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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 31
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authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Jagd und Politik

Einst konnte man stets, wenn irgendwo in unseren gesetzgebenden Körperschaften die jagdlichen Verhältnisse Gegenstand der Beratung waren, beobachten, in welcher schroffen, ja geradezu gehässigen Weise sich die Stimmung der links stehenden Parteien Luft machte. Zum Teil war die Parteidoktrin daran Schuld, die eben alles das für bekämpfenswert hielt, was sich des Wohlwollens der Regierung und der Parteien der rechten Seite erfreute, zum Teil auch die Anschauung, die Jagd sei lediglich ein Überbleibsel veralteter feudaler Einrichtungen und barbarischer Anschauungen, ferner die Meinung, sie sei ein Vorrecht einiger weniger Menschen und von geringem volkswirtschaftlichem Nutzen.

Eine solche Anschauung entsprang einer völligen Unkenntnis von dem hohen volkswirtschaftlichen Nutzen der Jagd, und diese Unkenntnis mußte allmählich verschwinden, seitdem die Freude am Weidwerk immer größere Schichten des Volkes ergriff; damit gewann auch die Jagdpresse immer mehr Einfluß im Volke, und da auch die Tagespresse später begann, der Jagd Aufmerksamkeit zu schenken, so dringt das Verständnis für den Wert der Jagd in immer größere Volksschichten.

Damit schwindet auch die Abneigung, die sich früher so stark gegen sie offenbarte. Selbst ein Laie hat wenigstens eine ungefähre Ahnung von dem gewaltigen Kapitalumsatz, der durch die Jagd und die damit verbundenen Gewerbe- und Industriezweige bewerkstelligt wird, und die Erkenntnis, daß die Jagd wohl das beste Gleichgewicht gegen die mit unserer Kulturform entstehende Nervenüberreizung ist, gewinnt überall mehr Boden.

Noch niemals gab es eine Zeit, in der das Leben so verwickelt und infolgedessen so anstrengend war wie heute; selbst auf das Land dringt schon die Nervosität, die Krankheit der Zeit, denn Eisenbahn; Telegraph und Telephon und Tagespresse tragen Hast und Unrast in Handel und Wandel, Klassenkampf und Parteigetriebe bis in die stillsten Winkel, erfüllen das ganze Volk mit einer nervösen Erwerbssucht, einem ungesunden Genußfieber, einer krankhaften Sucht nach Veränderung, einer Überschätzung der geistigen und einer Geringschätzung der körperlichen Tätigkeit.

Da aber jede Aktion den Keim zu ihrer Reaktion mit sich bringt, so tritt die Sucht nach urmenschlicher Betätigung heute wieder stärker auf, und daraus erklärt sich der gewaltige Aufschwung, den die Jagd und die Sportfischerei in den letzten Jahren genommen haben, und der sich selbst auf Kreise erstreckt, die, wie der Handel, infolge ihrer abgeklärten Urbanität allen Urwüchsigkeiten gegenüber eigentlich eine ererbte Abneigung besitzen.

Mag in vielen Fällen, wo begüterte Handelsherren und Bankmenschen zu Jägern werden, auch nur der Hang zu feudaler Lebensführung der ausschlaggebende Grund dafür sein, auch die Mode ist schließlich nichts als ein Zeichen für die Richtung, die der Geist der Zeit einschlägt, und wenn Kreise, die früher sich auf ihre rein geistige Betätigung etwas zugute taten, den Drang zu körperlicher Erholung zeigen, so beweist das eben, daß unsere Zeit sich da ihr Gegengift zu holen sucht, wo es einzig und allein zu finden ist, in der Natur.

Mag nun auch der Mann, der aus reiner Sportsfexerei zu Waffe greift, für sich kaum einen Funken Naturgefühl besitzen und anfänglich im ödesten Schießertum seine Befriedigung finden, entweder gewinnt er für sich selber allmählich den vielleicht sei Generationen verlorenen Zusammenhang mit der Natur zurück, oder er überträgt einen Teil dieses unbewußterweise von ihm aufgesogenen Naturempfindens auf die Erben seiner leiblichen und geistigen Eigenschaften, auf seine Kinder, und gibt ihnen dadurch mehr für das Leben mit, als er das durch seinen letzten Willen zu tun vermag.

