Anbiß, und ich fühle es, ich habe sie, so biegt sich die Rute, so strammt sich die Leine, so zerrt und ruckt und spritzt und plantscht es. Ich gebe dem Fisch so viel Schnur, wie ich habe, und nehme sie ihm wieder, dreimal drille ich ihn zu mir her, dreimal lasse ich ihn ab, erst dann wird er ruhiger, wehrt sich nur noch wenig, ich kann ihn bis an das Ufer drillen, ihm den Käscher unterschieben und ihn in das Gras werfen, wo er fußhohe Sprünge macht. Eine mehr als pfündige Äsche ist es.

Ich habe ihr eben den Rest gegeben und sie in den Kober gleiten lassen, da burrt es den Bach entlang. Sechs putzwunderliche Vögel fallen auf der Schotterbank ein, knicksen wie Zaunkönige, piepen und wippen mit den Stummelschwänzen. Ein Wasseramselpaar mit seiner Brut ist es. Die Alten stürzen sich in die Flut, rennen auf der Bachsohle umher, tauchen dann auf, irgendein Gewürm im Schnabel, und locken die Jungen heran, die piepsend und mit kurzen Flügeln zitternd ihnen entgegentrippeln und laut girrend sich füttern lassen. Ich sehe ihnen zu, bis die Alten sich aufnehmen und den Bach hinabfliegen und die Jungen dicht hinter ihnen herflattern.

Hinter den goldgelben großen Blüten der Gauklerblume, die die Schotterbank schmückt, blitzte es lang und breit auf, und platschte es ganz gefährlich; das ist ein Fisch, der sich lohnt. Ich rolle die Leine kürzer auf, wate in das Vorwasser und werfe ein. Der Fisch nimmt sofort an und geht mit der Fliege ab, daß die Leine nur so von der Rolle fliegt. Sobald ich aufrolle, wirft er sich wieder so, daß ich Angst habe muß, daß er sich losschlägt, und ihm wieder Schnur geben muß. Schon ist er da unten bei dem Tollkirschenbusche hinter dem Schilfhorste, um den ein Geflitter und Geflatter von braunen, blauen und grünen Wasserjungfern ist, und hinter dem die ausgespülte Weide quer in dem Bache liegt; geht der Fisch bis dahin, so ist er mir verloren samt Fliege und Vorfach. Schon strammt sich die Schnur allzusehr und die Rutenspitze berührt fast das Wasser. Da hilft nur Gewalt. Ich wate bis auf die Schotterbank, und dann drille ich den Fisch so schnell stromaufwärts, daß ich ihm die Atemluft nehme und er mit offenem Maule über dem Bache auftaucht und betäubt in den Käscher zurückfällt. Ich wiege ihn in der Hand: anderthalb Pfund!

Hinter der losgespülten Weide sah ich aber gestern zwei Fische stehen, die noch viel stärker waren, die jedoch keine Fliege nehmen wollten, so viele ich ihnen auch anbot. Vielleicht beißen sie jetzt, wo die Luft so dick und so schwül ist. Vom Ufer aus kann ich nicht angeln, hüben hindern die Ellern, drüben stürzt die Felswand jäh ab. Ich wate bis an den Leib in den Bach hinein, der sich alle Mühe gibt, mich umzuwerfen, übersteige den Baum, dränge mich an die Wand und belauere die Fische. Aber was da unterhalb des dichten Gewirres von goldenem Labkraut und blutroten Lichtnelken aufgeht, ist nur geringes Zeug. Doch da, unterhalb der Klippe, von der die Bergbachstelze nach Fliegen springt, wird alle Augenblicke das stille Wasser von einem leichten Gekräusel gemustert; die groben Fische nehmen dort antreibende Kerfe fort.

