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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Blachfrost

Der Nordostwind hat das Heidland zu Felsgestein gemacht; alle Teiche und Tümpel hat er übereist und auch die Gräben verschlossen.

Der böse Wind fegt über den kahlen Sturzacker, verhüllt mit gelben Staubwolken die letzten Schneeflecke und nimmt den vereisten Gräben ihren Glanz. Schiene die Sonne nicht, so wäre es trostlos heute.

Die Sonne aber bringt Leben in das erstarrte Land. Auf silbernen Stämmen wiegen die Birken goldig flimmernde Kronen, die Weidenbüsche strahlen wie Fackeln, die Pappeln lodern wie riesige Flammen und selbst das Gezweig der düsteren Ellern glitzert und glimmert. Wohin ich sehe, kreisen Enten. Hier klingelt ein halbes Dutzend Stockenten hin, dort schwenkt ein Flug Spießenten vorüber, und da hinten senkt sich eine gemischte Schar hinab. Alle sind auf der Suche nach offenem Wasser. Es wird nicht schwer sein, sie heute in den Buchten des Flusses anzugehen.

Unter dem Winde, der in dem gelben Risch ruschelt, schleiche ich hinter dem Weidengebüsche vorwärts, den gespannten Dreilauf in den Händen. Die abgefrorene Wiese knistert und knastert unter meinen Schuhen. Das Flüßchen sprudelt und strudelt an mir vorüber; seine Wellen blitzen in der Sonne und klimpern lustig am Ufereise.

Ein Rohrammer, der die Fahrt nach dem Süden verpaßt hat, flattert aus dem Buschwerke auf und piepst wehleidig. Von einem überhängenden Zweige stiebt schrill rufend, der Eisvogel fort und fährt, in allen Farben funkelnd, dicht über dem Wasser dahin. Ein Hase poltert dicht vor meinen Füßen aus dem Schilf und stürmt hastig über die Wiese. Drei Elstern baumen in sicherer Weite auf den Erlen und warnen in einem fort vor mir.

Es klingelt in der Luft. Ein Dutzend Enten sausen hoch über mich hinweg, verschwinden, kommen wieder und machen sich abermals unsichtbar. Sie werden dort eingefallen sein, wo der Bach in den Fluß rinnt, und wo ich schon so manchen Grünhals auf dem Anstande um die Ulenflucht oder bei der Hahnenkraht herabgeholt habe. Wieder klingelt es, und noch einmal hüben und drüben ziehen kleine Flüge, kreisen einige Zeit und senken sich zum Flusse hinab.

Langsam schleiche ich weiter. Der Bord ist hier hoch und hohl und überall können Enten liegen. Drüben am anderen Ufer huscht ein Wiesel unter dem mit rubinroten Trauben geschmückten Schneeballbusche, in dem die Goldammern sich eben noch zankten und nun davonflattern, hervor, macht ein Männchen und schlüpft unter den mit Karfunkeln besäten Stechpalmenstrauch. Ich sehe ihm noch nach, da rauscht es in dem vergilbten Röhricht, laut gockernd poltert ein Fasanenhahn heraus, nimmt den ersten Schuß nicht an und schlägt im zweiten in das Gestrüpp hinein. In demselben Augenblicke stehen keine zehn Schritte vor mir quarrend drei Erpel auf, denen ich mit langem Gesichte nachsehe, wie sie hinter den Weiden verschwinden.

Ich drücke mich von Busch zu Busch. Allerlei gibt es zu sehen. Hier streicht mit schrillem Rufe der Würger von dem alten Kreuzdornbaume ab, auf dessen oberster Zacke er eine Maus gespießt hat. Dann muß ich stehenbleiben und den Birkenzeisigen zusehen, die in den Zweigen herumturnen und mich bis auf zehn Gänge heranlassen, ehe sie davonzwitschern. Den letzten von ihnen schlägt dicht vor mir der Merlin, fällt gar nicht weit von mir auf einem Pfahle ein und rupft seine Beute in aller Ruhe. Dann bleiben meine Blicke an einem Haselstrauche hängen, der drüben unter dem hohen Ufer steht und dessen Troddeln fast alle schon in der Prallsonne aufgeblüht sind.

