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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Im Frühlicht

Schwarze Nacht war um mich her eine Stunde lang; so dunkel war es, daß ich mich zu dem Verstecke hintasten mußte, das ich mir hier am Rand der Moorwiese gebaut habe.

Und eine Totenstille war um mich, eine so beklemmende Stille, daß das leise Geruschel des Windes im Heidkraute eine liebe Sprache redete, der ferne Ruf der Mooreule wie ein erlösendes Wort klang und das Geplätscher eines Frosches im Graben mir eine Wohltat war.

Ich kauerte in den Mantel gehüllt auf dem Sitz aus Torfsoden und sah nach den wenigen Sternen, die an dem dunklen Himmel standen, und mußte plötzlich loslachen, denn ich hatte die Vorstellung, daß der Himmel ein zerrissener Regenschirm sei und die Sterne die Löcher darin.

Dann ging etwas vor mir auf und ab; deutlich hörte ich das Gras knistern und das Heidkraut rauschen. Ich wußte, daß ich nichts sehen konnte, und starrte dennoch so lange durch die Schießlücken zwischen den Wacholderzweigen, bis ein weißes Gesicht vor mir war, das mich mit schwarzen Augen höhnisch anblickte. Dann schreckte dicht bei mir ein Altreh und flüchtete laut schmälend in das Moor hinein. Der Spuk aber war fort.

Die Sterne verschwinden immer mehr und der Himmel ist grauer geworden. Hier und da meckert eine Bekassine; ab und zu fliegt eine Drossel vorüber und pfeift dünn und ängstlich. Ein Sausen geht durch die Luft; hinüber und herüber kommt es. Das sind die Hähne, die zu ihren Balzplätzen streichen. Neben mir gackert zärtlich eine Henne und ein dumpfer Schlag ertönt; der erste Hahn ist mir zugestanden. Wieder gackert es, und abermals saust ein Hahn vor mir zu Boden und sofort ein dritter. Dann fuchtelt es dicht über mir. Das ist der Kiebitz. Gellend ruft er. Aus dem Abstiche, in dem die Frösche leise murren, kommt ein scharfer Pfiff. Die Ralle ist es.

Ein einziger Stern steht noch über den dunklen Wipfeln des Birkenhains an dem grauen Himmel. Nun ist auch er verschwunden. Das Riedgras am Graben ruschelt auf einmal ganz laut, und das Heidkraut flüstert stärker. Ein Wind hat sich aufgemacht; er kündet die Sonne an. Ich ziehe den Gürtel fester und wickle den Mantel dichter um die Beine, denn die Kälte des Bodens steigt mir durch die dicken Sohlen in die Füße hinein. Vor mir schüttelt ein Hahn sein Gefieder, bläst dreimal heiser und beginnt dumpf zu kollern. Ein anderer bläst, und nun trommeln sie all durcheinander.

Ich spähe durch das Schießloch nach der Wiese hin, die hell, wie Wasser, da liegt, sehe aber nichts als verwaschene dunkle Flecken. Überall blasen und trommeln die Hähne. Es hört sich an, als ob das Moor von ihrem Kollern bebe, und die Luft scheint von dem Gemecker der Bekassinen zu zittern. Seltener ruft die Mooreule, öfter der Kiebitz, fortwährend kommt das Gepfeife der Drosseln heran und verschwindet, und hin und wieder klingeln Enten dahin. Einige fallen aus dem alten Torfloche ein und quaken prahlerisch.

Ein zweistimmiger Flötenruf ertönt im Moor, erhebt sich zu einem wilden Jubeln und endet mit einem kläglichen Triller. Das ist der Brachvogel. Weiterhin antwortet ihm ein zweiter. In den Birken beginnt die Amsel zu singen; die Graudrossel ist auch schon wach. Und dann dudelt die Heidlerche vom Himmel herunter ihr liebes Liedchen. Aber alle diese Laute verschwinden vor dem Getrommel der Birkhähne und dem Gemecker der Bekassinen, von dem nur manchmal das Geflöte des Brachvogels absticht, halb ein Hohngelächter und halb ein Angstschrei.