Ich werfe einmal, zweimal, dreimal, doch sie kümmern sich um die Fliege nicht. Hier hilft mir das Fischen mit der trockenen Fliege nichts. Ich suche ein hellgrünes Heupferd aus dem Fliegenbuche und versuche es damit. Zweimal treibt es falsch, das dritte Mal schwimmt es, wie ich es will, und kaum ist es unter der Klippe, da verschwindet es in einem blitzenden Wasserkringel. So leise zart nimmt der Fisch die Fliege, daß ich meine, es ist ein ganz geringer, den ich im Schwunge landen kann, ohne ihn drillen zu brauchen. Doch dem Anhiebe folgt ein solches Plantschen und Pratschen, daß ich eiligst aufrollen muß und ebenso schnell Leine hergebe und immer denke, der Fisch schlägt sich los oder das Vorfach reißt oder die Rute bricht, so strammt sich die Leine, so biegt sich die Angel. Bald hierhin, bald dorthin wird die Rutenspitze gerissen: jetzt schießt der Fisch stromabwärts und ich muß ihm schnell Leine lassen; nun fährt er bachaufwärts und ich muß mit aller Gewalt drillen, damit die Schnur nicht schlaff wird und die Äsche sich nicht losschlägt. Eben war er unter der Klippe, nun ist er vor der Weide, jetzt platscht er vor den Ellern, nun wieder drüben vor dem Schilfe. Ich muß mich fortwährend drehen und wenden, aufpassen, daß ich in dem tiefen Wasser nicht den Boden verliere und lang hinschlage, und zugleich, daß Rute und Leine immer gestrafft bleiben, und so bricht mir der Schweiß am ganzen Leibe aus und Herz und Puls klopfen und schlagen wie im Fieber.

Endlich gibt sich der Fisch. Rute und Schnur rühren sich nicht. Langsam nehme ich Schnur, aber sofort folgt darauf ein wütendes Reißen und Rucken. Ich achte kaum auf den Eisvogel, der den Bach entlang geschrillt kommt und im Bogen um mich herumblitzt, ich weiß es nicht recht, fängt es an zu regnen, oder tröpfelt es bloß so von meiner Stirn, ich blicke immer nur dahin, wo die Spitze der Rute hinzeigt, denn es ist schon so dämmerig, daß ich die Leine nur noch ab und zu sehen kann in dem wilden Gewirbel von Köcherfliegen und Wassermotten, die über der Flut umherwirbeln. Fest halte ich die Rute mit der linken und habe die rechte Hand an der Kurbel der Rolle, jeder wilden Bewegung des Fisches mit Aufrollen und Ablassen folgend.

Nun regnet es wirklich gröber; die Schnur verschwindet völlig im Tropfenfall und Wellengespritze, und sogar die Spitze der Rute wird zeitweise unsichtbar. Immer noch wehrt sich der Fisch. Ab und zu steht er, doch sobald ich ihn heranzudrillen versuche, tobt er wieder los. Ich glaube, ich bekomme ihn nicht. Zwar hat der Regen wieder aufgehört, doch es schummert immer stärker, und hier zwischen der steilen Felswand und den dichten Ellern ist es besonders dunkel. Die Rotkehlchen ticken überall im Unterholz, die Krähen streichen quarrend nach ihrem Schlafholze, der Bussard schwingt sich polternd in den Fichten über der Wand ein, Fledermäuse huschen über den Wasserspiegel, Salamander und Waldmäuse krispen im Vorjahrslaube. Die roten, blauen und gelben Blumen sind ausgelöscht, die Blüten des Gaisblattes leuchten immer stärker.

Ich gebe dem Fische etwas mehr Leine und wate bachabwärts, bis die Ellern aufhören und die Wiese beginnt. Doch weiter darf ich nicht, denn nun kommt die Brücke, und vor ihr hängen die Weidenbüsche tief auf das Wasser hinab. So drille ich den Fisch vorsichtig nach dem Ufer hin. Einmal sträubt er sich noch tüchtig, dann gibt er sich, und ich kann ihn ausheben. Aber sobald er den Käscher unter sich fühlt, schlägt er dermaßen, daß ich Rute und Käscher im Bogen in die Wiese schleudern muß, und dann stürze ich mich auf den hin und her springenden Fisch und fasse ihn noch glücklich, als er schon hart am Bache umherzappelt. Es ist die stärkste Äsche, die ich jemals gefangen habe; sie wird nicht viel unter drei Pfund wiegen. Es ist gut, daß sie fort ist. Solche groben Fische leben fast nur von ihresgleichen und Forellen, und es ist ein wahres Wunder, daß dieser hier auf den künstlichen Köder ging. Morgen will ich versuchen, seine Genossen hinter dem Weidenbaume herauszuholen.

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