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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 61
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Am Langenkampe

Gestern Nacht war es kalt und klar; jeder Stern war an seinem Platze und das Heidkraut starrte von Reif.

Aber nur ein einziger Hirsch meldete sich, ein geringer Hirsch, der Edelknabe von Tillmanns Holze; alle anderen verschwiegen.

Heute früh ist es dunkel und schwül. Ein leiser Wind, feucht wie eine Fieberhand, streichelt mir die Backen. Nach der Regel müßte heute kein Hirsch schreien. Aber alle melden sich. Vom Ahrensloh ertönt der Baß des Zwölfenders, im Langenkampe orgelt der Zehnender, in Tillmanns Holz läßt sich ab und zu der Achtender vernehmen und nun dröhnt es auch von Thiebusche her; da schreit ein guter Hirsch, den ich bisher noch nie hörte.

Wie warm es ist! Ich habe das leichteste Zeug an und dennoch rinnt mir das Wasser über Stirn und Nacken. Und wie die Hirsche schreien! Nicht einen Augenblick ist es still. Ein Hauptbrunfttag ist das heute, trotz der lauen Luft, oder vielleicht gerade deshalb. Rehbrunftwitterung ist das, kein Hirschbrunftwetter. Geradeaus, in nordnordöstlicher Richtung, erhellt ab und zu ein roter Schein den Himmel. Der Wind kommt aus Südsüdwest; also wird es ein Gewitter geben. Immer dicker und diesiger wird die Luft, und immer weicher und wärmer. Unaufhörlich streichen wandernde Drosseln über mich hin; alle paar hundert Schritte steht eine Schnepfe vor mir auf; in den Saubergen balzt ein Hahn; im Bruche trompeten die Kraniche; viel Leben ist heute in der Welt.

Das Wetterleuchten paart sich mit der Morgenröte und in das Schreien der Hirsche mengt sich das ärgerliche Geknurre des Ferngewitters. Aus allen Büschen flattert es heraus; überall pfeifen Drosseln, quäken Bergfinken. Dann und wann streicht eine Schnepfe mit eiligem Flügelschlage über die goldenen Birken und quarrend rudern die Krähen dahin. In der Ferne schreckt ein Altreh lang und anhaltend das Gewitter an.

Ich stehe an der Wegeszwille, an den Stamm der Hängebirke gelehnt, deren leuchtendes Laub im leisen Winde flüstert, und lausche den Hirschen. Alle vier sind fleißig, doch am meisten der Fremdling. Das muß ein alter Kämpe sein; hart und rauh schreit er und zieht dem Platzhirsche vom Langenkampe immer näher, hinter dessen Rudel jetzt auch der geringe Hirsch von Tillmanns Holz herschreit. Plötzlich verschweigt dieser; der Platzhirsch wird ihn weitergebracht haben. Endlich meldet er noch einmal, aber weit weg in der herrschaftlichen Forst; neidisch klingt sein Schreien.

Ich eile dem Langenkampe zu; dort werde ich halben Wind bekommen. Die Sonne tritt hervor; ein Regen von Hirschläusen rieselt auf mich hernieder und bedeckt mir den Nacken. Die Büsche leben von Vögeln; Zippen, Schacker und Schnarren ziehen in losen Verbänden und rundumher quäkt und quiekt und zwitschert es. Wespen, Fliegen, Hummeln und Hornissen summen und brummen, als wäre es Mittsommer. Zeisigflüge lärmen dahin, Dompfaffen locken, ein Täuber ruft im hellen Holze. Ein Laubvogel singt wie im Frühling, hundert wandernde Häher kreischen. Alle Blätter funkeln, alle Halme blitzen im Morgensonnenlichte.

