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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Unter dem Hange

Drei Tage lang sang der Westwind am Berge sein grämliches Lied. Johlend und heulend, taumelnd und torkelnd kam er von einer wüsten Fastelabendsfeier, wo man Grog trank von reinem Rum. Zwei dicke liederliche Wolken hatten ihn untergehakt, eine graue und eine schwarze. Die hatten ihre schmierigen Schürzen über dem Gürtel zusammengerafft, griffen ab und zu mit den freien Händen hinein und warfen allen Leuten am Wege mit plumper Vertraulichkeit Hagel und Regen, Schlackschnee und Graupeln in die Gesichter.

Jetzt ist sie vorübergezogen, die wüste Kumpanei. Über Uhrenfeld und Hemmendorf torkelte sie und Lauenstein hat da irgendwo im Ith Unterkunft gefunden, um den Rausch zu verschlafen. Ich bin froh, daß sie fort sind. Sie haben mir übel genug mitgespielt. Wo ich ging und stand, waren sie hinter mir her, brüllend, schreiend, lachend. Auf dem Wege durch die Felder warfen sie mir Regen in den Nacken, im hohen Holze schmissen sie mit trockenen Ästen nach mir, am steilen Hange rempelten sie mich an, daß ich mich festhalten mußte an Zweigen und Stämmen.

Jetzt sind sie über alle Berge und die Welt ist noch einmal so schön. Der Ostwind ist gekommen, ein sauberer Bursch von guten Manieren. Der machte die Wege hart, ließ den nassen Schlackschnee erstarren und überzog die Pfützen mit blankem Eis. Er kam aber nicht allein, er brachte die Sonne mit. Die ließ die weißen Felder leuchten, brachte den Schnee oben am Hang zum Schimmern, ließ die überfrorenen Gräben flimmern und warf über die Kronen der Buchen goldenen Glanz und silbernen Schein.

Drei Tage lang war es Herbst, kalter, nasser, häßlicher Herbst. Heute ist ein Frühlingstag, ein erster früher Frühlingstag. Liegt auch Eis auf den Gräben und Schnee im Fallaub, Frühling ist es doch. In der hohen Kaffeebuche am gelben Brink singt ein Buchfink, eine Kohlmeise zwitschert vom Fichtenast und über der Weizenstoppel steigt trillernd die Lerche auf. Und hier, am klingenden Rauschebach, vor einem schwarzen Schlehbusch, blüht voll der Hasel. Hunderte von gelben Bommeln pendeln im Winde und schütten Goldstaub in die Silberwellen. Aus blauer Luft kommt ein heller Schrei. Da kreist ein Bussardpaar. Silbern leuchten die Schwingen bei jeder Wendung. Höher und höher schrauben sich die beiden Räuber, suchend sich und fliehend im Minneflug.

An der Holzkante gehe ich entlang, hinab den Brink, über den Bach, hinauf den Anberg, bis zur Grenze. Dort sehe ich hinunter in die helle Landschaft, auf rote Dörfer, auf das bunte Osterwald drüben am Berge, über weißschimmernde Felder, und sehe hinauf zum weißen, dunkelgestreiften Hang, aus dem graue Felsen drohend hervorragen, wie Räuberburgen.

An den grauen, grünbemoosten Grenzsteinen entlang steige ich bergan im hohen Holz. Still ist es hier. Ab und zu nur klappert ein Wipfel im Wind, knirscht ein Ast, flüstert ein rotbelaubter Zweig. Feierlich ist es im Wald, wie in einem Dom an hohem Festtage. Auf die silbernen Buchensäulen fällt das Sonnenlicht, der braune Teppich am Boden ist festlich weiß bestreut, vom Hange her braust es wie Orgelton, und die Sprengschüsse aus den Steinbrüchen hören sich wie festliche Böllerschüsse an. Plötzlich rascheln alle Zweige nieder, brausen alle Wipfel, klirren alle Äste. Eine Brise fährt über den Wald, eine Wolke legt sich vor die Sonne, grau wird es ringsumher. Aber dann wird es wieder hell und klar.

Langsam bin ich gestiegen, denn der Weg ist steil. Das hohe Holz hat aufgehört, ich stehe unter dem Hang. Rot ist er, kupferrot, hier und da ein weißer Schneefleck darin, oder ein grauer Stein, ein grünlicher Eschenwipfel. Und jetzt, wo die graue Wolke vorüber ist, glüht er auf, leuchtet wie rotes Gold, flammt und loht in der Sonne, und jäh verlischt sein Flammen und tief braunrot liegt er wieder da. Graublau bezieht sich der Himmel. Der Wind ist umgeschlagen und kommt aus Westen. Alles Licht, alle Farbe verfliegt.

