Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060601
modified20160412
projectid8f464659
Schließen

Navigation:

Auf dem Bullerberge

Unten im Moore balzen viele Hähne. Oben auf dem Bullerberge balzt bloß einer und der ist verrückt.

Hätte er nicht einen Klaps, so würde er nicht auf dem Bullerberge balzen. Denn ein vernünftiger Hahn balzt doch nicht nur, um sich Bewegung zu machen, sondern um Eindruck bei den Hennen zu schinden und daraus angenehme Folgen zu ziehen. Auf dem Bullerberge aber gibt es keine Henne. Folglich ist der Hahn, der da balzt, verrückt.

Es ist ja möglich, daß er ein Hennenfeind ist und deshalb da balzt, wo es keine gibt. Vielleicht ist auch schon im Birkwild eine Hennenbewegung eingerissen, wie bei den Menschen, und hat den weiblichen Teil hahnenfedrig und zur Liebe und deren Folgen unbrauchbar gemacht, und es ist nicht unmöglich, daß der Bullerberghahn seine unangenehmen Eheerfahrungen hinter sich hat und deswegen allem, was weiblich ist, in großem Bogen aus dem Wege geht.

Aber gesetzt, das wäre so; warum balzt er denn nicht in der freien Feldmark, wo er weit äugen kann, sondern gerade mitten zwischen den fünfhundert und mehr Riesenwacholderbüschen? Und warum balzt er nicht, wie es sich für einen anständigen Birkhahn gehört, so lange, bis es blanker Morgen ist, sondern tobt in schwarzer Nacht da herum und verschweigt und verschwindet, sobald der Morgen herankommt?

Von sieben Uhr früh bis drei Uhr nachmittags glänzt er durch vollkommene Abwesenheit. Sobald es aber drei Uhr schlägt, ist er wieder vorhanden und faucht und kullert bis fünf Uhr nach der Schwierigkeit, um dann abermals unbekannten Aufenthaltes zu verziehen. Na, und von drei bis fünf balzt doch kein halbwegs vernünftiger Hahn, sondern schläft oder äset sich oder pfleget der Minne oder denkt über die Unsterblichkeit der Maikäfer nach oder löst sich oder tut irgend etwas anderes. Nur balzen, das tut er nicht.

Der Geesthahn aber balzt von drei bis fünf. Und wie er balzt! So, wie nur ein Hahn balzen kann, der Darmverschlingungen im Gehirn hat. Er macht keinen langen Hals, wenn er bläst, sondern plustert ihn auf und spreizt die Flügel dabei, und kullert er, so macht er einen langen Hals. Alles umgekehrt wie es sein soll. Und dann auf einmal hopft er in die Höhe; aber nicht einmal, sondern zwei- bis siebzehnmal, und so hoch, daß er über den Wacholdern zum Vorschein kommt, und oben in der Luft dreht er sich im Kreise und kommt kullernd wieder herunter. Also vollkommen meschugge.

Seit zwei Wochen kenne ich diesen sonderbaren Vertreter. Ich wollte zur Abendbalz nach dem Bruche, und da es noch ein bißchen früh war, so setzte ich mich in einen der räumigen Wacholderbüsche auf dem Bullerberge, rauchte und sah den Heidlerchen zu, die im Sande umhertippelten. Auf einmal ging hinter mir ein bedeutendes Getöse los und im nächsten Augenblick wirbelte etwas Schwarz-Weiß-Rotes hoch über mir in der Luft umher und verschwand hinter den hohen Ginsterbüschen.

Ich hatte zum Mittage etwas viel roten Wein trinken müssen, denn der Vollmeier Hohmann, genannt der Mann mit der Zementkehle, und der Holzhändler Lohmann, der auch kein Wasser mag, hatten den Holzhandel mit einem tüchtigen Weinkauf abgeschlossen, und so befand ich mich in einem angenehmen Dämmerzustande. Deshalb glaubte ich, was ich da gesehen zu haben vermeinte, sei bloß der Widerschein des Rotspons auf meiner Netzhaut gewesen. Im nächsten Augenblicke ging der Krach aber von neuem los, und rechts von mir wirbelte das schwarzweißrote Ding abermals mit erklecklichem Gepolter und erheblichem Gekuller in der Luft herum und verschwand dann hinter einer Krüppelkiefer, ohne daß ich so recht dahinter kam, was das nun eigentlich gewesen war.

