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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 58
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Am Fließe

Die roten Sonnenmale in der Bucht verbleichen; das Reit, eben noch loderndes Gold, wird fahl; das eherne Laub der hohen Stechpalmen funkelt nicht mehr.

Katzenpfoten rennen über den See; der Wind frischt auf und die Wasser des Fließes beginnen zu plätschern. Eine Amsel zetert im Ellerngebüsch, in der Waldhecke ticken die Rotkehlchen, Wasserspitzmäuse schrillen im Fallaube.

Ich rauche meine Pfeife und sehe über den See hin, von dem der Wind das Quieken der Nordlandsenten und das Bellen der Taucher zu mir heranbringt, und sehe nach der Lockente, die vor mir am Kopfe des Fließes gründelt, unbekümmert darum, daß eine Kordel ihr rechtes Ruder fesselt.

Sie ist faul heute. Gestern wurde sie ein über das andere Mal laut und konnte gar nicht genug mit den Fittichen klappen, und so holte ich vier feiste Grünkragen herunter, die sie mir herbeirief. Heute verschweigt sie, und selbst wie ich die hohle Faust vor dem Mund halte und ihr etwas vorquarre, gründelt sie in dem Laichkrautgewirre weiter.

Überall klingeln Enten; meine Bucht aber meiden sie. Sieben, die steil auf mich zuhalten, biegen ab und hasten wieder zurück. Mich können sie nicht eräugt haben, denn ich stehe im Schatten der alten Ellern, und die Schlehen geben mir Rückendeckung. Ich drehe den Kopf nach rechts, wo die Kähne der Stintfischer, Einbäumen der Vorzeit ähnlich, langsam dahingleiten, und zu Rechten, wo die Eiche wie eine seltsame Rune vor dem bunten Himmel steht, und ein Ruck geht durch meine Schultern, denn dort blockt der Seeadler.

Ich mache schon eine Bewegung, um den Rucksack vom Boden zu langen, in dem das Zielrohr steckt; ein leichtes Ding wäre es, das auf den Drilling zu schlagen und den Meerkönig von seinem Throne zu werfen. Aber was hätte ich davon, wo mir die toten Bälge an der Wand ein Greuel sind und die Welt immer ärmer wird an adligem Geflügel? Lebe weiter, Wiking, und wenn du morgen, die Wildgans in den Griffen, mit hellem Weidgeschrei dahinklafterst, herzhaft will ich einstimmen in deinen Jubel und dir ein Horüdhoh zurufen, ein gellendes Hoh Rüd ho do do do nach althannöverscher Art, Weidmannsheil dir wünschend und gut Gejaid.

Drei Fischerboote kommen von links. Der Adler erhebt sein Gefieder und streicht nach mir hin. Eilig schwimmt die Lockente unter die Ellernbüsche. Ich sehe dem Adler nach, der wie ein riesenhafter Schatten dahinrudert, mehr als bequem für den Schrotschuß, und kaum ist er verschwunden, so beginnt es hinter mir zu läuten, erst fein, dann gröber, und über mich hinweg wuchten, der Mitte des Sees zustrebend, zwei Singschwäne. Leicht gäbe ich einem von ihnen oder allen beiden den Tod, aber zuwider ist mir der Schuß auf die Zaubervögel, und der eine einzige, den ich erbeutete, heute noch denke ich ungern an ihn, obschon drei Jahrzehnte darüber hin sind.

Der Nordost hatte mit handtellergroßen, nassen Schneeflocken um sich geworfen und den See angebrüllt, daß er sich vor Angst auf den Strand zu retten suchte. Zwischen Wasser und Land kam ich entlang gestapft, die Igelfellmütze in die Stirne gezogen, den Kragen der Pelzjacke hochgeschlagen, halb blind von den Hieben, die mir der Schlackschnee versetzte, aber den alten einläufigen Vorderlader schußfertig in den nassen, krebsroten Händen. Und als ich hinter den Schlehbüschen vor der Bucht hervortrat, sprang mir das Herz in den Hals, und unbesonnen warf ich den Kolben an das Gesicht und hielt auf den mittelsten der drei Schwäne, die vor mir aufstehen wollten, und dann stand ich zwischen Saum und Schnee und Sprühwasser und langte nach meiner Beute, die der Wogenprall vor meine Knie warf, und etwas wie Angst oder wie Mitleid überschattete den Jubel in mir, als der Schwan, wild mit dem heilen Fittich schlagend und den Hals emporreckend, einen hellen Schrei von sich gab, als riefe er um Hilfe. Seitdem habe ich nie wieder auf einen Schwan geschossen, wenn ich es auch mehr als einmal gekonnt hätte.

