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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 53
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Am Abstich

Heute will ich tun, was ich lange nicht tat; auf junge Kricken will ich suchen gehen im weitweiten Bruche.

Mit den Böcken ist hier nicht viel los; die lieben Nachbarn jenseits der holländischen Grenze ströppen jahraus, jahrein, und so sieht es mit dem Rehstande mager aus.

Zudem habe ich den einzigen Bock, der das Weidwerken lohnte, den Alten vom Entenfang, jüngst auf die Decke gebracht, und der gute Sechser, der acht Tage darauf dort zuwechselte, muß für die Nachzucht leben bleiben. So will ich denn auf Kricken suchen gehen.

Der Bauer, die Frau und die Magd lachen mir nach, wie ich vom Hofe gehe. Daß man ohne Kniestiefel im Bruche jagen geht, scheint ihnen eine Art von verschämtem Selbstmordversuch zu sein, denn ich habe ein Paar ehemals piekfeine, jetzt etwas zerrissene braune Halbschuhe an den Füßen, und um die strumpflosen Unterschenkel zum Schutz gegen die scharfen Rohrstengel Streifen von einem alten Sacke als Wickelgamasche gewunden. Die Hosen, ein paar ganz alte, reichen nur bis zum Knie, und den Oberkörper bedeckt ein nur bis zur Hüfte gehendes Jagdhemd.

So werde ich es aushalten in der Prallsonne. Trete ich mir die Füße naß, so lauf ich sie mir wieder trocken und gehen die Schuhe dabei in die Binsen, ich verliere daran nichts. Aber lange Stiefel? Ich danke bestens! Lieber ein sechsstündiges Fußbad in Schuhen, als in den Schweißröhren umherzulaufen! Der Rucksack, ein Stück Fischnetz mit einer Kordel dadurch, drückt mich auch nicht, und die Denkerstirn schützt ein Hut für eine Mark, wie ihn die Mäher bei der Arbeit tragen. So muß man aussehen, jagt man im Bruche.

Langsam, denn Zeit habe ich die schwere Menge, bummele ich los. Der Hund trottet vor mir her. Der alte Widu ist ein schnurriger Bursche. Daß er ein braunes und ein blaues Auge und über jedem einen gelben Fleck hat, also vieräugig ist, das ist das wenigste. Aber seine Rute, seine Rute, die ist einfach zum Schreien, denn sie hat genau in der Mitte einen Knubbel, so dick wie ein mittlerer Apfel, ein Andenken an den üblen Tag, als Widu mit seinem liebsten und einzigen Schwanze zwischen die große Türe kam. In der Farbe ähnelt er der Riesenschlange, indem er dunkelbraun, ockergelb, eisengrau und weiß angestrichen ist und den rechten Hinterlauf schont er ständig, und setzt ihn erst in Bewegung, wenn er zu suchen beginnt »Spare in der Not, so hast du in der Zeit«, wird er denken.

Hinter der Wallhecke kommt etwas angeblänkert; der Gendarm ist es. Er ist noch nicht lange hier und kennt mich nicht. Sehr von oben herab, denn er sitzt hoch zu Rosse, mustert er mich. Er weiß nicht recht, was er aus mir machen soll. »Darf ich den Jagdschein sehen?« fragt er. Und ich reiche ihn ihm hinauf. Er wirft einen Blick darauf, lächelt freundlich und sagt »Danke sehr. Na denn: Hals und Bein!« Und dann sieht er den Hund an, lächelt wieder und trabt weiter. Ja, es würde jeder lachen, sähe er den Hund. So albern, wie eine verdauende Amsel, sitzt er da, die Nase hoch in der Luft, als wollte er sagen: »Was soll der Unsinn? Wir haben doch immer den Jagdschein bei uns!« Glatt zum Wälzen ist das.

