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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 36
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Waldpfingsten

Der Südost kam schon sieben Tage lang durch die Talscharte; er machte die Blumen welk, das Gras staubig, nahm den Faltern die Lust am Flug und den Vögeln die Freude am Singen und legte Langeweile auf die Wälder.

Jeden Mittag stiegen schneeweiße Wettertürme hinter dem hellgrünen Walde am lichtblauen Himmel empor, Donner und Blitz drohend, Regen und Frische verheißend, jeden Nachmittag trieb sie der heiße Wind wieder hinter die Berge.

Mißmutig liege ich auf der Pritsche und sehe mit halboffenen Augen dem Siebenschläfer zu, der langsam und bedächtig auf dem rohen Brettertisch nach einer Brotrinde sucht; da grollt es dumpf und drohend, das graue Kerlchen macht ein Männchen, und beim ersten Donnerschlage huscht es hinter den Stapel Dohnen in der Ecke.

Ich springe auf und stelle mich unter die Türe. Noch ist es grau im Holze, noch pfeifen die jungen Ohreulen. Plötzlich Sturm setzt ein, rauscht in den Buchen, treibt Fallaub den Hang hinab, wird wieder still, und mit gelbem Geflamme, gellendem Geknatter bricht das Wetter los.

Alle die leichtsinnigen Lieder, die ich in Spinnstuben und Wirtshäusern, von Himbeersucherinnen und Rekruten hörte, und die ich sieben Tage lang vergessen hatte, werden wach in mir. Ich summe das Lied von dem Mädchen, das früh aufstand, um Brummelbeeren zu pflücken in dem Wald, und pfeife die Weise von dem lustigen Pfannenflicker, während draußen der Platzregen rauscht, Blitze zucken und Donnerschläge krachen.

Mit einem letzten harten Schlage bricht das Gewitter ab. Rot steigt die Sonne hinter den grauen Felsen auf, die Wiesen blitzen von Diamanten, im Bache rinnt flüssiges Silber zu Tale, das Espenlaub schimmert wie goldenes Glas. Laut flötet der Pirol, lustig pfeift die Drossel, der Fink schmettert, der Mönch schwatzt, und jauchzend preist der Gabelweih den schönen Tag, den ersten Tag des frohen Festes.

Doppelt schön dünkt er mich, fern von der lauten Welt verlebt. Scharenweise strömt das Volk der Stadt in die Berge hinein, mit lautem Wesen die Wälder erfüllend; in mein stilles Felsental dringt heute kein Menschenwort. Keine alte Frau holt Dürrholz, kein Bauer arbeitet an den Gräben, und der Schäfer hütet heute weit von hier. Nur die Stimmen der Wildnis schlagen an mein Ohr.

Barfüßig und barhaupt, nur in Bluse und Hosen, bummele ich durch den Wald. Ungespannt hängt die Waffe unter der Schulter; mit keinem polternden Schuß will ich heute die frohe Stille der Einsamkeit zerreißen, nur sehen will ich und lauschen, nur freuen mich über diesen Feiertag.

Alles Leben hat der Regen fröhlich gemacht, sogar den schwarzgelben Feuermolch hat er aus seinem Mauseloch gelockt. Würdevoll watschelt er über den Weg, lange sich besinnend, ehe er über den flachen Stein steigt. Die Blindschleiche, stolz auf ihr neues veilchenblau geflecktes Kleid, liegt faul unter dem blühenden Türkenbund in dem Sonnenfleck und wärmt den silbernen Leib.

An der Ecke des Waldes, unter der hohen Zwillingsbuche, liegt ein grauer Stein; da will ich meine Morgenpfeife rauchen. Neben mir her sprudelt der Bach zwischen blauem Ehrenpreis, weißem Schaumkraut und duftender Minze. Rechts und links von ihm steigt in schönen Schwingungen die Wiese auf und ab, bunt von Blumen, überflattert von Faltern, durchsummt von lustigem Bienenvolk.

Alle meine Rehe sind da, die ich sieben Tage nicht sah. Den Bach entlang äst sich die alte Ricke mit ihren drei Kitzen, am Hütebaum steht eine andere mit zwei Kleinen, drüben am Rosenbusch eine dritte. Wohin ich sehe, ein roter Fleck, zwei braune Lauscher im langen Grase; so vertraut, als gäbe es weder Kraut noch Lot, sitzt unter mir der starke Gabelbock mitten zwischen lauter Vergißmeinnicht, und sein Schmalreh rupft um ihn herum die saftigen Köpfe des wilden Klees.

