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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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An der Bergwiese

Die Erlen, die das Bächlein begleiten, sind schon fast abgeblüht, und die Haselbüsche, die die Bergwiese einfassen, desgleichen. Die Zitterpappeln über ihnen aber trotzen von silbergrauen Troddeln und die Hainbuchen entfalten ein helles Kätzchen neben dem anderen. Es könnte sein, daß heute die Schnepfe kommt.

Schon dreimal habe ich hier gestanden. Zu Schusse kam ich nicht. Das Hoffen und Harren ist aber das beste beim Schnepfenstriche, und die stille Freude am neuen Leben, am Dufte des sprießenden Grases, am Geflatter der Nachwintermotten, am Aufbrechen der Vorfrühlingsblumen und am Gesang der wiedergekommenen Vögel. Die Schnepfe ist nur der Vorwand für mich; gäbe es weiter nichts als sie, so bliebe ich zu Hause, oder ich zöge erst zu Holze, fiele die Dämmerung über das Land. So aber bin ich schon früh hinausgestiegen, habe den Staren zugeschaut, die in Haufen auf den Buchen sitzen und pfeifen und schwatzen, und den Finken zugehört, die in einem fort schlagen, mich über den ersten Zitronenfalter gefreut, der zwischen den grauen Buchenstämmen umherflatterte, und über die vier verliebten Eichkatzen, die einen sonderbaren Tanz vollführten. Den Wanderfalken sah ich über seiner Horstklippe schweben, die Krähe Nestreisig brechen, den Hasen die Häsin treiben, den Schwarzspecht an der Bruthöhle zimmern, so wurde mir die Zeit nicht lang.

Auch jetzt, da ich unter dem Salweidenbaum stehe, um dessen nach Honig duftende Schäfchen es summt, und brummt von allerlei Getier, habe ich Augenweide und Ohrenschmaus die Fülle. Das Bächlein ist dicht besäumt vom goldig blühenden Milzkraut, hier und da entfaltet sich dazwischen eine Dotterblume, die ganze Wiese ist bedeckt mit Märzglöckchen und Schlüsselblumen, und unter den Haselbüschen leuchten Leberblümchen, Schafkraut und Windröschen blau, gelb und weiß, überragt von den großen, seltsamen Blumen des Nießwurzes, und der aus Efeu- und Haselwurzblättern gewebte Waldbodenteppich blitzt und schimmert im Lichte der heimgehenden Sonne.

Noch schlagen die Finken und pfeifen die Stare, aber immer weniger werden es. Dafür läßt sich die Amsel um so fleißiger hören. Zippe und Misteldrossel flöten um die Wette, und überall lassen die Rotkehlchen ihre süßen, silberhellen Abendlieder ertönen. Ein Bussard streicht heran, fußt auf dem untersten Ast der alten Eiche, äugt lange dahin, wo zwei Waldmäuse im Fallaube rascheln, und fliegt weiter. Krähen kommen quarrend angeflogen und schwingen sich in den hohen Weißtannen unter den Klippen ein. Drei Rehe ziehen über das untere Ende der Wiese, aus der Dickung hoppelt ein Hase hervor und äst sich an dem jungen Grase.

Rosenrot färbt sich der Himmel. Die Dämmerung stimmt Wald und Wiese immer mehr zusammen. Lauter murmelt der Bach, weil es stiller ringsumher wurde. Ein schwüler Luftzug weht vom Tale herauf, raschelt in dem Vorjahrslaub der Jungbuchen und schwenkt die Zweige der Zitterpappeln langsam hin und her. In dem anblühenden Schlehdorn rispelt und krispelt es. Ich sehe schärfer hin und erblicke in den wirren Strähnen, mit denen die Waldrebe den Busch durchflochten hat, eine Haselmaus, die behutsam von Ast zu Ast schlüpft, ab und zu eine Blütenknospe zerraspelnd oder eine der bleichen Motten erhaschend, die haltlos dahintaumeln. Da lockt der Waldkauz hinter mir; das seltsame Mäuschen schrickt zusammen und verschwindet.