Vor dem Bruche dreht er sich halb um und äugt mich an. Das heißt: »Soll ich schon oder soll ich noch nicht?« Ich schüttele den Kopf, und dreiläufig trottet er hinter mir her. Zehn- oder zwanzig- oder dreißigtausend Jungstare brausen über uns hin; Widu hält es für unter seiner Würde, an sie auch nur einen einzigen Blick zu vergeuden. »Pfui Vogel« denkt er. Der Raubwürger flattert quatschend vor uns auf; Widu beachtet ihn nicht. Ein Hase rutscht dicht vor ihm heraus; »Schonzeit!« denkt der Hund. Und immer weiter geht es durch das trockene Bruch, durch den hohen, streng riechenden Porst, an Rohrdickichten vorbei, über heidwüchsige Stellen, an Moorwiesen vorüber, bis wir endlich vor den alten Abstichen sind, wo Jahr für Jahr mehrere Schoofe Kricken auskommen.

Eine wilde Wüstenei ist das hier. Mehr als manneshoch erheben sich die rundlichen, breiten Weidenbüsche auf den Dämmen; Rohr, Pumpkeulen, Risch- und Schwertlilien füllen die Abstiche aus, und wo dieses alles nicht steht, da wuchert Porst. Hier und da reckt eine Krüppelkiefer ihr strubbeliges Haupt empor, oder ein Machangelbusch steht hoffärtig da, oder eine unnahbare Stechpalme, in der Sonne blitzend und glitzernd. Hier brütet allerlei leichtes Volk, Rohrsängerchen, Moorammer, Grasmücke, und mit Vorliebe führt die Birkhenne ihr Gesperre hier, wo sie es sicher vor dem Habicht, dem Gaudiebe, weiß. Ein scharfer Schrei ertönt, und zwei dunkle Vögel mit weißem Schwanzflecke, langgeschnäbelte, spitzflügelige, kreisen über uns, Waldwasserläufer, ein seltenes, seltsames Geflügel, eine Schnepfe, die im Walde lebt und auf Bäumen in verlassenen Drosselnestern brütet.

»So, Widu! Wollen Sie die freundliche Gewogenheit haben?« So muß man nämlich mit ihm reden; sonst stellt er sich taub. Er läßt den rechten Hinterlauf herab und beginnt zu suchen, so lahm, so langsam, als mache es ihm nicht den geringsten Spaß. Doch das stört mich nicht, wir kennen uns. Jetzt steht die Rute auf einmal waagerecht; er hat altes Geläufe gefunden. Schon aber fällt sie matt wieder hinunter; es wird eine Ralle gewesen sein oder ein Sumpfhühnchen. Ich lasse den Hund machen, was er will; er kennt sich hier besser aus als ich, und seiner Nase bin ich sicher. Lahm und langsam, ohne jede unnütze Aufregung, sucht er weiter, sich durch Porst, Weiden und Risch schiebend. Wo es keinen Zweck hat, macht er sich die Füße nicht naß; er umgeht jeden Abstich, bis er unter dem Winde ist, bleibt stehen, holt sich schnuppernd Witterung und sucht weiter.

Hier auf dem Damme fährt er plötzlich zurück und macht ein Gesicht, daß man vor Lachen sich umkrempeln könnte. Die Behänge hat er angezogen, das Rückenhaar gesträubt, vorn ist er ganz hoch, hinten ganz niedrig, und die Rute sieht aus, wie, na, was soll ich sagen: wie ein aus Fleisch, Bein, Haut und Haar bestehender Schreckensruf. Er hat aber auch Grund genug dazu. Vor zwei Jahren lief er zwei Tage lang mit einem Kopfe wie ein Nilpferd umher. Eine Otter hatte ihn gebissen. Und vor ihm liegt eine und bläst ihn an. Ich reiße ihn zurück, springe vor, trete auf den Giftwurm, fasse ihn an das Schwanzende, haue ihn mit dem Kopfe gegen den Flintenkolben und werfe ihn in den Graben. Sehr beifällig wedelt Widu, sieht mich dankbar an und sucht dann in seiner alten stumpfsinnigen Weise weiter an dem Graben entlang, über die Blöße, an den Abstichen vorbei, in den Porst hinein, aus dem Porst heraus, und dann setzt er sich und blickt mich dumm an. Das soll heißen: »Verstehst du das? Ich nicht; wer noch?«

