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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 43
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Die Höltenkammer

Über das Land ging der graue Mann, triefäugig, schlurfenden Schrittes, ächzend und stöhnend. Seines grauen Mantels Fetzen strichen über die Dächer, aus seinen entzündeten Augen flossen Tränen, und Tag und Nacht spielte er auf den Telefondrähten trübselige Lieder. Schließlich weinte er sich zu Tode, und Frost und Sonne lösten ihn ab.

Nun hält es mich nicht mehr in Stadt und Haus. Schneller wie sonst komme ich aus dem Bett und singe und pfeife auch wieder einmal beim Stiefelanziehen. Es sind halt auch die Schmierstiefel; denn wenn ich die Lackschuhe anziehe, dann singe und pfeife ich nie. Auch mein roter Teckel singt und pfeift in allen sieben Tonarten und macht einen Freudenhopser, wie ich den Riemen vom Haken lange.

Stolz schwänzelt er den Weg zum Bahnhof vor mir her, als wollte er allen Hunden erzählen: »Wir gehen auf die Jagd, Herrchen und ich, jawohl!« Und im Jägerabteil ist er mit einem Satz neben mir, beschnüffelte erst lange den Rucksack und überlegt: »Das war der Bock im Moor und das die alte Ricke in der Heide und das war der Has im Stangenort,« und dann rollt er sich auf dem Wettermantel zusammen und schläft.

Auf dem kleinen Bahnhof des kleinen Städtchens haben wir Aufenthalt, viel zu lang für unsere Ungeduld. Aber wir vertreiben uns die Zeit bei einem Riesenbeefsteak, bis endlich, endlich der Zug vorfährt und uns in kurzer Frist weiterbringt. Und dann geht es die hartgefrorene Straße hinab, wo die Forellen in der klaren Aue hin- und herflitzen, und zum Dorf. Dort läßt uns Freund Schulmeister nicht ohne eine Tasse Kaffee und eine Schale Milch fort, aber dann geht es durch das Dorf und zum Walde empor, zu dem blaubraunen Geklumpe des Kahnsteins, aus dem die grauen Felsennasen ernst herabsehen.

Einer von ihnen nicke ich freundlich zu, der da rechts über dem dunkelgrünen Fichtenhorst, die sich scharf von dem braunblauen Gedämmer der Buchen abhebt. Ihr galten meine Gedanken die ganzen grauen Regentage lang, ihr, der Höltenkammer, dem wilden Felsgewirr, der Steintrümmereinsamkeit dort oben, wo Fuchs und Edelmarder und Dachs hausen, wo jedes Jahr der stärkste Bock seinen Stand hat, wo der Wanderfalke raubt, der freie Gesell, wo um Mittsommer die Wichtelmännchen sonderbare Rundtänze aufführen, Glühwurmlampen in den Spinnefingerchen.

Ich habe geladen und den Hund angeleint und trete in den Wald. Dort ist es still und feierlich. In den Fichten piepsen unsichtbare Goldhähnchen, Meisen läuten im Buchengezweig, und dann dröhnt nur ab und zu ein Sprengschuß durch die Waldesstille und einer von der Axt gefällten Buche Krachen durch das Schweigen. Langsam steige ich bergan, an einem Sprung Rehe vorbei, die im Fallaub nach Bucheckern plätzen; ich mache eine Ringeltaube hoch, die den Anschluß nach dem Süden verpaßte, und treibe den Bussard vor mir her, der am Bache auf Waldmäuse lauerte.

Aus dem Altholz trete ich in die Buchenjugenden, aus deren rotem Laube der Waldreben silberweiße Federfrüchte hervorleuchten. Die Dompfaffen locken rund umher, Bergfinken quäken im Stangenort, der Häher meldet mein Kommen an. Durch Tollkirschenstauden, Klettenskelette und Himbeerschossen zieht sich der Pirschweg unter dem Hange her, bald wie eine Laube geschlossen, bald geöffnet, freien Ausblick nach dem Hange bietend und auf die Rehe, die sich hoch oben unter den grauen, wild zerklüfteten Blöcken der Mardersteine äsen.

