Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060601
modified20160412
projectid8f464659
Schließen

Navigation:

Gewitterregen

Auf den dicken weißen Wetterkopf, der gestern abend, als die Nachtschwalben an zu prahlen fingen und die Frösche losquarrten, über das Moor kam, hatte ich meine Hoffnung gesetzt; sie wurde zuschanden.

Ein jedes Mal, wenn die Wolke sich vor den Mond drängte, schlug er sie auf den Kopf, und ob sie auch murrte und knurrte und ihm wutrote Blicke zuwarf, immer und immer mußte sie wieder hinter das Moor zurück und sich dort bergen.

So ist der Tag heute so tot, wie es der gestrige war. Die Sonne sticht vom hohen Himmel herab, die Luft bebt über den Sandbergen, kein Blatt rührt sich, die Vögel singen verdrossen, aber die weißen Falter und die blanken Schillebolde freuen sich ihres Lebens und die blinden Fliegen sind noch frecher als gestern.

Ehgestern lachten meine Blicke die zarten Blumen der Wasserprimeln an, die sich aus den Gräben recken, liebkosten die goldenen Lilien und streichelten die leuchtenden Vergißmeinnichtblüten; gestern lächelten meine Augen nur und heute sehen sie müde auf alle die Pracht rechts und links vom Wege, auf die mannshohen, blumenbedeckten Brombeeren und die strahlenden Schneeballdolden. Die Schwüle ist zu erdrückend und die Fliegen sind zu schlimm.

Vergebens glüht das Wohlverleih, leuchtet das Knabenkraut; umsonst läßt die blaugezierte Edeljungfer ihre goldbraunen Schwingen schimmern, funkelt der Dukatenfalter vor mir her. Ich wische mir den Schweiß ab und fahre alle Augenblicke mit der Hand nach Nacken und Backen, zerquetsche das graue und schwarze Geschmeiß, das sich dort vollsaugt und das selbst dem Pfeifenrauche nicht weichen will.

Da erhebt auf dem Windbruche plötzlich der Laubfrosch seine Stimme, vom hohen Holze her kommt das Getriller des Schwarzspechtes, und nun sehe ich auch daß die nackten schwarzen Schnecken, von denen sich gestern kaum eine sehen ließ, überall auf dem Weg umherkriechen. Wiederum meldet sich der Laubfrosch und in demselben Augenblicke schüttelt sich der Espenbaum, daß es rasselt, die Birken rühren ihre Zweige, die Ellern bewegen ihr Laub, sogar die Fuhren regen sich, oben vom Wege kommt ein Sandwirbel angetanzt und die Kuhtauben flüchten sich vom Felde. Fort ist die Sonne. Eine dicke dunkle Wolke beschattet das Bruch und vor ihr rennt ein keuchender Wind her.

Ich eile den Pirschsteg an dem Bache entlang bis zu dem Windbruche, krieche unter die drei übereinander geworfenen mächtigen Wurfböden und sehe über die Blöße hin. Kein Vogel singt mehr, alle Falter sind fort, und von allen Libellen schwebt nur noch die große Edeljungfer über dem Bache hin und her. Ein böses Murren kommt durch die Kronen, es klappert hier und dort, die Libelle fällt tot vor mich hin, es rasseln die Schloßen herunter, daß Blüten und Blätter zerreißen und Stengel und Stiele zerknicken, der Bach verschwindet im Regengerausche, der Himmel füllt sich mit Flammen und die Luft mit Donnergebrüll und Sturmgeheul.

Ich nehme die wunderschöne Libelle auf, die der Hagel erschlug, und betrachte sie, um nicht so ganz allein zu sein, und ich bin erfreut, daß dicht vor mir ein Rotkehlchen auf einer Wurzel Platz nimmt und mich mit seinen großen dunklen Augen ansieht. Denn das Wetter ist sehr böse. Es kommt mir fast vor, als habe es einen Groll gegen mich, so prasselt der Regen, rasselt der grobe Hagel auf mein Schutzdach, so blenden mich die gelben und blauen Flammen und so hart und schwer ist der Donner. Aber da läßt der Sturm nach, und der Hagel hört auf, und ob es auch noch flammt und grollt da oben, es singt schon wieder ein Fink, es trillert eine Meise, lustig meckert der Laubfrosch und vergnügt schmettert der Zaunkönig sein Liedchen dem abziehenden Wetter nach.

Der Regen hat ein Ende genommen. Ich krieche unter den Wurfböden hervor, recke und strecke mich und atme so tief, wie ich es alle die Tage nicht tat, da ich matt und müde durch Bruch und Wohld schlich. Jeder Sonnenfleck freut mich wieder, jegliche bescheidene Blume und alles Getier, das ich zu Blick bekomme, selbst der Markwart, der Schreihals, der es weithin kundgibt, daß ich daherkomme. Ich lasse ihn kreischen und gehe dem Bruche zu, dem halben Wind zu, der erfüllt ist von dem schweren Geruche des Adlerfarns und dem Dufte der Fichten und Fuhren, und von dem es zu mir heranschallt von vielerlei lustigen Stimmen, das schöne, wilde, böse Bruch, das ich trotz der Otter liebe, die sich in seinem Mulme birgt, und trotz der Mücken und blinden Fliegen, und der Holzböcke und der Gnitten, die mich diese Tage quälten was sie nur konnten. Wie schön die Wasserprimeln in den Gräben schimmern, wie herrlich die goldenen Lilien strahlen und die Vergißmeinnichtblüten leuchten. So blank ist das Ellernlaub, so frisch sind die Farne, und die Brombeerbüsche funkeln und blitzen nur so. Und hier ist eine frische Fährte im hellen Sande, und da eine andere im dunklen Schmoor, und dort wieder eine, und da zwei durcheinander; die Rehe sind rege. Ehgestern und gestern und heute bargen sie sich in der Dickung, traten erst heraus, wenn die Eule längst gerufen, lagen und steckten sich wieder im Porste, ehe der Kuckuck den Tag einläutete. Nun zieht hier ein feuerroter Fleck über die Bahn, da leuchtet einer aus den Büschen und flammt dort einer am Ende des Dammes. Es sind zwar alles nur Ricken und Kitze; doch ich weiß es, daß die Böcke auch draußen sind.

