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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Hinter dem Sommerdeiche

Zwischen dem Moore und der Marsch soll kein Bock mehr geschossen werden, und im Bruche lohnt sich das Weidwerken nicht mehr, seitdem die Wiesen gemäht sind. Außerdem gefällt es mir dort nicht mehr. Erstens ist mir da jetzt zuviel Stacheldraht, und es ist kein Vergnügen, alle Augenblicke unter den Drähten durchkriechen zu müssen, und da das Bruch entwässert wird, ist es dort viel zu unruhig.

So habe ich mich nach der Marsch hingewöhnt. Viel zu holen ist hier ja nicht; zwei gute Böcke stehen freilich dort, aber sie haben in der Frucht so viel Deckung und dicht dabei Äsung, daß es reiner Dusel ist, bekommt man sie zu Gesicht, und infolge der vielen Büsche und Hagen ist das Gelände so unübersichtlich, daß man meist erst dann von dem Bock etwas merkt, wenn er schreckend abspringt.

Aber etwas anderes gibt es hier, auf das sich ein Pirschgang lohnt. Am heiligen Berge bei Hoya und in der Ahe bei Ahlden sind Reihersiedlungen, und von da aus streichen Tag für Tag die Reiher bis hierher und fischen an der Aller und an den Flutkolken, und einen Reiher zu beschleichen, das gilt mir ebensoviel, wie einen Bock zu weidwerken.

Außerdem ist es hier so wunderschön in der grünen Marsch. Die Augen haben reiche Weide, die Ohren kommen zu ihrem Recht, und für die Nase ist auch gesorgt, denn das frisch gemähte Heu duftet wie Waldmeister, der Quendel blüht am Deich, und der Wind trägt Kiefernduft von den Heidbergen heran.

Auf den Weidekoppeln grast schweres, schwarzweißes Vieh, da traben blanke Pferde; Störche stelzen hier umher, ganze Flüge von Kiebitzen und wahre Wolken von Staren beleben die Luft, überall ist Schwalbengezwitscher, an Krähen und Elstern ist kein Mangel, und die hübschen, strammen, braunarmigen Mädchen mit den weißen Helgoländern, den roten Leibchen und den blauen Röcken, die beim Heumachen sind, sehen sich auch nett an.

So bummele ich denn, die Pfeife im Munde, den Drilling über das Kreuz geschlagen und die Hände in den Taschen, frohgemut den Sommerdeich entlang, erst auf seinem Scheitel, aber dann an seiner Sohle, und wo ich weiß, daß eine vom Weidicht umbuschte Bucht an ihn herantritt, oder daß ein Kolk, den das Winterhochwasser grub, liegt, da trete ich behutsam über den Deich und sehe zu, ob nicht ein Langhals zu übertölpeln ist, oder ich setze mich, gedeckt durch das Buschwerk, an einer guten Stelle an.

Gestern abend saß ich ganz hinten in der Marsch unter einer krausen Eiche und sah auf den großen Kolk hinab, auf den die Sonne rote und goldene Lichter warf. Die Frösche quakten munter, Tausende von Staren brausten über mich hin, auf den Weidekoppeln riefen die Kiebitze, im Rohre schwatzte der Drosselrohrfänger, der Wachtelkönig rief im Kleeschlage, das Käuzchen schrie im Hag. Ich saß und rauchte und sah der Ricke zu, die sich mit ihren beiden Kitzen im blumigen Wiesengrunde äste, dem Hermelin, das unter dem Dornbusche hin und her huschte, und auf einmal stand ein alter Reiher vor mir.

