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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 41
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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In der wilden Wohld

Wo die Feldmark des Dorfes aufhört, kommt erst das Bruch, und dann die Heide, und dann das Moor und zuallerletzt die wilde Wohld.

Das ist ein Wald, wie ihn der Wind säete, wie ihn die Drossel pflanzte und das Rotkehlchen, der Häher und die Eichkatze; der da wuchs, wie er wollte.

Zwei Stunden hin und her ist er groß. Ein einziger Fahrweg durchschneidet ihn der Länge nach, und einer teilt ihn in die Quere. Alles andere ist Dickung, hier hoch, da niedrig, bald naß, bald trocken, aber überall gleicherweise wild und unwegsam.

Hier und da führt ein vergraster Knüppeldamm in das Dickicht oder ein schon wieder halb geschlossener Holzweg, auf dem die Bauern die Stämme abfuhren, die der Sturm umschmiß, als er einmal schlechter Laune war. Alles andere aber, was wie Wege aussieht, sind Wildwechsel.

Denn sie ist reich an jagdbaren Getier und Raubzeug, die Wohld. Zwar ist es schon mehr als vierzig Jahre her, daß der Wolf sich dort blicken ließ; aber noch immer hat der edle Hirsch hier seinen Unterstand, noch immer stecken sich dort die Sauen, an Rehen ist kein Mangel, Hasen gibt es dort auch, Fuchs, Marder und Dachs spüren sich jeden Morgen auf den sandigen Wegestellen und ab und zu auch der Otter, wenn er seinen Wechsel zwischen dem Flusse und den Fischteichen nimmt, die da hinten in der Heide liegen.

Aber es ist ein schlechtes Weidwerken in der Wohld. Seitdem die Bauern nicht mehr mit der Bracke jagen, lohnt die Jagd dort nicht die Mühe. Müde vom weiten Wege, hungrig und halb verdurstet, ganz zerstochen von den Mücken, den Gnitten und den blinden Fliegen, kommen die Jäger in später Nacht mit leerem Rucksack zum Dorfkruge zurück, schimpfen mordsmäßig, essen wie die Wölfe, trinken mehr Bier, als gut ist, und ehe sie ins Bett fallen, salben sie sich die feuerroten Stellen mit den seltsamen schwarzen Punkten darin, die sie beim Ausziehen an Arm und Bein, Brust und Bauch vorfinden, mit Öl ein; aber noch eine volle Woche lang juckt es dort, wo die ekelhaften Tiere, die Holzböcke, sich eingesaugt hatten.

So blieb die Wohld mir. Sie ist mir so, wie sie ist, gerade recht. Die Mücken und die Gnitten sind mir gleichgültig; sie stachen mich dreißig Sommer lang; ich fühle ihre Stiche kaum mehr. Gegen die blinden Fliegen ist die Pfeife gut, und für die Holzböcke Öl. Die weiten Wege kümmern mich nicht, denn dafür habe ich einmal das Rad, und dann ist ja auch die Jagdbude da. Es ist zwar bloß eine Hütte aus rohen Kiefernstämmen, mit Heidschollen gedeckt und mit einer Tür, durch deren Ritzen Sonne und Mond scheinen, und der Wind weiß sich auch hineinzufinden, aber wenn ich meine sechs bis acht Stunden gepirscht oder angestanden habe, dann kann die Sonne soviel scheinen, wie sie will, und der Mond auch; ich werde davon nicht wach. Gegen den Wind aber hilft der Schlafsack, und meint er es zu grob, dann schläft mein Hund bei mir; wir wärmen uns gegenseitig und schnarchen im Doppelklang gegen den Wind an.