Erst als der Radau zum drittenmal losging und der bunte Lappen halblinks von mir aus der Versenkung erschien und in der Luft herumulkte, sah ich, woran ich war, und spannte schleunigst den Drilling; aber als ich den Kolben an das Gesicht quetschte, sah ich nur noch die Stelle in der Luft, wo der Hahn gewesen war. Er selber aber war schon ganz woanders. Nun sprang ich auf und wartete, bis der Hahn abermals seine aberwitzige Hopferei begann. Das dauerte nicht lange; aber da der Hahn sich in der Luft in durchaus unberechenbarer Weise, ungefähr wie ein Bumerang bewegte, so knallte ich glatt vorbei, worauf er sich verstimmt empfahl und sich die nächsten drei Tage weder hören noch sehen ließ.

Am vierten aber war er wieder da. Wo er inzwischen Gastrollen gegeben hatte, das blieb mir unbekannt. Ich weiß nur, daß ich andauernd an ihn dachte. Wo ich ging und stand, sah ich dieses irrsinnige Geflügel seine Saltos schlagen, und selbst im Schlafe wurde ich den Hahn nicht los. Ich lief in das Moor und erpirschte zwei alte Hähne, und einen schlich ich im Bruche an und übertölpelte ihn. Ich schoß drei Hähne aus dem Schirme, sah die Kraniche balzen, den Wanderfalken und den Kolkraben kreisen, aber alles das langeweilte mich über die Maßen, denn über- und überall wimmelte vor meinen Augen der blödsinnige Geesthahn herum. Ich dachte an nichts als an dieses irrsinnige Vieh, und selbst wenn ich in der Dämmerung Schön-Fieken in der Efeulaube im Arme hatte und ihr beibrachte, wozu sie ihren rosenroten Mund eigentlich habe, war ich nicht ganz bei der Sache, sondern dachte an den wahnsinnigen Birkhahn.

Jeden Nachmittag, den Gott werden ließ, saß ich auf dem Bullerberg und lauerte auf das verdrehte Geschöpf. Aber saß ich hier, dann balzte er da, und saß ich da, so balzte er hier. Und schlich ich dahin, wo er eben in der Luft herumgeflattert war, so tobte er gleich darauf dort herum, wo ich gerade hergekommen war. Es dauerte nicht lange und ich kam mir fast selbst so vor, als schwömme mein Gehirn in Mostrichsauce, und ich empfand das Bedürfnis zu blasen und zu kullern, in die Atmosphäre zu springen und mit allen vieren um mich zu schlagen, so verdreht hatte mich schon der alberne Piepmatz mit seinem abgeschmackten Benehmen gemacht. Das Gemeinste war, daß die Bestie auf kein Reizen zustand. Ob ich blies oder kullerte, ob ich mit Jung- oder Althennenlaut gickerte, es half alles nichts; er kümmert sich den Teufel darum. Auch war der verschrobene Kerl durchaus nicht platzfest. Heute klopfte er hier herum und morgen da, und so sauste ich andauernd hinter ihm her und machte mich vor den Heidlerchen und Haubenmeisen in hohem Grade lächerlich.

Schließlich wurde mir die Geschichte zu dumm; ich mied den Bullerberg drei volle Nachmittage und bekümmerte mich um die Pirschsteige im Bruchwalde und um die Wechsel der besseren Böcke, ohne daß ich deshalb den meschuggenen Hahn vergessen konnte. Und obgleich ich mir heute vorgenommen hatte, ihn sich selber und seiner Gehirnerweichung oder was es ist zu überlassen, jetzt, wo ich meinen Kaffee in der Efeulaube trinke und nebenbei an Schön-Fieken und den Abend denke, murkst mir das geistesgestörte Federvieh andauernd in den Gehirnwindungen herum, so daß ich so recht nicht zum Genuß meiner Pfeife, der blühenden Leberblümchen, des Liedchens der Braunelle und des Geflatters der Zitronenfalter kommen kann. Zwei Uhr ist es; in einer halben Stunde bin ich zwischen den Wacholderbüschen. Etwas anderes wird mir nicht übrig bleiben, als mich dahin zu begeben; denn ehe ich den tobsüchtigen Hahn nicht in der Hand habe, eher habe ich nichts von dem Vorfrühling, der Heide und Fieken. Das ist mir ganz klar.

