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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Nebel

Den Sonnenuntergang von gestern vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht; er war von beängstigender Schönheit. Die bleiblaue Wetterwand über den schwarzen Kopfweiden riß mit einem Ruck auseinander, und in dem Loch erschien die Sonne mit blutrotem Wutgesichte, umgeben von einer Gefolgschaft tobsüchtiger Gespenster.

Eine Viertelstunde währte der Kampf zwischen dem Tagesgestirn und der Abendwolke; dann mußte die Sonne die Walstatt räumen und abermals klatschte der Schneebrei in dichtem Gestöber herunter, begrub die letzten freien Stellen der vereisten Wiesen und verschüttete die Saaten. Ich stand unter den drei verrenkten Weidenkrüppeln, von schwarzem Ellergebüsch und gelbem Rohr gut gedeckt, und lauerte auf die Gänse.

Vor mir fielen die Ammern in ihren Schlafbüschen ein, Saatkrähen und Dohlen flogen heiser krächzend und schrill rufend dem fernen Walde zu, ein Bussard ließ sich auf dem Stumpfe der vom Blitz zerschlagenen Pappel nieder, äugte eine Weile umher und schwang sich weiter, Enten klingelten vorüber, jenseits des Flusses schlich der Fuchs auf dem Eise entlang und bald hier bald da erklang das heisere Gegacker vorbeisausender Gänse. Aber alle strichen zu hoch oder zu weit weg, und erst als schon fast kein Schußlicht mehr war, kamen sieben über mich hingebraust, und die eine davon ward mein. Mein Freund brachte vier in den Krug mit.

Da saßen wir noch eine Weile, tranken Teegrog mit den Fischern und Schiffern, sahen zu, wie die dralle Mieke die Arme am Spinnrade rührte, ließen uns von der bösen Flut erzählen, bis Janhein mit der Ziehharmonika kam. Da ging es denn los mit Spiel und Sang bis die Kastenuhr die elfte Stunde anmeldete und Klausenvater Feierabend machte. Als ich in dem breiten Bette lag, hörte ich den Sturm den Schnee gegen die Scheiben schmeißen und alle die Lieder gröhlen, die Mieke und die Burschen gesungen hatten, und als ich aufwachte, vernahm ich Mieke in der Küche hin und her gehen und mit ihrer schönen, klaren Stimme singen: »In einem Tale, wo Ostwind wehte, da stand Luise beim Blumenbeete, stand eine Blume so weiß wie Schnee; so eine Blume hatt' ich noch nie gesehn.«

Nun gehe ich durch den Nebel, der so dick ist, daß ich meine, ihn mit Händen fassen zu können, und der einen strengen Waschküchengeruch hat. Die Kopfweiden, die ab und zu daraus hervortauchen, sehen wie lächerliche Gespenster aus, und die Büsche in den Wiesen sind zu allerlei albernen Ungeheuern geworden. Es ist viel Schnee gefallen über Nacht, und da es gefroren hat, so ist er fest geworden. Das ist schlimm für die Gänse, aber gut für mich, denn sie werden heute lange in Bewegung sein und der unsichtigen Luft wegen tiefer als sonst streichen. Hier und da und dort vernehme ich ihr heiseres Dadadadä und Gaigaigaigä und mache mich schußfertig, ehe ich auf dem Stande bin. Doch der Nebel ist so dick, daß ich die drei Flüge, die am nächsten bei mir vorübersausen, nicht zu Blick kriege.

Ich nehme meinen alten Stand unter den drei zusammengedrängten Krüppelweiden ein, ziehe den Mantel über und stelle mich auf den mit Kaff gefüllten Rucksack. Ich kann kaum dreißig Gänge weit sehen. Hier steht ein Weidenbaum, der wie ein hagerer Bär aussieht, der mit der Pranke nach mir zu schlagen droht, da reckt ein anderer ein wild gemähntes Löwenhaupt aus dem Nebel, und dort wird ein dritter sichtbar, einem betrunkenen Kerl ähnlich, der mit den Armen in die leere Luft greift, um Halt zu finden. Vom Flusse kommt das Knirschen und Knarren des treibenden Eises und das Klickern und Kluckern des Wassers, ab und zu übertönt von dem anschwellenden und abflauenden Gegacker der Gänse, die drüben stehen müssen.

Ich stehe und starre in den weißen Nebel hinein, lausche auf das gereizte Gespräch zwischen Eis und Flut und das aufgeregte Gequackel der Gänse, sehe dem Hasen nach, der wie ein Schatten zwischen den verschwommenen Rohrhorsten auftaucht und verschwindet, nehme den Drilling hoch, denn ich höre Gänse heranstreichen, lasse ihn wieder sinken, weil sie außer Sicht vorübersausen, höre von drüben viermal kurz hintereinander den Donner der Schnellfeuerflinte meines Jagdfreundes, habe mit einem Male den Kolben im Gesicht, drehe mich jäh herum und halte auf den mittelsten der vier Schatten, die mit Gegicker und Gegacker über mich hinbrausen, drücke zweimal, sehe eine Gans sich im Feuer drehen und höre sie in das Röhricht schlagen, freue mich und ärgere mich gleich hinterher, denn ehe ich geladen habe, rauschen schon wieder sieben Gänse und dann noch drei über mich fort, habe dann wieder den Kolben an der Backe, schieße zwei Löcher in den Nebel, lade hastig und fühle, wie mir trotz der rauhen Luft Stirn und Nacken heiß werden, höre abermals drüben drei Schüsse hart aufeinander folgen, muß die zwei Gänse, die mir von hinten kommen, auslassen, weil die Zweige der Weiden sie decken, solange sie in Schußnähe sind, und lauere dann eine ganze Weile umsonst.