Heute nacht hat der Wind nicht schlecht gepfiffen; es war schon mehr eine Art Sturm. Ich glaube sogar, es hat einmal gewittert, und geregnet muß es ganz gehörig haben, denn vor der Tür steht noch das blanke Wasser, und das Torffeuer auf dem Herde ist aus, obzwar ich es gestern nacht frisch gespeist und gut zugedeckt hatte, trotzdem daß ich beinahe über meine eigenen Beine fiel und so müde war, daß ich nüchtern schlafen ging. Denn ich war in der allerletzten Ecke der Jagd gewesen, da, wo das Brandmoor und das Bullenbruch zusammenstoßen, wo die Welt ein Ende hat und kein Mensch die Jagdgrenze in der hüftenhohen Heide findet. So wurde es beinahe Mitternacht, als ich bei der Bude war, und darum hatte mich der Sturm nicht wecken können und das Unwetter auch nicht. Mein Magen wird es wohl gewesen sein, der so hart bellte, daß ich davon aufwachte, denn den Hund hatte ich ja bei dem Krüger gelassen, der Mücken und Stechfliegen wegen, und weil im Bruche zu viele Kreuzottern sind. So schlief ich bis in den hellichten Tag hinein, denn es ist jetzt sieben Uhr. Der Himmel ist blau, die Sonne meint es schon so gut, daß ich mit dem Jagdhemde und der dünnsten Kniehose allein auskomme. Je weniger man auf dem Leibe hat, um so leichter pirscht es sich, vorzüglich hier in der weglosen Wohld, wo der Boden überall mit Geknick bestreut ist. Während ich den verwitterten Hut aufsetze, ein Dutzend Bananen, ein Stück Brot und eine gebratene Wildtaube in den Frühstücksbeutel stopfe und diesen in den Netzrucksack stecke, hierzu die Teeflasche und den Tabaksbeutel, mir dann die fußlosen Kniestrümpfe überziehe und in die ausgetretenen Segeltuchschuhe fahre, überlege ich, wo ich weidwerken soll. Die Aussichten sind überall gleich gut, in der Schweineriede, am Bullenbruch, vor dem Brandmoor, bei der Furt, im Deipeloh und auf dem Bockshorn, und gleich schlecht. Denn nach einem mittleren Bocke gelüstet es mich nicht; ich will einen von den ganz alten Burschen mit den weißen Gesichtern haben, die einem den Rücken mürbe machen, muß man sie eine Stunde weit schleppen. Aber man muß es schon ganz dumm anfangen, will man auf so einen Schusse kommen, denn sie halten nie Wort und haben keinen festen Wechsel. Sie sind nie da, wo man sie sucht, und immer dort, wo man sie nicht vermutet, zumal diese Zeit, wo sie die Liebe im Leibe haben. Aber mit dem Anblatten ist hier in dieser Wildnis erst recht nichts zu wollen, denn die alten Böcke holen sich immer erst Wind. Deswegen werde ich es so machen, wie gewöhnlich, werde in die Kreuz und Quere durch die Wohld kriechen, je nachdem alte Holzwege und Wildwechsel da sind, und mich auf weiter nichts einrichten als auf den dummen Zufall. Kriege ich einen, so ist es gut, und geht es anders aus, so ist das auch weiter nicht schlimm, denn ich bleibe ja noch zwei volle Wochen hier.