Halt! Ein Hirsch schreit nicht weit von mir. Es ist der fremde Hirsch. Nach der Stimme ist es einer vom zwölften Kopfe, wenn er nicht noch älter ist. Ich laufe, was ich kann, um unter den Wind zu kommen, klatschnaß vor Schweiß lange ich vor der Dickung an, drücke mich hinter eine krause Fuhre und lasse meine Augen über den rauhen Heidberg gehen. Eine blaue Wolke schiebt sich halb vor die Sonne; unaufhörlich blitzt es daraus in die Sonnenstrahlen hinein. Unheimlich sieht sich das an, unheimlich schön. Die Hitze wird immer drückender. Einzelne breite Tropfen klatschen herunter; ein Regenschauer folgt hinterher. Schon ist es vorüber. Die Sonne ist wieder da und drückt das Gewitter fort.

Die Hirsche sind jetzt ganz dicht beieinander und schreien sich böse an. Es knallt laut; sie kämpfen. Ein lautes Trompeten erschallt. Anderthalb hundert Kraniche ziehen hoch dahin; wie der Schwanz eines Papierdrachens sieht die Schar aus. Zwischen den rauhen Fuhren zur rechten Hand bewegt sich ein großer roter Fleck. Der Zehnender vom langen Kampe ist es; der zugereiste Hirsch hat ihn abgeschlagen. Eilig zieht er der Dickung zu. An Schießen ist nicht zu denken; es ist viel zu weit. Ich mache ein gleichgültiges Gesicht; aber in Wirklichkeit bin ich wütend. Am Ende geht es mir so wie vorgestern; da hatte ich auf drei gute Hirsche Anblick und kam nicht einmal zu Schusse.

Welch ein sonniger, wonniger Morgen das ist! Überall singen die Rotkehlchen und die ganze Heide blitzt von auffliegenden Raubkäfern. Ein Küssetag ist es, ein Liebetag, ein Tag, an dem das Herz unter dem Hemde sich dehnt und ein anderes Herz ersehnt, an dem es klopfen möchte. Fahre hin, rosenroter, warmer, weicher Wunsch; ich habe die kalte Waffe in der Hand und gehe auf Mord aus, denn vor mir schreit mein Hirsch! Ich schleiche von einer Fuhre zur anderen, schnell, aber behutsam, um dem Hirsche den Wechsel nach der Porst abzuschneiden. Jetzt müßte er noch einmal schreien! Ich spähe rundum und fahre ein wenig zusammen, denn da ist ein rotbrauner Fleck. Doch es ist ein Stück Kahlwild. Aber das da ist der Hirsch, ein Achtender, den ich noch nie sah, ein ganz starker Hirsch. Unbesonnen streiche ich an und mache krumm. An mir vorüber poltert das Kahlwild.

Der Schweiß bricht mir auf dem ganzen Leibe aus. Traf ich oder schoß ich vorbei? Ich glaube, ich habe Kugelschlag gehört; aber ob der Hirsch zeichnete, das weiß ich nicht. Ich schoß zu hastig, und als ich drückte, sah ich ein Gesicht, schmal, weiß, mit geröteten Wangen, von goldenem Haar umrahmt, zwei blaue Augen blickten mich freundlich an und ein edelgeschnittener Mund lächelte mir zu. »Wer bist du, Vieltausend schöne, Herzallerliebste, Süße? Ich habe dich drei Jahrzehnte gesucht und nie gefunden, mein Sonnenschein, mein Blütenduft, mein Herzensfriede. Warst du, bevor ich lebte? Wirst du sein, bin ich gewesen? Werden wir uns jemals begegnen, hier im kurzen Leben oder drüben in der langen Ewigkeit? Liebten wir uns einst vor vergangenen Zeiten, und sehnen uns immer wieder auf das neue nacheinander? Komm wieder, Goldgeliebte! Lächle mich noch einmal an! Und sprich ein freundliches Wort zu mir, ein einziges! Ich bin so arm und bettle um ein Liebeswort.«

