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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Anstand

Die Wellen zwinkern in der Sonne mit tausend lustigen Augen und klimpern übermütig an dem Randeise des Flüßchens.

Fünf bis sieben verschiedene Arten von Meisen zwitschern in den Fichten und Fuhren hinter mir. Mit erheblichem Geschnatter jagen vor den Ellern drei dickköpfige Erpel eine Ente, über den Weidenbüschen stechen sich zwei Krähen mit viel Gequarre, und auf der weißen Wiese treibt ein Rammler die Häsin. Wüßte ich es nicht besser, so könnte ich meinen, es ginge auf den Frühling zu.

Die Sonnenstrahlen knallen nur so gegen das hohe Ufer hinter mir. Bleibt es noch zwei Tage so warm, dann schwenkt der Haselbusch zu meiner Rechten goldene Troddeln und die Ellern streuen ihren Blütenstaub in den Schnee. Es ist so warm, daß mir die Pelzjacke fast lästig wird. Ich dehne mich wie ein Hund vor dem Herdloch. Zwei Nächte hab' ich hier gehockt und mich von dem Nordost anschnauben lassen. Spöttisch blinzelten die Sterne, und die Birken pfiffen höhnische Lieder.

Schließlich froren mir die Rippen im Leibe und ich konnte die Zähne im Munde nicht mehr still halten. Aber ich hatte es vor mir plantschen und plumpsen gehört, auch war mir einmal so, als vernähme ich einen zischenden Pfiff, und so paßte ich weiter, bis ich wie ein Windspiel zitterte und die Augen mir überliefen, so daß ich das schwarze Wasser weiß und das weiße Ufer schwarz sah, und ich hub mich von dannen, dumpfe Verwünschungen in meinen vergletscherten Bart murmelnd.

Jetzt gefällt es mir viel besser hier als heute nacht, wo es erbärmlich fußkalt war. Der Sonnenschein ist entschieden bekömmlicher als das Geglitzer der Sterne und statt des nordöstlichen Windes weht gar keiner und das ist der angenehmste von allen. Außerdem macht es viel mehr Vergnügen, vormittags um elf Uhr anzusitzen, anstatt des Nachts um dieselbe Zeit, denn man bekommt allerlei zu sehen und zu hören und braucht sich nicht die Langeweile durch den dummen Gedanken zu vertreiben, daß man vernünftiger getan hätte, wäre man im Bette geblieben. So sitze ich denn ganz gemütlich auf dem Rucksacke, rauche die vorletzte Weihnachtszigarre und summe in meinem lieben Gemüte das alte, schöne Kleinbürgerlied: »Freund, ich bin zufrieden, geh' es wie es will.«

Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der Otter nicht kommt, aber es ist auch nicht unmöglich, daß er in der Sonne fischt, denn heute nacht hat er nur zwei starke Barben gefangen. Sie liegen da auf der Sandbank. Er hat nur die Lebern gefressen und das trockene Fleisch den Krähen gelassen. Neun Stück stoben mit ärgerlichem Gekrächze von dannen, als ich über dem hohen Ufer auftauchte. Jetzt sitzen sie da hinten auf den Ellern, machen lange Hälse und geben mir dann und wann zu verstehen, daß es unhöflich von mir sei, sie von der Mahlzeit abzuhalten. Weil aber eine von ihnen mir im Sommer hier den starken Bock vergrämte, so nehme ich nicht die geringste Rücksicht auf das schwarze Gesindel,

Es ist heute schön hier, wirklich sehr schön. Das findet der Grünspecht auch, der da hinten jauchzt, als wäre es Mai, und die Elster ebenfalls, die dort in der Pappel in einem fort vor sich hinkichert, desgleichen der Zaunkönig, der hier auf dem alten Wurzelstock sitzt und singt, als hätte er Heiratsgelüste. Dann bebt auf einmal die Luft von dem Gezwitscher eines dahinbrausenden Zeisigschwarmes, gleich darauf ist sie erfüllt von den Locktönen der Goldfinken und jetzt überladen mit dem heiseren Gekrächze der Krähen, die aus Wut darüber, daß ich sie nicht an die Barben heranlasse, einen vollkommen harmlosen Mäusebussard aus dem Schwung bringen. Eine Spechtmeise flötet in der alten Eiche, eine Kohlmeise pfeift aus der jungen Birke, eine Tannenmeise piept in dem Weidenbusch, eine Blaumeise zwitschert in der Eller, eine Haubenmeise trillert in der Fuhre und etwelche Schwanzmeisen schnurren über mich hinweg. Ich habe also Unterhaltung die schwere Menge, zumal da hinten in der Wiese drei Rehe herumtreten.

Nur ab und zu sehe ich nach dem Wasser, aber meist nach den Pappeln, die in der Sonne goldig strahlen, nach den Kopfweiden, die wie Feuerflammen aussehen, nach den Ellern und Eichen, deren Gezweige flimmert und glimmert, dem großen Stechpalmenbusche, der tausend silberne Lichter um sich wirft, und den schwarzen Fichten und Fuhren hinter den weißen Birken, vor denen sich als braunes, rotgekröntes Bollwerk die Porstbüsche hinziehen. Ein Eichelhäher kommt angeschwebt, tränkt sich, fortwährend scheu hinter sich blickend, und flattert wieder von dannen, eine Waldmaus schlüpft dicht vor meinen Füßen vorbei, und gleißend und glitzernd in unglaublichen Farben schießt der Eisvogel, schrill rufend, über die Wellen, die sein buntes Abbild einen Augenblick in der Erinnerung behalten und es gleich darauf, flüchtigen Sinnes, wie sie nun einmal sind, schon wieder vergessen haben.