Aber dann merke ich auf; deutlich höre ich einen Erpel prahlen; ein anderer macht es ihm nach. Behutsam schleiche ich weiter und spähe durch die Büsche und das Röhricht nach dem Flusse hin. Laut quarrt der Erpel wieder; drei andere fallen mit ein, und ein paar Enten schnattern dazwischen. Ich recke den Kopf über das Schilf hinaus, da klingelt und klappert und quarrt es vor mir, schimmernde Hälse recken, blitzende Fittiche strecken sich, über zwanzig Stockenten erheben sich laut plärrend. Es knallt einmal und noch einmal; ein feister Erpel plumpst in die Wiese und ein anderer in das Wasser, das ihn gegen das Ufer treibt. Die anderen klingeln da und dort hin, scharen sich endlich wieder und verschwinden hinter der Wohld.

Zufrieden schlendere ich weiter. Das Ufer hebt sich immer mehr, so daß ich zu dem Flusse hinabsehen kann. Ich spähe hinter den Fuhren her, ob ich nicht Anblick auf Enten habe, finde aber keine. Doch da unten am Vorlande blitzt es silbern auf der Sandbank. Die Sonne gleißt so darauf, daß ich nicht erkennen kann, was es ist. So steige ich hinab und habe ein Dutzend großer Barben vor mir, denen alle die Kehle aufgerissen ist. Das hat der Otter heute nacht getan; Barben mag er nicht, und so hat er nur die Leber gefressen. In zwei Tagen haben wir Vollmond; dann will ich hier auf den Freifischer passen.

Ich sehe mir die Fische noch an, da klingelt es über mir und sechs Spießenten, die sich gerade senken wollten, heben sich wieder. Ich muß gegen die Sonne schießen und so geht der erste Schuß nebenher; mit dem zweiten hole ich aber einen wunderschönen Erpel herab, der hart am Ufer hinfällt. Heute ist ein guter Tag. Vorgestern trieb mir die Strömung zwei Enten fort. Aber der Magen meldet sich. Ich suche mir Deckung im Buschwerk, esse und sehe nach dem Himmel, der ganz blau und hoch ist, nach den Wiesen, über die ein Sprung Rehe zum Bruche zieht, oder nach meinen vier bunten Beutestücken, die mit dem Rucksacke an der krummen Eller hängen, denke so recht behaglich an gar nichts, lausche dem Gekrächze der Saatkrähen und dem Gekicher der Dohlen, die nach der Marsch ziehen, und den Lockrufen der Dompfaffe hinter mir und dem gellenden Gejauchze des Grünspechtes, der drüben hinschwenkt.

Und wie ich so gedankenlos vor mich hindämmere und meine Pfeife rauche, platscht es aus hoher Luft in die blitzenden Wellen hinein, so daß ich schnell nach der Waffe fasse und sie langsam hochhebe, denn sieben Sägetaucher, herrlich anzusehen, rutschen auf dem Wasser hin, falten die Schwingen, recken die geschopften Köpfe, äugen hin und her und tauchen dann eine nach dem andern unter, um bald wieder da zu sein und ihren Fang hinabzuschlucken. Heiß läuft es mir über die Brust, und schon will ich anbacken, doch da besinne ich mich auf mich selbst und entkrampfe mein Fäuste; so schön sind die Wildfischer und ihr Wildbret ist tranig. Mögen sie sich weiter ihres Lebens freuen. Ich habe ja Beute genug heute.

Zärtlich ruft eine dunkelhaubige Weidenmeise vor mir im Ellernbusche, dessen Troddelchen so aussehen, als wollten sie aufbrechen und mit goldenem Staubgeriesel den Vorfrühling verkündigen. Hinter mir in der Eiche sitzt eine Krähe, quietscht und quirlt und quakt und quakt und quinkelt, als wäre schon der Lenzmond eingekehrt. Und ein Zaunkönig singt im Mehlbeerbusch, an dem die roten Früchte leuchten, und die Sonne scheint hell aus des Himmels hohem Blau.

Laut pfeifend stehe ich auf, daß die sieben bunten Wildfischer vor mir erschrocken aufstehen und von dannen flügeln; laut pfeifend gehe ich den Fluß entlang und dann über die hohe Heide der Mühlenschenke zu.

Laß leben, was da leben mag heute; ich habe mir meinen Teil geholt!

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