Was bei ihm verdorben war, wird vielleicht in seinen Kindern wieder aufleben und sich bei ihnen oder deren Nachkommen stärker weiterentwickeln, so daß die Enkel eines Mannes, der nur der Mode folgte, nicht dem eigenen inneren Triebe, als er Jäger wurde, mit ihrem Empfinden wieder dorthin gelangen; mit ihrem Gefühl wieder dort ankommen, wo jedes einzelnen Mensch, wo jedes Volkes einziger Jugendbrunnen quillt, bei der Natur. Und so hat die Jagd einen großen rassenpolitischen Wert, denn der politische Erfolg eines Volkes hängt im letzten Grunde von seiner inneren Gesundheit ab.

Doch auch noch in anderer Weise ist die politische Bedeutung der Jagd nicht zu unterschätzen. Jede hohe Zivilisation bringt die Gefahr mit sich, daß das Volk in verschiedene, sich mehr oder minder feindlich gegenüberstehende Schichten zerfällt, so daß es zeitweise oder für immer jegliches Gefühl seines inneren Zusammenhanges verliert und des Bewußtseins verlustig geht, daß jeder Volksgenosse trotz der wirtschaftlichen und parteipolitischen Gegensätze, die zwischen ihm und den übrigen Mitgliedern des Volkes bestehen, zu einem und demselben Organismus gehört.

Wirtschaftliche und politische Gegensätze gab und gibt es stets bei einem wirtschaftlich gesondertem Volke, ihr Vorhandensein ist also kein Zeichen von Ungesundheit; wenn die Auffassung davon aber so weit geht, daß es zu einer derartigen Feindseligkeit zwischen Stadt und Land kommt, wie es heute der Fall ist, so liegt darin eine schwere Gefahr für die Gesundheit des Volkes, denn es spaltet sich in zwei sich bis auf das Blut bekämpfende Parteien, von denen die eine nicht das geringste Verständnis für die berechtigten Forderungen der anderen besitzt. Der Landwirt wird schließlich in den Augen des Städters zum halbsüchtigen Agrarier, und diesem erscheint alles Städtertum schließlich als unproduktive Schmarotzerei auf Kosten des Landes.

Eine gewinnsüchtige, jeder wahren Ideale bare Presse sorgt zur Genüge dafür, daß dieser Gegensatz sich von Tag zu Tag mehr vertieft, daß hüben wie drüben die Stimmung immer gereizter wird, und die Folge davon ist, daß höchst wichtige Angelegenheiten, wie zum Beispiel die Kanalfrage, lediglich infolge dieser urbanagrarischen Verfeindung ein Jahrzehnt lang trotz aller Bemühungen der Regierung verschleppt wurden. Das kann aber nur bei einem Volke geschehen, dem in seinen breiten Schichten das Gefühl der Zusammengehörigkeit abhanden gekommen ist, an deren Stelle dann ein kläglichkleinlicher Parteiegoismus trat.

Alles, was imstande ist, diesen Parteiegoismus zu dämpfen und das Gefühl des Volksgenossentums zu erwecken, ist für die Gesunderhaltung der Volksseele und für die politische und wirtschaftliche Zukunft des Vaterlandes von dem größten Werte; ein Volk, das in den allerwichtigsten Fragen einig ist, wird mit äußeren Gefahren leicht fertig. Ist der innere Zwiespalt sehr groß, so wird der Kampf, den ein Volk zu führen hat, selbst bei der geschicktesten Leitung nicht mit genügender Wucht geführt werden können, da vielfach die innere Überzeugung fehlt.