Ein froher Tag ist dieser Tag. Klatschend steigt der Ringeltauber über die Kronen der Eschen und Ahornbäume, tanzt auf und ab und streicht zu der Buche, in der die Taube brütet. Dort ruft er laut und zärtlich. Vom steilen Hange, an dem die hohle Buche steht, antwortet ihm dumpf und heulend der Holtauber, und hoch aus blauer Luft erschallt des Wanderfalken scharfer Schrei.

Ich freue mich, daß ich mich gestern von den Freunden losriß. Die sitzen nun hinter der Brüstung des Gasthauses und sehen den Stadtmenschen zu, die haufenweise vom Bahnhofe kommen. Erst macht es ihnen Spaß, das bunte Treiben, aber wenn der Lärm nicht aufhört, wenn kein Plätzchen im Garten frei bleibt, dann werden sie doch an mich denken und mich beneiden, trotz der Forellen, trotz des Rehrückens, trotz der kaltgestellten Flaschen, trotz der hübschen Mädchen an ihrem Tische.

Ich esse Schwarzbrot ohne Butter, ein Stück harten Käses und drei Stangen Johannislauch, Quellwasser ist mein Tischtrank, und doch tausche ich mit den Freunden nicht. Und wenn ich auch hübsche Gesichter über hellen Kleidern gern sehe und lustige Augen, und frohe Worte und helles Lachen gern höre von einem frischen roten Mund, in Waldesstille und Bergfrieden misse ich sie nicht.

Die Pfeife im Munde, die Hände auf Lauf und Kolben des Dreilaufes, bummele ich wohlgemut den Pirschsteig hinab. Schönes finden meine Augen bei jedem Tritt, bei jedem Schritt höre ich Neues. Am Rande der Fichtendickung leuchtet des Dompfaffenhahnes rote Brust, wie ein goldener Blitz fährt der Pirol um die Weichselkirchkronen, Kernbeißer atzen ihre flügge Brut, junge Drosseln huschen durch das Laub, purpurne Kuckucksblumen stehen feierlich zwischen schlanken Gräsern.

Fährten narben überall den weichen Boden, winzige Fährten der Kitze, breitklaffende der Ricken, dann der geschlossene Schalenabdruck des Bockes. Dort, in den glitzernden Blättern des Haselwurzes steht einer und verhofft. Er hat meiner nackten Füße leises Rauschen in den nassen Blättern vernommen. Prächtig sieht er aus; brennend rot leuchtet seine Decke in der Sonne, und silbern funkeln über den Lauschern die weißen Enden.

Leicht strecke ich ihn. Aber es ist Pfingsten heute; mein Finger soll gerade bleiben, und kein roter Fleck soll des Waldmeisters reine Blüten verkleben. So lasse ich ihn weiterziehen in das lichte Haselgebüsch, und setze Fuß um Fuß wieder leise voran auf dem nassen, schlüpfrigen Boden, stehen bleibend, wo eine Bucht Ausblick auf die Wiesen bietet, mich an den roten Flecken freuend, die sich darauf hin und her bewegen, langsam und bedächtig, oder in mutwilligen Sprüngen.

Zwischen zwei dicken grauen Stämmen hindurch sehe ich auf den Bach und den Weg. Auf der grauen Steinbrücke blocken zwei blanke Krähen. Mit lautem Gequarre stieben sie ab, dem blühenden Weißdornbusch zu. Dort stoßen sie, auf- und abschwebend, mit wütendem Gekrächze. Einen Augenblick besinnt sich die Füchsin, die dort maust, ob es sich wohl mit ihrer Würde vertrage, Reißaus zu nehmen, dann schnürt sie der Schlucht zu, von den Schreihälsen verfolgt.

Am Rande des räumen Stangenholzes über der steilen Waldwiese habe ich mir einen Sitz gemacht. Ein moosiger Stumpf ist meine Rückenlehne, Buchenwurzeln sind Armstützen. Da lege ich mich hin, rauche und denke an nichts. Hinter mir warnt der Buntspecht; dann höre ich das gierige Kreischen der jungen Gabelweihen, die von den Alten geatzt werden, und über mich fort segelt einer der stolzen Vögel. In der Wiese tanzt eine Häherfamilie herum, macht Faxen, schwatzt närrisches Zeug, ahmt Bussard und Drossel, Specht und Wachtel nach, und stiebt mit Angstgekreisch von dannen.

