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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Durch Dick und Dünn

Mit langem Gekreische beantworteten die Eichelhäher den kurzen Knall der Büchse.

Ich sah mit langen Augen hinter den drei Hirschen her, die in den Krüppelkiefern verschwanden, das Moorwasser hinter sich herwerfend und den Frühnebel zerteilend.

Nur kurz war die Pirsch gewesen, aber schweißtreibend und herzaufregend, dieses Anschleichen in dem nassen Birkenwalde, dieses behutsame Springen von Bülte zu Bülte und das ängstliche Vermeiden von Geknick und Gestrüpp. Und dann mußte ich sehr schnell schießen, denn die drei Geweihten verhofften mit einem Ruck, als der Specht mich meldete, und traten hin und her. Es wäre kein Wunder gewesen, hätte ich vorbei geschossen.

Aber mir war so, als hätte ich Kugelschlag gehört und als hätte der Achtender mit dem zurückgesetzten Geweih ganz gut gezeichnet. Allerdings schien es mir, als wäre ich reichlich tief abgekommen, und wenn ich auch eine Stunde lang jede Wollgrasbülte, jeden Heidstengel, alle Porstbüsche und jegliche Pfütze auf Schweiß oder Schnitthaar abgesucht und überall nach dem Ausriß gespäht hatte, es fand sich kein Schußzeichen. Freilich, hier, in diesem hüftenhohen Heidkraut, und zwischen den ebenso langen Moorhalmen und den Porstbüschen genügt die Nachsuche mit Augen nicht.

So ging ich denn zur Jagdbude zurück, aß erst gehörig, rief den Förster an, schlief zwei Stunden und wachte erst auf, als der Grünrock vor der Pritsche stand und sein roter Hund mein Gesicht beschnüffelte. Und jetzt stehen wir da, wo ich heute morgen jeden Heidbusch umkrempelte. Der Förster fragt mit den Augen »Wo ist der Hirsch hin?« und ich antworte ebenso »Da!« Der ernste Mann mit den engen Lippen sieht mich von der Seite an und nickt bedauernd, und das heißt: »Das gibt eine saumäßige Nachsuche!« Ich weiß das. Erst kommt das Porstbruch, dann das Ellernholz, naß und tief, dann die Dickung, eng und dunkel, und schließlich die wilde Wohld, und da ist es schlimm.

Wieder fragt der Förster mit den Augen: »Sie oder ich?« und ich antworte auf dieselbe Weise: »Ich!« Die Nachsuche lasse ich mir nicht nehmen, und wenn ich dabei halb in Fetzen gehe und halb ertrinke. So nehme ich denn den Schweißriemen, docke ihn halb auf und gehe mit dem Hunde auf den Anschuß, ihm zurufend: »Such, verwund't, mein Hund, verwund't, verwund't!« Söllmann hat kaltes Blut; er hat schon viele Suchen gemacht. Er äugt erst mich und dann seinen Herrn an, und als dieser ihm zunickt, wedelt er ein wenig und legt sich in die Halsung. Hin und her sucht er, ganz ruhig und bedächtig, als täte er das mehr mir zu Gefallen, denn aus Freude an der Sache selbst. Das geht eine ganze Weile so, aber jetzt zieht er mächtig voran, wedelt kräftiger und stößt mit der Nase unter einen Porstbusch. »Weis' verwund't, mein Hund!« rufe ich ihm zu, als er weiter drängt, und da stößt er abermals auf dieselbe Stelle und weist mir drei rote Spritzer auf den gelben Birkenblättern. Der Förster und ich knien nieder: »Tiefblatt!« murmelt mein Begleiter, indem er ein Haarbüschel von einem Zweig fortnimmt. Ich ziehe die Mütze fest in die Stirn und docke den Riemen weiter auf, fortgerissen von dem Hunde, der auf einmal lauter Eifer ist. Das Moor quatscht, das Wasser platscht, die Porstbüsche knistern und knastern, Kiefernzweige fegen mir durch den Mund, Birkenruten peitschen mir die Backen, Brombeerranken zerschrammen mir die Hände. Nebensache! Es geht weiter durch dünn und dick, durch hohe Heide, lange Moorhalme, halshohen Porst, unter den Ästen der Schirmtanne durch, an verkrüppelten Kiefern vorüber, mitten durch tiefe Lachen, daß mir das Wasser bis in den Mund spritzt, und jetzt liege ich längelangs auf der Nase, mit den Beinen im Graben, denn ehe ich springen konnte, riß mich der Hund weiter und nahm den Riemen mit. Aber schon ist der Förster in langen Sätzen an mir vorbei, vier Sprünge, er tritt auf den Riemen, faßt ihn, gibt ihn mir in die Hand, und die Suche geht weiter. Drei Rehe poltern vor dem Hund aus der Porst, ein Birkhahn reitet ab, ohne daß der Hund oder ich hinterhersehen.