Der Jagdbude gegenüber führt ein grüner Streifen in das Wirrwarr von Fichten, Birken, Kiefern, Eichen und Ellern. Es war einmal ein Knüppeldamm, der vor zehn Jahren hier angelegt wurde, als der Sturm viele Hunderte von Bäumen umgeworfen hatte. Ich bummele ganz langsam durch das nasse Gras und den Waldklee, womit der Weg überzogen ist. Rechts und links und vor mir kurren die Kuhtauben, schnurren die Turteln, locken Fink und Meise. Auf die roten, weißen und grauen Stämme, auf den braunen Erdboden, das silberne Moos und die grünen Farne wirft die Sonne goldene Lichter, macht aus dem toten Gezweige der Fichten ein schimmerndes Geflecht und aus den Fliegen und Mücken lauter Diamanten. Vor mir her jagt eine Edeljungfer; kleegrün und vergißmeinnichtblau ist ihr schlanker Leib gefärbt. Ich sehe ihr nach, wie sie hin und her schwenkt, und drücke mich dann schnell hinter einen Stamm, denn keine fünfzig Schritte vor mir stelzt der Schwarzstorch an dem Graben entlang, der adelige Vogel. Jetzt, wo er aus dem Halbschatten in die volle Sonne tritt, zeigt er seine ganze Pracht, der stolze, heimliche, menschenscheue Waldstorch, wie rote Flammen leuchten der Schnabel und die hohen Ständer, wie frischer Schnee schimmert der weiße Bauch, und das erzfarbene Obergefieder sprüht das Sonnenlicht in goldgrünen und kupferroten Strahlen zurück. So wunderschön sieht er aus, daß ich das Rauchen vergesse und mich frage, wie es möglich ist, daß es Jäger gibt, die es über das Herz bringen können, so viel Pracht und Herrlichkeit zu vernichten. Jetzt, wo er bei den weißseidenen Rispen der Spierstaude und den goldenen Trauben des Weiderichs angelangt ist, die sich in dem Kolke spiegeln, langt er in das Gekraut und holt ein dickes, schwarzes Ding hervor, schleudert es gegen den Boden, hackt hastig darauf los, äugt nach rechts und links und schlingt die Beute hinab, die fette, dicke Wühlratte. Dann aber wird sein Hals ganz lang und steif, und starr sichert er nach dem Windbruch hinüber, pirscht aber gleich weiter, denn nur ein Reh ist es, das aus der Dickung heraustritt. Wieder wird sein Hals wie ein Pfahl, denn er hat mich eräugt. Er spreizt die gewaltigen Schwingen, macht drei weite Sätze und schwingt sich in das Dunkel der Fichten hinein. Auch das Reh, das da herumtritt, sichert zu mir herüber, äst dann aber weiter; es ist eine Schmalricke. Aber hinter ihm, in den Himbeeren, steht ein Bock, ein Bock von drei bis vier Jahren, den ich jeden Tag schießen kann, aber leben lassen will. Einen ganz alten will ich haben. Die Rehe sind vorübergezogen, ich schleiche weiter. Immer wilder wird es um mich her. Dreimannshoher Wacholder graue Totengerippe schimmern gespenstisch, Silbermoospolster gleißen seltsam, verrottete Wurfböden strecken unheimliche Wurzeln in die Luft. Immer dichter rücken die Bäume aneinander, immer enger verschränkt sich das Gesträuch, immer feuchter und weicher wird der Erdboden. Getreulich hat er jede Rehfährte festgehalten, und hier weist er mir, daß ein starker Hirsch über Nacht durchzog; alle vier Finger könnte ich in den Abdruck der Schalen hineinlegen. Aber ich stehe da, wie immer an dieser Stelle, und horche auf die große Stille. Zwar rufen die Tauben, läutet der Kuckuck, trillern die Haubenmeisen, aber Stille ist doch um mich her, eine Stille des Schattens, des Moders und der Verwesung. Mir ist, als hörte ich den Atem des Todes, der hier irgendwo liegt und schläft. Kein Sonnenstrahl fällt durch das Gezweige, kein heller Schein liegt auf einem der düsteren Stämme, keine lustige Stimme ist hier unten in dem verstohlenen Schweigen, in das der heisere Ruf des Reihers, der ungesehen von mir über die Wohld dahinfliegt, wie ein Angstgeschrei hineinfällt. Mich fröstelt. Mir fällt ein Abend ein, an dem ich hier einst zwei Stunden hinter einem Wurfboden lag, die gestochene Büchse am Kopfe, denn hundert Gänge vor mir zwischen zwei alten Kiefern lag, mit dem Gewehr im Anschlag, in guter Deckung ein Mann, der sich das Gesicht schwarz gemacht hatte. So lagen wir, bis der Abend Baum und Boden zusammenschmolz, und erst als es ganz schwarz war, hörte ich den Freischützen sich abstehlen.

Angst war es damals nicht, was ich in mir fühlte, nur Wut, denn tags zuvor hatte mein Teckel den Aufbruch einer hochbeschlagenen Ricke aufgefunden. Heute aber fröstelt mich, denke ich an jenen Abend. Wie leicht konnte es kommen, und Kugel und Posten flogen hin und her, und ich hätte eine blutrote Erinnerung gehabt, oder die Sauen hätten mich gefressen, und über meine Knochen wüchsen Moos und Kraut, wie auf dem Schädel des alten Tieres, das hier verluderte. Ich fand es vor drei Jahren; ein Wilddieb hatte es angeflickt, und es war elend eingegangen. So gespenstig sieht der grünliche Schädel aus, als wäre es einer von den dreizehn schwedischen Soldaten, die im Dreißigjährigen Kriege hier von den Bauern abgeschossen und eingegraben wurden, weswegen dieser Ort noch heute der Schwedenanger heißt und der Bach die Blutbeeke, denn sein Wasser sieht in der Sonne wie Blut aus. Hier stand einst ein Dorf, das in jenem Kriege in Rauch aufging; bei der Furt wälzt der Bach immer noch Ziegelsteinbrocken, unter Moos und Mulm liegen Mauerschutt und Balkenwerk, und um die Mitternacht gehen hier die toten Soldaten um und fluchen und rufen, und hinterher schallt das laute Lachen der Bauern. Ich fahre zusammen und lache mich dann selber aus; ein Bock schreckte halbrechts von mir in der Dickung. Aber ich will doch weiterpirschen.

