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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 42
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Quer durch den Bruch

Den ganzen Abend und die volle Nacht über tanzte der Sturm in dem Bruch umher. Ich glaube, er tanzte die schwedische Quadrille, denn es hörte sich an, als habe er lange Stiefel an und trampele damit wie unklug. Und Grog hatte er anscheinend reichlich im Leibe, sonst hätte er nicht so mächtig in die Hände geklappt und wie ein Scherenschleifer geflötet. Aber einen Schnupfen, den hatte er bestimmt, denn er hustete gewaltig und nieste nach der Schwierigkeit.

Ich wußte es gestern morgen schon; denn als ich aus der Jagdbude trat, knirschte der Reif unter den Sohlen meiner Schuhe, und als die Sonne aufging, war das ganze Bruch silberweiß. Wie ein gut geratenes Spiegelei sah sie aus, als sie über der Wohld stand, und als sie höher stieg, lachte sie über ihr ganzes rundes rotes Gesicht. Aber ihr Lachen war falscher Art; es kündete polternden Nordwest und grobe Regenböen. Um Mittag zogen die Windwolken auf, am Nachmittage fing es an zu wehen, und als ich abends mit der Pfeife auf der Pritsche lag und beim matten Scheine des Tranküsels das wunderbare Buch des Vlamen Charles de Coster über Tyl Ulenspiegel, den kecken Rebellen, las, schrien die Fichten und Eichen draußen erbärmlich, so mißhandelte sie der Sturm, und der Regen klopfte gegen die Blendladen.

Mir war das gerade recht. Es war nicht viel zu machen gewesen in den letzten Tagen. Ein zudringlicher, messerscharfer Ostwind blies Tag und Nacht, machte den Boden hart und das Heidkraut brüchig, so daß jeder Schritt dröhnte und knisterte. Auf fünfhundert Gänge gingen die Rehe flüchtig ab, denn seitdem es einige Male geknallt hatte, waren sie nicht mehr so vertraut wie im Anfang des Nebelung, wo sie bis auf hundert Schritte bequem aushielten. Mit der Pirsche war es also nichts, und das Anstehen war kein Vergnügen bei dem spitzen Wind, der trotz Wollweste und Leinenkittel sich bis in die Rippen bohrte und dort Empfindungen wenig angenehmer Art auslöste. Tot war es im Bruche; alle die Zeisige und Dompfaffen, Meisen und Goldhähnchen steckten in den Dickungen und einzig und allein des Wanderfalken weiße Brust blitze von der weiten Krone des hohen Wahrbaumes, bis ein paar Birkhähne, von mir herausgetreten, über die abgefrorenen Rieselwiesen strichen und der edle Räuber aus Nordland herniederstieß und sich den letzten der beiden Schwarzweißroten langte.

Jeder Mensch, der heute in die Wirtschaft oben im Dorfe kommt, ob Postillon oder Briefträger, Bauer oder Arbeiter, Handelsmann oder Trippelkunde, einer wie der andere wird sagen: »Binnen is 't beeter a's buten!« Die Regenhexe rennt über das Bruch; die zerfetzten Säume ihrer schlampigen Röcke flattern über die braune Heide und die fahlen Wiesen. Alle Stunde treibt die Alte eine ihrer ungezogenen Töchter, die Böen, über das Land, und die sprengt dann eiskaltes Wasser auf Wohld und Bruch, heult und johlt wie albern und tanzt so lange um die Fichten und Fuhren herum, bis die schwindelig werden, längelangs hinschlagen und die Wurzeln in die Luft stecken. Aber ich habe Strümpfe aus Schnuckenwolle an und darüber die langen Stiefel, unter der Joppe die Wollweste und über ihr den Regenkittel, die Überhosen schützen die Beine und der Wolkenschieber Stirn und Nacken, und in den rauhen Wollhandschuhen merken die Hände nichts von der Eisenkälte des Drillings. So kann mir Wind und Regen, mit Verlaub, den Puckel runterrutschen. Ich qualme frohgemut die kurze Pfeife und gehe dem Sturm entgegen dem offenen Bruche zu.