Ich fahre zusammen. Es rasselt dicht vor mir hinter den hohen Brombeeren, prasselt in die Ellern. Da war ein Bock; ich sah es blank zwischen den Lauschern blitzen, und so kurz und hart, wie dieses Stück aus der Dickung herausschimpft, schmält kein Mutterreh. Hätte ich nicht dem Pfingstvogel nachgesehen, der wie ein Stück Sonnenschein über das Gestell hinschwebte, und hinter dem Kukuck hergeblickt, der laut rufend dahinstrich, so hätte ich jetzt schon zu Schuß kommen können. Doch ich liebe die mühelos gewonnene Beute nicht, und so pirsche ich zurück bis zu dem Knüppeldamme, der an das Ende der Rodung führt, der der Bock zufloh.

Ganz langsam schleiche ich voran, den Brombeerranken ausweichend, die nach meinen Beinen langen, und den Ellernzweigen, die meine Schultern streifen wollen. Oft muß ich haltmachen, bis die Grasmücke sich beruhigt hat, oder die Amsel, die auf dem Boden Würmer sucht, davonfliegt, oder bis die Ricke mit den beiden Kitzen, die um sie herspringen, weitergezogen ist. Dann stehe ich lange vor der Sauerwiese, weil sich an deren Kante ein roter Fleck zwischen den Birkenbüschen bewegt und ich nicht klug daraus werde, bis er endlich heraustritt und sich als eine Schmalricke ausweist, und schließlich, dicht vor der Blöße, halten mich zwei Krähen auf, die an dem Bache herumwackeln. Und als die sich von dannen machen, merke ich, daß ich hier faulen Wind habe und wieder ein Ende zurück muß, bis zu der Stelle, wo ein alter Wildwechsel mich zu der Rodung bringt.

Aber der Bock ist nicht da. Zwei Kuckucke zanken sich mit großem Lärm um ein Weibchen, das sich kichernd vor ihnen flüchtet, die Grasmücke schwatzt, der Baumpieper schmettert, der Goldammer singt, und ein Hase sitzt da und läßt sich von der Abendsonne bescheinen, deren Strahlen die ganze Blöße vergolden und auf die Fuhrenstämme rote Lichter malen. Die Turteltauben gurren zärtlich im Dickicht, ein Specht schnurrt dahin, die Rotkehlchen singen immer liebevoller. Unter dem Himmel rudert ein Reiher behäbig der Aller zu. Flüge von jungen Staren brausen vorbei. Am Holzrande erheben sich die Nebel und steigen vor den Büschen empor. Mücken kommen angesummt, singen sich bis an mein Gesicht heran und prallen vor dem Pfeifendampfe zurück.

Die roten Sonnenmale auf den Stämmen verschwinden. In den Fuhren unkt die Ohreule. Der Nebel legt sich fester auf den Kahlschlag. Das Holz drüben wird unsichtig. Rote Abendfalter wirbeln um die Brombeeren, und Mistkäfer brummen schweren Fluges an mir vorbei. Eine kühle Luft streicht mir entgegen. Ich bekomme müde Augen. Aber der rote Schimmer vor dem Birkenbusch weckt meine Blicke wieder. Doch es ist der Bock nicht; es ist ein letzter Sonnenstrahl der einen Baumstumpf getroffen hat. Die erste Nachtschwalbe spinnt; eine zweite fällt ein, pfeift gellend auf und kommt lautlosen Fluges dahergetanzt, um wild jauchzend die Flügel zusammenzuknallen. Jetzt rüttelt sie vor dem breiten Brombeerbusche, hebt sich, senkt sich, schwingt sich weiter, kehrt zurück und rüttelt wieder, tut gerade so, als stände da ein lebendes Wesen. Nun ist die andere auch bei ihr. Wie zwei Gespenster schweben die beiden Nachtvögel dort auf und ab.

Ich sehe schärfer hin, und mein Herz macht einen kleinen Sprung. Da steht der Bock, steht da und sichert nach mir hin. Das dauert eine ganze Weile. Endlich, als drüben eine Amsel zetert, weil sich dort ein anderes Reh aus der Dickung schiebt, eine Ricke nach Bau und Gang, äugt er dahin. Da wage ich es die Büchse zu heben, die Stelle zu suchen, wo sein bestes Leben sitzt, und einzustechen, und ehe er noch abspringen kann, drücke ich und sehe über den roten Strahl, der durch den weißen Nebel zuckt, hin; doch der Pulverdampf schlägt mir vor das Gesicht. Die Ricke springt ab, und links von mir flüchten Rehe von dannen, die ich nicht gewahrte. Das Schußfieber schüttelt mich ein wenig, aber ich warte doch, bis der stinkende Qualm sich verzogen hat, ehe ich zum Anschusse gehe. Der Bock ist nicht da, aber mein Taschentuch, mit dem ich über das Gras und die Brombeerblätter fahre, färbt sich hellrosenrot.

Langsam gehe ich den Damm zurück, ein Stückchen von den Nachtschwalben begleitet. Der Himmel ist hoch und hell und auf den Wiesen liegt der Nebel. Das gibt einen frischen Morgen für eine fröhliche Nachsuche.

 << Kapitel 76  Kapitel 78 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.