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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Vor den Bruchwiesen

Vorgestern abend fuhren der Jagdaufseher und ich die Krähenhütte in das Bruch, ein übermannshohes, sechs Fuß im Lichten haltendes, aus Weiden geflochtenes Häuschen von der Gestalt eines Bienenkorbes.

Tag für Tag raubt der Habicht hier; bald wird eine geschlagene Birkhenne gefunden, dann sogar ein Hahn, wieder einmal ein Fasan oder eine Ente. Das geht nicht mehr so weiter; deshalb soll es dem Gaudieb an den Hals gehen. Nebenbei sollen auch die Krähen daran glauben; es fanden sich schon zwei von ihnen zerstörte Entengelege.

Die Hütte ist in einem eigens für sie gepflanzten Fichtenhorst gestellt und so mit Zweigen verblendet, daß nichts von ihr zu sehen ist. Rund umher ist kein Baum bis auf eine wenig beastete Birke, so daß ich weiten Blick habe. Vor mir auf dem Trittholze der Jule steht der Uhu. An seinem linken Griffe ist die Führung befestigt, die in Ringen an der Jule entlang und in anderen, die am Boden befestigt sind, bis an das Türloch der Hütte läuft.

Gestern habe ich den halben Tag hier gepaßt, aber nichts geschossen als zwei Krähen, denn es war zu hell und zu windig, und bei solchem Wetter raubt der Habicht nicht gern. Heute ist es weich und schwül und die Luft ist dick und diesig. Das ist das beste Jagdwetter für den Strauchdieb. Und der Uhu hat die Liebe im Leibe; nicht einen Augenblick sitzt er ruhig, obschon er die ganze Nacht auf das zärtlichste gerufen hat. Heute brauche ich nicht an der Führung zu rucken, um ihn rege zu machen, wie gestern, wo er gar zu faul war.

So stimmt alles auf das Beste. Dafür ist es um so langweiliger heute. Gestern sang und klang das ganze Bruch, heute flötet kaum eine Amsel und nur einen Täuber höre ich rucksen. Auch läßt sich kein einziges Reh blicken und noch nicht einmal ein Hase, trotzdem es auf den Abend geht. Das ist ein Zeichen dafür, daß wir Regen bekommen. Das irrsinnige Abendrot ließ mich das gestern schon wissen. So ist mein einziger Trost in dieser Einsamkeit denn die Pfeife, die gelben Kuhblumen am Bache und hier und da eine weiße Birke oder eine schwarze, mehr oder minder verzerrte Kiefer.

Ein weiches, rundes, volles Flöten erhebt sich hinten im Bruche, steigt zu einem klirrenden Triller auf und erstirbt in einem kläglichen Pfeifen. Das ist der große Brachvogel; ich sehe ihn über der fahlen Fläche in wundervollem Bogen dahinschweben. Immer näher kommt er. Jetzt hat er den Uhu erspäht, schwebt über ihm und stößt dann jäh auf ihn herab. Unwillig faucht und knappt die Eule; es ist ihr zu dumm, daß ein Schnepfenvogel sich herausnimmt, auf sie zu hassen. Dreimal stößt der Brachvogel mit dem Sichelschnabel nach ihr; dann läßt er sich in der Wiese nieder und sucht Kerfe.

Fern balzt ein Birkhahn und im Erlengebüsche lärmt ein Fasan. Über die Wiesen kommt eine helle Weihe angeschaukelt, streicht näher, haßt einmal gegen den Uhu und schwebt weiter. Ihr folgt eine Krähe, die den Uhu lange belästigt. Ich schone sie, den Habicht will ich haben und nicht den Galgenvogel; den hole ich mir morgen mit der Hasenklage vor das Rohr. Aus der Porstdickung treten zwei Rehe heraus und äugen dem Fischadler nach, der sich dicht vor ihnen in den Bach wirft und, einen starken Fisch in den Fängen, mit frohem Weidruf über den Uhu hinrudert, ohne sich, wie immer, um ihn zu kümmern.

