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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Märzenschnee

Mit sonnigem Lächeln stand der Tag heute auf. So schön war er, daß ich vor der Zeit die Jagdhütte aufgab und kreuz und quer über den Berg strolchte, der vielen Vogelstimmen mich freuend und der wenigen ersten Blumen.

Allerlei erlebte ich, das nicht alltäglicher Art war. Als ich im hohen Holze an einer alten Samenbuche lehnte und dem Bocke nachsah, der mit dem hohen rauhen Gehörn stolz dahinschob, klapperte es vor mir in den Kronen und ein Flug Holztauben fiel ein. Eine Weile äugten die heimlichen Vögel umher, einige flatterten darauf zu Boden und suchten nach Schnecken und Gesäm, und dann fing ein Täuber an zu heulen, und noch einer, und immer mehr, daß es seltsam anzuhören war, und auf einmal stob die ganze Schar von dannen.

Dem Schwanzmeisenpärchen sah ich zu, wie es in der Astgabel der krummen Birke sein Nest anlegte, beobachtete den Schwarzspecht, der mit gellendem Jauchzen sein Weibchen von Stamm zu Stamm trieb, blickte den Wanderfalken nach, die hoch über den wilden Klippen ihre Kreise zogen, fand zwischen drei verschlungenen Fichtenwurzeln ein Zaunkönignest, aus dem zwei schwarze Äugelchen mich unwillig anzwinkerten, sah den Fuchs unter mir auf der Wildwiese mausen und zwischen den krüppligen, ganz und gar voller grauseidenen, rosenrot ausgezierten Troddeln hängenden Espen den Zwergspecht, einem großen schwarzweißroten Schmetterling ähnelnd, mit zärtlichem Gekicher sein Weibchen umwirbeln, und traf im raumen Stangenholze ein Rottier mit seinen beiden Kälbern an, die wie toll umhersprangen, während die Mutter sich an dem jungen Grase äste, bis die Luft mich verriet und alle drei den Hang hinabpolterten.

Nun stehe ich unter den drei hohen Espen und es fröstelt mich. Hunderte von Espenkätzchen, die vor einer Stunde noch lustig an den Zweigen schaukelten, liegen auf dem klatschnassen Boden, zwischen dessen jungem Grase grauer Schneebrei zerschmilzt. Mein Wetterkittel ist schwarz vom Regen, und meine Stiefel sind gelb von Lehm. Keine Biene, kein Falter fliegt mehr und alle Vögel haben ihr Singen eingestellt. Ein Buchfink zirpt verdrießlich seinen Regenruf, ärgerlich meldet eine Kohlmeise und mürrisch quarrt die Krähe über die Wipfel hin. Denn ein böses Wetter ging über den Wald. Die Sonne verlor auf einmal den Schein, schwarz wurde der Himmel, der Sturm mißhandelte die Bäume, und ein Mischmasch von Schnee und Regen, kalt wie Eis und scharf wie Peitschenhiebe, prasselte durch das Gezweig. Nun ist es wieder still geworden; doch die Luft ist kühl.

Ich will aber trotzdem hier bleiben, wenn ich auch nicht glaube, daß ich Anblick haben werde. Zwar ist die Schnepfe da. Vorgestern schoß der Förster die erste und gestern machte ich eine aus den hellgrünen Stachelbeerbüschen bei dem alten Mutterbau hoch. Daß aber eine bei dieser Kühle streicht, daran ist kaum zu denken. Jedoch die Sonne beginnt wieder zu scheinen, ein Fink schmettert los, eine Meise läutet, die Stare lassen sich auf dem Hornzacken des Eichenüberhälters nieder, klappen mit den Flügeln und quietschen und pfeifen, im angrünenden Faulbaumbusche singt die Amsel, von der Spitze der Fichte flötet die Märzdrossel, ein Täuber ruckst, ein anderer erwidert ihm; es ist wieder Licht und Leben in den Wald gekommen. Die Zweige blitzen, die Äste schimmern, hell strahlen die nassen Stämme, und zu ihren Füßen leuchtet aus Moos und Fallaub hier ein weißes Blümchen, dort ein gelbes, und da sogar ein blaues zwischen den bräunlichen Blütchen der Simsen. Verloren ist der Abend aber immerhin nicht, warte ich ihn hier ab, auch wenn ich keinen Schuß los werde.