Lange sicherte er mit langem Halse; dann schüttelte er sein Gefieder zurecht und schlich dem Kolke zu. Ich konnte ihn leicht schießen, aber ich mochte es nicht, einmal, weil mich der Schuß aus dem Hinterhalte langweilt, und dann, weil ich drei Morgen nacheinander in der Sandwehe zwischen dem Kolk und dem Deiche und am Ufer den Otter gespürt hatte und auf diesen ansaß. So sah ich denn zu, wie der Reiher um den Kolk herumschlich und Frösche und Mäuse fing, wie er in das Wasser hineintrat und Karauschen fing, bis er plötzlich zurückschreckte, die Schwingen spreizte und abstrich, und da gab es in dem Schilfe ein lautes Platschen und Klatschen. Ich stellte mich hin und zitterte vor Aufregung, denn ich wußte, daß das der Otter war, der einen starken Fisch geraubt hatte. Ich hörte das Riedgras rauschen, sah das Rohr schwanken, den Otter aber bekam ich nicht zu Gesicht, obgleich der Mond hell genug schien und ich bis gegen Mitternacht anstand.

Jetzt ist es vier Uhr morgens. Über dem Flusse zieht dick und weiß der Nebel. Die Enten schnattern im Uferschilf, Fische werfen sich, ein Reiher, in dem Nebel wie ein Schatten aussehend, streicht vorüber. Aus den Wiesen schallt der Ruf des Wachtelkönigs, im Felde lockt der Rebhahn. Ich warte unter der Eiche, bis die Sonne den Nebel von dem Wasser scheucht, sehe den Hasen zu, die den Deich einlang hoppeln, und horche, was die Elstern erzählen. Hoch am Himmel streichen Saatkrähen hin, alle in derselben Richtung, alle laut schreiend, und ein Storch nach dem anderen läßt sich in den Wiesen nieder. Auf der Schlickbank im Flusse trippeln die Uferläufer umher, eine Seeschwalbe ordnet da ihr Gefieder, weiterhin am Ufer waten die Kiebitze, und noch weiterhin stelzt ein Brachvogel. Hier und da streicht ein Reiher hin.

Ein jäher Windstoß wirbelt den Nebel durcheinander und reißt ihn von dem Flusse. Schleunigst rudern die Enten in das Schilf hinein, und die Teichhühner retten sich in das Weidicht. Dort unten, wo das steile Sandufer goldig in der Sonne leuchtet, wird ein großer Raubvogel sichtbar. Der Fischadler ist es; sein heller Bauch leuchtet in der Sonne wie Silber. Vorgestern kam er mir auf Schrotschußnähe; ich ließ ihn leben. Es ist sowieso schon langweilig genug auf der Welt geworden; wenn man einmal einen Kolkraben sieht, so ist das ein Ereignis, und nur, um ein Wanderfalkenpaar zu beobachten, reise ich alle Frühjahr in die Berge, trotzdem die Jagd nicht mehr meinem Freunde gehört. Dort, wo der Fluß die Krümmung macht, stürzt sich der Adler in den Fluß, daß das Wasser aufspritzt, aber schon schwebt er weiter; er stieß fehl. Noch einmal senkt er sich, aber er hebt sich wieder, ohne gestoßen zu haben. Doch jetzt, wo er mir gerade gegenüber ist, stößt er zu und streicht davon, laut frohlockend, einen fußlangen Weißfisch in den Fängen.

Ich schleiche wieder unten am Deiche her, ab und zu, wo ein Busch es erlaubt, einen Blick nach dem Ufer oder auf einen Kolk werfend. Es sieht heute schlecht aus mit der Pirsch auf den Reiher. Das haushohe Buschfloß, das den Fluß herunterkommt, hat sie verscheucht, und die Fischer, die ihre Aalkörbe aufziehen. Der eine winkt mir zu. Neugierig gehe ich weiter. Sollte sich wieder ein Otter gefangen haben? Vor acht Tagen zog er in einer großen Reuse einen Otter heraus, der in das Garn gegangen und ersoffen war. Aber heute hat er etwas anderes im Kahne liegen, etwas, wovor er sich ekelt. Eine armlange, armdicke Lamprete, die an einem starken Aale festgesogen ist, wälzt sich in dem Aalkorbe, ein seltener Fang hier mitten im Binnenlande. Er schenkt mir das Tier. »Dat is 'n Meegenoogenkönig. Essen kann'n den nich!« Ich will ihn auch nicht essen, aber ich will ihn dem Museum schicken.