Hier an der Furt ist es freundlicher. Zwar sieht der Bach zwischen den hohen, dunkel bemoosten Ufern unheimlich genug aus, die Wacholder stehen da wie böse Männer, und die alte Eiche verrenkt ihre Äste, als wollte sie von dannen; doch weiter unten, an dem Steg, winken die weißen Rispen des Mädelsüß und des Weiderichs goldene Trauben, flattert auch ein gelber Falter und schwirren goldgrüne Wasserjungfern im hellen Sonnenlicht hin und wieder, bis ein schriller Schrei ertönt, ein blanker Blitz über das Wasser fährt und Tod und Verderben unter das leichtsinnige Völkchen bringt. Der Eisvogel ist es; er hängt drüben auf der Ranke des Nachtschattens, wie ein Kleinod aus Türkisen, Saphieren und Karfunkeln anzusehen. Und dann ist mir, als ob ich träume, denn den Bach entlang kommt ein funkelndes Ding nach dem anderen heran, widergespiegelt von der blutroten Flut, umflattert den Nachtschattenbusch mit spitzem Gekreische und bleibt dort hängen. Zehn schimmernde Edelsteine hasten jetzt dort, die beiden alten Eisvögel und ihre flügge Brut. Jedesmal, wenn einer der Alten eine Libelle fängt oder eine Ellritze aus dem Bache fischt, stiebt ihm die bunte Schar entgegen, und die Luft und das Wasser sind erfüllt von dem Funkeln und Flimmern ihres Gefieders. Doch da streichen die alten Vögel bachaufwärts und ihnen nach stiebt mit hungrigem Kreischen das junge Volk. Mir aber ist zumute, als wäre ich im Märchenlande gewesen, und ich muß mich erst besinnen, wo ich bin, ehe ich weiterpirsche.

Jenseits des Steges, auf dem, wie immer, des Edelmarders Losung liegt, bleibt es eine ganze Weile licht und räum denn dort fängt der große Wildbruch an. Alle Fichten und Kiefern warf der Sturm hier in einer einzigen Nacht im Julmonde um; die Birken, Eichen und Ellern aber ließ er stehen. Noch ragen die Wurfböden der Bäume hier in die Luft, mit Himbeeren, Farnen und Weidenröschen bewachsen, vom Moose besponnen, von Flechten überzogen. Hier und da machen sich Wacholderbüsche breit und drängen den Faulbaum und den Porst beiseite. Hinter dem höchsten von ihnen steht eine Eiche, bis unten hin beastet; darin habe ich mir einen Sitz gemacht, von dem ich weiten Blick habe. Leise erklettere ich ihn, mache es mir darauf bequem und lasse meine Augen hin und her gehen, zum Boden hin, wo sich die Spitzmäuse jagen, in die Baumkronen, wo die Häher umherschlüpfen, zum Himmel, wo ein Wespenbussard laut rufend seine Kreise zieht, bis Himmel, Zweige und Gras ineinanderschwimmen und Fliegengesumme und Meisegepiepe zusammenklingen in eine einzige, einschläfernde Singweise und meine Augen immer kleiner werden. Doch mit einem Male besinnen sie sich wieder auf sich selber, denn linkerhand brach es leise. Aber es ist nichts zu sehen. Dann bricht es lauter und an mehr als einer Stelle, und es grunzt und quiekt, und eine alte Bache, ein halbes Dutzend Frischlinge hinter sich, tritt auf die Blöße, nimmt lange Wind und führt ihre Jungen der Dickung zu.

Eine halbe Stunde lang bleibt es tot auf der Rodung, nur daß einmal der Hühnerhabicht herangestrichen kommt, auf einem Wurfboden fußt und so lange lauert, bis eine Eichkatze über den Boden hüpft, die er greift und fortträgt. Dann treibt ein Kuckuck laut rufend eins seiner Weiber von Baum zu Baum, der Pfingstvogel flötet so dicht vor mir, daß ich seine rubinfarbenen Augen sehen kann, und verschwindet, wie ein goldener Traum. Darauf erschien eine Häherschule, quietscht und quatscht und quiekt und quakt und benimmt sich bald frech, bald ängstlich, nun albern und jetzt gespreizt, bis sie mit gellendem Kreischen davonflattert. Da schicke ich meine Augen auf die Suche und horche, bis ich ein leises Brechen höre. Lange weiß ich nicht, wo es brach, bis der Misteldrossel Geschnarre es mir weist, und da macht mein Herz erst einen großen Sprung, dann duckt es sich und schämt sich, denn nicht der alte Bock ist der große rote Fleck dort vor dem spitzen Wacholderbusch, sondern ein Rottier, und was hinter ihm herzieht, ist das Kalb. Das alte Tier windet und windet und tritt schnell wieder zurück; wahrscheinlich hat die Luft ihm meine Witterung zugeführt, denn der Sitz im Baum ist für Rotwild nicht hoch genug. Nun ist wieder nichts vor mir als das Flirren der Wasserjungfern, das Flattern der Weißlinge und das Auf- und Abblitzen der Schwebfliegen, und über mir das Summen der Bienen, die in den Birken Honigtau sammeln, und ab und zu der leise Pfiff des Blutfinken oder das laute Auflachen des Grünspechtes.