Also los! Hinter dem Hause läuft mir Fieken in den Weg. »Komm her, Mädchen; denn so habe ich Weidmannsheil! Du sagst, du willst nicht? Das sagt ihr immer! Siehst du, nun hast du doch gewollt!« Mit rotem Gesicht und heißen Lippen läuft sie fort, und ich gehe flötend die Straße entlang, über der die Birken ihre Troddelchen entfalten. Himmel, ist das heute schön. Sämtliche Heidlerchen hängen in der Luft und dudeln, die Finken schlagen, die Krähen quarren, und da hinten über dem Reiherholz schwebt das Schreiadlerpaar. Heute muß der Blödhammel von Hahn dran glauben, und kriege ich ihn nicht, so breche ich allen jagdlichen Verkehr mit ihm ab. Zum Narren halten lasse ich mich nicht! So gelobe ich es mir mit drei Biereiden und weiß dabei doch ganz genau, daß ich morgen doch wieder hinauslaufen werden, uneingedenk aller Vorsätze, Gelöbnisse und Eide.

So, da wären wir! Unsere Maler würden Holdrio und Hurra schreien, wäre ihnen diese Ecke bekannt. Wacholder, wie es sie weit und breit nicht gibt, einer irrsinniger als der andere, und dazwischen auf die wahnsinnige Weise verbogene Kiefern, und Fichten, wie man sie verrückter nicht findet. Und jetzt ist mir die Geschichte mit dem Hahn klar. Entweder balzt er hier, weil seinem verkorksten Gehirn die aberwitzigen Büsche und Bäume zusagen, oder er ist infolge der verdrehten Umgebung blödsinnig geworden; denn selbst ein ganz reifer, weiser und abgeklärter Mensch, der drei Wochen zwischen diesen gespenstigen Wacholdern, geisterhaften Kiefern, unheimlichen Fichten und widersinnigen Birken verkehren müßte, bekäme Zwangsvorstellungen, Wahngedanken und Tobsuchtsanfälle.

Drei Uhr. Jetzt wird die Vorstellung gleich beginnen, denn die Kohlmeise läutet bereits zum drittenmal. Horch, da ist er! »Tschuchit, tschuchit, tschschschschscht!« Hoppla, da erscheint er schon über dem hohen Wacholderstrauch, der wie ein verzeichnetes Trampeltier aussieht, trudelt dreimal um sich selber und verschwindet. Kullerrullullulu! Abermals wimmelt er in der Luft umher, dieses Mal über einer Birke, die wie eine gichtbrüchige Riesenschlange wirkt. Ich reiß die Waffe in das Gesicht, aber ehe ich drücken kann, ist er schon anderswo. Holterdipolter! Jetzt wirbelt er über einer Fichte herum, die den Eindruck eines übermästeten Nilpferdes macht, und nun über einer Kiefer, die den Ehrgeiz zu entwickeln scheint, wie eine bucklige Giraffe zu wirken. Aber kein Gedanke, daß ich auf den Veitstanzkünstler abkommen kann! Kaum ist der Hanswurst in der Luft, schon ist er wieder hinter den Büschen verschwunden. Ich schwitze wie ein Schweinsbraten am Sonntagvormittag, so oft bin ich in dieser Stunde hin und her gesprungen, und es ist gar kein Wunder, daß der Eichelhäher, dieser Flegel, sich über mich lustig macht.

Vier Uhr! Noch eine Stunde und ich kann abermals so abziehen, wie ich gekommen bin. Der Teufel soll das vermaledeite Geflügel lotweise holen! Ich habe es satt, mich von ihm veralbern zu lassen. Will lieber nach dem Reiherholze gehen und den Schreiadlern etwas zusehen. Aber einmal könnte man es doch noch versuchen. Hops! Da ist er wieder zwischen der Gorillafichte und dem Riesenkaninchenwacholder, und nun über der Krokodilkiefer, und jetzt bei der Elefantenfichte, so geht es weiter, bis mir ganz blaublümerant vor den Pupillen wird und meine Lunge wie eine Kleinbahnlokomotive bei Gegenwind arbeitet. Geht das bis fünf Uhr so weiter, dann ade, Fieken; ich schliefe dann mit gerädertem Gerippe und nüchtern in die Pofen, denn dieses Weidwerken geht noch über Stallausmisten. Uff! Hätte ich bloß einen kleinen Schnaps hier! Aber das Wichtigste vergißt man immer!

Gewitterkeil, was ist das? Er balzt ja dicht hinter mir. Schnurrdiburr! saust er über mir herum. Aber schon ist er wieder zum Kuckuck. Klabums! Da rast er vor mir in der Luft umher. Rums! ist er schon wieder fort. Verdammtes Luder! Beinahe hätte ich geflucht. Aber da soll einer auch nicht fuchsteufelsfuchtig werden, wenn so ein gefiederter Idiot einem andauernd um die Ohren saust! Ich kann weiter nichts tun, als den Kolben in mein krebsrotes Anlitz zu schmeißen und mich fortwährend um meine Achse zu drehen. Ein Segen, daß kein Mensch mir zusieht. Mit meinen Ansehen wäre es für immer aus, wenn ich nicht gar unter Bedeckung in die Irrenanstalt geschafft würde.

