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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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An der Beeke

Der Wind hat mich genarrt. Als ich vor der Sonne aus der Jagdbude trat, zog er von Abend; so machte ich, daß ich nach der hohen Heide hinkam, über die jeden Morgen der älteste und heimlichste Bock vom Klee nach dem Porstmoor hinwechselt.

Als ich aber vor der Heide war, drehte sich der Wind und so nahm der Bock einen anderen Wechsel an. Ich sah ihn in vierfacher Schußweite aus dem Fuhrenstangenort treten, aber da in der Heide so gut wie keine Deckung war, begnügte ich mich mit dem Anblick und sah ihm mit dem Glase nach, bis er außer Sicht war.

Was soll ich aber nun mit dem ganzen Morgen anfangen? Denn es ist nicht viel mehr als fünf Uhr. Ich könnte einen von den beiden anderen guten Böcken weidwerken, die mir hier noch freigegeben sind, und von denen ich bestimmt einen im hellen Holze antreffe; doch einmal mache ich mir aus Böcken, die leicht zu erbeuten sind, gar nichts, und dann habe ich mir auch vorgenommen, den alten Bock zu strecken, ehe ich einem anderen das Maß nehme.

Ich könnte ja nun einen rucksenden Täuber angehen; aber einen habe ich auf diese Art heruntergeholt und das ist mir genug. Der Ansitz auf Kaninchen ist mir auch zu langweilig; so weiß ich wirklich nicht, wie ich den schönen Morgen verbringen soll. Denn es ist ein wunderschöner Morgen. Die Heide schimmert in der Sonne, an allen Halmen hängt der Tau, die Dullerchen singen aus der hohen Luft herunter, überall läuten die Kuckucke und rucksen die Tauben, der Wiedehopf läßt sich fleißig vernehmen, in den hohen Eichen beim Schafkoben flötet der Pfingstvogel, und über der Wohld kreist der Schreiadler und schickt ab und zu einen hellen Weidruf hinab.

Ich schlage den Drilling über den Rückenstrang und bummele die Hauptbahn entlang, die ganz von grünem Brahm eingefaßt ist, der über und über voller goldener Blumen hängt. Unaufhörlich blitzen Sandläufer vor mir auf, und ab und zu funkelt ein Dukatenfalter von einer Habichtskrautblüte zur anderen. Dann und wann raschelt eine Eidechse beiseite und stört die Grillen beim Singen. Das ist alles ganz schön und gut, aber es gelüstet mich nach einem bißchen Weidwerkes. Ich bin sonst gar nicht schießhungrig; doch heute möchte ich eine Pirsche machen auf etwas, das mich reizt, das mir das kühle Blut wärmer macht und mir das Herz zu eiligerem Schlagen bringt.

Gerade messe ich die Fährte des starken Hirsches aus, der heute Nacht quer über die Bahn gezogen ist, und die nagelfrisch im Sande steht, da ruft mich ein Reiher an aus blauer Luft. Ich weiß, was er im Sinne hat und ich weiß, was ich zu tun habe. Tag für Tag besucht der Langhals die Teiche und macht die Forellen dünne. Der Jagdherr hat mich gebeten, dem Freifischer gelegentlich das Handwerk zu legen; doch mir steckt der alte Bock im Sinne und so ließ ich Reiher Reiher sein. Heute morgen habe ich aber nichts Besseres zu tun und will es versuchen, ob ich den Graurock nicht übertölpeln kann. So leicht wird das nicht sein: doch dann lohnte es sich auch nicht. Ich biege in das Quergestell ein und jage ein Dutzend Kaninchen, zwei Hasen und den Gabelbock fort, die sich an dem Wildklee äsen, lasse mich von dem Markwart ausschimpfen und von der Amsel ankeifen, freue mich an den beiden Stück Rotwildbret, die durch die Eichenbesamung ziehen, bleibe überall dort stehen, wo die Sauen gebrochen haben, finde auch die Fährte des heimlichen Hauptschweines, das im vorigen Winter die Treiberwehr durchbrach und seine Schwarte heil mitnahm, und dann stehe ich in Deckung vor dem Bachtale und nehme die Teiche unter das Glas, die in der Sonne blitzen und blinkern.

Schwalben schießen auf und ab, Teichhühner rufen hin und wieder, der Zwergtaucher trillert, ein Turmfalke kichert über seinem Horstbaume, und ein Dutzend Rehe stehen in den bunt blühenden Wiesen. Meinen Reiher aber sehe ich nicht. So schleiche ich denn am Rande des Waldes auf dem Pirschsteige entlang, von jeder Bucht aus die Teiche und den jenseitigen Waldrand, unter dem die Beeke dahinfließt, abspähend. Alles mögliche bekomme ich zu Blick, sogar eine Mutterente, die ihre Brut quer über den Pfad nach den Teichen führt, auch einen Jungfuchs, der ganz harmlos mir entgegenschnürt, bis ihm die Luft meine Witterung zuführt und er mit einer schnellen Flucht in der Fichtendickung verschwindet; den Reiher aber finde ich nicht.

