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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 37
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Vor der Brandung

Fern von dem Orte liegt ein einsames Stück Strand, nach dem sich nie einer der Badegäste verirrt, oder, geschieht das doch einmal, so kehrt er bald um, denn es wird ihm zu lästig, immer und nur über loses Geröll wandern zu müssen.

So habe ich dieses Stück Halbland ganz für mich allein. Wird es mir am Sandstrande zu laut und zu lustig, so rette ich mich unter das Steilufer, sehe mit dem Fernglase den Regenpfeifern zu, die auf dem Vorlande umhertrippeln, beobachte die Brandenten, die hinter den Felsblöcken ihre Brut führen, und scheint die Sonne sehr schön, so ziehe ich mich völlig aus und nehme in dem warmen Sande ein Luftbad.

Ist das nicht der Fall, dann bummele ich am Strande entlang und sehe, was die Wellen mir beschert haben an Muscheln, Schnecken, Algen, Tang, Krebsen und Krabben und seltsamen Fischen, wie Seeskorpionen und Meernadeln, oder an anderem Getier. Jeden Tag finde ich etwas Neues. Einmal las ich eine ganze Hand voller Bernstein auf, ein anderes Mal traf ich einen Tümmler an, der auf den Schotter geworfen war, und was ich an versteinerten Seeigeln und Donnerkeilen zusammengeschleppt und auf meinem Tische angehäuft habe, das ist schon ein kleines Museum.

Heute habe ich nun den Dreilauf mitgenommen. Nicht etwa, um Möwen zu schießen, denn das ist ein Sport, den ich gern solchen Leuten überlasse, deren Herz aus Sehnen und Knorpeln besteht und deren Augen keine Ehrfurcht vor Schönheit und Anmut kennen; auch denke ich nicht daran, dem Fuchse nachzustellen, der in dem Handdorngestrüpp seinen Bau hat, und der selbst am hellen Tage hier umherschnürt; ich habe etwas anderes vor. Als ich nämlich vor drei Tagen hier entlang schlich und mich an dem Spiel der Möwen am Strande labte, und so verloren danach hinsah, kam ein schwarzes Ding aus der Flut, verschwand, tauchte wieder auf, war abermals fort und erschien zum dritten Male, während ich mich hinter dem Seegraswalle ganz klein gemacht hatte.

Es kam mir so vor, als wenn mir die Weste zu eng wäre, denn es war schon eine Weile her, daß ich auf Seehunde gejagt hatte, und das war in der üblichen Weise unter Führung eines Fischers und von einer Sandbank aus geschehen; hier aber konnte ich auf einen Hund zu Schusse kommen, den ich mir selber ausgemacht hatte, und auf einem Gelände ganz eigener, wilder Art, und außerdem auf ein Stück, wie ich es größer noch nicht sah, einen Haupthund, und wahrscheinlich auf den Schwerenöter, über den mein Gastwirt und Freund Korl Kipp immer so lästerlich schimpft, weil er ihm bei jedem Fange einige Dutzend Löcher in das Netz zu reißen pflegt.