Es fängt an warm zu werden; die Sonne meint es gut. Ich bin froh, daß ich nur die Bluse und die kurze Hose anhabe, und wate mit Vergnügen durch das tauschlägige Gras. Überall brüllt das Vieh, überall klingt das Streichen der Mäher. Seeschwalben streichen mit klirrendem Schrei den Fluß entlang, ab und zu niederstoßend und ein Fischchen erbeutend, ein Turmfalke rüttelt über der Kleebreite, aber nur zwei Reiher sehe ich, und die streichen dort ganz hinten. Ich will aber einen haben, und so gehe ich den Deich entlang und sehe, ob ich nicht irgendwo einen Langhals erspähe. Endlich, nachdem ich schon eine Stunde gegangen bin, sehe ich, wie sich dort hinten einer herunterläßt. Wo er geblieben ist, weiß ich nicht; entweder steht er in der Bucht, oder an dem großen Kolke. Deswegen muß ich auf die lange Hecke zusteuern und an ihr entlang wieder zum Deiche zurückschleichen. Von da aus kann ich hinter dem Busche in den Kolk sehen, und steht der Graue dort nicht, dann muß ich über den Deich und an den Uferweiden entlang nach der Bucht.

Es ist ein weiter Weg, aber langweilig wird er mir nicht. Den ganzen Deich entlang blüht das Johanniskraut in goldener Pracht, an den Gräben hängen die blauen und weißen Glocken des Beinwells aus dem Riedgrase heraus, aus den Weidenbüschen leuchten die weißen Blumen der Uferwinde, und über einem blauen Wulst von Wickenblüten erheben sich aus dem Kolke die mächtigen goldgelben Schirme der riesigen Sumpfwolfsmilch, betäubenden Honigduft herüberschickend. Die Luft lebt von Schwalben und Kiebitzen, und überall flirren Wasserjungfern.

Die Kiebitze dürften sich jetzt aber beruhigen, und daß der Dorndreher warnt, ist auch nicht nötig, und die Krähe könnte auch den Schnabel halten, denn sonst warnen sie den Reiher vor mir. Deswegen ist es, glaube ich, besser, ich sehe erst einmal bei dem Kolke zu. Aber da ist nichts zu sehen als ein Wasserhuhn, das eilig über die Seerosen rennt. So mußt ich wieder hinter dem Deiche zurück bis dahin, wo der hohe Dornbusch steht, und von da über den Deich hinter die Weidenbüsche. Und jetzt heißt es, aufpassen! Jeden Augenblick kann der Reiher abstreichen. Hier ist er ganz frisch gewesen; der Schlick zeigt überall seine Spuren. Vorsichtig schleiche ich in dem Sande entlang, fertig zum Schnappschuß. Aber die Bucht ist leer; nur ein Eisvogel streicht mit schrillem Rufe ab, in der Sonne wie ein Edelstein blitzend.

»Wenn nicht, denn nicht!« entfährt es mir, während ich abspanne und den Drilling über die Schulter werfe. In dem selben Augenblick schnellt hinter dem unterwaschenen Ufer ein silberweißer, schwarz gefleckter Hals hervor, graue Fittiche spreizen sich, und im Umsehen hat der Reiher Luft gewonnen, aber doch nicht so schnell, als ich den Drilling herunterreiße, spanne und anbacke. Im Feuer wirbelt der Reiher in das Wasser. Im Handumdrehen streife ich Bluse und Hose herunter und schwimme hinterher, hole ihn und lege ihn in den Sand und mich daneben, damit die Sonne uns beide trocknet.

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