Ja, Widu, das trockene Frühjahr! Daran liegt es. Wasser ist ja hier, aber es ist erst von vorgestern da, von dem Unwetter. Wir müssen weiter, alter Freund. Aber bitte, nicht hier herum, wo der Bruchhof liegt; es könnte sein, daß es dir in den Kopf kommt, bei Minka fründjen zu gehen wie vor zwei Jahren, und ich kann in den Mond kucken, alter Kronensohn! Ja, tu' man nicht so, ich kenne dir. Alter schützt vor Torheit nicht und deine ehrwürdige weiße Schnauze, darauf falle ich nicht hinein. Also bitte, wollen Sie so gut sein und sich halblinks bemühen! Himmel, was er für ein Gesicht zieht! Und jetzt lahmt er wirklich, aber ich lasse mich nicht für einen Bauern kaufen, Verehrter; auch diesen Kniff kenne ich von dir. Also: keine Faulheit vorgeschützt und rin in die Katuffeln! Ja seufze nur; es hilft dir alles nichts. Jetzt wird gesucht und nicht gesungen: »Schöne Minka, ich muß scheiden.« Zum Fründjen hast du heute abend noch Zeit genug.

So langsam hat er noch nie in seinem Leben gesucht, wie jetzt. Und wie er mich ansieht, als ich ihn anjuche, so vorwurfsvoll und bitter. Aber dann sucht er auf einmal mit etwas mehr als Kreisbahngeschwindigkeit, zieht die Behänge hoch; wackelt eifrig mit der verkorksten Rute und plätschert lustig in Wasser und Schlamm umher. Er hat gefunden! Ich passe auf wie ein Schießhund, und lasse kein Auge von dem Hunde, oder, verschwindet er in den hohen Rischbülten, von deren schwankenden Halmen. Da, da steht eine auf. Drauf, aber nein, es ist die Mutter. Mit Angstgeplärre verschwindet sie, kommt mit Warngequarre näher, umkreist uns, fällt hier ein, steht wieder auf und platscht irgendwo in das Wasser. Hallo! Eine Junge. Drauf, vorbei, und abermals, sie fällt! Schon hat Widu sie und bringt sie mir zu! Jetzt ist er ein anderer. Das linke Auge, das blaue, blitzt kalt, das andere, das braune, leuchtet heiß; er hat einen mordlustigen Zug um den scheußlich zurückgestoßenen Unterkiefer, über dem das braunweiße Staupegebiß auf unangenehme Weise bleckt und die Rute saust auf unheimliche Art hin und her.

Ich lade und spanne, schleife die Ente ein, und der Hund sucht weiter. Er sucht nicht viel schneller als zuvor, aber es ist mehr Leben in ihm. Da steht wieder eine auf; rumms, da liegt sie! Und noch eine; bumms, das ging daneben und sie streicht zum nächsten Abstiche. Schnell geladen, schnell gespannt, und weiter durch Porst und Risch, Schlamm und Wasser! Der Hund sucht und sucht in dem Weidicht umher, aber die Enten wollen nicht aufstehen. Hin und her, auf und ab, kreuz und quer geht es. Bis an den Leib bin ich naß, von der Stirne heiß rinnt mir der Schweiß, das Hemd klebt mir auf der Brust und am Rücken und ich bekomme einen Durst und infolgedessen eine sonderbare Fata morgana: ich sehe das Hofbräuhaus in München vor mir und eine ziemlich umfangreiche Schenkin, in jeder Hand fünf schäumende Maßkrüge. Fahre hin, du holder Traum; ich klucke drei Mundvoll kalten Tees hinab. In der Not frißt der Teufel Stubenfliegen!

Widu, etwas weniger langsam voran, daß durch Moor und Mudde ich nachkommen kann! Hund, Rüde, Teebe, bist du denn ganz verrückt geworden? Es ist ja gerade, als ob du Minka auf heißer Fährte arbeitest! Aha, er ist mitten zwischen dem Schoofe und bekommt kein Stück davon, und mir geht es, wie einem Börsenpapierinhaber vor einem Haupttage; denn dies Geruschel und Geraschel und Gepantsche und Geplantsche und Gepladder und Gequadder und Gerispel und Geraspel und dabei diese Siedesengesonne und die dreimal vermaledeiten Blindfliegen, da braucht man eigentlich einen Ersatznervenapparat. Hol's der sogenannte Dieser und Jener! Und dabei kein Stück herauszubekommen von der Bande! Hier schlüpft es, da schlieft es, dort kribbelt, da krabbelt, da pladdert, da flattert es, hier ein Huschen, da ein Fluschen, und immer weiter nischt als nischt! Ach so, nun weiß ich auch, warum und wieso! Das halbe Schoof ist noch unbeflogen. Eben sah ich so ein dürftiges Jungentchen. Widu, daher, daher! Laß, laß! Kein Kindermord!

