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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Von dem Uhu

Jeden Morgen, bevor ich zum Frühstück gehe, mache ich meinem Freunde Hans einen Besuch und bringe ihm mit, was ich ihm geschossen habe, ein Krähe, einen Häher oder eine Eichkatze, und schon von weitem begrüßt er mich mit einem zärtlichen »Uuhu uuhu!« Gestern bekam er etwas ganz Feines. Als ich unter dem Holze herschlich, sah ich zwei Krähen, die sich bei einem Brombeerbusche zu schaffen machten, und als ich hinging, fand ich zwei totgehackte Junghäschen dort liegen und nahm sie für den Uhu mit.

Ich mag Krähen gern leiden, wie alles, was da kreucht und fleugt. Sie sehen so schön aus auf der grünen Saat oder unter dem angeröteten Abendhimmel, wenn sie laut quarrend ihren Schlafbäumen zustreichen. Aber es sind ihrer zuviel in dieser Jagd, und mehr als eine Untat, wie die gestrige, haben sie auf dem Gewissen. »Komm, Hans! Du sollst mir helfen, sie dafür zu strafen.«

Erst sträubt er sich zwar ein wenig, wie er in die Kiepe soll, aber schließlich schlüpft er doch hinein. Ich hänge den Tragkorb über und gehe dem Felde zu. Es wird schön heute werden; die Luft ist weich und warm und nur einige weiße Wolken sind zu sehen. Es ist gerade das Wetter, wie ich es für die Hüttenjagd nötig habe.

Die Hütte ist ein winziger alter Steinbruch, mit Brettern zugedeckt, worauf Rasen gelegt ist, der mit Schotter beworfen ist. Die schmale Tür ist mit Schlehdorn benagelt und oben halbmondförmig ausgeschnitten. Vor ihr steht die Krakel, eine jüngere Eiche, die der Förster der meisten Äste beraubte.

Ich hole den Uhu aus der Kiepe, hake die Führung in den Ring der Fußfessel und juche den Hüttenvogel an. Mit kurzem Aufschwung fußt er auf dem Trittholze. Schnell ist die Führung durch die Glasringe der Jule und die anderen, die an eingerammten Pfählen am Boden befestigt sind, geleitet, und nun sitze ich in der Hütte und warte, was da kommen soll. Den gespannten Drilling habe ich in den Fäusten, die Flobertbüchse steht in Greifnähe neben mir, und der Handgriff der Führung hängt vor mir aus dem Loch in der Tür. Langeweile werde ich nicht bekommen, denn ich habe einen wunderschönen Ausblick über die bunten Hügel, deren höchster eine zerfallene Burg trägt, und hinter ihnen erheben sich die blauen Berge.

Der Auf ist heute faul; entweder hat er nicht ausgeschlafen, oder die beiden Junghasen und die Krähe von gestern müssen noch verdaut werden. Rund aufgeplustert blockt er da und scheint Lust zu haben, weiterzuschlafen. Ich lasse den Wutschrei der Krähe ertönen; sofort reißt er die Augen auf, macht sich lang und knappt mit dem Schnabel. Ganz hinten, vor der Ruine, kommen zwei Krähen angestrichen.

Ich rucke an der Führung; Hans spreizt die Schwingen, um sich im Gleichgewichte zu halten, und wackelt hin und her. Die Krähen machen einen Bogen und rudern näher gellend plärrend. Hans dreht sich um, lüftet die Flügel, äugt ihnen scharf entgegen und ruft ihnen hohl sein »Uuhu!« zu, sich etwas duckend, wie sie noch giftiger quarrend auf ihn loshassen. Die eine fällt im Feuer wie ein nasser Lappen herunter und rührt sich nicht mehr, die andere ist geflügelt und flattert am Boden umher. Mit dem Flobert gebe ich ihr den Rest.

Das schlumpte; hoffentlich geht es auch so weiter! Aber ein Sperberweibchen streicht vorbei, ohne sich um den Dickkopf zu kümmern, und der Turmfalke, der plötzlich über dem Uhu rüttelt und durchdringend kikkert, bleibt mit dem Schusse verschont, der reizende Mäusejäger und Maikäfervertilger. Sogar Hans scheint das zu wissen; er wirft ihm kaum einen Blick zu. Auch der Raubwürger, der erst ein Weilchen über ihm herumflattert und dann auf der Krakel fußt und ihn ankreischt, soll leben bleiben. Er ist so hübsch und nützt viel mehr, als er schadet, und dann wird er mir die Krähen heranlocken. Da quarrt es schon heran und bums, hat Hans einen Stoß weg. Unwillig schüttelt er den Kopf und knappt und faucht, und befriedigt äugt er nach der Krähe hin, die dicht vor ihm in den Schotter plumpst. Die andere fehlte ich leider.

