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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Rauhreif

Die Nebelhexe hielt gestern großen Waschtag. Schon am frühen Nachmittag, als ich unter dem hohen Hange entlang schlich, spürte ich es; die Luft wurde dick und unsichtig und roch schlechter und schlechter.

Um die vierte Stunde mußte ich meinen Weidgang abbrechen. Berg und Tal verschwanden, Weg und Holz waren eins, die Bäume wurden zu Gespenstern, die Büsche zu Kobolden, mir war, als hätte ich keine Augen mehr, und des Kauzes Ruf, den ich so sehr liebe, wurde mir unheimlich. Darum ging ich früh zur Försterei zurück.

Heute hat die Welt ein anderes Gesicht. Die Fichten sind alle zu Weihnachtsbäumen geworden; ihre bereiften Wipfel blinkern in der Morgensonne. Die dürren Blätter der Buchenjugenden und Eichenrauschen haben silberne Pelze angezogen, und sogar das kahle Gezweige der alten Buchen hat sich festlich geschmückt.

Auf tauben Dunst bummele ich dahin, es dem Zufall überlassend, was er mir verehren will. Ich darf ein altes Gelttier abschießen, woran mir aber nicht viel gelegen ist, Sauen außer führenden Bachen, doch die lassen sich bei Tage wenig mehr sehen, seitdem sie mehrfach getrieben sind, und alles Raubzeug, das ich antreffe. Mit dem Marder ist es nichts, weil kein Spurschnee da ist, und da die Füchse wohl kaum schon rennen, so werde ich darauf auch keinen Anblick haben.

Doch was liegt mir an einer Beute an diesem silbergraugoldenen Tage, wo Busch und Baum vor Reif blitzen und die Sonne hell vom hohen Himmel lacht, fröhliches Krähengequarre aus dem Tale kommt und die Luft voll ist von dem Gezwitscher allerlei lustigen Volkes! Sehen will ich und hören, und mit mir ganz alleine sein an diesem wunderschönen Wintertage, der eigens für mich gemacht ist. Holla, da ist schon etwas ganz Liebes und Schönes, ein Dutzend Seidenschwänze, putzwunderlich gekleidete Fastnachtsgecken aus Finnland, die zwischen den roten Hagebutten und blauen Schlehen unter silberweißen Waldrebenschöpfchen sitzen und auf eine Weise zwitschern, die nicht Landesbrauch ist.

Wohin ich sehe, habe ich Anblick mannigfacher Art. Hier rasselt eine schwarze Eichkatze an der Eiche empor; dort fällt ein Flug Dompfaffen auf die Birke ein, daß es aussieht, als wäre sie ein Apfelbaum; hier zieht ein Reh, da stehen zwei Stück Rotwild und flüchten durch das helle Holz. Und rechts und links von der Brandrute haben Sauen gebrochen; überall ist der steinige Boden umgepflügt, sind tote Fichten ausgebrochen, morsche Stümpfe zerfetzt, und Felstrümmer, viermal so dick wie ein Menschenkopf, aus dem beinhart gefrorenen Boden gehoben. Vorgestern schoß ich hier am Kreuzgestell einen Fuchs und warf den Kern neben den Jagenstein; nicht ein einziges Knöchelchen ist davon geblieben. Diese Sauen nahmen den willkommenen Fraß an.

Der weite, breite Hau hier ist so schön, daß ich vor ihm stehen bleiben muß. Daumendick hüllt der Rauhreif die Halme ein, daß sie sich unter der Last biegen und die vom Rotwild zu wunderlichen Puppen verbissenen Jungfichten, die um die alte krummästige Eiche einen Kreis bilden, sehen aus wie lauter weiß gekleidete Mädchen, die sich zum Reigen aufgestellt haben. Und dann zwitschert es und leuchtet und ein Flug Stieglitze, bunt wie ausländische Schmetterlinge, stiebt herbei, fällt auf die mannshohen Disteln ein, zupft an den Köpfen herum, findet sie leer und flattert weiter.

Ich gehe durch Buchenaltholz, in dem die Nußhäher aus Norwegen hin und her fliegen und vertraut dicht vor mir auf dem Boden herumhüpfen, durch die hohe Fichten, die in der Sonne funkeln und flimmern und von dem Gewisper der Goldhähnchen erfüllt sind, durch einen alten Eichenbestand, in dem ein grüner Specht von Stamm zu Stamm schnurrt und von dessen Kronen hundert blanke Tauben fortklatschen, und scheuche schließlich am Rande des großen Windbruches eine Ricke fort, die in die Fichten zurückspringt, während das Kitz nach einigen Fluchten stehen bleibt und dumm hin und her äugt. Einmal mahnt das Altreh und noch einmal, und dann, wie das Junge nicht folgt, stürmt es heran, straft es mit einem derben Schlage der Hinterläufe ab, daß es laut aufklagt, und treibt es vor sich her in die Dickung hinein, daß der Rauhreif nur so herunterprasselt.