So blieb ich denn hinter dem Seegrasbord liegen und sah mir an, wie der Hund sich benahm, so wenig angenehm es sich dort auch lag bei den Tausenden und aber Tausenden von Strandfliegen, die mich umbrummten, und auch deshalb, weil der Sand, auf dem ich lag, reichlich naß war und mir den Flanellanzug in wenig behaglicher Weise durchfeuchtete. Ich blieb aber doch eine Stunde liegen, besah mir den Rundkopf mit dem Glase und stellte zu meiner Freude fest, daß er hier Stammgast zu sein schien, denn er benahm sich ohne jede Scheu, rekelte sich auf der Klippe, drehte bald den Bauch, bald den Rücken gegen die Sonne, kratzte sich ausgiebig und putzte sich sorgfältig, reckte und streckte sich wohlig, gähnte bisweilen auch herzhaft, ließ sich nicht im mindesten durch den Dampfer stören, kurzum, er verhielt sich so, daß ich mir sagte: »Morgen hast du ihn.« So wurde es aber nicht; denn der Wind drehte sich und kam von Osten, und er benahm sich so ungestüm, daß er die Wellen bis weit auf den Strand hin schmiß, so daß die Klippe, wo der Hund sich gesonnt hatte, kaum zu sehen war; außerdem war es so kalt, daß ich es nur eine knappe halbe Stunde aushielt, und so feucht, daß ich ganz durchweicht war, teils vom Boden aus, teils von dem Spritzwasser. Deshalb zog ich es bald vor, zu der schönen Wittib zu gehen und einen Grog nordnördlicher Beschaffenheit zu trinken, und gestern ging ich nur bis an den Sanddorn, sah durch das Glas nach der meistens überspülten Hundsklippe und verzog mich dann schnell zu der blonden Rieka, wo sie alle saßen, Rob und Hein und Jan und Harm und wie sie heißen, priemten oder schmökten und ein unterhaltsames Garn spannen oder mit ihren knarrenden Stimmen die Balladen von den Helden des Iltis und von Samoa sangen.

Heute aber hat sich das Wetter besonnen. Es weht zwar noch, aber von Süden, und bei weitem nicht so stark wie die letzten Tage. Die Sonne lacht vom Himmel und brennt gegen den Strand, an dem ich entlang gehe und mir all das betrachte, was die Wellen dort abgeladen haben, den Möwen und Krähen zur Freude, die sich kreischend und quarrend darum balgen. Hunderte von toten Butts liegen da, Dorsche, Knurrhähne, unzählige Quallen und Hunderttausende von Steckmuscheln, umwirbelt von Strandfliegen. Das Seegras ist in hohen Bänken angehäuft, und überall auf dem Sande liegen, wie hingemalt, zierliche Rotalgen, während kopfdicke Feuersteinknollen, mit Blasentang bewachsen, bis dicht unter die Sanddornbüsche geschleudert sind, vor denen ich entlang gehe, und in denen die Grasmücken singen und die Hänflinge zwitschern, während um die voll blühenden, einen betäubenden Honigdunst ausströmenden silbernen Ölweiden Tausende von Bienen brummen.

Doch jetzt kommt eine Lücke in den Sanddornbüschen und ich muß in die hungrigen, vom Sturme arg mißhandelten Kiefern treten, wo es nach Harz riecht und wo Fink und Amsel singen und der Boden bedeckt ist mit den seidigen Fruchtschöpfen der Küchenschellen, die der Wind hin und her bewegt. Bald aber beginnt der Sanddorn wieder und ich schleiche mich hinter ihm her, bis die Deckung aufhört und der kahle Strand beginnt mit seinem Gewirr aus Felsblöcken, gegen die die Brandung pratscht, und vor denen mächtige Bänke aus Seegras und Steckmuscheln vom Wellenschlage aufgehäuft sind. Lange nehme ich die großen Steine unter das Glas, sehe aber nichts als eine gewaltige Möwe, die über sie hinwegsegelt. Ich krieche, so schnell es geht, auf dem Bauche bis an die äußerste Seegrasbank, zupfe mir in ihrem Borde eine Schießscharte zurecht, von der aus ich die Seehundsklippe gut übersehen kann, stecke mir die Pfeife an und mache es mir so bequem in dem warmen Sande, daß ich es wohl einige Stunden hier aushalten kann.

