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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 7
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Hurra, die Enten!

Jahr für Jahr, sobald die Entenjagd aufgegangen ist, erhebt sich in der Jagdpresse ein bewegliches Gestöhne über die Tatsache, daß es mit den Enten immer schlechter wird. Erstens gibt es überhaupt keine, zweitens in diesem Jahre erst recht nicht, drittens ging die Jagd viel zu früh auf, sagen die einen, oder viel zu spät, meinen die anderen, und viertens, fünftens und sechstens ist sonst noch was los.

Daß die Entenjagd in den letzten Jahren immer schlechter geworden ist, das stimmt, und daß sie es werden mußte, weil mit der zunehmenden Urbarmachung, Entwässerung und Ufergeradelegung die Enten immer weniger Brutgelegenheiten bei uns finden, das leuchtet von vornherein ein. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würde ihre Anzahl doch zurückgehen müssen. In mancher Beziehung haben die Enten es ja heute besser als ehedem. Ihre hauptsächlichsten Feinde, der Seeadler und der Hühnerhabicht, sind teils ganz verschwunden bei uns, teils sehr selten geworden. Gänzlich verschwunden ist ferner der Nerz, der auch wohl manches Entennest geplündert haben mag, und alles andere Haarraubzeug, Otter wie Fuchs, Marder wie Iltis und Hermelin sind fast überall spärlich geworden, denn die Bälge werden heute drei- und vierfach so hoch bezahlt wie früher.

Aber der Haupttodfeind der Enten hat sich bedeutend vermehrt, und das ist der Jäger, der von der Art, die dumm auf die Welt kommt und sich alle mögliche Mühe gibt, sich die angeborene Anlage dadurch zu erhalten, daß sie die Augen zusperrt und die Ohren zuknöpft, brav und bieder altem Aberglauben anhängt, weder in Dietzel, noch in den Dietrich aus dem Winkel die Nase hineinsteckt, keine Jagdzeitung hält, sondern als blutiger Anfänger seine jagdliche Laufbahn beginnt und beendet, nicht daran denkt, daß wer mähen will, auch säen muß, und nachher Mord und Brand schimpft, verschlechtert sich seine Jagd von einem Jahre zum anderen ganz bedeutend.

Wenn ein junges Ehepaar zu einem Hausbesitzer, der eine Wohnung leerstehen hat, kommt, um sie sich anzusehen, und der gute Mann schnauzt sie zum Hause heraus, so wird er bald als Oberrindvieh gelten. Wenn der Jäger, brav und bieder, aber ebenso handelt, dann kommt er sich noch klug und weise und als bedeutendes Jagdlicht vor. Aber was ist er denn anderes, wenn er in der Reihezeit hingeht und die Paarenten aus der Luft herausballert? Er ölt sein Gewissen mit dem schönen Spruch ein: »Sind ja doch alles Zugenten!« Natürlich sind sie das, wenigstens gibt er sich alle Mühe, sie dazu zu machen, denn so dumm ist die Ente nicht, daß sie sich sagt: »Wirst du wo krumm aufgenommen, mußt du recht bald wiederkommen,« sondern sie erhebt ihr Gefieder und begibt sich fort und an einen anderen Ort, wo man sie nicht andauernd mit Schrot bespritzt.

Es ist ein wahrer Segen, daß man der Ente für den März ein schwarzes Viereck im Jagdschein zugebilligt hat, denn früher ging jeder zweite Jagdjäger hin und schlug so viel Märzerpel tot, wie er bekommen konnte. War die Hälfte davon zufällig nicht im Besitze von krummen Federn am Hinterviertel, na, schmecken taten sie auch, und es waren ja doch bloß Zugenten, dachte man. Daß die Enten sich schon alle gereihet hatten, daß sie auf der Suche nach Brutplätzen waren, daß sie gern im Lande geblieben und sich redlich genährt und vermehrt hätten, mache das einmal einer einem klar, der ein Brett vor dem Kopfe und darin recht wenig Grütze hat! Selbst wenn er nachher an den Wassern niedersaß, seine Flinte an die Weiden hängte und laut und anhaltend über die entenlosen, die schrecklichen Zeiten jammerte, niemals dachte er in der Armseligkeit seines einfältigen Herzens daran, daß er, er, er nur allein, Schuld an seinem eigenen Unglück war, und im Märzen ging er abermals hin und begann ein schnödes Herausschmeißen der mit den allerbesten Niederlassungsabsichten umherziehenden Enten.