Wenn ich noch länger sitzen bleibe, schlafe ich ein und falle samt der Büchse aus dem Baume. Darum will ich machen, daß ich weiterkomme. Kaum habe ich die Büchse gesichert, da kreischt es hinter meinem Rücken, bricht es, poltert es, und ehe ich noch recht weiß, was da vorgeht, flüchtet unmittelbar unter meiner Eiche ein guter Bock hin, dicht hinter ihm ein Hauptbock, einer von denen, die ich haben möchte. Das ging aber so schnell, daß die wilde Jagd längst vorüber war, als ich den Kolben im Gesicht hatte. Aber nun will ich doch noch eine Stunde zugeben; vielleicht kommt der alte Raufbold auf dem Rückwechsel hier vorbei. Ich stopfe mir eine Pfeife, rauche und warte, die gespannte Büchse in den Händen, warte eine Viertelstunde, eine halbe, eine ganze, bekomme aber weiter nichts zu Blicke als ein Geltreh mit ganz weißem Gesicht, ein paar Kuhtauben, einen Buntspecht und allerlei Kleinvögel. Das wird mir auf die Dauer zu langweilig, mir werden mit der Zeit wieder die Augen schmal, auch schläft mir das linke Bein ein; so steige ich denn herab, recke und strecke mich und winde mich die Rodung entlang der Richtung zu, wo die beiden Böcke verschwanden. Das ist ein dummes Gehen hier; bald ist der Boden zu naß, daß er unter den Füßen quatscht, bald liegt alles voll von dürren Zweigen, dann ist überhaupt weder Weg noch Steg da, so dicht wuchert der Porst, und nun wieder stehen die jungen Fichten so eng, daß ich, ohne großen Lärm zu machen, nicht weiterkann. So dauert es eine halbe Stunde, ehe ich vor dem großen Kahlschlage bin.

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und die Spinnweben aus dem Gesicht, nehme den Rucksack vom Rücken und lange die Flasche heraus, um einen Schluck Tee zu trinken, denn ich bin ganz trocken im Halse, da vernehme ich ein merkwürdiges Krächzen und sehe über das purpurne Bollwerk, das die Weidenröschen vor mir aufbauten, etwas Großes, Buntes, himmelblau und goldgrün Schimmerndes dahinschweben und in den Hängebirken verschwinden. Vor lauter Freude habe ich Herzklopfen bekommen, denn das war die Blauracke, der Wundervogel, von dem ich glaubte, er sei hier längst verschwunden. Den will ich mir aber etwas genauer ansehen, und so schleiche ich im Bogen unter Deckung den Birken zu, doch ehe ich nahe genug bin, krächzt es abermals, und eine zweite, dritte und vierte Racke funkelt über das purpurrote Blumenbeet, nimmt die vierte mit, alle zusammen blitzen noch einmal auf und sind dahin. Ich sehe ihnen noch mit offenem Munde und blanken Augen nach, doch ist mir so, als winke mir rechterhand jemand zu, und wie ich meine Augen dahinbringe, steht dort der alte Bock und äugt hin und her; das Gekreische der Zaubervögel hat ihm verkündet, daß die Luft nach Schießpulver riecht.