Sehe ich vor mich hin, so habe ich die Klippen, gegen die in strengen Abständen die Wellen anschlagen, und dahinter das blitzende Meer, mit den Fischerbooten und einem Dampfer, der eine großmächtige Rauchwolke hinter sich herzieht, während dort, wo Luft und Wasser zusammengehen, ein gewaltiger Schoner seine Segel leuchten läßt. Ab und zu fliegen Möwen vorüber, Schwalben fahren dahin, ein weißer Schmetterling gaukelt vorbei, und mit fröhlichem Getriller kommt ein Uferläufer angestrichen, rennt eilfertig am Strande entlang und fliegt trillernd weiter. Neben mir im Sande ist auch vielerlei zu sehen. Hunderte von verschiedenen gefärbten Marienkäferchen, die der Sturm vertrieb, krabbeln umher, allerlei andere kleine Käfer rennen auf und ab, durchsichtige kleine Krebstiere tauchen aus dem Sande hervor und schnellen sich mit großen Sätzen weiter, und in dem Fluttümpel wimmelt es von Granat und Dorschbrut. Ich aber sehe kaum dahin, sondern spähe nach den Klippen, den Seehund erwartend.

Die Sonne meint es zu gut. Trotzdem ich weiter nichts anhabe als das waldfarbige Wollhemd, die Hose und Strandschuhe, und eine ganz leichte Mütze trage, bricht mir der Schweiß aus allen Poren aus, eine bekömmliche Mattigkeit kriecht mir durch den Leib und meine Gedanken zerschwimmen zu Träumen, die so formlos sind wie die Wellen zwischen den Klippen. Das leise Klatschen des Wassers vor mir und das verstohlene Ruscheln des Sandhafers hinter meinem Rücken vermischen sich zu einer nervenberuhigenden Singweise, in die jetzt ein heller Möwenschrei und nun das dumpfe Heulen des Dampfers hineinklingen. Mit halben Augen starre ich nach den Klippen und von ihnen in die See, um dann mit dem Glase nach der Sandbank zu blicken, wo die Brandenten, bunt wie Fastnachtsgecken, nach Futter suchen.

Dort, wo das Steilufer in das Meer hineinspringt, taucht ein schwarzer Fleck auf, und noch einer und abermals einer und ein vierter und fünfter. Zuerst zuckte ich zusammen, denn ich dachte an den Seehund, aber ich sah sofort, daß es Tümmler waren. Wie eine gewaltige Schlange sehen sie aus, wie sie so hintereinander herschwimmen, so daß von jedem nur der Rücken sichtbar ist. Eine Weile kann ich sie noch mit dem Glase verfolgen; dann verschwinden sie in der Ferne. Aber nun gibt es in mir einen Ruck, denn geradeaus wippt ein schwarzes, rundes Ding auf und ab, einem Seehundshaupte täuschend ähnlich. Es ist aber ein Stück Holz oder ein anderer lebloser Gegenstand, denn seine Bewegungen folgen genau denen der Wellen. Ich kann es ja auch nicht erwarten, daß ich heute gleich Anblick bekomme, und noch viel weniger, daß ich die Kugel anbringen, denn wer weiß, ob der Hund sich ständig hier sonnt. Ob ich nun aber hier lieg, oder dort, wo Sandburg an Sandburg sich erhebt und der Strand von Stadtvolk wimmelt, das ist gleichgültig, oder vielmehr, hier gefällt es mir besser als dort, wo es mir zu voll und zu laut ist. Ich will jeden Tag hier passen, bis ich den Hund habe, und bekomme ich ihn nicht, so ist das weiter auch nicht schlimm.

Ich rauche meine Pfeife und summe ganz sachte die schwermütige Weise, die Peter Muß gestern so schön sang: »Die Reise nach Jütland, und die fällt mir so schwer; Du einzigschönes Mädchen, ich sehe dich nicht mehr.« Dann suche ich zur Abwechslung die wunderschönen rosenroten Müschelchen aus dem Seegrase und sammele von den vielerlei winzigen Käferchen, die im Sande kriechen, eine Anzahl in ein Gläschen mit Weingeist, um einen Freund in der Stadt, der dieses Zeug erforscht, damit zu beglücken. Darauf blicke ich einer zierlichen Seeschwalbe nach, die mit spitzem Schrei an mir vorüberfliegt, oder den Mauerseglern, die pfeilschnell um das hohe Ufer jagen, und dann wieder nach den Klippen, auf denen jetzt eine blanke Krähe sitzt und sich der Sonne freut, bis sie sich aufmacht und dem Lande zufliegt, oder den blitzenden Wasserjungfern, die hin und wieder an mir vorbeiflirren. Sodann meldet sich der Magen; ich esse langsam und bedächtig, stopfe mir hinterher eine frische Pfeife und rauche und träume und starre auf die Flut, auf der tausend grelle Lichter spielen.