Um den Windbruch schleiche ich herum, durch den ein wildes Bächlein kluckert, und drücke mich von Wurfboden zu Wurfboden tretend in ihn hinein, umsichtig hin und her spähend, denn gern brechen die Sauen auch bei Tage hier nach Untermast. Eine ganz Stunde bringe ich auf ihm zu, hier ein wenig passend, dort ein bißchen lauernd, da eine Weile auf einem Stamme kauernd und mich an dem wilden Wirrwarr von Felsblöcken, Stämmen, Wurzelscheiben und Astgetrümmer freuend, das der Sturm vor vier Wochen hier schuf. Aber nur einen Hasen jage ich heraus und einen Sprung Rehe treffe ich an, und stoße schließlich, als ich die Windwüste hinter mir habe und auf das Hauptgestell trete, auf ein ganzes Rudel Wild, das mir lange Hälse entgegenreckt und in hellen Fluchten in die Dickung hineinprescht.

Gellendes, giftiges Hähergekeife ruft mich nach den Klippen hin. Vorsichtig stehle ich mich von Strauch zu Strauch, von Fels zu Busch, und spähe und starre dahin, wo ein Dutzend der bunten Narren mit gesträubten Hauben in der Krone der von einer alten Fichte durchwachsenen Eiche hin und her flattern, und zetern und schimpfen, als sei der böse Feind dort versteckt. Ich denke, sie werden den Kauz da erwischt haben und verhöhnen, aber da kommt es mir so vor, als gelte ihr Gekeife dem Eichkatzenkobel, das in die Drille der Eiche eingekeilt ist, und ich denke: am Ende haben die Strolche einen Marder vor.

Noch etwas dichter pirsche ich mich heran, bis mich einer von den Blauflügeln spitz kriegt, Mordio schreit, und alle miteinander mit dem Schreckgeschrei: »Der Jäger, der Jäägerr, der Jääägerrr!« von dannen zappeln und mir aus sicherer Weite Schimpf und Schande an den Hals wünschen. Und dann trete ich unter den Doppelbaum und sehe, ob nicht die Rute des Nachtschleichers über den Rand des Horstes hängt, kann aber nichts erspähen und schicke darum eine Kugel unter das Nest. Brüllend schmeißt mir die Felswand den Widerhall zu, Borke und Rauhreif regnen mir entgegen, aber kein Marder springt aus dem Nest heraus. Ich lade und schicke eine andere Kugel dahin, denn heute ist Rauhfrost, morgen gibt es Schnee oder Regen und vor Wetterwechsel sitzt der Marder fester als je und da ist er auch schon, hat mit einem Satze die Fichte, gewinnt nach dem eilig hingeworfenen Schrotschusse die nächste Buche und ist schon fast so weit, daß er die Klippe hat, die viel zerrissene, wo er mir verloren wäre, da faßt ihn der dritte Schuß, und in einem silbernen Rauhreifgeriesel schlägt er durch das Gezweige in den Schnee.

Ich atme auf und gehe heran und merke jetzt, daß diese wenigen Augenblicke mein Blut zum Sieden und meine Stirn zum Tropfen brachten, streichle den weichen, dunklen langhaarigen Balg, liebekose mit meinen Blicken die kuhblumengelbe Kehle, die breiten Branten und die buschige Lunte, und finde, daß es mein stärkster Marder ist, und der am besten geschossene, denn ein einziges Hagelkorn traf ihn und schlug ihm mitten durch den edlen Kopf. Fröhlich schlinge ich ihn ein an der Rucksackschleife und schlendere weiter, das Gekeife der Häher mit gleichem Laute erwidernd und mit hellen Augen alle die Pracht des Tages umfassend, die goldene Sonne, den blauen Himmel und den silbernen Rauhreif, den aber am meisten.

Ihm, dem glimmernden, flimmernden, schimmernden Wundergewebe, das Halm und Holz umsponnen hält, habe ich diese köstliche Beute zu danken. Wäre er nicht da, dieses hellen Wintertages Maientraum, niemals hätte ich ohne Wunsch und Willen meinen Waldgang getan, dem unbekannten Ziele entgegen. Mir ist so, als hörte ich hinter mir im fernen Moor die Nebelhexe lustig kichern, und ich schwenke den schäbigen Hut und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes Mädchen, hojoh!

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