Schon bin ich am vorletzten Teiche, in dem sich alle Augenblicke die Forellen werfen, da blitzt drüben unter dem Walde etwas Silbernes auf. Das muß er sein. Ich nehme das Glas vor den Kopf und suche, bis abermals der weiße Hals emporfährt. Steif wie ein Stock steht der Reiher da und sichert; dann schreitet er weiter in der Beeke entlang, meist von dem Schilf und dem Risch verdeckt. Aber wie komme ich an ihn heran? Zur linken Hand habe ich gar keine Deckung und von der anderen Seite erst, wenn ich einen Umweg von einer halben Stunde mache. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als hinter den Ellern her quer über die Wiesen durch den Staugraben zu waten. Also schnell die Schuhe und die langen Strümpfe ausgezogen und in den Rucksack gestopft, die Kniehosen hoch gezogen und dann hinein in das fußkalte und matschige Vergnügen.

So; das wäre überstanden! Zwar sind die Hosen bis unter die Lenden naß geworden, doch die Sonne wird sie schon wieder trocknen. Jetzt kommt die Hauptsache. Vorläufig kann ich noch im Eilschritt den Pirschsteig entlanggehen, aber nachher heißt es mindestens so vorsichtig zu sein, wie der, den ich haben will. Mitten im eiligen Gange bekomme ich einen Schreck; ich sehe einen Reiher sich jenseits über dem Fichtenwald hinschwingen und mit heiserem Schrei verschwinden. Ist das mein Reiher, dann habe ich umsonst das Fußbad genommen und mir ein durchschwitztes Hemd geholt. Ich laufe nach der drittnächsten Bucht, von der ich einen guten Teil der Beeke übersehen kann, und will mich, da ich lange nichts entdecke, schon selbst auslachen, da zuckt hinter dem blühenden Maidornbusche der weiße Hals empor und ich atme auf.

Und dann lächle ich hinter meinem Glase. Wie viele Reiher habe ich nicht schon geschossen, auf der Pirsch an Fluß und See, an den Flutkuhlen hinter den Sommerdeichen, in aller Frühe auf dem Anstande an den Teichen oder spät abends beim Einschwung vom Schlafbaume herab, habe auch einige Male, wiewohl ungern, an Massenabschüssen von halbbeflogenen Jungreihern teilgenommen, um angeekelt mit krauser Stirn hinterher heimzufahren. Und jetzt habe ich, wie der andere Reiher eben dahinstrich, wahr und gewiß ein schnelles Herz und einen hastigen Atem bekommen, und ich weiß, mir ist der Tag verdorben, bekomme ich diesen alten Burschen da unten nicht. Denn es ist ein ganz alter Reiher mit eisgrauem Rücken, ein Hauptreiher wie er im Buche steht; das weist mir mein scharfes Glas. Ich schleiche darum, als gälte es einem Hirsche vom zwölften Kopfe, Fuß vor Fuß den Steig entlang, ärgere mich, daß der Zaunkönig mich anmeldet und warte geduldig, bis das Altreh an mir vorüber gezogen ist, damit es nicht schreckend abspringt und mir den Reiher am Ende vergrämt, obgleich mir die Ungeduld Stirn und Brust kitzelt.

Auf jedes dürre Blatt, auf jedes Stück Geknick, das am Boden liegt, gebe ich Obacht, denn es darf weder knacken noch knistern, soll ich meinen Willen durchsetzen. Jetzt müßte ich meiner Ansicht nach in der Höhe des Reihers sein. Aber nein; der Blick aus der Bucht zeigt mir, daß es noch hundert Gänge bis dahin sind. Just will ich weiter, da fällt eine Taube über mir ein und äugt zum Bache hinab. Ich muß lauern, bis sie sich getränkt hat; sonst poltert sie laut ab und warnt den Reiher. Es kommt mir vor, als wenn sie eine kleine Ewigkeit sichert, und dann hält sie sich länger an dem Wasser auf, als es üblich ist; endlich schwingt sie sich von dannen und ich kann von der Stelle.