Aber jetzt, in der Ellernriede, hält er an, zieht dann nach halblinks und weist mir das erste Wundbett. Haar klebt auf dem schwarzen Schmoorboden und dunkelrotbraune Flecke sind sichtbar. »So recht, mein Hund!« lobe ich, liebele ihn ein wenig und fasse den Riemen fester, um den Eifer des Hundes zu hemmen, denn hier ist der Boden trügerisch; bis an den Hals kann ich darin versinken. Doch der Hund hält nicht hinein in den Sumpf, er reißt mich nach links, nach dem große Windbruch vom letzten Jahre her, wo Wurfböden mit tiefen Lachen abwechseln und altes Astwerk mannshohe Bollwerke bildet. »Deuwel auch!« ertönt es hinter mir, denn nun wird die Suche ganz schwierig. Fortwährend schlieft der Hund unter den Wurfböden her, und ein jedes Mal muß ich den Riemen fahren lassen, über das Hindernis springen und den Riemen wieder festtreten und fassen. Der Schweiß läuft mir über Gesicht und Brust, das Herz klopft ungestüm, und der Hinterkopf brummt mir, denn der Büchsenlauf stieß mit ihm bei einem Sprunge zusammen, doch die kurze Frage des Försters, ob er mich ablösen solle, wehre ich mit einem Kopfschütteln ab. Eine ganz kurze Pause, während der Söllmann kaum zu halten ist, mache ich aber doch, als der vermaledeite Windbruch hinter mir ist, und den Schnaps, den mir mein Begleiter gibt, nehme ich dankbar.

So, nun kann es weitergehen! Hier auf dem Kahlschlage ist die Arbeit leicht, und in der blanken Heide noch bequemer. Aber kaum haben wir die erreicht, da biegt der Hund nach der großen Dickung. Alle guten Geister! Jetzt wird die Sache sengerig. Pitsch, patsch, ritsch, ratsch, alle Augenblicke eine Backpfeife von den eng verschränkten Kiefernzweigen, aber eine gepfefferte. Ich kneife die Augen dreiviertel zu, befehle meine Nase meinem Schutzpatron, habe so das Gefühl, daß ich kein Abendbrot brauche, weil ich wer weiß was alles in den Mund bekomme, Kiefernnadeln, alte Spinngewebe und Kiengallen, falle alle naselang in die verteufelten Abzugsgräben, werde zweimal ein Ende geschleift, renne mir einen Jagenpfahl gegen den Leib, wo er am feinfühligsten ist, und muß gleich darauf lachen, denn gerade wie ich über den Graben will, wirft der Hund mich herum, ich falle bis an den Leib in das Wasser, denke noch eben: »Der Mensch denkt, doch Söllmann lenkt!« behalte aber doch den Riemen in der Faust und höre, trotzdem der Hund mich mit sich durch rauschendes Gezweig reißt, den Hirsch vor mir fortpoltern.

