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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 38
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Auf dem roten Haititel

Sieben blutjunge Wandervögel zogen eben unter den sieben rosenroten Hügeln hin und sangen zur Zupfgeige: »Ein Jägermädchen das trägt ein grüngrünes Kleid; ich liebe das Grüne zum Zeitvertreib.«

Ich liebe dieses Lied sehr, und so flog die Brummfliege, die über meine Laune kroch, auf und davon. Ich erhebe mich von meinem Passeplatze unter der grauen Klippe, und während ich sachte weiterbummele, pfeife ich ganz leise den Kehrreim des Liedchens durch die Zähne.

Was werde ich mir von dem dummen Bock diesen wunderbaren Morgen verderben lassen! Der Himmel ist hoch, die Sonne blank, die Grillen geigen, die Heidlerchen dudeln, Silberfliegen schwirren, Goldjungfern flirren, und aus blauer Luft jauchzt der Mußaar seinen Weidruf zum Hai hinab, auf diese sieben rosenroten Hügel vor dem dunklen Forst, auf denen ich weidwerken darf.

Als mich der Förster vor fünf Tagen hierhin brachte, blieb mir der Mund offen stehen vor Freude. Sieben Hügel, einer immer höher und steiler als der andere, alle miteinander ganz und gar von hohem, rötlichgrauem Grase dicht bedeckt, aus dem sich Tausende und aber Tausende von purpurn blühenden Fingerhutstauden erhoben. Ich merkte nicht darauf, was mir der Grünrock wies, noch vernahm ich, was er mir sagte; ich stand und staunte und staunte, erst beklommen, und dann gehoben atmend, vor dieser roten Pracht.

Es ist möglich, daß diese Überfülle von Schönheit Schuld daran ist, daß ich den Bock noch nicht auf die Decke gebracht hat. Als gestern abend die Sonne beim Abschied aus all den roten Blütenrispen glühende Fackeln machte und aus dem ganzen weiten Hai eine siebenfach geteilte Feuerflut, erhob meine Seele einen Lobgesang, und so verpaßte ich den Bock, der halbrechts von mir durch die Himbeeren zog und in der Bachdelle untertauchte, ehe ich ihm die Kugel antragen konnte. Und jetzt in der Morgensonne sieht der rote Hai wieder so wunderbar aus, und so ganz anders als gestern abend, daß ich mich zusammenreißen muß, damit meine Blicke nach dem Bocke suchen und nicht in der Blütenflammenpracht versinken.

Aber ist es nicht der Fingerhut, der sie das Träumen lehrt, so ist es das taubeperlte, goldrot schimmernde Gras, und ist es dieses nicht, das sie ablenkt, so die hohen blauen oder weißen Glockenblumen, die stolzen Goldruten, die Buschwicken, die die Rosenbüsche mit einem Schleier zarter weißer Blumen umhüllen, die Himbeeren, die überall aus dem Grün funkeln, oder die alten Fichtenstümpfe, die wie blankes Silber leuchten, das Geschwirre blitzender Fliegen, das Geflirre glitzernder Libellen, und das Gepiepe und Geflatter der flüggen Vogelbrut in allen Büschen, dieses ganze volle starke Hochsommerleben um mich her, das meinen Willen lähmt. Doch ich habe dem Hegemeister, der mir sagte, der Bock vom roten Hai sei gefeit gegen Kraut und Lot, gelobt, ihn binnen sieben Tagen zu meinen Füßen zu haben, und so tue ich meinen Augen Gewalt an und zwinge sie zum Gehorsam, wenn sie auch immer wieder von der Fährte weichen wollen.

Behutsam trete ich, hinter dem Buschwerk mich deckend, an die Schlucht hinan, in der der Wildbach glucksend und schluckend dahinschäumt. Aber nur das hellgelbe Schmalreh, zu dem sich der Bock vor zwei Wochen gehalten hat, und dem er dann den Scheidebrief gab, tritt dort herum und äst sich an dem quicken Grün, und weiter oben in der Quellfinke sitzt ein alter Hase und mümmelt an einem Grashalm. Ich klimme einen Hang empor und steige den anderen hinab, bis ich auf dem höchsten Kopfe bin, ohne etwas anderes zu Blick zu bekommen zu haben als ein Rottier mit seinem Kalbe, die sich ganz vertraut auf dem vierten Hügel äsen und langsam in den Wald treten. Obschon ich ganz sachte pirsche und barfuß und weiter nichts anhabe als die kurzen Hosen und das Jagdhemd, und mir die Morgenluft frei um den Hals, Brust, die bloßen Arme und die nackten Unterschenkel streichen kann, läuft mir der Schweiß über den ganzen Leib von dem ewigen Bergauf und Talab, und so werfe ich mich unter der hohen Klippe eine Weile hin, lasse mich von der Sonne abtrocknen, sehe dem Spiel der Schwalben zu und blicke den roten Käfern nach, die über mich hinwegfliegen, bis mir die Augenlieder immer heißer und schwerer werden.