Gleichgültig gehe ich auf den Anschuß. Ich finde lange nichts; endlich sehe ich auf einem roten Fliegenpilze Schnitthaar, und nach einer halben Stunde treffe ich auch Schweiß an, drei hellrote Spritzer auf einem schneeweißen, runden Kiesel. Unachtsam bummele ich zurück, die Büchse über das Kreuz geschlagen, und qualme vor mich hin. Mit müden Augen sehe ich auf alles, was um mich ist, und freue mich über nichts, aber auch über gar nichts. Die schöne Welt ist stumm geworden für mich, und spricht sie zu mir, so redet sie trostlose Worte. Die gelben Moorhalme zischeln spöttisch, die Birken flüstern höhnisch, der Grünspecht lacht mich aus. Ist das langweilig, alles das, wenn man so ganz allein ist mit seinem leeren Herzen und seiner verwaisten Seele, wenn man keinen Menschen hat, dem man in Gedanken alle die große und kleine Pracht zeigen kann, keine liebe Seele, ihr einen Strauß letzter Blumen zu brechen, die Nachblüte des Brahms hier, die verspätete Heide dort, da die drei himmelblauen Glöckchen.

Müde gehe ich dahin und rauche, rauche, rauche. Das ist noch das einzige, was mir blieb, eine gemacht Freude, ein eingebildeter Genuß, ein Gift, an das ich mich gewöhnte, um nicht ganz allein zu sein mit mir in meinen kalten Gedanken und der bitteren Angst. »Ätsch!« ruft es neben mir und ein Markwart flattert über das Gestell. Über mich fliegen Krähen hin und verhöhnen mich und abermals macht der grüne Specht sich über mich lustig. Mit verlorenen Augen sehe ich über die Heide. An dem alten Torfstiche steht ein Kranich. Er humpelt und der eine Flügel schlottert. Irgendein Schießer hat das edle Geflügel um die Zukunft betrogen. Ich nehme die Büchse vom Kreuze, steche, streiche an der krummen Birke an, drücke und das Wasser spritzt auf. Ich gehe hin; da liegt der schöne Vogel in dem häßlichen Gewässer, naß und schmutzig. Mir kommt er wie ein Sinnbild meiner selbst vor. Auch ich humple flügellahm durch die Einsamkeit, und mein Ende wird ähnlich sein, wie das dieses Tieres hier.

In der Jagdhütte sieht der Hund mich mit gemachter Freundlichkeit an. Es ist meiner nicht; ich habe keinen eigenen Hund mehr, schon lange nicht mehr. Was habe ich denn überhaupt noch? Eine verregnete Vergangenheit und eine ausgewinterte Zukunft. Über die einen krächzen Krähen dahin, aus der anderen ruft mir die Eule entgegen. Wie bleiche Abendmotten sind meine Erinnerungen und meine Träume sind gleich grauen Fledermäusen. Ich komme aus einer kahlen Heide und gehe in einen dumpfen Wald. Hinter mir seufzen Geister und vor mir stöhnen Gespenster. Wo ist das Gesicht geblieben, das ich sah, als ich dem Hirsch die Kugel antrug, das süße, sanfte, sonnige, mit den innigen Augen und dem schönen Munde? Ich sehe es nicht mehr, denn der Himmel ist grau. Der hohle Wind summt eine traurige Weise und der Goldammerhahn singt: »Dein Glück ist weit, weit, weit!« Gleichgültig teile ich Brot und Wurst mit dem Hunde. Ich weiß es ja, ich bin ihm nichts, gar nichts, wie ich niemand mehr etwas bin auf der Welt und niemand mir etwas auf Erden ist. Das beste ist Schlafen. Aber es bringt Träume, böse Träume, und wenn es endet, so kommt das Erwachen.

Unmüde schiebe ich mich in den Schlafsack; unfrisch krieche ich wieder heraus. Verdrossen folgt mir der rote Hund; es mißfällt ihm, daß ich, der fremde Mann, ihn an den Schweißriemen nehme. So gehen wir dahin, nur durch den Riemen verbunden und durch weiter nichts, geradeso, wie ich und das lebendige Leben, mit dem mich nichts mehr verknüpft als die lederne Pflicht. Der Himmel ist tief, die Luft dick, das Leben tot. Schüchtern piepsen die Goldhähnchen, ängstlich locken die Rotkehlchen, traurig flötet der Dompfaff; langweilig und trostlos endet dieser bunte, fröhliche Tag, trostlos, wie eine abblühende Liebe. Der schrille Ruf des Raubwürgers paßt vorzüglich zu der verschlafenen Stimmung dieser Stunde und zu meiner eigenen noch besser, in der auch ein bleicher Gedanke mit schrillem Schrei von Zeit zu Zeit ruft. Hier irgendwo muß der Anschuß sein. Ohne Erregung docke ich den Riemen halb ab; vor fünf Jahren flog ich vor Gier am ganzen Leibe, sobald ich den Hund zur Fährte brachte. Matt rufe ich: »Verwund't, mein Hund! Such', verwund't!« Matt legt sich der Hund in die Halsung.