So schnell es der steile Weg erlaubt, steige ich bergan. Höher liegt hier oben der Schnee. Rehfährten narben ihn und Hasenspuren, und hier kreuzt ihn des Baummarders Spur. Ganz oben bin ich jetzt auf dem Kamm, von dem man weit in das Tal sehen kann. Aber ein grauer Schleier hängt über der Landschaft. Eben ist Heinsen noch zu erkennen und Deilmissen, aber Eime, Benstorf und Oldendorf sind schon verschwunden, die bleigraue Schneeluft verschluckt sie. Durch rote Buchenjugenden führt der weiße Weg. Ein hohler Wind raschelt in den braunen Blättern und flüstert in den gelben Schmeelen, ängstlich quarrt eine Krähe und wehleidig flötet der Goldfink. Es will wieder Winter werden. Schon fällt die erste, weiße Flocke, langsam und zögernd. Andere folgen ihr, erst einzeln verloren, hier und da auf das harte Laub klingend. Mehr und mehr kommen herab, es raschelt und rieselt überall, und immer dichter und dichter stiebt es aus dem düstern Himmel hernieder, bedeckt den Boden, verhüllt die roten Büsche, hängt sich an die kahlen Stangen. Es ist wieder Winter geworden.

Ganz langsam bummle ich weiter in die weiße Stille hinein, in der gar kein Leben, gar kein Laut ist. Ich denke an die Sommertage, die ich hier verlebte. Da sang und klang es aus jedem Strauch, blühte und duftete es hinter jedem Stein, surrte und burrte es um jeden Stuken, und der rote Bock zog durch das helle Grün von Himbeer und Tollkirsche.

Wo der Hilsweg links abzweigt, suche ich mir den Grenzhaufen als Ruheplatz. Aus dem Pfeifenrauch tauchen alte Bilder auf. Hier im Stangenholz vor mir hatte der Bock seinen Stand, den meine Kugel unten am Feld in den Klee warf. Hier begegnete mir am hellen Mittag der Dachs, dort weiterhin ließ ich im Dampf den Fuchs bergab rollen, den mit dem silbergrauen Balg; weiter links an einem weißen Morgen färbte ein anderer Rotrock den Schnee, und unter dem Felsen mehr oben am Hang schlug ein anderer sein Rad. Aber das war es schließlich doch nicht, was ich am Abhange des Kahnsteins suchte. Viel Besseres fand ich hier: Wildeinsamkeit und Waldruhe, Bergfrieden und Schattenstille.

Ein seltsamer Laut kommt aus der Forst hinter mir, halb ein Stöhnen, halb ein Knirschen, ein Angstschrei, ein Todesruf. Ein Krachen, Splittern und Rauschen folgt ihm, ein dröhnender Fall macht den Schluß. Einer alten Buche Leben ging zugrunde unter Axt und Säge. Das jagt mich weiter, den schrägen Weg hinunter. Mir ist, als sähe ich den Tod durch den Wald gehen, die Deistermütze über den Schädel gezogen, um den Knochenhals den roten Schal, die Lodenjoppe um die Klapperrippen, Schmierstiefel und Manchesterhosen um die Dürrbeine und die Axt in der fleischlosen Faust. Er geht durch den Schnee und läßt keine Spur, und wo sein Blick hinfällt, da zittern die Bäume.

Der Markwart, der Schreihals, scheucht mir das Gespenst weg. Wo der ruft, ist Leben. Da kommt es schon heran. Voran die alte Ricke, dahinter ihre Kitze, und dann der Bock mit dem hohen, rauhen Gehörn. Groß äugen sie mich an und ziehen den Hang hinauf. Lauteres Leben folgt ihnen. Ein Trupp Schwanzmeisen. Lockend, spulend, schnurrend fallen sie von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum, hängen hier, kleben da, purzeln kopfüber kopfunter und verschwinden in der Dickung. Und dann kommt Leben über die Wipfel. Zwanzig schwarze Galgenvögel krächzen hinter dem einen Bussard her, elendes Gesindel, das nur Mut hat, wenn es in hellen Haufen beieinander ist, und das nur im Schimpfen groß ist.

Schräger wird der Weg, steiler fällt der Abhang ab, Felstrümmer liegen zwischen den Stangen. Der Berg wandert hier. Das Wasser nagt an ihm, höhlt ihn aus, zermürbt ihn. Alle die Mulden hier und da sind Todeszeichen. Und rechts und links der laute Donner, das dumpfe Dröhnen, das von Marienhagen und Hemmendorf kommt, Festböller sind es nicht, tödliche Schüsse sind es für den Berg und bei jedem schaudert er zusammen.

Redet mir alles jetzt vom Tode, so will ich auch ein Lied davon singen. Ich setze die hohle Faust an die Mundwinkel und jammernd tönt Lampes Todesklage durch die Waldesstille. Hungriger Krähenruf antwortet ihr, über mir höre ich die Fittiche sausen. Und rechts am Hange poltert es im Schnee. Ein alter Rammler sitzt da und spielohrt.

Ich lache ihn aus, den dummen Kerl. Aber wie ich noch lache, da ist mir, als wenn zur Linken sich auch etwas gerührt hätte. Ich drehe die Augen und sehe auf dem grauen Block, in würdiger Haltung, mit gespitzten Lauschern, Reineke Rotvoß, nach der Gegend hinäugend, wo der Hase den Kegel macht.

Im Knall und Dampf ist er verschwunden. Auf dem grauen Block aber liegt roter Schweiß zwischen den Silberstriemen, die das Blei schlug.

Ich trete an den Absturz. Unten auf der Platte ist wieder Schweiß. In den Spalten steckt er. Das gibt Arbeit für Männe, heut nachmittag.

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