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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Vollmond

Schnee versprach der Mond mir gestern, als er in einem Kranze rostroter Wolken über dem Berge stand.

Er hat Wort gehalten. Es hat die ganze Nacht schwer geschneit. Eine fußhohe Decke von losem Schnee liegt über dem Lande. Mühelos gehe ich dahin auf den Schneereifen. Das Dorf schläft schon, denn es geht auf die elfte Stunde und die Männer sind müde von der schweren Arbeit im Forste.

Nun bin ich hinter dem Berge allein mit mir, sehe kein Haus und kein Licht mehr. Kirchenstille liegt über dem Tale. Klar steht der Mond am wolkenlosen Himmel und alle Sterne sind um ihn versammelt; sie blitzen und funkeln in allen Farben. Es ist so hell, daß ich ebensogut sehe wie am Tage.

Ich suche das Tal mit den Augen ab, die Hänge darüber und die Säume der Wäldchen darunter. An dem Erdfalle hoppelt ein Hase hin, vor der Fichte ziehen zwei Rehe her und äugen ab und zu nach der Eule, die aus Spielerei auf sie stößt. Drüben vor dem Forste schnürt der Fuchs zum Luderplatze.

Einen seiner Sippe schoß ich am Tage, als ich hier ankam, einen alten Rüden, und am anderen Morgen einen jüngeren mit mäßigem Balge, der keine Lunte trug; er wird sie wohl bei einer Treibjagd eingebüßt haben. Den stärksten Fuchs aber, einen mit silbern schimmerndem Balge, schoß ich vor dem Papenbusche vorbei, als er an der Quelle mauste. Es war ein bißchen sehr weit für den Kugelschuß aus freier Hand und auch zu stürmisch. Den möchte ich gern erbeuten.

Es rieselt über mir; ein Schneeball kommt herabgerollt, wird größer und dicker und zerstiebt an einer Buche. Andere folgen ihm in der gleichen Weise. Ich sehe nach dem Uhlenbusche hin; Rotwild zieht unter ihm her. Scharf hebt sich jedes der vier Stücke von dem verschneiten Fichtenmantel ab, und lang fallen ihre Schatten über den weißen Hang. Jetzt verschwindet eins nach dem andern hinter der Quellschlucht.

Ich steige ihnen nach, denn von dem Brinke habe ich einen weiten Blick in das Tal und auf die Hänge dahinter. Vor mir zieht das Wild hin; riesengroß sehen die vier Stücke auf dem weißen Plane aus. Ab und zu machen sie halt, verhoffen und wittern, äsen sich an den Büschen oder schlagen im Schnee nach Heide. Jetzt fahren sie zusammen, treten hin und her und flüchten dem Forste zu. Die Luft dreht hier an der scharfen Ecke und trug ihnen meine Witterung zu.

Am Schäferkopfe kläfft ein Fuchs; von den Dreimannsklippen antwortet ihm ein anderer. Unten im Tale ziehen drei Rehe langsam dahin. Noch einmal schlägt der Fuchs drüben an; dann verschweigt er und es ist wieder so still wie zuvor. Weit weg fällt ein Schrotschuß. Mit breitem Lächeln steht der Mond über den Trümmern der Burg und lustig zwinkern ihm die Sterne zu.

Ich möchte mir einen Fuchs heranquäken, mag es aber nicht. Mir ist zumute, als dürfe ich die feierliche Stille dieser weißen Nacht nicht stören. Ein Blitz fährt über den Himmel hin; eine Sternschnuppe ist es. Ehe sie erlischt, wünsche ich mir Glück und lächle dann über mich selber.

Ein schrilles Gekreische kommt von den Uhlensteinen. Das sind Marder. Ich gehe auf die Klippen zu, die hell aus den dunklen Fichten hervorblenden. Ein Kaninchen rutscht aus den verschneiten Brombeeren heraus und noch eins aus dem fahlen Sandrohre, das hier den Lößboden bedeckt. Das weinerliche Gezeter der Marder ist ganz nahe vor mir; doch zu Blick bekomme ich keinen. Zu dicht drängen sich die Fichten um die Felsen. Ich suche mir eine freiere Stelle, lehne mich gegen einen großen Stein und mäusele. Es raschelt an dem Felsen, es ruschelt in den Wipfeln, es knistert im Gezweige, es knurpst im Schnee. Einmal ist es mir so, als hüpfe ein schmaler, langer Schatten über den Boden, aber ehe ich daraus klug werde, ist er verschwunden.