Nun aber: stille, stille, kein Geräusch gemacht! Den Drilling schußfertig in der Hand, jeden Tritt so gesetzt, daß kein Dürrblatt unter die Fußsohle kommt, immer in Deckung geblieben und die Augen nach links, wo die Beeke dahinquirlt! Und jetzt halbe Schritte, noch kleinere, und immer längere Pausen zwischen einem jeden, und immer noch nichts als lichte Birkenstämme, dunkles Ellernlaub, Schilf und Weidicht, und in mir Spannung, gepaart mit Hoffnungslosigkeit, Gier, durch gemachte Gleichgültigkeit gedämpft, und schließlich, hinter dem Weidenbusche, ein silberner Blitz, eisgraue Fittiche, ein schwarzer Brustfleck, ein gelber Schnabel, und Knall und Feuer und nichts mehr als Pulverdampf, die Augen lähmend und die Kehle beißend.

Dann verzieht sich der Qualm, ich wate durch die Beeke und hole mir den Reiher, der mit ausgebreiteten Schwingen regungslos zwischen den Wiesenblumen liegt, gehe wieder zurück, hänge ihn vor der Sandgrube an eine Fuhre, werfe mich unter einen mannshohen vollblühenden Brahmbusch, starre in den hellen Himmel, sehe den weichen Wölkchen nach und denke an alles und gar nichts, bis meine Augen satt vom Blau sind und zwischen den weißen Birkenstämmen sich an der grünen, rosenrot, goldgelb und schneeweiß besternten Wiese erholen, und vor Staunen größer und größer werden. Denn dort kommt ein Reiter auf einem Falben angesprengt; grün ist sein Kleid, mit goldenen Litzen besetzt. Auf dem Stulphandschuh sitzt, braun und weiß gesprenkelt, eine purpurne, mit Gold besetzte und mit Federn ausgezierte Kappe über den Augen, das Federspiel.

Mitten im schlanken Trabe verhält der Reiter das Roß, nimmt dem Falken die Haube ab, wirft ihn empor und jucht ihn mit hellem Kehltone an. Gellend beantwortet der edle Vogel den Ruf und steigt, hastig flatternd auf, daß die goldene Schelle an seinem Griffe lustig klingelt. Ein Horn ertönt, wilde Rufe erschallen, der Boden dröhnt von vielen Hufen, und dann braust die Jagd heran, Ritter und Edelfräulein, schnaubende Rosse, glühende Gesichter, Augen, die alle dahin starren, von wo ein heiserer Ruf erklingt, des Reihers Angstschrei, und ein weicher, des Falken Weidruf. Weiter, weiter geht die Jagd, daß das Bruchwasser spritzt. Da, wo die Beeke den Knick macht, springt ein Reiter zu kurz; das Pferd überschlägt sich, rappelt sich aber wieder auf und rast, den Reiter im Bügel hinter sich, der Jagd nach, bis sich der Bügelriemen in einem Busche verfängt und der Reiter allein zurückbleibt.

Ein Horn erschallt; der Falke schlug den Reiher. Aber nein; auf der Heerstraße bläst der Postillon. Ich bin wieder bei mir und im heutigen Tage, und starre so lange in den Wipfel der Eiche, bis ich darin Gestände an Gestände stehen sehe, sparrig und weiß beschmissen, in jedem Wipfel drei oder vier oder mehr, und auf jedem hocken einige dreiviertel beflogene Jungreiher und spähen nach den Alten aus, ab und zu hungrig gierend. Aber dann donnern Wagen heran und halten, ein Jäger nach dem andern steigt aus, und lachend, schwatzend und qualmend gehen sie der Reihersiedlung zu. Ein Schuß fällt, und noch einer, und nun knallt es in einem fort, und alle Augenblicke prasselt und plumpst es, und ein Jungreiher nach dem anderen schlägt tot oder halbtot zu Boden oder fällt angeschossen in den Horst zurück. Hoch über den Kronen der Eichen kreisen, verzweifelt schreiend, die alten Reiher, und spähen nach ihrer toten oder halbtoten Brut und nach den Menschen, die nach Schinder- und Fillerweise den goldenen Tag entweihen durch feigen Massenmeuchelmord.

Ich stehe auf, klopfe mir den Sand von der Jacke, schultere die Waffe und nehme den Reiher in die eine Hand, mit der anderen die langen, breiten prächtigen Schmuckfedern seines Rückens glättend. Beim dahinschlendern denke ich an dieses und das, an die Zeit, die da war, und an die Zeit, die da ist, an die Tage, da man mit dem Federspiele auf der Faust den Reiher beizte, vor sich die hohe Weidmannslust, hinter sich den Tod. Das war ein ehrlich Spiel, bei dem die Waffen gut und gleich waren. Heute aber rudelt man sich in Horden zusammen und knallt die unbeflogene Brut des edlen Wildfischers vom Horstrande herunter und läßt sie in den Brennesseln verludern als stinkenden Fraß für Käfer und Made, und hinterher, beim Bier tut man noch groß, als habe man eine edle Tat vollbracht.

Und es war doch weiter nichts als Schinderwerk und Fillerarbeit.

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