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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Auf dem Abendstrich

Viel zu früh gehe ich heute den Patt, der von der Försterei zur Porst führt, viel zu früh. Fünf Uhr ist es jetzt, und die Schnepfe streicht erst gegen sieben. Aber was soll ich in der Stadt solange mit der Ungeduld im Leibe? Darum fuhr ich so früh.

Hinter der Brücke ist eine stille Welt, in der will ich untertauchen. Ruhig ist es da, und doch so lebendig. Im dunklen Fuhrengeäst singt die Tannenmeise Liebesliedchen, vom höchsten Zweig der Eiche flötet die Zippe, im Himbeergestrüpp jubelt der Zaunkönig und vom Tannenzweig schlägt der Fink.

Den Graben entlang gehe ich langsam und still mit frohen Augen. Frühlingszeichen und Frühlingswunder sind viel geschehen seit vorgestern. Der Grünspecht an den Weiden bei dem Forsthause verkündete lachend den Regen, und der Schwarzspecht tat es ihm nach aus der Buchenkrone. Sie lachten dem Regen entgegen, dem Regen, der Blumen und Blätter bringt.

Blumen und Blätter hat er gebracht, der Regen von gestern. Im Algenschlamm des Grabens steckt das Vergißmeinnicht seine hellgrünen Blattrosen heraus, die Simse hat braune Blütenköpfchen geschoben, am Weidenbusch die Silberschäfchen sind golden geworden und überall im braunen Nadelgewirr am Boden kommt junges Gras aus fahlen Bülten. Hier aber, wo der Sand aufhört, wo das dunkle Knooprisch den Lehm anzeigt, wo Buchen und Eichen die Fuhren ablösen, da ist das größte Wunder geschehen. Da hat das Milzkraut den Rand des Baches mit hellem Gold überzogen, da nicken der Schlüsselblumen zartgelbe Kronen, verschämte Windröschen heben die Köpfe, und überall leuchten im nassen braunen Laub die blauen Leberblümchen.

Dem großen Lichtschlag gegenüber am Grabenrand lasse ich mich nieder auf dem Jagenstein. Die Hälfte einer Pfeife dauert es kaum, da klatscht und klappt es über den Buchenkronen. Der Tauber macht seine Frau den Hof. Er schwebt wie ein Falke, steigt auf und ab, und dann klatscht er die bunten Flügel zusammen, daß es weithin knallt. Das gefällt der Täuberin, und verliebt folgt sie ihm in das Dunkel der Fichten.

Zwei fuchsrote Dinger fegen über den Boden, ein Eichkatzenpaar. Über Laub und Braken geht die Jagd, einen Buchenstamm hinauf, und jetzt, wo er die spröde Kleine fassen will, da lacht sie und springt hinab. Er ihr nach, und die Jagd geht weiter. Dicht vor mir sind beide jetzt. Seltsam zucken die buschigen Ruten, die schwarzen Augen blitzen, die Pinselöhrchen wippen. Einen Augenblick verschnaufen sie, dann geht die Balgerei weiter, dahin, wo die Fichten dämmern.

Ich will weiter. Da gellt ein Lachen durch die Stille, ein großer schwarzer Vogel saust daher, ein zweiter folgt ihm, und auf dessen Kopf leuchtet eine feuerrote Krone. Mit gellendem Lachen treibt der Schwarzspecht seine Liebste von einem altsilbernen Stamm zum anderen, und dann fahren beide dahin, wo das Taubenpaar blieb und die beiden Eichkatzen, in die dunkle Fichten. Im Dunkeln ist gut munkeln.

Ich habe mich erhoben und gehe das Quergestell hinab, der Grenze zu, langsam, ganz langsam, denn die blauen und gelben Blumen zur Seite, das Drossellied und der Finkensang, die Rehe auf der Blöße und das Bussardpaar über mir halten meine Augen fest und die Wasserspitzmäuse, die im Graben sich jagen. Es ist ein verliebtes Wetter heut, so lau, so warm, so mild.