Die Sonne hat den Wind mit zu Bette genommen; im Reit ruschelt es nur noch ganz leise und das Fließ strömt still dahin. Vom See kommt das Quieken und Pfeifen der Enten lauter herüber, grob kläffen und bellen die Taucher dazwischen und dann überschallt alle diese Laute das rauhe und rohe Gekrächze der Krähen, die hundertweis zu ihrem Schlafholze streichen. Ich könnte gehen, denn es dunkelt stärker. Aber ich kann das Käuzchen noch erkennen, das auf dem Netzpfahle fußt und lustig ruft, und die Tauchenten, die in langer Kette näher rudern. Und ich sitze bequem auf der Moosbank, die die Hütejungens sich unter der Eller bauten, und ich liebe diese Stunde viel zu sehr, um sie mir zu stehlen, und ich horche so gern auf alles das, was das dürre Reit mir zuflüstert, und der herbe Geruch des verwesenden Schwefelkrautes ist mir ein wahres Labsal, ruft er mir doch die Tage zurück, die lange vergangenen, verlebt an den Seeufern Pommerellens, wo die weißen Seeschwalben fröhlich über der blauen Flut kreischen und nach den Ukleis stoßen, unbekümmert um den Fischaar, der vor ihnen herniederplumpst und, einen silbernen Brassen in den Fängen, seinem Horst zustreicht. Dort warf der Sturm das Schwefelkraut in ganzen Wagenladungen an das Ufer, und die Sonne ließ es gären, daß es weithin stank. Mir aber roch es schöner als Veilchen und Rosen.

In der Wallhecke raschelt es und dann plätschert es in dem Wasser. Eine Ratte wird es sein. Am Himmel bildet sich eine lichte Stelle, vergrößert sich und mit einem Male tritt der Mond hervor, eine helle Bahn über den See ziehend. Es ist mir, als ob die Helligkeit nicht nur die Gestalten der Büsche und Bäume mehr hervorhebt, sondern als verstärke sie auch den Geruch des verwesenden Krautes zu meinen Füßen, und abermals geistert vor mir die Erinnerung umher und beschwört die toten Tage herauf. Ich sehe mich auf der dürren Kiefernheide stehen, in der verschossenen Schilfleinenjacke, den verwitterten Lodenhut auf dem wirren Haare, Schweißtropfen im mageren, braunen Jungensgesichte, und mit leuchtendem Auge nach dem Waldrande spähen, vor dem zwei Blaurackenhähne, funkelnd und schimmernd, sich um die Henne balgen, und sehe mich dann, so wie die drei zwischen den silberweißen und kupferroten Stämmen verschwinden, im Walde untertauchen, in dem sich das Buchenblatt eben entfaltet, so daß es aussieht, als schwebten viele Hunderttausende von lichtgrünen Faltern um die strahlenden Stämme. Und ich stehe und staune über das junge Grün über mir und zu meinen Füßen, über die vielerlei bunten Blumen, und lausche dem Getriller und Geschmetter, das das ganze Tal des Fließes erfüllt, in dessen klarer Flut die Ellritzen und die rosenroten Wasserwurzeln der Ellern spielen, bis sie vor einer alten Forelle sich unter das hohe Ufer flüchten.