Und aus der Dickung, in der der Bock neulich mit meiner Kugel zusammenbrach, schiebt sich ein schwarzweiß gestreiftes Gesicht. Grimbart, der Einsiedler ist es. Auch er hat die Sonne gern, der heimliche Mann, und läßt sie sich gern auf die Schwarte brennen. Aber er traut ihr doch nicht ganz, er windet und verhofft lange und dann sticht er am Rande der Wiese entlang nach Engerlingen und Regenwürmern, ab und zu zusammenfahrend und sich hastig da kratzend, wo es ihn juckt. Ein Hase, der sich sonnte, macht erstaunt ein Männchen, wie er den grauen Burschen eräugt, und rückt dann langsam in die lückige Fichtenschonung hinein.

Ein Schmalreh tritt aus, bei jedem Schritt verhoffend. Es ist dasselbe, von dem ich den Bock fortschoß. Ich denke nicht gern daran. Sehr spät war es, als ich ihn von der Grenze mit schlechtem Winde wieder zurückdrückte, wo vier Schrotläufe auf ihn lauerten. Im Sturmschritt keuchte ich dann bergauf, schnitt ihm den Wechsel ab, und nicht steif genug waren meine Arme, als der Finger an den Stecher zuckte. Mit abgeschossenem Vorderlauf mußt ich ihn ziehen lassen, und als ich ihn in der Frühe mit dem Hunde arbeitet, da war er noch warm.

Unheimlich schön war das Bild, das er mir bot. Er lag wie schlafend da. Rechts und links standen, wie vor Schrecken aufgedunsen, je sieben bleichgrüne Aaronstabblüten. Um seine Geäse sproß die seltsame Schuppenwurz, rot gefärbt waren ihre menschenhautfarbenen Blumen. Eine hohe, leichenfarbige Vogelnestwurz hielt bei dem Bock Totenwacht, so fahlgelb aussehend, als hätte sie vor Grauen alle Farbe verloren. Und zwanzig Schritte davon stand das Schmalreh und sprang entsetzt ab, als der Frühwind die Witterung von Mensch und Hund heranwehte. Wie ein Mörder kam ich mir vor, wie einer der Buben, die dort, wo das schlichte Denkmal im kühlen Grunde steht, den Förster mit Schlingen aus Draht erdrosselten.

Daß der mir auch heute einfallen muß. Gestern traf ich einen Bauern, der den Toten fand. Der Mann schüttelte sich noch, als er es mir erzählte: »Und wenn ich so alt werde wie die Buche da, Herr, ich werde es nie vergessen, wie er zwischen den Bäumen ausgereckt in den Schlingen hing. Besonders die Hände nicht; die hatten sie ihm mit Draht zusammengeschnürt. Ganz weiß wie bei einem kleinen Kinde waren sie vom Tau geworden. Und früher waren sie so braun wie meine.«

Hinter dem Schmalreh tritt der Bock aus. Ich kann den Kopf nicht sehen, der blühende Heckenkirschenbusch deckt ihn, aber das Gebäude sagt mir, daß es ein braver Bock ist. Jetzt tritt er vor; ich fahre nach dem Kolben: das ist er ja, auf den ich drüben am Teiche fünf Abende und fünf Morgen paßte, ohne Glas erkenne ich ihn. Ein Heimlicher ist es, einer, der heute hier ist und morgen da, der keinen anderen neben sich duldet, der alle anderen Böcke dort abkämpft, wo er seinen stand sich wählt.