Eins der Mittel nun, das imstande sein dürfte, einen Teil der Gegensätze in unserem Volke zu mildern und abzuschwächen, gewährt die Beschäftigung mit der Jagd. Der größte Teil der Feindlichkeiten innerhalb unseres Volkslebens beruht darauf, daß der eine Volksgenosse die Lebensbedingungen des andern und dessen daraus entspringende Forderungen an die Allgemeinheit wenig oder gar nicht kennt; jede Volksgruppe hält sich für die wichtigste, zu deren Gunsten alle anderen zurücktreten müssen; keine aber vermag sich zu einer sachlichen Betrachtung einer anderen Gruppe aufzuschwingen und von ihrem persönlichen Standpunkte zu einem allgemeinen zu gelangen, um dadurch zu dem Gefühle zu kommen, daß jeder Mensch und seine Partei weiter nichts sind als Glieder desselben staatlichen Gebildes.

Die Jagd aber bringt den Städter mit dem Landwirt zusammen; auf der Jagd lernt der Städter alle möglichen Seiten des Landlebens kennen, lernt er den schweren, mit unablässiger Sorge und Angst verknüpften Kampf begreifen, den der Landmann jahrein, jahraus mit Hitze und Kälte, Nässe und Dürre, und mit Ebbe und Flut an der Getreide- und Viehbörse zu kämpfen hat. Er muß, ist er nicht ganz voreingenommen, einsehen, daß es kaum einen Beruf gibt, der so viel Hingebung, Mühe und Anstrengung erfordert wie der des Landwirts, und lernt er dessen vielfache Nöte genauer kennen, sieht er, wie dem Landmann Getreideeinfuhr und Viehimport den Ertrag seiner Arbeit entwerten, wie der Industrialismus das Land der Arbeitskräfte beraubt, dann wird er milder über den zumeist der Notwehr entspringenden Kampf des Landes gegen die Stadt urteilen.

Anderseits wird auch der Landwirt zu einer besseren Auffassung städtischen Wesens kommen, wenn durch die Verpachtung seiner oder seiner Gemeinde Ländereien seine Interessen mit denen eines Städters verknüpft sind. Der Vorteil, den die ländlichen Grundeigentümer aus der Jagdverpachtung ziehen, ist sehr beträchtlich bei der jetzigen Höhe der Jagdpachten, und durch Anstellung von Jagdaufsehern werden für eine Menge Menschen auf dem Lande günstigere Daseinsbedingungen geschaffen, was beides nicht ohne Rückwirkung auf die Stimmung der Landbevölkerung dem Städtertum gegenüber ist.

Sehr viel trägt dazu auch der persönliche Verkehr bei, ja wohl das meiste; der Städter und der Bauer, zwei Vertreter von Gruppen, die sich seit Urzeiten bekriegten, heimlich oder offen, mit der Waffe oder durch Parteipolitik, kommen durch die Jagd in einem harmlosen, von allen Geschäftsfragen freien Verkehr zusammen, der eine lernt in dem anderen den Menschen kennen, bekommt Verständnis für des anderen Leid und Freud, und die zwischen beiden infolge ihrer Zugehörigkeit zu ganz verschiedenen Interessenkreisen herrschende parteipolitische Spannung muß sich mit der Zeit bedeutend abschwächen.

Noch in anderer Weise vermittelt die Jagd zwischen Stadt und Land. Früher verbrachte der vermögende Großstädter seine Erholungszeit fast ausschließlich in Bädern und Kurorten. Seitdem ihm aber durch die Jagd das einfache Landleben immer lieber wurde, wird es bei ihm immer mehr Mode, mit Weib und Kind in seinem Reviere Erholung zu suchen. Anfangs richtete man sich im Dorfwirtshause ein, mietete später eine Wohnung, wo das möglich war, um schließlich durch den Erwerb eines Grundstückes und den Bau eines Hauses auch wirtschaftlich dort Wurzeln zu schlagen, wo man schon so lange mit seiner Zuneigung haftete.