Dort ragt, sturmverschlissen, blitzzerschmettert, ein alter Buchenüberhälter. Und auf seinem zackigen Stammende hakt ein dicker Klumpen. Ich setzte das Glas an das Auge. Sei mir gegrüßt, Wanderfalk, Treuweidgesell! Brauchst nicht die Schwingen zu lüften zur Flucht. Heilig bist du mir; konnte dich oft herabdonnern, wenn du die Taube schlugst und die Eichkatze schröpftest oder deine Brut atztest, machte aber nie den Finger krumm nach dir. Sah dir lächelnd zu vor einiger Zeit, wie du drüben, als ich zwischen den Klippen kauerte, den Häher unter mir schlugst und zwischen die Trümmer fielst. Dachte nicht daran, dich zu erlegen. Höre zu gern deinen Weidruf, ist mir zu lieb dein Raubflug, möchte dich niemals missen hier am wilden Hange. Weidmannsheil und froh Gejaid!

Vom Pirschsteig führt ein steiler Weg in Schlangenwindungen hangauf durch den raumen Stangenort. Jedes Fleckchen kenne ich hier, jedes hat seine Erinnerung. Hier unter dem grauen Stein warf den Bock die Kugel in das braune Laub, dort blieb der Dachs im Feuer, da rollte der eine Fuchs den Hang hinab, da quäkte ich letzen Winter einen anderen. Will doch sehen, ob Lampes Todesklage noch hilft. Ich setze die hohle Faust an den Mund, jämmerlich schallt das Geschrei durch die Stille. Aber kein Rascheln ertönt im Fallaub, kein spitzer Fang schiebt sich über einen grauen, schwarzbemoosten Felsblock, nur die Häher unter mir plärren wie unsinnig.

Oben auf dem Kamm gibt es auch nichts zu sehen. Rehfährten allein finde ich, aber keines Fuchses Spur im lehmigen Boden und nur alte Losung auf der Steinplatte. In den Buchenjugenden tummeln sich die Meisen, Dompfaffen flöten vor mir her, Krammetsvögel stieben ab und einen Hasen höre ich bergab poltern. Und auf dem alten Windbruch, wo der Fuchs gern bei hellem Wetter maust, ist auch nichts zu finden, als eine alte Ricke. Sie rührt sich nicht vom Fleck und äst sich an den Himbeerspitzen. Endlich tritt sie weiter; seltsam humpelnd ist ihr Gang, und kein Kitz folgt ihr. So ist es das alte Geltreh, das ich neulich vergeblich suchte. Lautlos spanne ich, suche zwischen den toten Wurzeln und den Stangen des Buchenaufschlages das Blatt und lasse fahren. Fort ist sie. Am Anschuß weder Haar noch Schweiß. Und dann lache ich; eine Buchenstange ist halb zerschmettert.

Der Hund läuft mit dummem Gesicht hinter mir, traurig, daß es weder Suche noch Hatz gibt, wütend, daß er am Riemen bleiben muß. Sehnsüchtig gedenkt er der schönen Tage in der Heide, wo es jeden Tag für ihn Arbeit gab. Ich pirsche weiter, immer durch mannshohe, undurchdringliche Buchenjugenden, dann gibt es eine böse Kletterei über eine glatte Felsenrinne, ein vorsichtiges Schleichen den Hang hinauf, wo gewaltige Felsen aus dem stillen Wald starren, und jetzt sind wir an unserem Platz, über der Höltenkammer.

Auf dem äußersten Bord der jäh abfallenden Wand lasse ich mich nieder, hänge die Beine über den Rand, mache dem Hund sein Lager auf dem Wettermantel, decke ihn zu, spanne den Drilling und stecke die Pfeife an. Dann erst sehe ich nach rechts und links und hinab, in dieses Wirrwarr von grauen, wild übereinander gestürzten Felsen, Blöcken und Platten, bedeckt mit Schutt und Moos, überlagert von mächtigen Baumresten, zersplitterten Stämmen, zerknickten Stangen, vermulmten Ästen.