Soll ich, oder soll ich nicht? Es ist weit, aber ich habe das Fernrohr hier. Ich brauche nur das Knie hochzuziehen, dann habe ich Stütze genug zum Anstreichen. Und Blatt genug gibt es jetzt auch frei. Aber einmal ist heut Pfingsten, und dann hat mir die Erinnerung alle Lust zum Jagen genommen, und drittens, ich schäme mich, ohne Mühe und Arbeit den Braven zu strecken, der mir durch Zufall vor die Büchse zog. Fort ist er auch schon. Mir ist es so lieber. Aber vom Liegen werde ich zu faul. Ich will die ganzen Grenzen an dieser Seite abpirschen. Kühl und frisch ist es im Altholze. Der Kuckuck ruft, am Stamme einer Riesenbuche hängt der Eichkater und faucht, überall rucksen die Täuber, ein Bussard miaut. Der blühenden Ebereschen Duft weht von der Rodung herüber. Dorthin zieht es mich, in dieses rote und gelbe Gewirre junger Blätter, die über blauem Waldvergißmeinnicht und gelbem Hahnfuß zittern. Eine halbe Stunde lang zieht sich der ungeheuere Kahlschlag die Bergflanke entlang, tiefe Erdfälle, wirr umwuchert von Bergholunder und Schneeball, unterbrechen ihn, und feuchte Quelleneinschnitte, strotzend von saftigen Kräutern. Hier will ich mein Mittagsmahl einnehmen und meine Unterstunde verdämmern, während Hänfling und Goldammer, Dorngrasmücke und Baumpieper mir etwas vorsingen. Ich esse und recke mich, der Sandmann kommt, verschwommen horche ich noch auf den Singsang des Ammers, das Kichern des Turmfalken, dann fällt mein Kopf gegen den Stamm des Eichenüberhälters.

Rasseln und Prasseln weckt mich; flüchtige Rehe sind es. Laut schrecken sie hinter mir. Noch halb im Traume sinne ich über die Ursache nach. Da höre ich ein leises Räuspern und ein Mann kommt an mir vorbei. Er schrickt und faßt nach seinem Stick, dann lacht er. Ich lache auch, aber ich denke mir mein Teil. Umsonst trägt er nicht unter dem Arme abgeschnittene Rotbuchenzweige, genau solche, wie ich sie vor so vielen Wechseln in den Hagebuchenhecken fand, damit ihr trockenes klirrendes Laub die Rehe abhalte, diese Wechsel zu meiden und die versteckten einzuschlagen, die der Biedermann mit Schlingen bestellt. »Ich habe mir Besenreiser für meine Frau geschnitten,« meinte er, ohne daß ich ihn fragte, und sieht mir mit erkünstelter Festigkeit in die Augen. »Birken geben aber bessere Besen,« meine ich und gebe ihm eine Zigarre, und dann gehe ich noch ein Stündchen mit ihm und lasse mir allerlei erzählen, und denke nur daran, daß seine Fährte dieselbe ist, die ich überall da im Walde finde, wo kein Mensch um diese Zeit etwas zu suchen hat, und nehme mir vor, sie nachher hübsch auszumessen und mit den Maßen zu vergleichen, die ich dem Gendarm und dem Förster gegeben habe.

Es dämmert schon im Holze, wie ich zurückkomme. Große braune Abendfalter Zickzacken über den Waldmeisterteppich, eine große Fledermaus taumelt um die Buchenstämme, im Erdfall quarren die Frösche, läuten die Unken, im Schatten der Böschung klingeln die Geburtshelferkröten. Aus allen Waldrändern treten die roten Rehe, über die Kuppen der Hügel schnüren die Füchse, aus den Bachgründen quellen Nebelstreifen und hinter der grauen Felszacke kommt der Mond hervor. Von der hohen Kanzel am Abhange aus sehe ich den Tag zur Rüste gehen. Hinter schwarzen Waldmauern verflammt die Sonne, roter Schein färbt den Himmel, dichter ziehen die Nebel über die Wiesen und verhüllen ein Reh nach dem anderen, dumpf unkt in den Fichten die Ohreule.

Am Mordsteine vorüber gehe ich der Röte zu. Dumpf ist es hier im Grunde und die Ohreule seufzt kläglich in der Tanne. Etwas wie Angst, aus Mitleid entstanden, faßt mich an, und schneller gehe ich weiter. Da bleibe ich stehen; ein Schrei, gellend, kreischend, klingt aus der Dickung. Schon fasse ich nach dem Kolben, aber dann springe ich vorwärts, denn ich habe jetzt den Schrei erkannt, die Angstklage des Bockes. Da poltert es auch schon heran durch dick und dünn, zwei Schatten fahren durch das hohe Holz, mitten durch meinen Wind, ohne zu verhoffen, und rasselnd und prasselnd geht die Hatz talab. Das war der Bock von der Bergwiese, den ich heute vormittag sah; er forkelte einen anderen aus seinem Stande fort. Und nun weiß ich auch, wo ich den Raufer zu suchen habe. Kommst du mir morgen, dann ist Schluß mit dir; nur einmal im Jahre feiere ich mein Waldpfingsten.

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