Jetzt bekommt er Leben; er hat gefunden und winselt kurz auf. »Weis' verwund't, mein Hund, verwund't mein Hund, verwund't, verwund't!« Er tupft mit der Nase auf den weißen Kiesel und reißt mich voran. »Verwund't, mein Hund, verwund't!« Es geht in die hohe Heide hinein, daß es knistert und knastert. Ist da nicht Schweiß gefallen? Nein, der rote Kopf einer grauen Flechte ist es. Aber dort? Auch nicht; ein blutroter Flintsteinsplitter ist es. Da aber? Wieder nichts als ein roter Pilz. Doch dort am Grabenbord? Nein, nein, nur die blutrote Blüte des Blutauges. Und hier? Eine Ebereschenbeere. Und drüben? Des Heideckers herbstrote Blättchen. Und das da? Eine halbreife Brombeere. Und dieses? Des Sonnentaues Blattrose. Und jenes? Der Unterflügel einer Schnarrheuschrecke. Und weiterhin? Ein Büschel Kronsbeeren. Und noch weiter? Eine rote Patronenhülse. Und immer wieder nichts, als eine Scheitelfeder vom Schwarzspechte, ein Fetzchen rotes Band, ein Marienkäfer, die Frucht der Moosbeere, spätblühendes Lausekraut, ein Stück Granitgeröll, rot wie Blut. Wohin ich sehe, Blut; Blut, Blut. Ein schlimmer Gedanke meiner grauen Seele wirft überall seinen Schatten hin, der böse, haßerfüllte, klebrige Gedanke an Rache.

Das weiße Mädchenantlitz ist verschwunden und ein anderes sehe ich, ein Männergesicht mit gemeinen Zügen und häßlichen Augen, und mir ist, als arbeite ich die Fährte dieses Mannes mit dem roten Hunde aus. Meine Augen fangen an zu brennen. »Verwund't. verwund't, mein Hund, such', verwund't, mein Hund verwund't, verwund't, verwund't!« Heiser zische ich es durch die trockenen Lippen. »So recht, mein Hund so schön, mein Hund; verwund't, verwund't!« Die Machangeln bleiben zurück, die Krüppelfuhren lassen wir hinter uns, es geht durch nasse Sinken und über die Gräben hinweg, in den Stangenort hinein, durch die gelben Adlerfarne und die grünen Brombeerbüsche, geht weiter, immer weiter bis an die geschlossene Dickung und hinein in sie, mitten hinein. Vor mir taucht ab und zu das häßliche Gesicht auf, furchtverzerrt und mit verängstigten Augen, und ich arbeite es auf kranker Fährte mit dem roten Hund, der gierig hechelt und mich durch dick und dünn reißt. Und ich juche meinen schlimmen Gedanken an: »Verwund't, verwund't, weis' verwund't!« Und ich habe ein böses Lachen um die engen Lippen.

Da liegt der Hirsch! Ach so, es galt nur einem Hirsche. Der Hund zaust ihn, wie seinen liebsten Feind. Er darf das nicht, doch ich lasse ihn gewähren und sehe schadenfroh zu. Und dann, wie ich das blanke Messer in den Hirsch hineingleiten lasse und ihn aufschürfe vom Weidloche bis zur Probierstelle und es rot heraushole und meine Hände rot werden bis zu den Gelenken, und warm und klebrig, und ich das Herz des Hirsches fasse und samt dem Geräusche hervorzwinge und alles da liegen habe, das dunkle Herz und die helle Lunge, böse von der Kugel zerfetzt, da denke ich Gedanken, verboten durch das Gesetz und verfemt durch die Sitte, Gedanken, wie ich sie bisher nicht fand in meiner Seele Gründen, Gedanken, rot, klebrig und zäh, wie die rote, klebrige, zähe Masse, die die Haut meiner Hände zusammenzieht, häßliche Gedanken.