Ganz still ist es unter mir, über mir und zu meinen Seiten. Ich habe Zeit, die saftigen Polster krausen Mooses zu betrachten, die über die Steine hängen, die zierlichen Zwergfarne, die ihre Wedelbüschel aus allen Ritzen strecken, kann mich ruhig über die silbergraue astlose Säule auf der steilsten Klippe freuen, zu der der Sturm die alte Buche umwandelte, und an den goldbraunen Fichtenzapfen, die sich leise an den dunklen Zweigen schaukeln. Waldmäuse huschen ruckweise durch das Fallaub, Spitzmäuse schrillen im modernden Gezweig, der Kreuzschnäbel Locktöne erklingen, und über mich streicht quarrend eine Krähe fort.

Die Sonne ist versunken, in das Tal dort unten zieht die Dämmerung ein. Drüben am Berg glühen die Lichter auf; ich bin zur rechten Stunde gekommen. Da höre ich auch schon Steinschlag links von mir. Vorsichtig drehe ich den Kopf; wie eine Gemse steigt ein starkes Reh die schmale Felsbank herab, unausgesetzt sichernd und witternd. Jetzt steht es unter mir. Ich beuge mich vor und sehe ihm gerade auf den Kopf. Er ist es, der alte Schlauberger, der hier an den drei Grenzen wechselt. Alle Jäger kennen seine Hegezeichen, seine Fährte und seinen Baß, aber schon vor Tau und Tag zieht er wieder in die Hölterkammer.

Der Bock ist fort; lautlos, wie ein Dieb, stahl er sich bergab. Und nun bricht es unter mir wieder; aber ich lasse den Kolben los; ein Hase ist es, ein alter Rammler. Lange sichert auch er, äst sich ein wenig, macht erschrocken eine Flucht, wenn eine Maus raschelt, erstarrt zu einem grauen Pfahl, wie der Häher unten den Bock begrüßt, äst sich, sichert wieder, wie von der königlichen Forst Wagengepolter, rauhe Stimmen und Peitschenknall erschallen, und rückt endlich fort.

Der Kauz ruft in den Fichten und streicht lautlos an meinem Gesicht vorbei. Hinter mir in den Felsen kreischen und quarren die Edelmarder. Unwillkürlich drehe ich den Kopf dahin, obgleich ich weiß, daß die Schleicher jenseits der Grenze sind. Da fällt mein Blick auf den Bügel einer Dohne. Ein Gedanke kommt mir: hilft das Quäken nichts, vielleicht reizt Reineke der Vogelangstruf; der wird ihm schöne Erinnerungen bringen an den Herbst, als er im Sprunge die Drossel aus der Schlinge riß.

Ich nehme die Pfeife aus dem Mund, halte die hohle Faust vor die Lippen und lasse das durchdringende ängstlich schrillende Gezwitscher des gefangenen Vogels ertönen. Sofort streckt der Teckel den braunen Kopf aus den Falten des Mantels und äugt mich fragend an. Ich dampfe langsam weiter und starre in die Schlucht unter mir, in der Stein und Stamm, Strauch und Strunk, Holz und Halm, Moos und Mulm schon in der Dämmerung verschwinden.

Aber nichts rührt sich, nichts zeigt sich. Verschwommener werden alle Umrisse der Dinge unter mir, matter alle Farben. Gellender kreischen die Marder hinter mir, lauter ruft der Kauz im Altholze, und von der Landschaft da unten sind nur noch glimmende Lichter auf schwarzen Klumpen übriggeblieben. Ich lasse die Hoffnung schwinden, wappne mein Herz in Gleichmut und stelle meine Sache auf den morgigen Tag.

