Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060601
modified20160412
projectid8f464659
Schließen

Navigation:

Wenn der Tauber ruft

Es gibt einen alten Spruch, der da lautet: »Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.« Er klingt kleinbürgerlich und philisterhaft in unserer großartig auftretenden Zeit, in der die Millionäre wie die Fliegenpilze aus dem sozialen Humus hervorbrechen, um freilich oft genug nach der Schwammerlinge Art zu vergehn und weiter nichts zu hinterlassen als Stank und Schleim.

Darum ist es gar nicht so dumm, kramt man einmal wieder das alte, arg verschossene Sprichwort heraus, denn ein bißchen philiströse Gewissenhaftigkeit, so ein wenig kleinbürgerliche Genauigkeit, die kann uns im täglichen Leben wahrhaftig nichts schaden. Auch der Jäger tut gut, neben Patronen, Butterbroten, Zigarren und Kognakfläschlein dieses Leitwort unsrer Ahnen im Rucksack zu verstauen, sintemal und alldieweil er von der Hauptkrankheit unserer Zeit, der dicketuerischen Großmannsucht, recht erheblich angesteckt zu sein pflegt. Einst war die Jagd bei uns ein adlig Spiel, adlig insofern, als es ernst genommen wurde. Kein Zweig der Jagd galt als gering, jeder mußte, sollte der Jäger nicht als Fleischmacher und Luderjäger gelten, gerecht gehandhabt werden. Heute ist das anders: »à la mode-Kleider, à la mode-Sinnen; wie sich's wandelt außen, so sich's wandelt binnen.« Nicht nur ihre abgelegten Kleidermoden trägt der deutsche Jäger den engelländischen Halbvettern nach, er zieht sich dadurch auch eine karierte Gesinnung zu und wird zum Sportschützen, zum Schießer und Rekordathleten.

Von des deutschen Weidwerks heimlicher Lust versteht er so viel, wie die Kuh vom Kunstdünger. Die Beute, das ist ihm die Hauptsache, das Was, aber nicht das Wie ist sein Ziel, die hohe Ziffer sein Ideal. »Na, wieviel Böcke haben sie denn jetzt tot?« das ist die gängigste Frage am Jägerstammtisch. Man möchte meinen, es handle sich um den Stand der Aktien oder um Kuxengewinne. Auch die Höhe der Strecke hat ihren Wert, aber nur bei Treibjagden auf Hasen oder ein anderes gemeines Feld-, Wald- und Wiesenwild. Sobald aber das Wild zur Mittel- und Hochjagd gehört, soll nicht die Endsumme der erbeuteten Stücke, sondern die Stärke des einzelnen Stücks und die Art, in der es erlegt ist, das wichtigste daran sein. Drei Hirsche, vor der Treiberwehr geschossen, wiegen nicht so schwer wie einer, nach wochenlanger Mühe auf der Pirsche erbeutet, und das Gehörn ist dem wahren Weidmann am liebsten, das ihn die meisten Schweißtropfen kostete.

»Welch ein Blödsinn!« sagt der Mann von heute, dem der mühelos erworbne Gewinn, sei es Mammon, sei es eine Jagdtrophäe, lieber ist denn der, so mit Schweiß und Arbeit verknüpft ist; »wie ich den Bock oder den Hirsch kriege, das ist mir wurst, wenn ich ihn nur kriege.« Es muß auch solche Leute geben, es ist sogar gut, daß es solche gibt, denn wenn es keine Schießer gäbe, so hätte der Weidmann nicht das wärmende Gefühl unter der Weste, neunundneunzig Prozent mehr wert zu sein als der Jagdprolet, und wenn dieser auch die Tasche voll brauner Lappen hat, einen Kragen mit Rückantwort trägt und im eigenen Auto zu Holze stänkert. Der andere aber fährt dritter Klasse, trägt ein Flanellhemd und dreht jede Mark in der Hand herum, ist aber doch dreißig Male und drei mehr Jäger, als der Jagdprotz. Der saust im Sechzigkilometertempo zu Jagd, liest derweilen ein Börsenblatt, nimmt in dem Herrenzimmer des Dorfkruges den Bericht des Jagdaufsehers entgegen, keilt in den drei Tagen drei Böcke vorbei und erschlägt sechse unter Zuhilfenahme von Streifenlader, Zielfernrohr und Zielstock, und gondelt in dem erhebenden Bewußtsein, seinen Gästen beim Rochefort die neuesten Knochen, einer noch kapitaler als der andre, vorweisen zu können, dem großen Asphaltdorfe wieder zu, froh, seinem Jägerruhm einige neue Lorbeerblätter hinzugefügt zu haben.