Was hat denn die dunkelköpfige Weidenmeise, die drüben in dem Ellernsiebenling, der auf dem hohlen Ufer steht, zu schimpfen? Ich richte mein Glas dahin, gewahre aber weder ein Wiesel noch eine Maus in dem vergilbten Schilfe. Doch jetzt knistert es laut dort, die bleichen Halme rühren sich, und während ich noch denke, daß eine Wühlratte dort herumhuscht, habe ich den Otter vor mir, dessen glatter Kopf schnell wie der einer Schlange hin und her zuckt. Für Hagel ist es zu weit bis dahin; nehme ich die Kugel, so ist es fraglich, ob ich sie auf die richtige Stelle bringe und gelingt mir das auch, so rollt der Otter in den Fluß und geht mir verloren. Doch jetzt ist er auch schon wieder fort; ich erhebe mich vorsichtig, den Dreilauf in den ein wenig zitternden Händen, und lasse meine Blicke von Ufer zu Ufer gehen und über die silbernen Wellen gleiten, die mir bald hier, bald dort durch einen Strudel oder Wirbel den Kopf des Otters vortäuschen, bis ich vom Hinundherstarren schließlich nichts mehr sehe, als einen Otterkopf neben dem andern. Da schicke ich sie, damit ich nicht einschlafe, nach den vier schimmernden Wildtauben hin, die über den Fichten kreisen, nach den Rehen, die vor dem Porste entlang ziehen, nach den Elstern, die auf der Wiese umherhüpfen, und zu dem Zwergspechte, der dicht bei mir an der alten Weide heraufrutscht.

Doch dann bin ich mit meinen Blicken plötzlich bei der halb überspülten Buhne, denn dort war eben ein blanker schwarzer Strich in dem silbernen Wasser; jetzt ist er hinter ihr, ist fort und wieder da, ist aber viel länger und breiter, als eben, und ich erkenne, daß es der Otter ist, der sich mitten in der Strömung mit einem Fische belustigt. Bald ist er lang und schlank, bald kurz und dick; er taucht unter und kommt hoch, kugelt sich herum schießt dahin, läßt den Fisch fahren, greift ihn wieder, ist fort und wieder da, versinkt abermals, läßt sich eine ganze Weile nicht blicken und hockt auf einmal rechts von mir hinter dem alten krummen Weidenbaume; ehe ich noch den Kolben an der Backe habe, plumpst es schon wieder und er ist schon am anderen Ufer, wo er hinter der Buhne untertaucht und da stehe ich nun und denke an den Mittsommerabend, als ich mich hier unter dem hohen Ufer an den alten Kreuzbock heranpirschte, der drüben durch die Wiese zog, und lauerte, daß er sich breit stellen sollte, bis eine Krähe mich eräugte und losquarrte; da warf der Bock auf und zog eilig in den Porst; und ich denke an den Vorherbstmorgen, als ich vor dem hohen Ufer her dem lauthals auf der Heide schreienden Hirsche entgegenschlich, und als ich meinte, ich käme mit bestem Winde, da zog die Luft da oben anders als hier unten, und ehe ich den Hirsch zu Blicke bekam, hatte er meine Witterung und polterte durch die rauhen Fuhren dahin. Und ich denke an den Nachwintermittag, als ich hier entlang kroch und mit dem alten Fuchs liebäugelte, der am anderen Ufer entlang schnürte, aber bevor er in Schußnähe kam, rechtsum kehrt machte und hinter den Ellern verschwand. Und als ich ihm noch mit dummer Miene nachsah, die Büchse entspannte und abstach, da plumpste und plantschte es dicht vor mir und ein starker Otter, der vor mir im Risch gedöst hatte, tauchte in dem Wellengewirbel unter.

Aber das Spiel mit dem Ungewissen ist das schönste bei der Jagd, und so sage ich mir: »Wenn nicht, denn nicht!«, lehne mich gegen die alte Eller, stecke mir die letzte Weihnachtszigarre an, träufele Gleichmut auf meine Seele und tue so, als freute ich mich an all den bunten Farben und blanken Lichtern, mit denen die Sonne Baum und Busch ausziert. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig, ob ich den Otter kriege oder nicht. Morgen ist auch noch ein Tag, und weil ich weiß, daß er über Mittag hier herumspielt, so schmiere ich ihn am Ende doch noch an und zugleich Krusenvadder mit dem Anker Bier, um das wir gewettet haben. So widme ich mich denn gelassen der Betrachtung der zwölf Schwanzmeisen, die in der Weide herumkobolzen, sehe den Kreuzschnäbeln nach, die den Fichten zufliegen, und komme auf allerlei Umwegen mit meinen Augen auch nach der alten windschiefen Weide und da tut mein Herz einen Hopps, denn vor ihr gleitet der Otter durch das Seichtwasser gegen den Strom.

Im nächsten Augenblicke habe ich ihn am Wickel und lache über das ganze Gesicht. Wie sich das zutrug, das weiß ich nicht, denn sehen, anbacken und drücken war eins. Aber die Hauptsache ist, daß ich ihn habe, und so zerbreche ich mir den Kopf nicht über den Zusammenhang zwischen Anblick und Schuß, sondern würge meinen Otter in die Schnirre des Rucksackes, schlage diesen über den Rücken und mache mich darüber lustig, daß ich mir eben noch vorredete, mir liege den Kuckuck etwas daran, ob ich ihn kriege oder nicht.

Denn einen alten Otter schießt man nicht jeden Tag, und vorzüglich nicht mitten im hellichten Sonnenscheine.

Und so flöte ich im Abgehen leise vor mich hin: »Freund, ich bin zufrieden.«

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