Es ist schon recht licht geworden, doch immer kann ich noch nicht erkennen, ob die schwarzen Klumpen in der weißen Wiese Hähne oder Binsenbüsche sind. Das Balzen der Hähne schwillt an und ebbt ab, und dann kommen die Drosseln und Heidlerchen lauter zu Worte. Eine Krähe quarrt; sofort setzt das Gekeife der Kiebitze, die sie verjagen wollen, stärker ein. Dann bricht das Gekoller der Hähne vor mir ab, ein giftiges Girren und böses Keuchen ertönt, das Gras knistert, Fittiche rauschen, polternd streicht der abgekämpfte Hahn fort, und lauter balzt der Sieger weiter, ab und zu stolz loszischend und emporspringend, daß sein Gefieder rasselt.

Das Riedgras hat sich beruhigt und die Heidbüsche schwanken nicht mehr; der Wind steht. Licht wird es über dem Walde dort hinten, und die Wiese vor mir ist so klar, daß ich deutlich zwei Hähne erkennen kann, die sich tief gebückt hin und her schieben, unablässig trommelnd. Aber noch ist es nicht so sichtig, daß ich die roten Rosen an ihren Köpfen erkennen kann und kaum einmal ein weißes Unterspiel zu sehen meine. Doch nun, wo über dem Walde ein rosiger Schimmer sichtbar wird, in dem eine glühende Flamme entbrennt, reißt die Dämmerung mit einem Rucke entzwei, und ich kann alle drei Farben an den Hähnen erkennen. Die Bekassinen hören auf zu meckern, und fast alle Hähne verschweigen eine Weile, bis die Sonne rund und rot über dem Nebel auftaucht; da setzt das Getrommel noch einmal so wild ein und ringsumher meldet sich eine Stimme nach der anderen. Das Gurren der Tauben ertönt in den Birken, der Wiedehopf ruft dumpf, der Kuckuck läutet und die Kiebitze taumeln dahin und stoßen mit wütendem Gekeife auf die Krähen.

Das Moor hat Farben bekommen. Silberhell gleißt die schwer bereifte Wiese, goldig strahlt der blühende Weidenbusch am Graben, der Birkenhain leuchtet nur so, und selbst das fahle Heidkraut bekommt einen warmen Ton von der Sonne geliehen, deren heller Schein auf mein Gesicht fällt, so daß ich mich tiefer bücken muß und mich nicht ein bißchen rühren darf, um die Hähne nicht zu vergrämen, die vor mir ihr seltsames Minnespiel treiben. Sie drehen und wenden sich, zittern mit den Flügeln, schieben sich lang am Boden hin, recken und strecken sich, zischen heiser, trippeln wieder mit gesträubten Halsfedern dahin und springen rasselnd empor, während die Hennen, die auf der Wiese Blättchen rupfen, ab und zu den schwarzweißroten Sängern Beifall gackern.

Drei Junghähne mit kurzen Spielen und niedrigen Rosen sind es; die hinter den Hennen balzen, und ein alter Hahn, der vor ihnen hertrommelt, und diesen schösse ich gern, doch geht das der Hennen wegen nicht, die ich mit treffen würde. Lang und schön gebogen sind seine Sicheln, zwischen denen das Unterspiel wie ein weiße Flamme leuchtet, daumendick die glühend roten Rosen an seinem Kopfe, und sein dunkelblaues Obergefieder schillert blank im Sonnenscheine. Und er schiebt sich hin und her, dreht und wendet sich und trommelt und trommelt, ohne sich um die anderen Hähne und das Hennenvolk zu kümmern. Nur für sich allein balzt er. Weiterhin am anderen Ende der Wiese sehe ich noch zwei Hähne sich herumdrehen, und von anderen, die ich nicht erblicken kann, tönt das Gekoller zu mir heran.

Eine Henne trippelt jetzt nach dem Maulwurfshaufen am Rande der Wiese hin und scharrt daran herum, und eine andere schwingt sich auf die krumme Kiefer und ordnet ihr schlichtes Gefieder. Ich hebe leise das Gewehr und ziehe den Kolben an die Backe, und sobald der alte Hahn mir die Seite zeigt, drücke ich. Polternd reitet die Balzgesellschaft ab, nur die Henne auf der Kiefer äugt noch einen Augenblick nach dem Hahne hin, der im Grase auf dem Rücken liegt und mit den Schwingen zuckt, dann stiebt sie auch fort.

Die Hähne dort unten in der Wiese balzen getrost weiter und flüchten erst, wie ich aus dem Versteck trete und meine Beute aufnehme, den alten, stolzen Hahn, der mitten im Minnegesang das Leben hinter sich ließ.

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