Zu schön sind die roten und goldenen Lichter auf den braunen und grauen Stämmen, zu witzig ist der Wettstreit zwischen Tag und Nacht, Vorfrühling und Nachwinter, und zu süß des Rotkehlchens Lied. Am Tage hat es nicht den innigen Klang, auch in der Frühdämmerung nicht, wie jetzt, wo es zu schummern beginnen will und die Sonnenstrahlen schräger durch die Zweige fallen. Wehmütig und fröhlich zugleich ist es anzuhören, weich und kraftvoll dabei; es ist als ob silberne Tropfen in ein goldenes Becken hinunterperlen. Dicht vor mir in der dünnen Birke sitzt es die von dem Gaisblatt halb erwürgt ist; deutlich kann ich die Abendrotfarbige, graugeränderte Brust sehen und die großen dunklen Augen. Hier singt eins, und drüben ein anderes, und weiterhin ein drittes; sobald das eine fast geendet hat, fällt das andere ein, so daß alle die Strophen zu einer einzigen Kette von silbernen süßen Lauten verschmelzen. Es ist das zärtlichste Lied, das der Wald ersann, feiner und stiller als alle anderen, die er träumte.

Blutrot färben sich die Sonnenmale an den Stämmen um, und wie blankes Kupfer strahlt das Laub der Eichenrauschen und Buchenjugenden vor mir, über denen die blühenden Saalweiden sich erheben, ganz und gar mit goldenen Lichtern bedeckt. Mit einem Schlage ist alle Glut vergangen; braun liegen die Dickungen vor mir, schwarz ist das Holz und dunkelgrau der Himmel. Dreimal versucht die Sonne noch, sich ihr Recht am Tage zu erringen; die schwarze Wetterwand ist stärker als sie. Ein hohler Wind kommt aus dem Tale, schwillt zu einem bösen Geheule an, ein giftiges Pfeifen mischt sich darein, ein gellendes Kreischen, ein wildes Winseln und ein wehes Weinen, und wieder prasselt der Regen, mit Schneeflocken gemischt, durch die knarrenden, quietschenden, klappernden Äste.

Auch das ist schön zu besehen und gut anzuhören, und es paßt in diese Zeit. Langweilig wäre der Vorfrühling, hätte er nicht diese Zornausbrüche und Wutanfälle. Auch ist der schlimmste Guß schon wieder vorüber, der Schnee hat die Oberhand bekommen und treibt rein und sauber dahin. Im hohen Orte bellt der Kauz, und hinter mir singt ein Rotkehlchen sein Gutenachtlied. So lieb hat mir sein Sang noch nie geklungen, als in dieser weißdurchwirbelten Dämmerung, die mehr als ein Gesicht hat und bald so, bald anders redet, jetzt mit Eulenstimme und nun mit Rotkehlchensang.

Langsam und stetig treibt der Schnee und wärmt die Luft an. Es bricht in den Eichenrauschen; ein Hase hoppelt über die Brandrute; ein anderer folgt ihm. Ich sehe ihnen nach; da reißt es meine Augen herum. Irgendwo, da oder da, oder dort, ist ein tiefer, dunkler Laut, vor mir oder hinter mir. Ich habe die Waffe im Nu gespannt, stehe da, blicke hierhin und dahin in das weiße Geriesel, und sehe zwei schwarze Schatten hintereinander langsam über die Buchenjugend schweben. Im Knall und Strahl bleibt der eine zurück, dreht sich und schlägt in das Gras; der andere verschwindet im Gestöber.

Ich hebe die Schnepfe auf. So und nicht anders mußte dieser seltsame Tag enden, an dem ich mit Hoffnung hinausging, um sie bald hinter mir zu lassen. Gestern, als die Luft lind und lau war, strich kein Schnepfe; heute, im Schneetreiben, kam ich zu Schuß.

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