Ich halte den Drilling in der Hand und sehe durch die Schießscharte unverwandt nach dem Uhu. Jetzt zeigt er an. Aber es ist nur die Mooreule, die den großen Vetter anulkt. Und dann kommt wieder eine Krähe an und belästigt ihn, und noch eine. Beinahe hätte ich Lust, ihnen den Spaß zu versalzen; doch ich denke an den Birkhennenmörder und lasse den Drückefinger gerade bleiben. Es wird schon dämmring. Die Wiesen fangen an zu dampfen, und der ferne Wald verschleiert sich mehr und mehr. Ich will es einmal mit der Habichtslocke versuchen. Ich lege einen Riedhalm zwischen die Daumen und blase; ein Laut, halb sehnsüchtig, halb bösartig ertönt. Glühäugig dreht sich der Uhu um, pflustert sich auf und knappt feindlich nach der Hütte hin; er weiß es: kommt der Habicht, so muß er Federn lassen.

Bald ist es aus mit der Hoffnung auf Weidmannsheil. Immer dichter wird die Luft, immer dunkler der Himmel. Das Murren der Moorfrösche verdoppelt sich, immer mehr Heerschnepfen locken und meckern, und schon klingeln die Enten hin und wieder. Und ich bekomme Hunger. Und kalt wird es auch. »Uhuu«, ertönt es. Na, Dicker, ich weiß schon, wonach du dich sehnst. Dir ist so sonderbar in der Herzgegend seit einiger Zeit. Nacht für Nacht rufst du nach einer Liebsten. Himmel! Der Uhu macht sich ganz breit, spreizt die Flügel, tritt hin und her und faucht und knappt gefährlich, und dicht an ihm vorbei saust der Habicht und steht dann über ihm. Eben kann ich noch den Schuß hinwerfen, und sehe im Feuer, daß er nicht vorbeiging, denn am Fuße der Jule schlägt der Raubvogel mit den Schwingen. Sowie ich mich ihm nahe, wirft er sich auf den Rücken, reckt mir die furchtbaren Griffe entgegen und funkelt mich aus gelben Augen vor Todesangst und Wut an. Es schaudert mich; das Nachrichteramt übe ich immer ungern aus, und mit einem Gefühl, als handle ich feige und gemein, töte ich ihn durch einen Stockhieb. Es ist ein ganz altes Weibchen, ein Riese seiner Art.

Ich stopfe den Uhu in die Kiepe und gehe dem Jagdaufseher entgegen, der wie ein schwarzer Schatten den Damm entlang kommt. Er nickt, wie ich ihm den Habicht hinreiche, und lächelt grimmig. Den Bussard, die Weihen und den Kolkraben schont er, aber den Habicht kann er nicht leiden. Er hat mehr als ein Stück Wildgeflügel gefunden, das der Hühnerhabicht bei lebendigem Leibe gerupft und zerfleischt hatte. Das tut der Falke nie, und weder der Bussard noch irgendeine Eule ist so grausam.

Wir trennen uns. Über den Heidbergen flammt es goldrot auf giftgrünem Grunde, und schwarzblaues Gewölk schleicht über dem Dorfe hin, von dem helles Lachen und Aufjuchen zu mir herunterschallt. Auf der Landstraße rattert ein Wagen an mir vorüber; eine dürre Gestalt hockt darin. Ich weiß, wer es ist; der alte Glimmann, der Holzhändler, Höfelschlachter und Halsabschneider. Er raucht; also hat er ein gutes Geschäft gemacht. Zwei Bauern, die ihm entgegenkommen, sehen mit kalten Augen nach ihm hin.

Der ist noch grausamer. Gegen den Habicht hilft uns Kraut und Lot; aber den alten Wucherer schützt das Gesetz, und so darf er rauben und morden nach Herzenslust, was schwächer und dümmer ist als er.

Gegen Habichte in Menschengestalt gibt es keine Hüttenjagd.

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