Mir ist so, als verdünne sich der Nebel etwas. Eine kühle Luft geht, die grauen Rispen des Rohres schwanken hin und her und die Halme rauschen eine herbe Weise. Lauter kluckst die Flut, stärker knirscht das Eis und das überschneite Schilf raschelt geisterhaft. Das Gequatter der Gänse am anderen Ufer bricht ab, setzt dann wieder ein, vermischt sich mit wildem Flügelschlagen, verliert sich ganz in der Ferne, und ist nach dem Doppelschusse, der von dort herüberschallt, plötzlich vor mir und über mir. Hier und da und dort tauchen lange Hälse und breite Schwingen auf. Ich lasse die Schar vorüber und feuere hinterher. Zweimal plumpst es dumpf herunter, und ein unregelmäßiges Geflatter und Geknaster folgt darauf, ich lade schnell, spring dann hin, greife die schwer geflügelte Gans und genicke sie, verpasse derweilen ein paar andere, die ganz tief vorbeisausen, bin aber dennoch froh über die drei, die vor mir liegen.

Es weht stärker. Das Rohr schwankt hastig auf und ab, und die hart gefrorenen Ellernbüsche klappern. Der Nebel zerreißt und löst sich in lauter Geistergestalten auf, die einen heimlichen Tanz vollführen. Immer noch streichen Gänse, doch höher als bisher, desgleichen Enten. Vor mir sind Gänse eingefallen. Noch bekomme ich sie nicht zu Blick, zu dick steht der Nebel zwischen mir und ihnen. Aber jetzt beginnt es sich zu rühren. Ein Weidenbusch wird sichtbar, ein Pfahl taucht auf, Rohrhalme erscheinen. Ellern zeigen sich, ein Reh zieht vorüber, eine Krähe fliegt dahin. Irgendwo schnarrt ein Zaunkönig, ein Goldfink lockt, Zeisige zwitschern. Immer wieder schallt das Gegacker der Gänse aus dem Nebel heraus; doch bleiben sie unsichtbar, obgleich sie nicht allzuweit von mir stehen müssen.

Schließlich werde ich das Passen leid, zumal meine Füße trotz der warmen Unterlage kälter und kälter werden. So streife ich mir den Reif aus dem Bart und aus den Augenbrauen und rücke bis zur nächsten Eller vor. Die Gänse sind gar nicht weit von mir, doch ist gerade hier der Nebel so dicht, daß ich sie nicht zu Blick bekomme. Über mir aber hellt es sich immer mehr auf. Lange wird es nicht mehr währen, dann schickt die Sonne den Wind hinunter und der jagt den Nebel von dannen. So pirsche ich noch etwas voran, drücke mich hinter einen geborstenen Weidenstamm und lauere dort weiter. Das Gegacker ist verstummt; die Gänse müssen das Knurpsen des Schnees unter meinen Stiefeln vernommen haben. Aber nun setzt der Lärm wieder ein und ich kann an ihm merken, daß ich mich verschätzt habe, die Gänse sind noch weit genug.

Wieder geht es weiter; von der Weide schleiche ich nach einem Rohrhorst, von da zu einem Weidengebüsch, von dort hinter eine Eller. Die Luft wird kälter, der Nebel dünner. Immer mehr Vogelstimmen werden vernehmbar. Ein heftiger Windstoß hellt die Luft vor mir auf. Der Nebel zerreißt, ich sehe, aber nur als Schatten, fünf lange, hochgereckte Hälse im nächsten Augenblick fällt der hellgraue Schleier wieder davor herunter. Ich weiß nun nicht, soll ich vorwärts gehen oder soll ich stehen bleiben, denn ich kann nicht erkennen, ob ich noch weiter Deckung vor mir habe. Da flackert der Nebel abermals auf, zeigt mir die Gänse ganz klar und ehe er sie wieder verwischt, habe ich gestochen, angestrichen und der mittelsten Gans die Kugel angetragen.

Sofort ist der Nebel wieder da. Ich stelle auf Schrot um und renne dahin, wo das Geschnatter und das Flügelschlagen erschallt. Doch ich komme vor einen Graben, dem Eise ist nicht zu trauen und so muß ich die Gänse unbeschossen abziehen lassen. Ich lange die eine, der mein Blei das Leben nahm, auf und gehe dahin, wo die anderen liegen. Von drüben her fallen zwei Schüsse. Dann kommt ein hohler Schrei daher. Ich schütte das Kaff aus dem Rucksack, hänge die Gänse daran, schlage ihn über den Rücken und gehe der Brücke zu. Der Nebel wallt hin und her, legt sich zu Boden, und über ihm kommt die Sonne heraus; sie vergoldet das Eis, versilbert den Schnee und macht aus den Weiden lodernde Flammen.

Fortwährend zwitschern Zeisigflüge dahin, und überall locken Dompfaffen, quietschen Bergfinken. Dann und wann schwebt eine Krähe vorüber, macht eine Bogen, wenn sie mich eräugt, und warnt ihre Genossinnen durch einen rauhen Ruf. Das gellende Gelächter des Grünspechts kommt von der Kopfweidengruppe am Flusse. Ein Bussard schwebt über den Wiesen, deren Eisdecke glitzert und flimmert. Rund und voll steht die Sonne über den Pappeln und jagt den Nachtnebel völlig von dannen.

An der Vorflutbrücke lehnt mein Freund. Sieben Gänse und ein großer Sägetaucher liegen zu seinen Füßen. Ich sehe ohne Neid danach hin, obschon meine Strecke nur halb so groß ist. Es ist lange her, daß ich nicht auf Gänse jagte, und so kann ich ganz zufrieden sein, zumal die Welt rundumher so schön ist, die silberne Welt im goldenen Sonnenscheine, seitdem der Nebelschleier von ihr wich.

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