Ich knie an dem Graben nieder, reibe die Hände mit nassem Sande und trockne sie an meiner Jacke ab, bis sie so sind wie vorher. Hier und da, unter den Nägeln und in ihren Betten, bleibt aber noch ein Rest von dem roten Schweiße zurück. Und auf dem Weg zum Forsthause denke ich an das süße, weiße, geliebte Gesicht, das ich in der Frühe sah, und ich wünsche, ich könnte auch meine Seele wieder rein waschen von bösen Gedanken, häßlichen Träumen und bitteren Gelüsten. Und ich rufe mit stummer Stimme: Komm, du goldgeliebte Seele, komm zu mir, reines Gesicht, lächle mich an, gütiger Mund, liebkost mich, ihr stillen Augen, und tröstet mich, ihr ruhigen Hände, daß ich wieder so werde, wie ich war, als ich noch glaubte, die Sonne lüge nicht und der Frühling sei kein Betrüger; komm und hilf mir in meiner Not!

Der Förster steht vor seinem Hause. Keine Miene regt sich in dem braunen, verschlossenen Gesichte. Weil ich so langsam gehe; meint er wohl, dieser Tag sei für mich ebenso ausgelaufen wie die bisherigen. Aber so wie er den schweißgetränkten Fuhrenbruch an meinem Hute sieht, kommt Leben in seine Augen, und wie ich ihm sage, daß es ein fremder Hirsch ist, den ich streckte, lacht er über das ganze Gesicht. Und noch mehr lacht er, wie wir mit dem Arbeiter bei dem Hirsche stehen und ihn auf den Wagen ziehen, lacht ein schadenfrohes Lachen, denn hinter diesem Hirsche ist der Pächter der Nachbarjagd seit dem Sommer schon hergestiegen und den kann er nicht leiden, den Protz. Darum macht er nach dem Abendessen den Tag zum Festtage und holt drei staubige Flaschen aus dem Keller. »Die letzten drei,« sagt er und lacht; »dann hat die Seele Ruh'.« Draußen heult der Kauz. In der Ofenecke schnarchen die drei Hunde. Blutrot glüht der Wein in den Erbgläsern und blaue Tabakswolken ziehen um die grüne Kuppel der alten Messinglampe. Ab und zu nippt auch die Hausfrau an ihrem Glase und bringt mit einem fröhlichen Worte oder einem freundlichen Lächeln Leben in unser Gespräch. Dann aber näht sie wieder weiter und ich sehe auf ihre großen, starken, guten Hände, deren Bewegungen so sicher und so ruhig sind, wie das ganze Wesen dieser schönen Frau, die Vater und Mutter verließ und dem, den sie liebte, in ein dürftiges Leben in der Einsamkeit folgte, auf alles verzichtend, was sie gewöhnt war und was ihr geboten wurde.

Der gute Wein läßt mich alle Motten, Fledermäuse und Eulen meiner Erinnerung vergessen. Ich hole Schnurren und Geschichten hervor; der Förster lacht Tränen und seine Frau hat die Hand auf dem Herzen, so schüttelt es sie. Und dann bitte ich sie, zu singen. Sie lächelt, langt die Laute von dem Hirschgeweih und stimmt das schöne Lied an von dem Jäger und dem Mädchen auf der Heid', ein Lied, keck und innig, schalkhaft und süß, keusch und verliebt. Alle meine bösen Gedanken und häßlichen Erinnerungen verstecken sich im Glase und nicht mehr schleicht leise und verhalten das schlimme Gelüste hinter mir her, wie heute nachmittag, als ich die rote Fährte arbeitete.

Hinter dem Gesichte der Frau sehe ich ein anderes mich anlächelnd, ein goldener Traum wärmt mir das kalte Herz, und rechts und links von meinem Weg liegen keine Schweißtropfen mehr; rosenrote Blumen wachsen dort.

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