Für beide Parteien kommt nur Gutes bei dieser Verschmelzung des Stadtlebens mit dem Dorfleben, die neuerdings immer mehr fortschreitet, heraus; das junge Stadtvolk, das auf dem Lande aufwächst, bekommt nicht nur klare Augen und gesundes Blut, sondern auch eine klare Auffassung der Dinge auf dem Lande und eine gesundere Bewertung des gesamten Volkslebens.

Aber noch ein weiterer Nutzen für das gesamte Volksleben springt bei der Jagd heraus. Eine ganze Menge von Leuten, deren Tätigkeit als Richter, Landräte oder sonstige Verwaltungs- und Aufsichtsbeamte oder als Offiziere von der weitesttragenden Bedeutung für das Wohl großer Volkskreise ist, sind, wenn sie nicht vom Lande stammen, gar nicht imstande, ländliches Wesen zu verstehen und zu würdigen. So wenig wie sie die Umgangssprache des Landvolkes, besonders seiner niederen Schichten, beherrschen, ebensowenig verstehen sie auch seine Denkungsart.

Es ist selbstverständlich, daß ein Beamter, der die Landbevölkerung nicht kennt, trotz der größten beruflichen Tüchtigkeit und trotz des eifrigsten Bemühens, billig und gerecht zu handeln und zu urteilen, sehr leicht verkehrt handelt oder urteilt, wenn er das Landleben nicht kennen lernte, oder wenigstens wird seine Tätigkeit nicht so ersprießlich ausfallen, als wenn er ländliches Leben und Denken genau kennt. Manche Handlungsweise, die sich mit dem städtischen Moral- oder Rechtsbegriffe nicht gut vereinbart, wird ihm dann erklärlicher und verzeihlicher erscheinen.

Es gibt für den Offizier, Verwaltungsbeamten und Juristen, der aus der Stadt stammt, aber kaum ein besseres Mittel, das Landleben nach allen seinen Richtungen kennen zu lernen, als die Jagd; die Jagd bringt ihn in das Dorfwirtshaus, wo er hört, wie und worüber die Leute reden; im Verkehr mit dem ländlich erzogenen Jagdhüter, im Gespräch mit Bauern, Knechten und Waldarbeitern lernt er ein Leben kennen, sehr verschieden von dem in der Stadt, ganz anders, aber nicht geringer und ebenso beachtenswert. Er erkennt, welche Rolle hier Dinge spielen, die dem Städter winzig vorkommen, und daß billigere Rechts- und einfachere Moralanschauungen dort herrschen, wo alle Verhältnisse offener und einfacher sind, als im verworrenen, verhüllten Stadtleben.

Ist er Richter, Landrat, Regierungsrat oder Offizier, so werden ihm diese Kenntnisse von dem größten Nutzen sein; die Leute, über denen er urteilend, führend oder befehlend steht, werden bald erkennen, daß er Verständnis für sie hat, und in ihm mehr den Freund und Helfer als den Vertreter einer gegensätzlichen Macht sehen, und sie werden ihm seine Berufsarbeit durch unwillkürliches Entgegenkommen erleichtern, so daß in seinem Wirkungskreise die Spannung zwischen oben und unten, zwischen Regierung und Volk bei beiden Teilen einer gesunden Auffassung Platz macht.

So verknüpft die Jagd mit vielen feinen Fäden die Stadt und das Land, und wenn auch ihr volkswirtschaftlicher Wert durch die Millionen, die durch sie in Umlauf gesetzt werden, durchaus nicht zu unterschätzen ist, ihr politischer Wert ist noch bedeutend größer; zwischen zwei große Volksgruppen, die sich allmählich in einen blinden Haß hineinhetzen, tritt sie und vermittelt auf unauffällige Art und frischt das Gefühl des Volksgenossentums, das der aus den wirtschaftlichen Interessenkämpfen entspringende Parteizwist Tag um Tag schwächt, Tag um Tag wieder auf, die negative Wirkung der Parteipolitik durch positive politische Tat aufhebend.

Und so haben sie viel miteinander zu tun, die Jagd und die Politik.

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