Hans glotzt lange nach der Krähe hin; dann läßt er sich zu Boden fallen, greift sie und schwingt sich mit ihr wieder auf, um sie erst zu rupfen und dann langsam und bedächtig zu kröpfen. Doch kaum ist er damit zur Hälfte fertig, da macht er sich ganz lang und dünn und äugt in die Weite. Es wird der Bussard sein, denn naht der Habicht, so fängt der Uhu an zu trippeln und spreizt die Fittiche. Der Gabelweih ist es; zweimal haßt er auf Hans, dann schaukelt er weiter der herrliche Flieger, der fast ausgerottet ist bei uns zulande, obschon er so schön ist und fast nur von Mäusen und anderem Unzeuge lebt. Kaum ist er in der Ferne verschwunden, da krächzt es wieder, und vier Krähen sausen in wildem Wirbel an dem Uhu vorbei der ärgerlich faucht, weil er beim Kröpfen gestört wird. Mir gelingt ein Doppelschuß. Aber die übriggebliebenen Krähen gehören entweder zu der ganz dummen oder der ganz frechen Art, denn sie fußen auf der Krakel und schreien von da aus Mordio. Es knallt noch zweimal, und auch mit ihnen ist es aus.

Nun will aber auch gar nichts mehr vorkommen. Endlich erscheint eine Krähe, macht aber einen großen Bogen, sowie sie den Auf eräugt; entweder ist es die, bei der ich vorhin vorbeischoß, oder sie hat anderswo schon schlechte Erfahrungen mit dem Dickkopf gemacht. Ich warte und warte, habe aber eine Stunde lang nicht den geringsten Anblick. Schließlich fußt ein brauner Bussard auf der Krakel, eräugt den Uhu und schwebt davon. Nach einer Weile streicht ein zweiter, hell gefärbter, heran, kreist einmal über dem Auf und verschwindet ebenfalls. Beide waren leicht herunterzuholen, aber wer einen Bussard schießt, der beweist damit, daß er nicht weiß, daß dieser Raubvogel sich fast nur von Mäusen nährt. So warte ich wieder und warte und warte. Der Himmel bezieht sich immer mehr; die Luft wird grau und unsichtig. Das beste ist, ich gehe zur Försterei. Aber ob ich dort herumsitze oder hier passe, das ist schließlich ganz gleich. Und hier habe ich doch immerhin allerlei zu sehen, die beiden Hasen auf dem Kleestücke, den Fasanenhahn am Grabenbord, und jetzt fällt auch ein Feldhühnerpaar auf der Luzerne ein und rennt eilig hin und her, voran geduckt die Henne, hinterdrein, hoch aufgerichtet und ab und zu herrisch rufend, der Hahn.

Ich sehe mit dem Glase bald hier-, bald dorthin, lausche dem Trillern der Lerche und dem wehmütig süßen Singen des Goldammerhahnes, der auf dem Schlehdorn da unten sitzt, höre die Stieglitze vorbeizwitschern und die Hänflinge locken, freue mich über das Bachstelzenmännchen, das auf die verliebteste Weise um sein Weibchen herumtanzt, und lasse Hans, der seine Krähe bis auf einen Rest herunter hat, ruhig in sich hineindämmern. Immer dichter wird die Luft und sie fängt an, nach Regen zu schmecken. Aber ich habe ja den Mantel mit und keinen weiten Weg, und noch sehr viel Zeit bis zum Mittag. So mache ich es wie Hans, falle in mir zusammen und dämmere mit kleinen Augen in mich hinein, bis ein großer Raubvogel da hinten über den Hügeln meine Augen größer macht. Auch der Uhu äugte nach ihm hin, sinkt nun, aber wieder in sich zusammen. »Willst du wohl aufpassen, fauler Kerl!« Ich rucke an der Führung, aber Hans kümmert sich nicht um den Raubvogel und schüttelt sich unwillig. Und dabei, ja, ich glaube, es ist wahrhaftig ein Adler. Das Herz klopft mir, und fester fasse ich den Dreilauf, und dann sage ich zu meiner Gier: »Kusch dich!« Einen Adler, den möchte ich wohl wieder einmal schießen, aber ich will es nicht. Zu selten wurden die edlen Räuber, und wer weiß ob nicht bald in Deutschlands Gauen Deutschlands Wappentier verschwunden ist, ausgerottet ganz und gar.

Aber was ist das nur mit Hans? Der tut so, als ginge ihn der Adler nichts an, und er weiß doch kommt der über ihn, so geht es um Leben oder Tod. Gerade will ich ihn wieder anrucken, da fühle ich, wie mir das Blut in das Gesicht schießt. Ein Glück, daß ich keinen Zuschauer habe, denn ich schäme mich scheußlich, und mir ist zumute, als grinse der Uhu teuflisch. Denn das da hinten ist kein Adler, weder ein Steinadler noch ein Seeadler ist es, und auch kein Fischadler, und noch nicht einmal ein Schreiadler; es ist auch kein Weih und kein Habicht und kein Bussard, ist kein Wanderfalk, kein Sperber und kein Turmfalk, ist auch keine Krähe, sondern ein Drachenflieger; deutlich höre ich den Antrieb donnern.

Ich kratze mich hinter den Ohren und entspanne die Waffe. »Komm, Hans, wollen nach Hause! Und daß du davon nichts erzählst, sonst ist aus mit unserer Freundschaft!«

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