Ich glaube, ich bin eingenickt; denn meine Pfeife liegt erloschen neben mir im Sande. Einen Blick will ich nach der Klippe werfen, und dann mit der Mütze auf dem Gesichte mein Mittagsschläfchen halten. Nur so aus Gewohnheit sehe ich nach den Steinblöcken hin, mache aber ganz schnell sehr große Augen, denn hinter ihnen war eben etwas, etwas Schwarzes, Rundes, Blankes, das sofort wieder untertauchte. Wenn das nicht der Seehund war, will ich Hans heißen. Ich lasse die Klippen nun nicht mehr aus den Augen, denn das Glas darf ich nicht gebrauchen, weil die Sonne mir gegenüber steht und das Blitzen den Hund vergrämen könnte. Es ist der Hund, er ist es ganz gewiß. Eben war er dort, jetzt ist er hier, und nun ist er dicht bei den Steinen; ganz deutlich habe ich ihn erkannt. Immer wieder kommt er hoch und verschwindet fast in demselben Augenblicke in dem Springwasser, bis er endlich den breiten, flachen Stein erklimmt und dort mit hohem Kopfe liegen bleibt.

Nun heißt es zu warten, bis er mir das Hinterhaupt weist, denn der Herzschuß ist zu unsicher und damit kann er noch das Wasser erreichen und mir verloren gehen. Aber erst bleibt er lange Zeit so liegen, daß ich ihn von der rechten Seite habe; dann dreht er sich auf die andere; dann wälzt er sich auf den Rücken; nun liegt er so flach da, daß er mit der Klippe ganz verschmilzt, und so bleibt er liegen, als hätte er vor, mich zum Narren zu halten. Dann und wann kratzt er sich, oder fährt mit dem Kopf hin und her, aber so, wie ich es haben möchte, will er sich durchaus nicht stellen. Zum Unglücke kommen auch ein paar Krähen an und lassen sich am Strande nieder, und ich muß ganz still liegen und mich fest an das Seegras drücken, damit sie mich nicht spitz kriegen und Lärm schlagen. Schließlich aber nimmt der Hund die gewünschte Lage an, und das habe ich dem Dampfer zu verdanken, der dort oben angequalmt kommt. Ich richte den Drilling, bringe die Fadenkreuzspitze des Fernrohres dahin, wo der Kopf des Seehundes aus dem Rücken quillt, steche ein und drücke ab, sehe die Kugel über das Wasser tanzen und die Krähen mit wütendem Geplärre von dannen fuchteln. Die Klippe ist leer. Vielleicht ging die Kugel daneben; denn wenn es auch nicht weit war, Kopfschuß bleibt Kopfschuß. Ich ziehe schnell die Schuhe aus, streife die Hose hoch und gehe ziemlich aufgeregt über das Geröll in die Springwellen hinein, und dann lache ich vor mich hin, denn vor mir liegt auf dem Rücken, den hellen blanken breiten Bauch zeigend, der Seehund und schlägt nur noch ganz wenig mit den Finnen.

Seine großen, dunklen, tiefen Augen sehen mich traurig an, als wollten sie mich fragen, warum ich ihm das schöne Leben nicht gönnte, die Jagd auf Dorsch und Butt und das Sonnenbad auf dem breiten Steine, und etwas wie Reue will in mir hochkommen.

Doch ich schoß ihn ja nicht nur aus Freude an der Jagd, sondern weil er meinem Freunde Karl Kipp das Netz zerriß.

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