Hinter mir in der Wallhecke raschelt es, und es schnauft und es niest, und ein scharfer Geruch sticht mich. Der Ilk jagt da auf Ratten, oder sucht ein Weibchen. Jetzt ist er rechts von mir und nun stöbert er vor mir herum, dort wo der große Hecht liegt, den die Wellen antrieben. Die Lockente drängt vom Land fort; sie hat den Schleicher geäugt. Ich sehe ihm zu, ohne den Dreilauf zu heben; zu putzig sieht es aus, wenn er ein Männchen macht und nach der Ente hinwindet, um dann mit einem Rucke in den Ellern zu verschwinden, denn der Wind trug ihm meine Witterung zu. Ich denke daran, wie stolz ich war, als ich mit zwölf Jahren den ersten Ilk am Kopfe des Fließes jenes Sees im Ostlande schoß, als er wie blödsinnig ein Dutzend Male zwischen den beiden hohlen Kopfweiden hin und her hüpfte und dabei fortwährend nieste. Und dann bin ich wieder als sechzehnjähriger Fant im maigrünen Buchenwalde, und breche den Bock auf, und Maruschka kniet bei mir und sieht mir mit blutdürstigen Augen zu, und rückt immer näher an mich heran, daß es mir eng und heiß um den Hals wird und ich mit einem Male das Messer fallen lasse und das Mädchen umfassen, sie küssen und an ihrem Hals flüstern muß: »Marja, Maruschka!« Und sie lacht und girrt und ihre graublauen, goldbraun geäderten Augen schließen sich bis auf einen schmalen Spalt, und die Finken schlagen und die Drosseln pfeifen, und viele Blumen blühen, weiße, gelbe und zuletzt lauter rosenrote; blaue aber nicht.

Am Kopfe des Fließes plantscht und quatscht es; irgendwelche großen Fische sind es. Glockengeläute ist vor mir; die Schwäne rufen. Heute nachmittag, als ich im Kruge am offenen Feuer saß, den bleichen Flammen zusah, die aus dem Torf hervorzüngelten, und den goldenen Funken, die um den schwarzen Kesselhaken sprangen, und das Warmbier trank, das die blonde Wirtstochter in dem blanken Zinnkruge in die Glut geschoben hatte, und sie mich ansah mit ihren blaugrauen, goldbraun geäderten Augen, fiel mir jener Maienmorgen ein, und jetzt, wo ich in den gelben Mondhimmel starre und auf den blinkenden See, und auf das Flüstern des Reites horche und auf das Quieken und Bellen des unsichtbaren Geflügels, steht ein Winterabend vor mir, ein sternheller, scharfer, an den ich kaum je wieder gedacht hatte. Ich sehe mich unter dem stärksten der beiden hohlen Weidenbäume am Kopfe des Fließes stehen, die Igelfellkappe im Nacken, den Kragen der Pelzjacke emporgeschlagen, in den Fäusten den Zwilling. Vom anderen Ufer des Sees kommt das Kläffen eines Fuchses herüber, die Enten quieken, die Taucher bellen, und hart raschelt das gelbe Reit und ich stehe da, Wut und Ingrimm im Herzen, der Marja wegen, der Maruschka, denn sie sah mich kaum von der Seite an und schäkerte mit dem langen Verwalter. An Mord und Tod dachte ich und an andere Rache, bis ein Pfiff und ein Plantschen mich weckte und die Maruschka und alles, was das Haar geflochten trug, zum Kuckuck waren, denn vor mir auf der Sandbank war etwas Großes, Schwarzes, das auf ein alberne Art fauchte und sich auf die wunderlichste Weise krümmte, und wenn mir auch das Herz bis in den Gewehrlauf hinein schlug, sehr besonnen nahm ich Ziel und schickte den zweiten Schuß in gehörigem Abstand hinter dem anderen her, und dann kniete ich zwischen den Treibeisschollen und streichelte meine Otter, meine erste Otter, und pfiff auf alle Weibsleute und flötete als ich die beiden Wildfischer zum Gutshause schleppte, fröhlich vor mich hin: »Marie, Marie, Maruschka war die ganze Nacht nicht da; Marie, Marie, Maruschka, wer weiß, was heute nacht geschah.«