Ich glaube, ich habe eine gute Zeit geschlafen, denn die Sonne ist währenddem verschwunden, der Himmel ist ganz trübe und die Luft ist sehr schwül. Hinter dem Walde murmelt ein Ferngewitter und es tröpfelt verloren auf mich herunter. Nun aber auf, denn bei dieser dicken, geladenen Luft pflegt den Bock die Liebe stärker zu zwicken, und die Ricken sind williger denn je! Horcht, meine Ohren, fiept dort vor der Dickung nicht schon eine? Ich nehme das Glas vor die Augen, aber zu lang ist das Gras, und der Wind ist faul für jene Ecke. Bergab muß ich und dann wieder bergauf und einen großen Bogen schlagen, um unter den Wind zu kommen, und dann stehe ich da und dampfe aus allen Poren, und spähe nach der Dickung, und horche, und sehe anfangs nichts und vernehme zuerst nichts. Die Blindfliegen summen mir um Stirn und Nacken, Ameisen krabbeln über meine bloßen Füße, die Sonne, die wieder die Wolken zerschmolzen hat, versengt mir das Genick, und ich stehe und spähe und lausche, denn eben war mir so, als ertönte das Fiepen der brünstigen Ricke und als hätte ich einen rotbraunen Fleck sich zwischen den purpurnen Rispen bewegen sehen.

Ich habe mich nicht geirrt. Deutlich höre ich ein Altreh nach dem Bocke rufen, und jetzt weist mir das Glas einen Kopf, der zwischen den Fingerhutstauden hin und her zieht. Ich will mich näher heranpirschen, aber der Pfeifenrauch zeigt mir, daß der Wind in dieser Ecke nicht Wort hält, und so muß ich wieder bergab und von der anderen Seite bergauf, immer durch das hohe, rötlichgraue Gras und zwischen den blutroten Fingerhutrispen entlang, bis ich endlich bei einem Haufen von Felstrümmern den Fleck gefunden habe, wo die Luft beständig ist und nicht quirlt. Derweilen ist das Reh aber in die Dickung gezogen; ab und zu höre ich es sehnsüchtig locken, bis es schließlich verschweigt und ich weiter nichts zu tun habe, als meine Blicke an der roten Blütenfülle um mich her zu berauschen, die, je nachdem die Sonne voll leuchtet, halb verhüllt ist oder gänzlich abhanden kommt, ihren Ton abändert, so daß jetzt an jedem Stengel rubinrote Glocken hängen und nun lauter dicke Bluttropfen aus ihnen zu quellen scheinen, unheimlich schön zu schauen.

Das Gewitter hat sich vorläufig ausgeknurrt, doch die Luft ist nur noch schwerer und schwüler geworden. Ich meine, ich könnte hineinfassen, Stücke daraus reißen und zu Klößen formen, so dick ist sie. Und so bleiern sieht der Himmel aus, als hätte es nie eine Sonne gegeben, und so tief hängt er, als wenn nur die Berge und die Fichten ihn hinderten, auf die Erde zu fallen. Das Gewitter wird wiederkommen; es kämpft mit dem Vollmonde um die Oberhand. Mag es kommen; ich geht nicht eher fort, bis daß es Abend ist und die Eule umfliegt. Ein Tropfen klatscht mir schwer auf die Backe, ein anderer auf den Arm, und nun platscht es bald hier, bald da in das Gras und auf die roten Blumen und die grauen Felsen, zwischen die ich mich hineinquetsche, um ein wenig Deckung zu haben. Jetzt aber ist die Sonne wieder da und sticht unbarmherzig, quellenden Dampf aus dem Boden saugend, und verzieht sich wieder, ohne daß es auch nur ein bißchen kühler wird.