Wenn ich jetzt hier einen Baum hätte, so hätte ich auch den Bock, denn ein Stück von seinem Blatte geben die Himbeerbüsche frei. Aber ich habe keinen Baum hier, und den Schuß aus der freien Hand darf ich nicht wagen, da es gute hundertfünfzig Gänge bis zu dem Bocke sind; halb spitz steht er zu all dem Unglück auch, und jetzt äugt er steif nach mir her, so daß ich die Augen zukneifen muß und mich nicht rücken und rühren darf, zumal der Wind nicht allzu günstig ist, wie mein Pfeifenrauch mir angibt. Nun muß ich eben stehenbleiben, mir die Sonne in die Augen scheinen lassen und warten, bis der Bock sich entweder weiteräst, oder bis er abspringt. Es ist selbstverständlich, daß ein halbes Dutzend von blinden Fliegen die gute Gelegenheit benutzt und mir ins Gesicht fällt, auch kommen einige Hirschläuse angeflogen und krabbeln mir im Nackenhaar herum, und schließlich, nachdem mir erst eine Viehbremse die Ohren vollgesummt hat, muß noch eine der allergrößten Hornissen angebrummt kommen, sich mir erst auf den Ärmel und dann auf die Brust setzen, bis sie endlich einsieht, daß ich kein alter Baum bin, an dem sie Baustoff für ihr Nest findet. Und ich stehe da wie Lots Weib, schwitze Blut und Wasser und denke nichts als grünes Gift und gelbe Galle, denn drüben steht der Bock, äugt nach mir herüber, und je länger ich hinsehe, um so mehr kommt es mir vor, als grinse er über sein ganzes weißes Gesicht. Wenn böse Blicke Löcher rissen, läge er längst im Moose und schlüge mit den Läufen.

Endlich wage ich wieder einmal ordentlich Luft zu holen, denn mein Gegenüber senkt das Haupt, um ein Gräschen zu pflücken. Aber ehe ich dazukomme, in mich selbst hineinzusinken, steht der Bock schon wieder da und äugt nach mir hin. Das macht er dann noch ein dutzendmal, und erst nach mehr als einer Viertelstunde ist er beruhigt und beginnt eine junge Kiefer zu befegen, daß sie wankt und wackelt. Und da werde ich so kurz, wie das Himbeergestrüpp vor mir, krieche hinter den Weidenröschen nach den drei Birken hin, verschnaufe dort erst, entsichere die Büchse und lasse den Stecher einspringen, und dann richte ich mich auf und mache ein langes Gesicht, denn ich sehe von dem Bocke nur den Spiegel, dieweil er sich währenddem um sich selber gedreht hat. Aber er fegt immer noch an dem Kiefernbäumchen herum, so daß eine Amsel, die über ihm in der Fichte sitzt, ihrem Ärger über den Unfug durch lautes Schnalzen Luft macht. Dabei fällt mir ein alter Kniff ein, ich lasse den Drosselangstruf erschrillen. Im Hui hat der Bock den Kopf hoch und äugt zu mir herüber, dabei das Blatt hergebend, und da habe ich auch schon das Silberkorn mitten darin, mache den Finger krumm und lache vor mich hin, denn eine hohe Flucht sah ich durch das Feuer und hörte zugleich, wie die Kugel schlug.

Ich merke mir das Bäumchen, an dem der Bock die Kugel bekam, genau, denn es stehen mehrere ihm ähnliche da herum, und alle sind gefegt, und dann werfe ich mich in die Heidelbeeren und halte Mittag, wobei ich nicht vergesse, den Ameisen die Taubenknochen gerade auf den Wechsel zu legen. Gierig fallen sie darüber her, doch die Bananenhülsen, die ich daneben lege, sind ihnen so neu, daß sie davor zurückprallen. Endlich wagt sich eine daran, betastet sie vorsichtig mit den Fühlern und rennt zurück; ein Weilchen nachher kommen viele Ameisen an, gehen erst sehr vorsichtig zu Werke, ehe sie sich dicht herantrauen, denn so etwas haben sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gerochen. Schließlich fressen sie aber so eifrig, daß sie sogar die blinden Fliegen, die ich totdrücke und ihnen hinwerfe, liegen lassen, denn sie sind auf den Geschmack gekommen. Ich füttere noch einen Ameisenlöwen mit halbtoten Mücken, necke eine Eidechse, die sich auf einem Birkenstumpfe sonnt, mit einem Grashalme, bis sie wütend hineinbeißt und sich hin und her zerren läßt, sehe einer großen Schlupfwespe zu, die ein Kiefernstämmchen anbohrt, beobachte eine Mordwespe, die eine Eulenraupe mit ihrem Giftstachel lähmt und fortschleppt, mache eine kupferfarbige Libelle, die sich in einem Kreuzspinnennetze fing, frei, freue mich über eine halbwüchsige Kreuzkröte, die hurtig hinter den Mücken her ist, mache eine Spitzmaushochzeit mit, entdecke in der Fährte eines Hirsches einen niedlichen versteinerten Meerigel, fange schließlich noch eine goldhaarige Renntierbremse, die ich für einen Freund, der solches Geziefer erforscht, in ein Glasröhrchen stecke, und dann gehe ich auf den Anschuß.