Na ja, es gibt solche Jäger und so 'ne, so 'ne aber sind die meisten. Knöpft man einem so'nem den Kieker und den Zielstock ab, setzt ihn piquesolo und unbevormundet durch den Jagdaufseher in einem leidlich besetzten, möglichst urwüchsigen Reviere ab mit dem guten Rate, es einmal mit der Pirsche aus der freien Hand zu versuchen, wetten, daß er verloren und verkauft ist? Oder stellt ihn in den Vorfrühlingswald und sagt ihm: »So, Verehrtester, nun beweist einmal, daß ihr pirschen könnt, und schießt in einer Stunde einen Ringeltauber, aber wohlgemerkt, nicht einen, der Euch zusteht, sondern den da, der da hinten ruckst und der leicht an dem gedoppelten Endreim seines Rufes zu erkennen ist!« – übel steht es mit dem Manne; er wird dahinpoltern wie ein altes Holzweib, wird dem Tauber eine ganze Masse Bewegung verschaffen, aber kriegen wird er ihn nicht. Denn es ist nicht so einfach, sich an den rucksenden Tauber heranzupirschen, und mancher Mann, der ganze Wände voll selbsterbeuteter Rehkronen und einige gute Geweihe darunter hat, kann sich krumm und krüppelig schleichen, und muß doch heimziehen, ohne einen der Waldbauchredner bekommen zu haben.

»Aber,« wird dieser Mann sagen, »zu was soll ich denn hinter diesem Jammervogel herkrebsen, der noch nicht einmal auf dem Jagdscheine steht? So bei Wege kann man ja mal auf eine abstreichende Wildtaube hinhalten, aber sich um sie abzuquälen, wie um einen Bock, das hat doch sehr wenig moralischen Wert!« Hierauf könnte man ihm antworten: »Ihre Meinung in Ehren, Allerwertester, aber sie ist blödsinnig.« Man kann wohl einer abstreichenden Taube hinhalten, besonders wenn man Wert darauf legt, sich mit Aasjägerodeur zu parfümieren, denn Tauben, das heißt, weibliche Tauben, schießt ein anständiger Mensch erst im Herbste. Aber einen Täuber kann man immer schießen, denn es gibt genug Junggesellen davon, die liebendgern eine Taubenwitwe trösten. Jetzt zum Beispiele, wo der Wald noch laublos ist, da kann man bei der Jagd auf den rufenden Tauber das Pirschen lernen; nachher, wenn der Wald erst dicht ist, ist es keine große Kunst mehr. Leicht ist es nicht, jetzt den Weißkragen zu erbeuten; aber schlägt er hart zwischen die Blumen, die im Fallaube leuchten, dann hat man seine Freude an seiner Geschicklichkeit. Geduld muß man freilich haben, eine Bussardsgeduld, denn hat schon der Birkhahn auf jeder Feder ein Auge, der Tauber hat darauf mindestens zweie, und er vernimmt noch dazu sehr scharf. Da heißt es denn oft, zehn Minuten und länger sich so still zu benehmen, wie ein frischgebackner Reichstagsabgeordneter, und hinter dem Baume auszuharren, bis der abendwolkenfarbige Vogel seinen Argwohn schießen läßt und sein dunkles Lied wieder beginnt. Schlumpt es, so braucht man vielleicht eine halbe Stunde dazu, um einen einzigen Ringeltauber herunterzuholen, aber es kann auch eine volle Stunde darauf hingehn. Macht man das aber öfter, dann bekommt man das Pirschen so in die Glieder, wie der Artist seine Arbeit, und man braucht sich nicht erst, pirscht man sich an einen Bock heran, bei den Ohren zu nehmen und sich zu sagen: »Jetzt wird gepirscht, oller Junge!«. Man pirscht, wie man ißt oder trinkt oder raucht.