Wie tot liegt es da in seiner braunen Stumpfheit, aus der hier und da die krause Krone einer Fuhre und der spitze Wipfel einer Fichte hervorragt, während ab und zu ein Birkenstamm sichtbar wird. Ein einziger Rohrammer flatterte piepend vor mir auf. Das ist das Leben seit einer Viertelstunde. Aber es ist Leben genug da. So mancher Hase birgt sich in der langen Heide, in den Fichtenhorsten steckt der Fuchs, unter dem Knüppeldamm der Otter; einen zog ich gestern ersoffen samt dem Eisen aus dem Bache. Der Iltis hat hier seinen Bau, der Birkhahn liegt hier, an Enten mangelt es nicht. Aber das Hauptwild ist das Reh. Es braucht nur der Sturm zu Bett zu gehen und die Sonne herunterzulachen, dann sind die Rehe da. Aus allen den undurchdringlichen, brusthohen Porstdickungen treten sie hervor und ziehen über die Wiesen, um sich am letzten frischen Grün der Grabenränder zu äsen. Heute aber ist keins zu sehen. Fest liegen sie im hohen Porst, so fest, daß man ihnen beinahe auf die Köpfe treten kann, daß man sie leicht überpirscht und sie hinter sich abpoltern hört, ohne mehr von ihnen zu Blick zu bekommen als das Aufblitzen der weißen Spiegel und das Auftauchen der Lauscher.

Aber niemals kommt man auch leichter im Porstbruche auf sie zu Schusse, als bei solchem Hundewetter, als bei der Sturmpirsch. Das ist eine Jagdart, die es nur im Porstmoore gibt, und die nur da erlaubt ist, wo man einen so überreichen Rehbestand hat, wie hier. »Es müssen noch fünfundzwanzig bis dreißig Ricken fort!« sagte mir der Pächter; »ich habe viel zu viel Ricken und überhaupt mehr Rehe, als den Bauern paßt. Also macht, was ihr wollt.« Vollmacht nennt man das. Aber der Pächter kennt mich. Er weiß, daß ich keinen Bock um diese Zeit schieße, und wenn er auch noch beide Stangen auf dem Haupte hat, und daß mir eine alte Geltricke mit eselgrauem Gesichte dreimal so lieb ist als ein Mutterreh. Einige davon muß ich auch auf die Decke bringen, schon der Bauern wegen, und es schadet auch weiter nichts, denn es ist hier so viel Weichholzäsung, und an quickem Wasser fehlt es nirgendswo; so kümmert selbst das führungslose Kitz nicht, sondern kommt prick und feist aus dem Winter. Aber gern machte ich den Finger auf eine Ricke, die nicht ledig geht, nicht krumm; es geht mir einmal wider den Strich.

Hier, wo das lange schmale, von Weiden und Erlen durchsetzte Birkengehölz den Anprall des Sturmes mildert, heißt es aufpassen! Hier liegen bestimmt Rehe! Der Porst ist dicht, aber nicht allzuhoch, und zwischen ihm wuchert lange Moorheide, und Risch und Wollgras, warmes, weiches Lager bietend. Ich spanne die Schrotläufe des Drillings und gehe, den Wind im Gesicht, den Hauptwechsel, der die Heide mit den Wiesen verbindet, entlang. Nach hundert Schritten poltert es schon halblinks von mir. Der Kolben fliegt an die Backe, die Laufmündung geht dahin, wo ein weißer Spiegel, und dann noch einer, aufleuchtet. Aber der Drückefinger bleibt vorläufig noch gerade, denn in dem hohen Gestrüpp läßt es sich nicht erkennen, was ich vor mir habe. Jetzt machen die Rehe halt und verhoffen. Dann tritt ein Stück über die Schluppe und bleibt fünfzig Gänge breit vor mir stehen. Ein Gabelbock ist es, ein dreijähriger Bock mindestens; er ist gut bei Leibe und hat noch das volle Gehörn, aber er soll stehenbleiben. Und das andere, das ist eine Ricke mit einem Kitze. Also weiter!