Den März haben unsere Enten ja nun glücklich zur Schonzeit zubekommen, aber das genügt noch nicht; auch den Hornung soll man ihnen in Gnaden bewilligen, denn schon Ende Januar kommen die Enten auf vergnügte Gedanken. Für umsonst stürzen sie sich nicht in die Unkosten und legen sich ihre großartigschönen Hochzeitskleider mit grünem Samt und blauen Aufschlägen zu. Wenn ein Jüngling auf einmal anfängt, sich berauschende Halsbinden und berückende Westen zuzulegen, seinen Schnurrbart spitzt und seine Nägel glättet, so weiß der Weise Bescheid und sieht den Unglücklichen schon mit einem Fuße im Trauring stehen. Und so ist es auch bei den übrigen Wirbeltieren. Wenn der Buchfinkenhahn seinen Schnabel himmelblau schminkt, legt der Birkhahn die Landluft dreidoppelt dick auf seine Rosen, schmiert sich der Fuchs mit Eaudemillstinke ein und läßt sich der Hirsch einen Vollbart stehen, dann hat der eine wie der andere ganz bestimmte Absichten. Desgleichen wenn der Erpel sich in Wichs schmeißt, so beweist er damit, daß er auf den Gedanken kommt, daß es nicht gut ist, wenn der Mensch, beziehungsweise der Erpel, alleine sei, und da er das schon im Februar tut, so läßt ihn ein verständiger Jäger dann in Ruhe und hindert ihn nicht durch Totschießen an seinem löblichen Beginnen, denn tote Erpel haben für die Zucht nur noch einen mangelhaften, negativen Wert.

»Das ist das eine«, sagt Herodot; und nun kommt das andere. Alljährlich wimmert ein Teil der Jäger den Bezirksausschüssen so lange die Ohren voll, bis diese, das heißt, die Bezirksausschüsse, nicht die Ohren, es nicht mehr aushalten können und die Entenjagd schon vor dem ersten Juli eröffnen. »Denn,« so sagt der Durchschnittsjäger, »denn: sobald die Schoofe voll beflogen sind, begeben sie sich wärtser, und ich kann hinterherflöten. Und darum, lieber Bezirksausschuß, sei so gut und gib frei den Abschuß.« Dieser Vers ist abscheulich, aber abscheuliche Dinge verlangen die entsprechende dichterische Form. Denn abscheulich, übel und albern ist eine solche unlogische Logik. Denn wo bleiben schließlich die Enten? A klagt, sie zögen fort, sein Nachbar B. desgleichen, und so geht es bis X, Y und Z. Streichen denn unsere Enten, sobald sie beflogen sind, nach Tibet oder anderen entfernten Gegenden, oder verziehen sie nach dem Mars? Aber recht haben die Jäger schon, die den Jagdaufgang so früh gelegt haben wollen, daß die Hunde die Jungenten greifen können, denn eine der Haupttriebfedern der Menschenseele, der edle, Schwefel- oder zitronengelbe Neid, steckt dahinter. Keiner gönnt dem anderen etwas, und der andere keinem, und die Folge ist: Keiner hat schließlich etwas, denn sobald die Entenjagd auf ist, rast alles hinaus und schießt vor allen Dingen die Mutterenten tot.

Jawohl, die Mutterenten! Man sollte es nicht glauben, aber es ist so. Den ganz winzigen Jungenten, die noch keine blasse Ahnung vom Kompagnieerziehung haben und die Kniffe, mit denen man dem Raubzeug, der Dürre und dem Sommerhochwasser aus dem Wege geht, noch nicht halb auswendig können, denen schlachtet man die liebe Frau Mutter vor der Nase, oder vielmehr vor dem Schnabel, ab, damit sie nicht fortziehen. Na, das tun sie dann ja auch nicht; denn die einen schlägt der Habicht, die anderen reißt der Fuchs, die dritten kommen um, trocknet die Hitze den Brutteich aus, und die vierten ersaufen elendiglich im Gewitterregen. Der Jäger aber, der sich stolz zu der Spezies Homo sapiens rechnet, obgleich er besser Homo insipiens heißen müßte, wundert sich nachher Stein und Bein, wenn das ganze Schoof durch völlige Abwesenheit glänzt, denn niemals wird er auf den Gedanken kommen, daß das Totschießen der Mutterente der jungen Brut irgendwelchen Schaden tun kann. Denn so, wie er, so hat ja schon sein Papa gehandelt, und der Opapa auch, und der Uropapa nicht minder; mithin muß es doch damit seine Richtigkeit haben. So geht er hin und grübelt vergeblich darüber nach, was aus seinen Enten geworden ist. Er kriegt es aber nicht heraus.