Wieder fällt ein Schuß in der Ferne. In dieser hellen Nacht ist kein Wilddieb in seinem Bette. Die Zeit vergeht. Ich starre nach den silbern blinkenden Felsen, nach den schwarzen Wipfeln, nach den Sternen und dem Monde und zum Boden, wo es ab und zu rispelt und krispelt. Die Eule schwebt vorüber. Ich mäusele leise. Sie macht einen Bogen, streicht bis vor mein Gesicht und wendet eilig, wie ich die Augen bewege.

Im Haisohle schreckt ein Altreh; ein Schmalreh gesellt seine helle Stimme dazu. Der Wald drüben am Hange wirft den Doppelschall zurück. Und wieder ist es kirchenstill ringsumher bis auf das leise Kluckern der Quelle. Abermals schreckt ein Reh am Haisohl, und nun ist es, als ob die ganze Wand dort wild geworden sei; grob und fein schmält es durcheinander. Entweder schleicht ein Wilddieb dort umher oder die Sauen ziehen durch den Ellerngrund.

Ich steige zum Haisohle hinab, das wie ein schwarzes Loch unter der Wand liegt, und drücke mich hinter den Büschen bis zu dem Hohlwege hin, der durch den vermoorten Erdfall führt. Ich spähe hinauf und hinab, bekomme aber keine menschliche Fährte zu Blick, nur die von Rehwild und die Spuren von Fuchs und Has'. Auch vernehme ich kein Treten und Brechen und höre nichts als das leise Rascheln einer Maus unter den Schneeballbüschen, deren abgefrorene Beeren im Mondenlichte blinken, und das gespensterhafte Tröpfeln eines Wasserfalles, das wie das Ticken einer Uhr anzuhören ist.

Mit einem Male schneidet ein gellendes Gekreisch die Stille mitten durch, bricht ab, hebt wieder an, hört auf und setzt noch lauter ein. Es hört sich an, als wenn ein paar Hexen gegeneinander ankeifen. Ein paar Fuchsrekel sind es, die sich um eine Petze beißen. Ich trete leise in den Ellerngrund hinein, den gespannten Drilling in den Händen, und spähe zwischen den schwarzen Räumen und blauen Schlagschatten hin und her. Jetzt ist das Gezeter oben bei der Köte, nun weiter unten, wo das faule Wasserloch, das nie zufriert, gähnt, und sofort anderswo, ab und zu aufhörend und sofort wieder beginnend.

Ich starre hierhin und dahin, bis lauter Glühwürmer vor meinen Augen tanzen, der Schnee schwarz wird und die Stämme weiß aussehen und ich die Lider schließen muß. Aber hastig reiße ich sie wieder auf, denn es bricht vor mir und kreischt und zetert und faucht und knittert, und zwei drei Schatten fahren bergauf, kommen bergab, verschwinden hinter Büschen und Felsbrocken und wirbeln als schwarzer Knäuel plötzlich auf einer freien Stelle. Mitten darauf halte ich; zweimal fährt es rot aus den Läufen, zweimal kracht es. Alle Wände antworten mit Wutgebrüll, und hier und da schmält ein Reh.

Ich lade und springe voran. Ein Fuchs liegt; eine Spur, in der dicker Schweiß liegt, führt den Hang hinauf; die dritte geht gesund links ab. Ich stopfe den verendeten Fuchs in den Rucksack und steige der kranken Spur nach. Sie steht auf die Klippen zu, unter denen ein alter Bau voller Spalten liegt. Hat der Fuchs ihn erreicht, so ist er mir verloren. Aber dicht vor den unheimlichen Felsen liegt er im Schnee und rührt keinen Lauf mehr.

Ich verpuste mich ein wenig. Dann hänge ich die Füchse an einen starken Ast und streife einen nach dem andern. Und dann überlege ich, ob ich zum Kruge gehen oder ob ich lieber den Rest der Nacht verpirschen solle. Vom Papenbusche schrillt das Blaffen einer Fähe heran, an der Dreimannsklippe kreischen die Marder. Ich will weitersteigen; zu schön ist diese blanke Nacht.

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