Ich stampfe durch Porst und Heide und halbabgebautes Torfmoor, daß es knistert und knastert. Ein Hase rutscht neben mir heraus, aber ehe ich darauf bin, hat ihn das Buschwerk schon verborgen. Graben auf Graben muß übersprungen werden; der Porst wird niedriger, hört in langer Heide fast ganz auf und nimmt wieder an Länge und Dichtigkeit zu. Ich stampfe weiter, bald tretend, bald von Bülte zu Bülte springend, jetzt durch die Porstbüsche brechend, dann wieder zwischen ihnen einen Wechsel entlanggehend. Der Himmel wird grau, dann schwarz; ein eiskalter Regen sprüht mir in die Augen. Dann bricht die Sonne durch und verschwindet sofort, und ein Graupelschauer klappert herunter. Weiter, weiter, durch Dick und Dünn, denn hier stockt der Porst wie eine Mauer so dicht. Daumendick sind seine Stämme, und die mit rotbraunen Kätzchen dichtbesetzten Zweige streifen mir Kinn und Nase. Hier hat der alte Urbock seinen Hauptstand, den die Bauern den Dammhirsch nennen, weil er mit Vorliebe auf dem Damme spazieren geht, das heißt, immer gerade dann, wenn keine Büchse in der Nähe ist. »Hei kann dat Pulver rüken,« sagen die Bauern. Es muß wohl so sein; der Jagdpächter hat schon von morgens zwei Uhr bis nachmittags zwei Uhr auf dem Hochsitze gesessen, und als er mit einem unchristlichen Worte halb verhungert und vollkommen von den Gnitten zerstochen, abschob, da trat der Bock aus dem Porst und äste sich hundert Schritte von den Bauern, die die Wiese schnitten.

Ich trample hin, ich trample her. Ab und zu höre ich ein Stück brechen, bekomme aber nichts zu sehen. Dann trete ich vier Birkhähne heraus und hole einen herunter. Das ist wenigstens etwas! Und dann stoße ich auf den Jagdaufseher, der mit seinem Hunde hinter einem Fichtenhorste hervorkommt. Jetzt wollen wir zu zweien jagen bei dreihundert Schritt Abstand. Damit wir uns nicht gegenseitig anbleien, steckt sich jeder ein weißes Taschentuch auf der Mütze fest. Das sieht ebenso dumm aus, wie es klug ist. Ein Viertelstunde bin ich schon durch den Porst gestiefelt, da gellt ein schneidender Pfiff zu mir heran. Ich mache halt und sehe nach links. Da blitzt es silberweiß. Drei Rehe kommen in hohen Fluchten an, nein, viere. Das rechte ist eine Ricke mit zwei Kitzen. Die bleibt zwanzig Schritte vor mir stehen und äugt dumm nach dem weißen Lappen auf meinem Kopfe. Dann flieht sie weiter und die Kitze hopsen hinter ihr her. Und dann kommt das vierte Stück angepoltert. Eine alte Geltricke! Sie bleibt auf fünfzig Gänge stehen und äugt zurück. Ich habe schnell auf Kugel gestellt und gestochen, da kommt mir ihr Hals so verdächtig vor. Ich nehme sie in das Glas. Es ist keine Ricke, es ist der uralte Bock. Sein Gehörn hat er nicht mehr bei sich; das liegt in dem verworrenen Ellernbusche, der das halbe Jahr über vor Morast unzugänglich ist. Jetzt hat er mich geäugt und geht in hohen Fluchten ab und ich breche weiter durch das Gewirre.

Hier ist das Wasser über das Wehr gelaufen. Bis unter die Knie muß ich darin herumstapfen. Aber die Krempstiefel gehen bis unter den Leib. Eine Birkhenne poltert heraus, noch eine und eine dritte, ein Bock, der noch eine Stange trägt, rennt mich fast um, als ich von einer hohen Bülte auf die nächste springe, eine Ricke mit zwei Kitzen kommt mir stracks entgegengeflohen; der Jagdaufseher hat sie losgemacht. Ich sehe seine weiße Mützenblende ab und zu aus dem hohen Porst herausblitzen. Jetzt hebt er die große runde Hand und winkt. Ein grauer Kopf taucht ab und zu in dem rotbraunen Porstgewirre auf, und dann kommt ein mächtiger Kasten von Ricke über den Wieseneinschnitt getrollt. Ich habe das Glas am Kopfe und ihr Haupt darin. Das ist sicher eine alte Geltricke; sie hat ein ganz weißes Gesicht. Ich stelle auf Kugel und steche, gehe in Anschlag und warte, bis sie auf sechzig Gänge an mir vorbeitrollt, und pfeife sie an. Sie verhofft einen Augenblick und schlägt dann ein Rad; meine Kugel faßt sie kurz Blatt. Sie rührt keinen Lauf mehr. In demselben Augenblicke, als ich bei ihr bin, knallt es drüben zweimal. Ich sehe sechs Birkhähne nach dem großen Moore zustreichen, dann kommt der Pfiff über die vier Finger von dem Ellernhorst. Der Jagdaufseher steht da und hält zwei Dinger hoch in die Luft. Ich nehme das Glas: in der linken hält er einen Birkhahn und in der rechten, wahrhaftig, einen Fuchs.

Das ist Doppelschuß, wie er nur vorkommt bei der Sturmpirsch.

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