Den Grenzgraben habe ich übersprungen und gewohnheitsmäßig die drei Patronen in die Läufe geschoben. Aber mordlustig ist mir gar nicht zumute. Ich stehe auf der altbekannten Lichtung im gelben Risch und roten Farnlaube und nicke den beiden Weidenbüschen zu, die über und über voll Gold sind.

Eine Stunde hab' ich fast noch Zeit. Über die Blöße gehe ich und tauche im Walde unter. Große Pümpe bilden schwarze Flecke im braunen Boden und alles trieft von Feuchtigkeit. Darum wimmelt es auch hier von fremdem Drosselvolk, das Schnecken und Würmer sucht. Wie eine Wolke stiebt es empor und flüchtet sich in die Kronen, Schildamseln und Weinvögel, Schacker und Schnarrdrosseln; das Lärmen der Nordvögel übertönt Finkengesang und Meisenruf.

Unter einer alten efeuberankten Eiche wächst um einen alten Stucken ein dichter Hülsenbusch. Das ist ein feiner Lauerposten. Da schmöke ich eine Piepe. Links von mir ist das Gestell mit den Gräben, darin murren die Grasfrösche zwischen den jungen Schossen der gelben Lilien. Rechts unter den Dornen ist alles voll von Blumen, blauen Leberblümchen, weißen Märzglöckchen, rosig angehauchten Windröschen, gelben Himmelsschlüsseln und goldenem Milzkraut. Das sehe ich mir stillvergnügt an und lasse mir dazu etwas vorsingen, bis die Sonne nicht mehr über den Kronen steht, bis sie durch die Äste scheint. Da schwingen sich die wandernden Drosseln in den Fichten bei mir zum Schlafen ein, und hundert Goldammern folgen ihnen. Bevor sie einschlafen, haben sie sich noch viel zu erzählen.

Jetzt aber wird es Zeit. Ich gehe auf dem nassen Fußweg zurück. Ein heiserer Schrei vom Abendhimmel wendet meine Augen nach oben; ein Reiher klaftert turmhoch dahin. Ein Hase hoppelt über die Schneise, Spitzmäuse schrillen im Fallaub, große Motten fliegen.

Da ist meine Lichtung. Wie oft habe ich hier schon gestanden, an feuchtwarmen Abenden, wo mir der Schweiß unter dem Hut weg lief, an kalten, wo mir die Zähne klapperten. Jeden Baum kenne ich hier, jeden Busch. Dort, in der Birke, blieb die Schnepfe hängen, die ich einmal hier herabholte. Da, neben der Eiche, schoß ich eine vorbei, dort rechts verpaßte ich eine.

Es dämmert stärker. Rechts, über dem Eichenort ist im hellblaugrauen Himmel ein Silberpunkt. Da ist der Schnepfenstern. Aber er muß erst golden sein ehe ich aufpassen will, denn eher streicht die Schnepfe nicht.

Vom Bruche ertönen Trompeten, Hörner und Fanfaren; Kraniche haben dort Rast gemacht auf ihrer Nordlandfahrt. Und hinter mir im Königlichen erhebt sich ein Knappen, Heulen und Höllenlachen, daß mir das Herz vor Freude hopst. Das ist der Kauz, und es ist sein Liebeslied.

Die Birkenbüsche vor mir sind zu einer großen veilchenblauen Mauer zusammengeschmolzen; die Fuhren zur Linken sehen aus wie schwarze Wetterwolken. Die Ulenflucht tilgt mit breitem Pinsel alle Kleinheiten aus und läßt nur den großen, tiefen Eindruck übrig.