Ich atme schwer; mir ist, als knie mir der Nachtmahr auf der Brust und drücke mir den Hals ab. Allerlei Sinnestäuschungen narren mich. Der ganze Hai fängt an zu wallen und zu wogen wie ein Meer von Blut, aus dem die grauen Baumstümpfe wie angstverzerrte Sterbegesichter hervorgrinsen. Dann ist alles vor mir grau und der Himmel auf einmal blutrot. Überall, vor mir, neben mir und in meinem Rücken fiepen Rehe, allerorts huschen zwei braune Schatten hintereinander her. Ich bin übermüdet und überhungert und verdurstet, habe der Blindfliegen wegen und des unsteten Windes halber zuviel geraucht, und so spielen mir die Nerven einen Possen über den anderen. Ich schließe die Augen, atme tief aus und ein, bücke mich dann und wasche mir mit einem Busche nassen Grases Stirn und Hals und Brust, und mache mich schnell, aber vorsichtig wieder lang, denn vor mir höre ich es wieder locken; ganz deutlich höre ich es. Aber das Glas zeigt mir nichts als Gras und Gras und Gras und eine rote Blütenreihe neben der anderen, zusammengeschmolzen durch einen dicken Dunst und verklebt von hin und her schwankendem Brodem.

Irgendein Nerv in meinen linken Schlaf zuckt wie unter einem Nadelstich; die geladene Luft erinnert ihn an die böse Schlittenfahrt in Graubünden, als drei Stunden lang der Schneesturm mein Gesicht mit harten Ruten strich. Ein Blitzstrahl, so kurz, daß er wie eine Täuschung wirkt, irrlichtert hinter dem Walde, ein Donnerschlag, als sollten die Berge bersten, brüllt ihm nach. Ohne Ankündigung gießt es herab, daß das Gras zu Boden stürzt und die roten Blumen zu Tausenden herunterfallen. Ich klemme mich zwischen die Felsen und sehe in den Platzregen hinein und auf meine Beine, die der Rückprall der Tropfen mit Schmutz bewirft, bis der Schwall dünner wird, in einem leichten Geriesel sich verläuft und die Sonne lustig lachend wieder da ist. Der Wind weht mir steif entgegen. Ich überlege nicht lange, denn mir gegenüber fiept es wieder. Tief gebückt pirsche ich mich nach der nächsten Felsgruppe, verschnaufe da, erklimme einen mannshohen Steinblock, auf dem ein krauser Quitschenbaum mir Deckung gibt, spanne und spähe um mich her.

Zur rechten Zeit entschloß ich mich; vor mir treibt der Bock. Dahin kann ich nicht; also muß er her zu mir. Er treibt ein Altreh, und so will ich es mit dem Kniffe versuchen, den der alte Grünrock in Pomerellen mich vor drei Jahrzehnten lehrte, die Ricke bei der Mutterliebe zu packen und zu mir heranzuholen, und mit ihr den Bock. Ich stelle die Blatte auf den dünnsten Ton und lasse das Angstgeplärre des Kitzes erschrillen. Sofort steht die Ricke mit hohem Halse, und dann stürmt sie unbesonnen auf mich los, und hinter ihr her, wahr und gewiß, poltert der Bock. Auf dreißig Schritte lasse ich beide heran, fahre mit, und sobald ich mit dem Warnruf des Rotkehlchens den Bock in der vollen Fahrt zustande gebracht habe, nehme ich ihm das Maß, sehe ihn im Schusse zusammenrucken und dann, vorn ganz tief, in das Gestrüpp rutschen. Die Ricke macht nur eine kurze Flucht, äugt hin und her, tritt dann zu dem Bocke, prescht zurück und zieht zögernd, sich fortwährend umwenden, der Dickung zu.

Der Bock ist verendet; er hat die Kugel ganz kurz Blatt bekommen, zu kurz fast; ein Zoll mehr nach links, so wäre er heil geblieben. Ich breche ihn auf, hänge ihn an den Quitschenbaum und sehe, während ich ein Stück Brot und ein paar Bananen esse, zu, wie der dunkelrote Brandadernschweiß auf die hellroten Fingerhutblumen tropft. Ein Tropfen klatscht einer Eidechse, die aus einer Felsritze hervorschlüpfte, mitten auf den Kopf, daß sie entsetzt zurückfährt. Darüber kommt mich ein Lächeln an. Doch dann wischt ein trüber Gedanke es von meinen Mundwinkeln fort.

Morgen oder übermorgen muß ich von dannen, muß wieder in die große Stadt, kann nicht mehr zusammen mit Bilch und Waldmaus in der Röte schlafen, darf nicht mehr barfuß und bloßbrüstig laufen, soll wieder Mensch sein wie die anderen, leben wie sie, denken wie sie. Ich wollte, der Bock lebte noch und ich müßte ihn noch eine Weile weidwerken hier auf dem roten Hai.

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