Dumm schaut er mich an, wie er quietschplietschnaß aus dem Abstiche steigt. »Ente ist doch Ente!« denkt er. Ich weise ihn hinter mich. So, mein Lieber, da unter der krausen Eiche wollen wir uns erst ein wenig lang machen, denn die Wassertreterei ist mir doch etwas in das Knochengerüst gezogen. Ich lehne mich gegen den Stamm und zünde den Mutz an, er steckt die Nase unter sich und entledigt sich seines Bewußtseins mit einer Gewandtheit, die mich mit schwefelgelbem Neide erfüllt, denn ein halbes Dutzend Jahr saß Nacht für Nacht die Schlaflosigkeit vor meinem Bette und sah mich liebreich an, und ab und zu kommt das dumme Frauenzimmer noch ungebeten zu mir. Ich rauche und starre dahin, wo die Turmschwalben schwimmen, und finde, daß die Sonne eine andere Farbe bekommen hat, nicht mehr so klar ist, sondern mehr wie ein beträchtliches Spiegelei aussieht, bin aber zu faul, über die Ursache nachzudenken. So; der Nasenwärmer röchelt immer engbrüstiger. Ich erhebe mich, und sofort ist Widu wach. Er steckt die Nase in die Luft, schnüffelt, und dann sieht er mich an, als wolle er sagen: »Noch weiter suchen? Zweck hat es nicht. Und was keinen Zweck hat, hat keinen Zweck.« Ja, was ist denn los? Ich schnuppere und sehe mir den Himmel an. Der ist zart und grau und durchsichtig, und die Sonne steht rot darin. Auch weht ein anderer Wind, ein stoßweiser, kranker, hüstelnder. Aha, auf die Art! Wir haben Venndampf; irgendwo brennt das Moor. Ja, Widu, dann wird die Sache mulmig, denn bei Brandluft versagt selbst deine Nase. Doch: versuchen können wir es trotzdem; das kostet nichts. Also: sind Sie so freundlich.

Mürrisch steigt er in den großen Abstich, so faul, so lahm, so zögernd, als sei Terpentin darin und kein Tropfen Torfwasser. Aber nachdem er ein Kurzweilchen gesucht hat, kommt Schneid in ihn; hei, wie die Rute wackelt, und wie eilig er es hat, und da sind sie schon: eins, zwei, drei Stücke, und noch eins; eine fällt, und dann noch eine, und im nächsten Abstiche wieder eine, und abermals eine weiterhin, und dann ist es aus: Widu streikt. Ich rede ihm vernünftig zu. Er fügt sich und sucht, aber wie? Ich blicke um mich; die Luft ist ganz grau. Der Wind ist kühl, und es riecht immer mehr nach Brand. Kein Wunder, daß Widu die Nase verloren hat.

Der Klügere gibt nach, denke ich und rufe den Hund ab. »Endlich eingesehen?« So deute ich seinen Blick und lieble ihn ab. Gleichgültig nimmt er es hin und trottet hinter mir her. Beim Bruchhofe sehe ich mich um. Kein Widu da! Ich flöte. Kein Widu kommt. Ach so: Minka!

Unter dickem, grauem Himmel, in dem blutrot die Sonne hängt, gehe ich dem Hofe zu, vor dem der Bauer steht und gen Westen sieht. Da quillt es rußig hinter dem Bruche heraus und qualmt schräg empor. Das ist ein großer, großer Brand; der wird alles Geflügel in meine Jagd treiben, und so wird es morgen noch besser schlumpen mit der Suche auf Kricken.

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