Die Sonne fällt auf die altsilbergrauen Buchenstämme; die Windröschen im goldbraunen Vorjahrslaube blitzen lustig, und fröhlich leuchten aus dem grünen Moose am Grabenborde die treuen Blüten des Leberblümchens. In jedem Baume beinahe sitzt ein Fink und zeigt, was er kann, vor dem Wipfel der zopftrocknen Eiche verzapfen die Stare einen ulkigen Heringssalat von Melodien, ein halbes Dutzend von Meisensorten piepsen auf ebenso viele Weisen, selbst der Häher bekommt es mit der Dichteritis, und sogar die Krähe empfindet das Bedürfnis, sich lyrisch zu benehmen, wenn der Versuch auch nur höchst mangelhaft ausfällt; dazu trommelt der Buntspecht nach der Schwierigkeit, der Zaunkönig riskiert eine Lippe, als wäre er nicht einen Zoll lang oder vielmehr kurz, sondern einen halben Fuß, die Amsel jodelt, die Spechtmeise flötet wie ein Scherenschleifer, das Monstrekonzert ist in vollem Gange. Aber einer fehlt noch, der mit dumpfem, warmen Rufe alle anderen Laute übertönt, der Tauber. Da hinten ruft einer. »Dudu, dududu,« ruft er seiner Taube zu, wirft sich vom Aste, schwingt sich über die goldig schimmernden Kronen, schwebt da in herrlichem Fluge, klatscht wie ein Berufsklaqueur, tanzt auf und ab, fußt auf der Eiche, verschweigt eine Weile und fängt dumpf zu knurren an. »Hurr, hurr, hurr,« klingt es. Den wollen wir uns einmal langen.

Pst, nicht so eilig! Erst muß er wieder rufen, sonst äugt er uns und reitet ab. Jetzt los. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn Schritte. Halt! Er will eben »huk« sagen und das ist der Schlußvers. Eine ganze Weile sagt er gar nichts, aber jetzt legt er wieder los. Also vorwärts, marsch, aber Vorsicht, Vorsicht! Denn er äugt scharf. Also immer in Deckung geblieben, und leise getreten, sonst geht er hin und singt nicht mehr, oder vielmehr da irgendwo ganz hinten im Walde. Sie schwitzen ja jetzt schon, Liebwertester, und den Tattrich haben Sie auch! Sehen Sie, der Appetit kommt en mangeant! Sie haben Blut geleckt, die Sache fängt an, Ihnen Spaß zu machen! Und nun: noch einmal, weil es so schön ging! So recht, so schön, so brav, das haben Sie gut gemacht! Da sitzt er, da! Sie sehen ihn nicht? Kein Wunder, denn nicht umsonst gab ihm die Natur fast dieselbe Farbe, die der Himmel hat. Da, wo der spitze Hornzacken steif gegen den Himmel steht, links davon, das ist er! So, nun noch sechzig Gänge, dann haben Sie ihn! Aber das dicke Ende kommt immer zuletzt, denn nun geht uns die Deckung aus. Sehen sie zu, daß Sie da nach der Fichtengruppe hinkommen. Jetzt ist es Zeit, jetzt ruft er wieder. So, nun dreißig Gänge, dann gehört er Ihnen. Los! Halt! Er hat Unrat gewittert. Wir haben ja Zeit, er aber auch. Endlich! Eins, zwei, drei, vier, fünf Schritte, halt! Warten, warten, noch zu weit: der Tauber hat eine Art von Doweschen Panzer an und kann viel vertragen. Darum noch zehn Gänge näher heran, bis zu der Eiche da, und jetzt ist es Zeit. Er ist unbequem, der Schuß steil nach oben, aber um so schöner ist es jetzt, wo der bunte Vogel uns dicht vor die Füße schlägt und dann ein Gestöber von weißen Federn hinterherrieselt. Blanke Augen haben Sie, eine nasse Stirn, vergnügte Finger und linkerhand unter Ihrer Weste klopft irgendetwas recht deutlich. »Na, war das nicht schön? und haben Sie nicht viel gelernt bei Ihrem ersten Tauber?«