In drei langen Sätzen stehe ich am zweiten Wundbett. Der Hund ist kaum zu halten. Seine Augen glühen, lang hängt ihm die Zunge zum Fange heraus. Der Förster hält ihm die Nüstern zu, das wilde Hecheln dämpfend und hinter dem Hirsche herhorchend. Dann kniet er bei dem Wundbette nieder und beantwortet mit seinen Blicken meiner Augen hastige Frage, und das heißt: »Schnallen!« Ich bin sehr froh darüber, denn ich bin mit meinen Kräften fertig. So rufe ich dem Hund zu: »Hu hatz, mein Hund, hu hatz!« und lasse den Riemen fahren. Mit einem heiseren, wütenden Freudenlaut verschwindet Söllmann in der Dickung. Wir beide aber stehen da, lächeln uns ein wenig dumm an, wischen uns die Spinneweben aus den Augen und den Schweiß von der Stirn und nehmen dann jeder einen ganz gefährlichen Hieb aus des Försters Flasche, aber hastig, denn schon sind unsere Ohren da, wo ab und zu der Hals des Hundes herläutet. Aber eine Zigarre stecken wir uns jeder doch an.

Um uns piepen die Goldhähnchen in den Zweigen, über uns locken die Kreuzschnäbel, irgendwo, von der Hetze aufgestört, schreckt ein Reh; wir aber lauschen dahin, wo die Jagd hingeht. Das ernste braune Gesicht des Försters hellt sich plötzlich auf, und etwas wie ein Lächeln geht um seinen Mund, als er mir mit den Augen zuwinkt, und das bedeutet: »Schluß; hat ihn schon!« Ein anderer Ton als der helle, hastige, freudige Hatzlaut klingt zu uns herüber, dumpfer, dunkler, böser Standlaut. »Jagen ölwe!« sagt der Förster und lächelt zuversichtlich, und mir wird es leichter unter der Joppe, denn vorhin hörte es sich an, als ginge die Jagd auf Jagen dreizehn zu, und das liegt hart an der Grenze, und an einer bösen Grenze. Aber Jagen elf ist todsicher, und es ist nicht allzu unbequem hinzugelangen, wenn wir auch drei Dutzend Male über breite Gräben müssen und uns die Stiefel gehörig vollfüllen.

In einer kleinen Viertelstunde sind wir an Ort und Stelle. Schnell wird der Wind geprüft, und dann geht es ihm entgegen, erst über die nasse Heide, dann in das noch nassere Bruch und dann in die Wohld hinein, bald kriechend, bald springend, doch immer so leise wie möglich, bis die Lichtung erreicht ist, die vor zwei Jahren ein Wirbelwind hier riß, und von deren Rande der Standlaut herüberschallt. Ganz behutsam schiebe ich mich von Stamm zu Stamm, von Wacholderbusch zu Wacholderbusch voran, die Augen weit voran schickend, bis ich hinter einer krausen Fichte das Geweih des Hirsches in der Sonne blinken sehe und wieder blinken, denn er versucht den Hund, der, für mich unsichtbar, vor ihm steht, zu forkeln. Noch vorsichtiger pirsche ich nach rechts, und noch viel langsamer, dann voran, und endlich, nach geraumer Zeit, habe ich den Hals des Hirsches frei, ziele bedächtig und lasse fliegen.

Ein giftiger Wutlaut und ein dumpfes Dröhnen folgt dem Schusse, ein böses Knurren und ein heißes Hecheln. Langsam treten wir heran. »Tot, tot!« rufe ich dem Hunde zu, »laß ab, laß ab!« Und dann lieble ich ihn ab. Ein Fichtenreis bricht der Förster, zieht es über den Anschuß, legt es auf seinen Hut, spricht »Weidmannsheil!« und reicht es mir, und ich danke ihm. Dann aber fragen seine Augen listig: »Sie oder ich?« und meine antworten: »Sie!« Da lächelt er, kniet nieder, ich helfe ihm den Hirsch auf die Deck legen und er bricht ihn auf, macht den Hund genossen, bricht die Kusen heraus, und ich sehe zu. Sonst brech ich lieber selber auf, wie sich das gehört. Aber heute verzichte ich dankend. Mir tut jeder Knochen einzeln weh, und mancher doppelt und dreifach.

Heute nacht wache ich, wie die letzte, nicht davon auf, daß in der Jagdbude die Waldmäuse auf mein Gesicht springen.

Schweißarbeit ist Schwitzarbeit und Schwitzarbeit ist Schlafarbeit.

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