Da höre ich ein Rauschen, ein Trappeln im Laub, leise, verstohlen. Wo es war, weiß ich nicht. Meine Augen bohren sich in die Dämmerung, suchen die Felswände rechts und links ab, meine Blicke huschen von Block zu Block, von Spalt zu Spalt. Da war es wieder, links, deutlich hörte ich es. Auch der Hund vernahm es; er kraust die Stirn, zieht die Behänge hoch und äugt starr hinab. Und wieder rauscht es im Laub. Immer gieriger starren meine Augen, immer schärfer spannen sich meine Ohren an, und pfeifend vor Aufregung geht mir der Atem durch den Kehlkopf. Aber rechts und links und unter mir kein spitzer Fang, kein kurzer Lauscher, keine buschige Lunte.

Da hebt der Teckel den Kopf. Zur Linken, an der Mitte der Felswand, auf dem schmalen Band, über das der Bock heranzog, steht er, Reineke Rotvoß und äugt zu mir herüber. Jetzt eine Bewegung des Hundes, und fort ist er, denn ehe ich anbacke, verschwindet er in dem Felsspalt. Ich schiebe die linke Hand vor, decke den Teckel zu und warte atemlos. Endlich rührt sich der lange, rote Streifen, schnürt das Felsband hinab, und wie er gerade unter mir steht, halte ich darauf und mache Dampf.

Im Feuer sah ich eine hohe Flucht, doch der dröhnende Doppelwiderhall in der Schlucht läßt mich nichts vernehmen, und der Pulverdampf macht mich für eine Weile blind. Der Hund steht hochaufgerichtet neben mir, zerrt am Riemen und äugt mich fragend an und winselt leise.

»Ruhig, Battermann, kleiner Kerl. Dahinunter geht kein Weg. Würde uns Hals und Kragen kosten. Erst den Rucksack umgehängt, die Waffe gesichert, den Mantel fortgesteckt, die Pfeife in die Tasche, und dann hier oben entlang, ganz langsam, Schritt um Schritt, an der Kante entlang, durch den Riß auf den Steig. Nicht so eilig. Ja, ich weiß schon, da ist Böckchen heruntergewechselt, da ist Füchschen herabgeschürt; immer hübsch sinnig, sonst machen wir einen Rutscher zwanzig Fuß zwischen die Trümmer. So, jetzt sind wir unten!«

Ist das nicht eine wahre Freude, wie der kleine Kerl vom Anschuß ab auf der Fährte entlangstürmt. Jetzt ein kurzes Halsgeben, da liegt Schweiß, dann nach rechts, ich kann kaum mit, und nun nach links, lang liege ich auf der Nase und nun in die Dickung hinein. Hallo, was war das, da brach vor uns etwas. Der Teckel rast vor Aufregung und gibt hellen Hals. Ich schnalle ihn, denn da hinein kann ich nicht: »Weidmannsheil, Kleiner. Hu faß faß den schlechten Kerl!« Mit giftigem Halse stürmt er fort, und ich wische mir den Schweiß ab. Aber mit einem Ruck habe ich Hut, Drilling, Mantel, Glas und Rucksack auf der Erde liegen, die Joppe fliegt hinterher, und durch Geknick und Steinschotter, zwischen Zweigen und Stangen durchspringe ich die Dickung, denn ich höre den Fuchs giftig keckem und den Hund dreimal klagen.

Aber nun höre ich nichts mehr, und um mich herum ist schwarzgraue Dunkelheit. Doch da, rechts, wo die zwanzig großen Blöcke liegen müssen, da höre ich das wütende Knurren des Kleinen, und jetzt ein freudiges Halsgeben, und das heißt: »Tot, tot, Herrchen, er ist tot, der schlechte Kerl; ich hab' ihn gefaßt, den Stinker!«

Jetzt bin ich bei ihm. Er hat ihn an der Kehle und zerrt ihn, wütend knurrend, nach mir hin. Und will ihn erst gar nicht loslassen, bis ich endlich böse werde. Und dann suche ich meine Sachen und wir steigen bergab und verlassen, beide so müde und beide so froh, die schöne Hölterkammer.

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