Eine Wolke verdunkelt den Himmel. Es beginnt fein und warm zu regnen. So ist es recht. Ist die Schnepfe da, dann streicht sie heute sicher. Der Waldkauz quiekt gellend auf, heult hohl, bäumt vor mir auf und beginnt zu rollen, so zärtlich, daß die Käuzin sich zu ihm gesellen muß. Lautlos verschwinden die beiden Dickköpfe im Walde, wo es fortwährend bricht. Ein Reh mag dort herumtreten. Aber nein, der Fuchs ist es. Er steckt sein schlaues Gesicht zwischen den Haselbüschen hervor, windet einen Augenblick und flüchtet eilig. Er wird meine Witterung bekommen haben, denn der Rauch meiner Pfeife deutet nach ihm hin. Leicht hätte ich ihn umlegen können. Aber wer weiß, ob es nicht eine säugende Betze ist, deren Geheck dann elend verschmachten müßte, und dann muß er auch leben bleiben, um die Mäuse dünn zu machen. Es sind mehr als genug da; überall raschelt es im Vorjahrslaub.

Die graue Wolke ist weitergezogen. Wo sie stand, glimmt ein silbernes Pünktchen, der Schnepfenstern. Wie oft habe ich ihn erscheinen sehen beim Schnepfenstriche und auf dem Anstande, und immer ist er mir wieder lieb und wert, der Abendstern, der erste Stern am Himmel, lieb wie das Gedenken an den ersten Kuß, den ich ersehnte und bekam. Dieser erste Stern, er ist anders als die, die ihm folgen, anders, wie der erste Kuß anderer Art war als die, die ich später pflückte. Wie lange das her ist; dreimal zehn Jahre gingen seitdem hin, immer noch zittere ich, denke ich an den Abend im Heckengang, an das atembeklemmende Herzklopfen, als ein heller Hut um die Ecke bog, an das dumme Zeug, das ich hervorstammelte, an das blasse Gesichtchen, das über und über rot wurde, als ich vor lauter Schüchternheit frech wurde und mir meinen ersten Kuß nahm. Einen nur, einen einzigen, und einen beim Abschied.

Ein tiefer, dumpfer, unirdischer Ton ruft mich zu mir selber zurück. Ich fasse den Dreilauf fester und lasse meine Augen hastig über alle nahen Wipfel gehen. Wo ist sie, die Erste von diesem Jahre? Wo morkt sie? Wo streicht sie? An meinen ersten Kuß dachte ich und verpaßte die erste Schnepfe. Auch gut! Mehr als ein halbes Hundert erbeutete ich, und das Gedenken an ein erstes Glück ist mehr wert, als noch einer der seltsamen Nachtvögel am Hühnergalgen. Elschen, schön Elschen, unsere Liebeszeit war kurz. Du wurdest Dame und lerntest das Kokettieren; ich riß die Liebe mit Stumpf und Stiel aus meinem blutenden Herzen und füllte ein ganzes Schulheft mit Liedern voller Herz und Schmerz und Not und Tod und wurde ein Weiberfeind und rauher Jägersmann.

»Quoark, quoark, quoark!« geht es irgendwo, und »pffwitt, pffwitt« hinterher. Beinahe hätte ich sie wieder verpaßt, die Schnepfen. Da kommen sie angestrichen, drei Stück, mit lautlosem, langsamem Eulenfluge, voran die Schnepfin, hinterdrein, sich streifend, zwei Schnepfer. Jetzt, da die beiden wie ein einziges, vierfach geflügeltes Wesen aussehen, halte ich darauf. Ein roter Strahl umspielt sie, und darin sehe ich die eine fallen und die andere sich überschlagen. Dann schmeißt die Bergwand drüben den Schuß dreimal zurück, ein Reh beantwortet den Lärm mit lautem Schrecken, eilig stiebt der Hase ab und zäh klebt der stinkende Pulverdampf über dem Bächlein.

Ich nehme die Schnepfen auf, ziehe jeder eine der silberendigen Stoßfedern aus, stecke die samt einem goldig blühenden Salweidenbruche an den Hut und schlendere langsam talabwärts. Unter dem Waldborde muß ich mich noch einmal umsehen. Ich suche den Schnepfenstern, kann ihn aber nicht mehr finden. Zu viele andere Sterne sind da. Mir ist, als zwinkerten sie mir spöttisch zu, gleich als wollten sie sagen: »Dein erster Stern ist nicht mehr da; vorüber ist die schönste Zeit; dein Vorfrühling ist abgeblüht, dein Frühling ist verwelkt, dein Sommer ist vergangen.«

Ein kühler Wind kommt mir entgegen; es fröstelt mich. Ich glaube, es ist Herbst in mir geworden.

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