Wenn man ihm nun sagt: »Mein Lieber, Ihr Urgroßvater war ein Rhinozeros, aber ein dreihörniges, und was Sie sind, das können Sie sich sagen!« Meinen Sie, daß er das glaubt? Fällt ihm gar nicht ein, denn je dümmer ein Mensch ist, umsomehr Gebrauch macht er von dieser der besseren Einsicht sehr hinderlichen Eigenschaft. Jahr für Jahr geht darum die Hälfte der deutschen Jäger hin und schießt die Mutterenten ab, und nachher weinen sie nasse Tränen, fällt die Jagd dementsprechend und diesbezüglich aus. Denn abgesehen davon, daß die mutterlosen Jungentenschoofe mindestens zur Hälfte umkommen, weil es noch keine Entenkinderwaisenfürsorge gibt, ist es klar, daß eine alte Mutterente erstens mehr Eier legt als eine, die es zum ersten Male tut und in diesem Geschäft noch nicht soviel Übung hat, und außerdem wird eine weltkundige Entenmatrone ihr Nest viel versteckter anlegen und nicht gerade da, wo Fuchs und Katz, Hund und Marder und sonstiges vier- und zweibeiniges Raubzeug mit Vorliebe seinen Abendbummel macht. So züchtet der Jäger planmäßig seine Enten gerade so dumm, wie er selber ist, indem er die erfahrenen, geriebenen Mutterenten totschießt und es verhindert, daß sie ihre Erfahrungen vererben.

Vernunft nehmen solche Leute niemals an, einmal, weil sie nicht wollen, und dann, weil sie nicht können. So muß man sie zu ihren eigenen Glücke zwingen, und das geht nicht anders als dadurch, daß man ihnen die Flinte etwas höher hängt und die Jagd so spät wie eben möglich aufgehen läßt, mindestens erst am 1. Juli, denn auf eine andere Weise können wir der Abnahme der Enten nicht vorbeugen, und anders kann man der Verschleuderung von Volkseigentum in der üblichen Art, in der die Jagd betrieben wird, nicht steuern. So, wie sie jetzt gehandhabt wird, führt die Jagd einmal zur Verminderung der Enten, zweitens zur Entartung, und drittens ist es eine Sünde, schießt man die Brut ab, ehe sie voll beflogen und gut entwickelt ist, denn bei der Menge von Enten, die alljährlich in Deutschland geschossen werden, kommt sehr viel darauf an, ob jedes Stück ein halbes Pfund mehr oder weniger wiegt. Es ist eine wahre Schande, welch elende Dinger geschossen werden, deren Wildbret so wabbelig wie Stärkepudding ist, und von denen ein tüchtiger Kerl bequem drei ißt, ehe er weiß, daß ihm die Katze den Magen nicht fortschleppt.

Außerdem: Jagd kann man das Erlegen solcher Entensäuglinge nicht gut nennen; eher fällt es unter den Begriff des Kindermordes. Für einen Satiriker ist es ein Vergnügen, so einer Entenjagd zuzusehen. Da gehen die Männer an den Tümpel heran und jagen den Hund hinein. Schon steht die Entenmama mit Getöse auf und wird kurzhändig, aber wenig ergebenst, heruntergeknallt. Dann kommt eine halbe Stunde lang gar nichts. Fliegen können die Jungenten noch nicht, darum laufen sie nach der Schwierigkeit vor dem Hunde, der sich im Schilf und Rohr zuschanden arbeitet. Schließlich schießt ein Jäger auf etwas, das vor ihm im Kraut herumkrabbelt, und Juno, oder wie sie sonst heißt, bringt ein Entenküken angeschleppt, das so groß wie eine Turteltaube ist. Große Freude! Nun arbeitet Juno auf eigene Kanne Bier und beißt eine Ente nach der anderen tot, und die Jäger freuen sich darüber sehr, denn auf die Art sparen sie die teueren Patronen. Und dann ziehen sie ab mit den Enten im, und nicht am Rucksack, denn sie scheuen sich doch ein bißchen, sich mit dem unkonfirmierten Zeug blicken zu lassen. Mutter zu Hause macht ein höhnisches Gesicht. »Das lohnt ja das Ruppen nicht,« meint sie, und fährt fort: »Ohne Füllung werden wir davon man halb satt. Die hättet ihr man lieber noch vierzehn Tage leben lassen sollen!« Der Gemahl wirft kleinlaut ein: »Dann wären sie heidi gewesen.« Und damit salbt er seine innerlich doch schuldbewußte Seele, als die winzigen Brätlein auf den Tisch kommen.

Das Erlegen unbeflogener Enten ist eine häßliche Vergeudung, und das Abschießen von Mutterenten im Sommer eine hochgradige Dummheit, und nicht minder das Erbeuten der Paarenten im Spätwinter. Und deshalb ist zu verlangen, daß den Enten noch der Februar als Schonzeit zugebilligt wird, daß im Juni und Juli keine Mutterenten und keine unbeflogenen Jungenten auf den Markt gebracht werden.

Geschieht das eine Reihe von Jahren, dann werden wir auch wieder, wie einst, rufen können: »Hurra, die Enten!«

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