Der Schnepfenstern ist größer geworden und hat sein Silberlicht in Gold umgetauscht. Jetzt könnte sie kommen. Schon ist sie da. Das Gewehr fliegt an die Backe, der Drückefinger sucht den Abzug und wird wieder gerade; das ist ja die Eule, die dahinschwebt. Aber Zeit war's. Die Amseln gehen schimpfend zu Bett, die letzte Drossel hat aufgehört. Aufmerksam gehen meine Augen hin und her. Gleich ist es sieben Uhr. Bald ist der Strich aus. Da, ich fahre zusammen! Irgendwo ein schrilles Pfeifen, scharf, dünn, durchdringend. Aber wo? Links, rechts, vor mir, hinter mir? Mein Kopf fliegt hin und her. Da ist sie, vor mir, rechts. Das Gewehr fliegt hoch und fällt wieder zurück. Viel zu weit. Über den Eichenort strich sie, fiel sechs Fuß und strich über die Jungbirken weiter.

Ein helles Meckern kommt vom Bruch, ein scharfer Lockton dann. Die Bekassine. Es ist Zeit, daß ich gehe. Wenn die Kleine sich meldet, hat die Große ausgestrichen. Bommm! Ein Schuß, weit, irgendwo. Ich will doch noch bleiben. Und noch ein Schuß, näher. Ein Schwirren ist hinter mir, über mir, vor mir, aber das rührt mich nicht.

Ein Entenpaar ist es. Es ist schon sehr dunkel. Ich sehe keine Einzelheiten mehr auf zehn Schritt, alles sind große graugelbe, schwarze, braune Massen. Nur mein Goldweidenbusch allein ist darin wie eine helle Flamme. Kommen wird mir ja nichts mehr, aber es ist so schön heute, und ob ich um neun oder zehn in der Stadt bin, das ist gleich. Mit den Augen liebkose ich die tiefen, weiche Töne vor mir.

Da wird mir mit eins heiß und kalt. Es war ein Ton in der Luft, ein unheimlicher, und ich weiß nicht ist er fern oder nah. Es könnte hier sein, vor mir oder da, hundert Gänge hinter mir, das dumpfe, gespenstige, bauchrednerische Moork, moork, moork.

Mein Kopf geht nach allen vier Winden, hier nichts, da nichts, und da nichts, und da erst recht nichts. Aber jetzt ist es über mir, ich sehe das schwarze Ding mit den langsam rudernden Flügeln, und davor, wie einen dicken Strich, den Stecher, und dahin dreht sich die Mündung meines Drillings.

Ein Feuerstrahl, lang und rotgelb, und eine ungesprochene Verwünschung; beim Abdrücken schwenkte sie, und der Schuß ging daneben. Aber das schwarze Ding zieht die Laufmündung nach rechts, und gibt mir eine halbe Wendung, und im zweiten gelbroten Strahl sehe ich nicht zwei Flügel mehr, nein vier, ein schwarzes Kreuz, das sich in der Luft dreht und jäh zur Erde fällt, daß das dürre Farnlaub rasselt.

Ich stehe ganz still. Da, dreißig Schritt vor mir knistert es. Ich gehe hin und nehme sie auf. Sie ist schlaff und tot. Ich bin jetzt gar nicht mehr so froh, daß ich sie habe, und mir ist, als wenn die Kraniche die, von meinen Schüssen aus dem Schlaf gejagt, im Bruch schreien und lärmen, wilde Klage erheben über den, der des seltsamen Vogels Liebesflug mit Kraut und Lot abschnitt. Und ich stecke mir auch nicht nach alter Sitte einen kleinen Bruch mit goldenen Weidenschäfchen an den Hut.

Schnell gehe ich durch den dunklen Wald, fast bange, und ich habe mich doch schon als Kind nicht im Dunkeln gebangt. Erst, als bei der Brücke mich schnelle, goldene Lichter und laute Stimmen einholen, als Hundenasen an mir herumschnuppern, die beiden Jäger von ihren Rädern springen und mir Glück wünschen, da fühle ich mich wieder etwas.

Wie mir aber bei der Heimfahrt der Abend in der Erinnerung zurückkommt, da ist mir doch wieder so, als hätte mir der rohe Schlußreim den Zauber diese Tages verdorben.

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