Man soll nicht viele Tauber schießen, denn sie rufen so schön. Aber man soll sich so oft wie möglich an einen heranpirschen, und so nahe, als es eben geht, und möglichst an solche, die ganz hinten im Walde rufen. Denn ist auch ein gut gedämpfter Tauber nicht zu verachten, des Bratens wegen schießen wir ihn wahrhaftig nicht. Lernen sollen wir an ihm die edle Kunst der Pirsche aus der freien Hand, des Schleichens von Stamm zu Stamm, beibringen soll er uns die Fähigkeit, lautlos zu sein und unsichtbar, damit wir sie in den Gliedern haben, gilt es dem guten Bocke oder dem braven Hirsch. Ob Hirsch, ob Bock, ob Tauber, im Grunde ist das gleich. Die Hauptsache ist es, sich als Urmensch zu betätigen, seine Sinne zu gebrauchen, seine Kräfte anzuspannen, einmal wieder ganz Mann zu sein und Mensch, den Asphalt zu vergessen und die ganze städtische Lackiertheit, die uns allen Murr und Purr aus den Knochen saugt und uns solange knechtet und knetet, bis wir uns wie unsere eigenen Urgroßväter vorkommen und ganz vergessen, daß der Mensch seine Augen nicht nur zum Lesen und Schreiben über die Nase gesetzt bekommen hat, und mit den Ohren auch noch etwas anderes anfangen kann, als den Hörer des Fernsprechers davor zu halten.

Und das ist das Beste, das Wichtigste und Wertvollste, das uns die Jagd bietet. Sie legt uns einmal wieder der Natur an die runde nahrhafte Brust, auf daß wir daraus neue Kräfte und frische Stärke saugen, wir armen Kinder einer Zeit, die mit unseren Nerven Schindluder spielt und unsere Sinne zu Appelmus rührt. Auf dem Asphalt, im Kurszettel, im Salon, da finden wir uns zurecht; wehe aber, wenn wir in die Natur hineingeraten, wo sie der Wege und Wegweiser entbehrt. Dann stehen wir da wie die Muhkuh vor dem neuen Tore, brüllen ängstlich, wissen nicht aus noch ein und kommen uns vor, wie der bekannte Leipziger Wassergreis mit der mangelnden Hilfswissenschaft. Im Kursbuche haben wir im Handumdrehen die Anschlüsse von Inowrazlaw nach Cognac bei Bordeaux herausgeknobelt; aber nach der Wetterseite der Bäume und dem Stande der Sonne den Weg zu finden, dazu sind wir viel zu gebildet, viel zu fein, Gott sei's geklagt. Und deshalb stellt sich der junge deutsche Mann, steckt ihn der Staat in den bunten Rock, so dämlich an, wenn er bei der Felddienstübung oder im Manöver auf Patrouille muß, denn die Natur, in der er aufwuchs, besteht aus Backsteinen, Asphalt, Schienen, Leitungsdrähten und Restaurants, und verraten und verkauft ist er, sieht er um sich herum einmal weiter nichts als Wald und Heide.

Der Sportplatz, das Ruderboot, das Rad und das Auto, sie geben uns das nicht wieder, was die Zivilisation uns nahm an gesunden Instinkten, und die Jagd, wie sie gemeiniglich betrieben wird, auch noch nicht. Hühner- und Hasensuche und Treibjagd bringen uns der Natur nicht näher: das kann nur die Pirsche aus der freien Hand. Diese aber erlernt man nur, wenn man sie oft ausübt. Woran, das ist ganz gleich. Ist der Bock noch nicht frei, nun, pirschen kann man immer, heute auf die Ente in der Uferbucht, morgen auf das Kaninchen, den anderen Tag auf den alten Fasanenhahn, auf die streunende Katze und den stromernden Fix.

Jeder solcher Pirschgang, und ist die Beute, die er bringt, auch noch so gering, bringt uns dauernden Gewinn, schärft unsere Sinne, ölt unsere Gelenke, schafft den Gliedern Leichtigkeit und den Bewegungen Sicherheit.

Darum soll man nicht versäumen, der Pirsche zu pflegen um die Zeit, wenn der Tauber ruft.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.