Aber ich glaube, nun wird es Zeit, daß ich zum Krug gehe. Es gelüstet mich nach Warmbier und Rauchheringen, auf dem Rost über dem Torffeuer gebraten und nach den Liedern, die mir die moije Swaane singen wird, und wozu Jan ten Brink den Endreim mitbrummt. Jan, einst ein Dausenddeuwel und Dollhund, schnell zum Küssen bereit und zum Zuschlagen, kam ihm ein anderer in die Quere, und nun ein Wrack, das am Strande des Lebens in den Sand hineinfault. Aber wenn er das zehnte Glas Grog im Leibe hat, dann wird seine Stimme wieder jung und stramm und alle die Bauern und Fischer nicken mit den Köpfen, legt er los: »Hamburg ist ein schönes Städtchen, weil's so nah am Wasser liegt«, und wenn er losprahlt und erzählt, wie er bei Island dem Walfische den Wurfspeer in den Leib jagte, und gar erst, gibt er die Geschichte zum besten, wie er im fernsten Osten ganz allein dreißig malaiische Matrosen aus einer Spelunke prügelte, »dieweil es ein Mistvolk ist und man dreist gegen ein Hundert von ihnen angehen kann, wohlgemerkt, hat man eine Wand im Rücken, denn die Stinker sind falsch, wie alles, was 'n gelbes Fell haben tut«, dann ist Jan ten Brink wieder der Dausenddeuwel und Dollhund, der er war, ehe ein Schlag seiner Faust ihn auf fünf Jahre hinter eiserne Stangen brachte. »Konnte ich wissen, daß der Mensch einen Kopf hatte, gebrechlich wie ein Hühnerei, Herr? Und es war ja auch man ein Franzmann, und er hätte seine Finger von meinem Mädchen lassen sollen, tja!« Also sprach Jan und trank und alle die Bauern und Fischer lachten, und ich lachte mit, aber nur mit dem Gesichte, denn ich liebe Jan und bedauere ihn, und mein Volk, das seine Wikinger in das Gefängnis schicken muß, weil es seit ewigen Jahren keine Arbeit mehr für Leute ihres Schlage gibt. Das Leben ist langweilig geworden. Die Helden werden in Acht und Aberacht gesteckt und die Jämmerlinge kommen oben auf. Den Hasen schützt man und den Wolf rottet man aus. Und darum lasse ich alles leben, was so ist, wie der alte Fahrensman Jan ten Brink.

Soll ich nun gehen oder soll ich bleiben? Es ist so schön hier und ich habe nachher noch Zeit genug, mir die Füße am Feuer zu wärmen und zuzuhören, wie die schöne Swaane beim Gläserspülen singt: »An der Weichsel gegen Osten steht ein Grenadier auf Posten« und den goldenen Hakenkreuzen zuzusehen, die die Funken um den Kessel ziehen, und die Schatten zu betrachten, die die riesigen Mährenhäupter des Herdrahmens gegen die Wände werfen. Zu schön riecht das morsche Gekraut am Ufer, so seltsam plaudert das Wasser unter dem Stege und heimliche Kunde flüstert das Reit. So stopfe ich mir eine frische Pfeife, lausche dem dünnen Pfiff der ziehenden Drossel, dem Quieken der Enten, und starre auf die schimmernde Flut, bis ein lautes Platschen und Plumpsen mich aus dem Dämmern weckt und meine Augen dahin zwingt, wo ein schwarzes, langes Ding etwas Blankes, Glitzerndes bewältigt. Ganz gelassen hebe ich die Waffe und richte sie, und nachdem ich geschossen habe, trete ich dahin, wo der Otter liegt und daneben ein achtpfündiger Hecht, hänge den einen an den Rucksack und ziehe dem anderen eine Weidenrute durch Kiemenloch und Rachen, und erst als ich im Gehen bin, die Lockente unter dem Arme, merke ich, wie kalt es mir geworden ist, und ich denke an meinen Binsenstuhl vor der Feuerwand, an den glimmenden Torf und das dampfende Bier, und lächele über mich selber, daß mich der Otter nicht mehr freut, als wenn es ein Hase gewesen wäre.

Wie Jan ten Brink komme ich mir vor, der nur noch jung wird, wenn er beim zehnten Glase ist, und sonst weiter nichts sagt als: »Das Leben ist ein Schiet, Herr, eine Hühnerleiter, Herr! Es könnte ganz schön sein, aber das mit dem Altwerden, das macht es einem über, Herr!« Aber heute soll er seine zehn Glas haben, steif wie ein Nordnordost, denn der Otter soll nach Gebühr totgetrunken werden, und den Hecht soll Swaane braten, und dann wollen wir singen, daß das ganze Fleet dröhnt, Jan ten Brink und ich.

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