Der ist leicht zu finden. Hier ist der Baum, wo der Bock fegte, da neben den Ranken des Bärentraubenpolsters ist der Ausriß, den er machte, als er die Kugel bekam, dort auf dem Ampferblatt ist Schweiß, und in dem schwarzen Moose hängt rotes Schnitthaar. Alles ist da, bloß der Bock nicht. Er kann hier dicht dabei liegen, aber auch da oder dort, und ich finde ihn vielleicht, kann aber auch wohl bis in die Nacht suchen, ohne ihn zu bekommen, denn es ist der reine Zufall, soll ich seiner in dieser Wüstenei von Himbeeren, Pfeifengras, Weidenröschen, Heide, Binsen, Sandrohr, Brombeeren, Birkenbüschen und anderem Jungwuchs sichtig werden. Da bleibt weiter nichts übrig, als nach der Röte zu gehen und von dort nach dem Dorfe zu radeln und den Hund zu holen. Ein Vergnügen ist das gerade nicht, denn die Sonne brennt ganz gefährlich. Aber was hilft das? Ich schlage die Büsche über das Kreuz und stapfe wacker los, laut dabei flötend, wie immer, wenn ich ohne böse Absichten durch die Jagd gehe, und die habe ich nicht. Selbst wenn mir noch einer von den alten Böcken schußgerecht käme, täte ich ihm nichts; erst will ich den hier haben, denn so gehört sich das. So wanke ich denn auf dem kürzesten Wege durch Dick und Dünn, bekomme auf dem Fahrwege noch einen mäßigen Hirsch zu sehen und lange klatschnaß vor Schwitzen bei der Hütte an, hole mein Rad aus dem Busche und bin trotz des scheußlichen Weges in einer halben Stunde bei dem Kruge, wo mein Teckel mit totfalschem Gesichte vor der Tür liegt, aber nicht schlecht zu Pfeifen anfängt, als er das Piepen meines Sattels vernimmt. Beinahe hätte er mich samt dem Rade umgeworfen, so freut er sich, und als ich ihn an dem roten Flecke an meinem rechten Zeigefinger schnüffeln lasse, schlägt er einen solchen Lärm und benimmt sich so albern, daß die drei Flachsköpfe auf der Bank hell auflachen müssen.

Es dauert ihm viel zu lange, bis ich mein Glas Himbeersaft aus habe; er versteht es gar nicht, wie man so ruhig dasitzen und trinken kann, wenn es gilt, eine rote Fährte auszuarbeiten, und in dem Blick, mit dem er mich ansieht, liegt die schüchterne Frage, ob ich mir vielleicht unterwegs einen kleine Sonnenstich weggeholt habe. Aber sowie ich in den Sattel springe, macht er ein Getöse, daß alle Hunde im Dorfe loslegen, und saust vor mir her, daß die Hühner gar nicht wissen, wie sie schnell genug durch die Hecken kommen sollen. Beim Moorwege springe ich ab und stecke den Hund in den schweißdichten Rucksack, den ich aus dem Kruge mitnahm, hänge den Rucksack über, steige wieder auf und radle weiter. Der Teckel kennt das; er legt seine Schnauze auf meine linke Schulter und leckt mir ab und zu das Ohr. Die Bauern, die mit ihren Torfwagen uns begegnen, lachen hellauf, als wir beide so daherkommen, und die hübschen jungen Mädchen sehen mich ordentlich verliebt an, denn wer ihnen etwas zum Lachen gibt, das ist ein Mann nach ihrem Herzen. Auch ich lache, aber ich schwitze greulich, denn die Sonne sticht, und der Hund wärmt mir den Rücken nicht schlecht, so daß ich heilfroh bin, als wir bei der Bude sind und ich den Hund los werde.