Hoppla he! da ist das Vieh schon wieder. Drauf! Jawollja! Futsch ist er. Holla! da ist er abermals. Drauf! Ach ja, es wär' so schön gewesen! Himmelhagelhühnerschrot! das ist ja zum Verrücktwerden. Mein Herz tanzt Krakowiak und mein Puls Hamburger Polka, und in meinen lieben Knien ist mir so, als wenn mir so wäre. Ich will machen, daß ich weiterkommen. Das hält ja kein Mensch aus, ohne den Drehwurm zu kriegen. Hscht! Infamiges Lork, schon ist er wieder anderswo. Schlschlschlt! Da fuchtelt das verblödete Gemüse dicht bei mir herum. Ich gebe es auf. Ich habe es dicke. Ich bin es satt, satter, am sattesten. Werde mich von dem Dämelack zum Hampelmann machen lassen! Das fehlte noch gerade. Ich schwitze so schon in ganz unwürdiger Weise. Ich möchte bloß wissen, wo mein Rucksack ist und wo ich meinen Hut gelassen habe und wie ich dieses Loch in der Hose gekriegt habe. Fahre zur Hölle, du Affenvogel. Meinen Segen hast du.

Dreiviertel fünf! Gleich ist diese alberne Eselei zu Ende. Aber ich bin alle; vollkommen ausgepumpt; schlapp wie ein Handschuh. Jeden Knochen fühle ich einzeln. Ich wollte, ich hätte niemals die Bekanntschaft dieses Ekeltieres gemacht. Ich habe schon viel erlebt; dieses aber ist das Tollste. Ich will nicht mehr. Suche meine Brocken zusammen und gehe nach Hause. Meinen Rucksack habe ich endlich. Und da ist auch der Hut. Adjüs, du vernagelter Hahn, du gescherter Piepmatz, du Greuselviech. Ich bin überzeugt, mit dir hat es einen Haken. Entweder bist du der Satan selber oder sein Vetter. Lebe wohl, auf baldiges Nimmerwiedersehen! Such dir einen anderen, Dümmeren. Mich kriegst du nicht wieder zu sehen! Ich bedanke mich bestens! Ich mache, daß ich in die Efeulaube komme. Da will ich vespern und mich an Fiekens Lippen von dieser blödsinnigen Jagd erholen. Also: leben Sie sowohl als auch und grüßen Sie, bitte, Ihre Großmutter mütterlicherseits!

Schladderadums! Da ist er wieder. Na, einmal ist keinmal! Ich spanne und lauere. Pldrrabum! Bautz! Ich glaube, ich kam richtig ab, denn zwei Händevoll Federn fliegen da herum. Aber wo ist der Hahn? Hier ist er nicht, da ist er nicht und dort erst recht nicht. Nun fehlte bloß noch, daß ich ihn weidwund geschossen hätte und er irgendwo untergekrochen wäre und ich fände ihn nicht. Eine solche Gemeinheit traue ich ihm schon zu, dem Ekel. Ja, was nun? Einen Hund habe ich nicht mit und hole ich den vom Förster, so kann ich erst morgen früh nachsuchen, und unterdessen hat ihn schon der Fuchs, der jede Nacht hier herumstinkt.

Halb sechs! Nun habe ich eine halbe Stunde hier herumgesucht. Fieken wird schön lauern. Na, wenn nicht, dann nicht! Anders konnte es ja auch nicht kommen. Das konnte ich mir gleich denken. Fort mit Schaden! Jedenfalls brauche ich nun nicht mehr hierher zu rennen und mich abgeschmackt zu benehmen. Aber ärgern tut mich die Sache doch. Mächtig sogar. Ich hätte mir den Narren doch gern einmal von nahem besehen und ihn untersucht, was ihm fehlte oder was er zuviel hätte, Arterienverkalkung oder fettige Entartung des Kleingehirns. Aber was nicht ist, das ist nicht. Schließlich werde ich auch über dieses Unglück hinwegkommen. Hol's der Teufel. Gott gibt's reichlich wieder.

Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe usw. Da hängt er an einem dürren Ast des Eselwacholders. Hängt da wie ein Stilleben, aber wie eins, das ein trunkfälliger Maler im Säuferwahn verbrochen hat. Selbst im Tode noch blödsinnig. Finis coronat opus!

Und alt ist er, alt! Vollkommen ungenießbar. Ich werde ihn jemand schenken, den ich nicht leiden kann. Eine Freude will ich wenigstens doch von ihm haben!

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.