Er läßt kein Auge von mir, während ich das Rad in den Busch schiebe und mir dann Stirn und Nacken trockne, aber seine Augen leuchten, wie ich den Schweißriemen herkriege, und willig läßt er sich anleinen. Habe ich ihn in unserem Stadtwalde an der Leine, dann ist er immer vorneweg und zieht fortwährend; sowie er aber den Schweißriemen an der Halsung hat, bleibt er brav hinter mir und kümmert sich sogar um die frischeste Fährte nicht, die unseren Weg kreuzt. Sogar jetzt, wo er die Ricke äugt, die über die Bahn wechselt, ruckt er kaum ein bißchen an, und selbst die frische Fuchslosung hier auf dem Findelstein läßt ihn kalt, denn er weiß, was das bedeutet, wenn ihm die Dockung des Schweißriemens über die Nase hin und her pendelt. Hübsch artig tappelt er die ganze Stunde hinter mir her, und nur, wie ein einzelner Bauer aus dem Quergestelle auf uns zukommt, tritt er vor mich hin und knurrt, bis der Mann an mit vorüber ist, denn nach seiner Meinung hat hier in der Wohld außer mir und ihm selber niemand weiter etwas zu suchen. Keinen Menschen, dessen Witterung er nicht kennt, läßt er im Wald und auf der Heide auf zehn Schritte an mich herankommen, ohne ihm gegen die Beine zu fahren; auf der Landstraße und in der Feldmark aber nimmt er es nicht so genau, denn es ist ihm bewußt, daß da noch andere Leute freies Gehen haben.

Jetzt sind wir an dem großen Kahlschlag. Ich hänge den Schweißriemen ab und schlinge ihn an. Mächtig legt sich der Hund in die Halsung, aber das ist doch nichts gegen die Wut, mit der er mich voranzieht, sobald er den Anschuß anfällt und Schweiß vorweist. Durch Dick und Dünn und Dorn und Distel geht es, daß die Stengel knistern und die Strünke krachen, Brombeeren reißen mir die Hände blutig, Birkenzweige peitschen mir Striemen in die Backen, und hätte ich den Hut nicht im Rucksack, ich sähe ihn nie wieder, und das wäre ein Jammer, denn ich trage ihn erst das erste Jahr, und von einem Jagdhute heißt es wie vom Käse: Je älter, desto schöner! Ist das eine wilde Jagd: da geht ein Hase hin, hier poltert Birkwild fort, das da eben schien ein Reh zu sein, und da sind wir wahrhaftig über eine Kreuzotter hingetobt, ohne daß sie Zeit hatte, zuzubeißen! Eine ersäufte Katze ist nichts gegen mich, so naß bin ich, und wer mich hier so sieht, der glaubt es wahrhaftig nicht, daß ich auch manchmal den Frack anziehe, wenn auch nur in Notfällen. Wupp, das war ein Graben, und hopp, noch einer, und hier geht es mitten durch das blanke Wasser, das vom gestrigen Nachtregen stehen blieb, und nun haben wir ihn aber auch, den Bock; hier zwischen den vier Krüppelfichten liegt er! Ohne den Hund hätte ich ihn wohl nie gefunden, so versteckt liegt er.

Mensch, das war aber ein Vergnügen! Du natürlich hättest lieber eine flotte Hatz gehabt! Aber mir ist es so lieber. Ich höre es gar nicht gern, wenn der Bock klagt, ziehst du ihn an der Drossel nieder. Tot, tot! Dahin! Du kriegst schon dein Jägerrecht. Da, das ist die Milz! Magst du nicht, sagst du. Kann ich dir nicht verdenken. Aber hier ist das schöne Nierenfett und die zerschossene Lungenspitze, und diese Wildbretfetzen und das Netz, wie ist es damit? Nicht wahr, das schmeckt? Und morgen gibt es am Spieße gebratene Leber, ein herrschaftliches Essen! Himmel, ist der Bock schwer! Der wiegt seine dreiundvierzig Pfund. Mir wäre es lieber, er wöge zehn weniger und hätte etwas Besseres zwischen den Lauschern als diese beinahe endlosen, kurzen, ungeperlten Jammerstangen mit den abscheulichen scharfen Schneiden oben darauf, wenigstens eine, denn die andere ist abgebrochen; die hat er erst kürzlich abgekämpft, der Raufbold und Neidhammel, der den anderen Böcken das nicht mehr gönnte, mit dem er selber doch nichts mehr anfangen konnte.

So, nun wollen wir uns beide gehörig ausruhen, und dann geht es zur Jagdbude, denn ich kenne schönere Vergnügen, als diesen Bock bis zum Dorfe zu schleppen; den kann morgen einer von den Bauern auf dem Torfwagen mitnehmen. Mir tut schon so jeder Knochen einzeln weh. Und habe ich auch kein Federbett und du deinen Korb nicht, wir werden uns auf der Pritsche schon vertragen. Da am Himmel stehen zwar allerlei Wetterköpfe, und ab und zu leuchtet es darin verdächtig auf.

Schadet nichts; mag es blitzen, mag es donnern, wir werden schlafen, ohne aufzuwachen, in der Jagdbude vor der wilden Wohld.

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