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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 26
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Jägerlatein

Von allen Wesen auf der Welt ist der Witzblattredakteur das bedauernswerteste Geschöpf.

Es ist gar nicht so einfach, alle Wochen zwanzig Druckseiten mit guten Witzen zu füllen, und gäbe es nicht die alten bewährten Gestalten, den stets betrunkenen und verschuldeten Studenten, den an Größenwahn unheilbar erkrankten Leutnant, den unglaublich zerstreuten Professor, den maßlos dummen Bauern und den stets aufschneidenden Oberförster, wer weiß, ob manches Witzblatt nicht schon längst sanft und selig entschlafen wäre.

Die allwöchentliche Witznot der Witzblätter ist Schuld daran, daß alles, was einen grünen Rock trägt, vom Oberförster bis zum Sonntagsjäger, in dem Verdacht steht, es mit der Wahrheit recht ungenau zu nehmen. Selbstverständlich gibt es Jäger, die noch doller aufschneiden als die Besitzer von Fleischwarengeschäften, die jede Strecke mit drei multiplizieren, aus einem Duselschuß eine Glanzleistung, aus einem Frischling eine grobe Sau und aus einem traurigen Spießbocke einen strammen Sechser machen. Aber gesohlt wird schließlich überall und unter den Jägern gibt es schließlich nicht mehr Übertreibungskünstler als unter der umliegenden Menschheit.

»Jägerlatein!« denken die Mitreisenden, wenn die beiden Jäger im Abteil sich einige besonders auffallende Vorfälle erzählen. Die wissen eben nicht, wie es auf der Jagd hergeht, haben keinen Schimmer davon, wieviel Seltsamheiten sich dabei ereignen, daß Dinge vorkommen, beinahe so toll wie die, so der Meister des Jägerlateins, der Bodenwerderer Baron von Münchhausen, als eigene Erlebnisse so bildschön erzählte. Darum hüten sich viele Jäger, die es mit der Wahrheit recht genau nehmen, auch sehr, Laien ihre abenteuerlichsten Erlebnisse mitzuteilen, ja selbst anderen Jägern gegenüber halten sie sich zurück, da sie keine Lust haben, als Lateiner zu gelten.

Wie spöttisch würde ein Laie sein Gesicht verziehen, hörte er einen Jäger erzählen, daß dieser mit einem Schusse einen Birkhahn und einen Hasen geschossen habe, denn der Hase läuft doch auf dem Erdboden herum, wogegen der Birkhahn durch die Lüfte saust. Aber die Geschichte ist vor Zeugen vor sich gegangen und die ganze Sache ist im Grunde mordseinfach. Ein stadthannöverscher Großindustrieller suchte im Herbste Birkwild. Ein Hahn steht auf kurze Entfernung auf und wird geliefert. In demselben Augenblicke, da er in das Heidkraut schlägt, macht auf demselben Flecke ein Krummer dem Schützen seinen Diener. Da der Hahn tief strich und der Schütze von oben nach unten feuerte, traf ein Hagelkorn einen Hasen, der nichts Böses ahnend in seiner Gasse kauerte, in den Bürker, und so kam mit dem Hahn der Hase zur Strecke. Wohl ein Dutzend Male bin ich selber bei derartigen unbeabsichtigten Doppeltreffern dabei gewesen. Ich sah, wie ein alter Jäger auf einen Hasen flüchtig schoß, und sowie es knallte, schlugen zwei Krumme ein Rad, der Flüchtige und der, der unter ihm im Potte gesessen hatte. Ein anderes Mal blattete ich mit einem guten Schützen Rücken an Rücken an einer steilen Berglehne. Da es gegen Ende der Brunft war, blattete ich mit Kitzlaut, um mit der Ricke den Bock heranzuziehen. Hinter mir knallte es auch bald darauf und ein guter Bock lag. Als er gegnickt wurde, hörten wir in den Stangen etwas schlagen. Banger Ahnung voll gingen wir dahin, denn wir dachten, nun läge die Ricke da; es war aber ein Gabelbock, der das Hartbleigeschoß, das den Sechserbock kurz Blatt durchschlagen hatte, tief weidewund bekommen hatte. Also zwei Böcke, und noch dazu einen, den der Schütze nicht gewahrt hatte, mit ein und derselben Kugel! Lögenhaft to vertellen, und doch wahr.

Wieder ein anderes Mal schoß ich aus der Krähenhütte vor Bemerode bei Hannover eine Krähe. Da die Führung sich verheddert hatte, ging der Jagdpächter hinaus, um sie zu richten, und ich bat ihn, gleichzeitig die zappelnde Krähe zu töten. Er griff hin, aber sie biß ihn so, daß er sie los ließ, und da strich sie ab. Der Pächter konnte nicht schießen, da er seine Waffe in der Hütte hatte, und ich und der andere Jäger nicht, weil der Pächter in der Schußrichtung stand. Nach langer Zeit kam eine Krähe angestrichen. Ihr Flug war sonderbar kreisend. Sie beschrieb außerhalb Schußweite einen großen Bogen um die Hütte und verschwand. Bald tauchte sie wieder auf und beschrieb abermals einen Bogen, der aber enger und tiefer war. »Ich will Karl der Große heißen, wenn das nicht meine Krähe ist,« meinte ich und bat, daß nicht geschossen würde. Die Kreise, die die Krähe zog, wurden immer enger und tiefer und schließlich kam sie genau auf demselben Fleck herunter, auf dem sie nach meinem Schusse hingefallen war. Es war meine Krähe; sie hatte einen Streifschuß über dem linken Auge, das davon gänzlich zugequollen war. Hätte ich für das Vorkommnis nicht zwei Eideshelfer, so würde ich mich hüten, es zu erzählen.

Viel eigentümlicher aber ist noch folgender Fall, der sich vor vier Zeugen ereignete. Um eine mächtige Wiese, die ein vorzüglicher Balzplatz war, standen vier Schirme, und in jedem derselben saß ein Jäger. Dem einen stand nun ein Hahn zu, den er schoß, in den Schirm holte und unter seinen Dreifuß legte. Nach einer Weile stand ihm abermals ein Hahn zu und balzte sich langsam näher. »Mit eins,« so erzählte mir der Jäger, »denke ich, ich träume, denn unter mir fängt es an loszubalzen, und ehe ich die Sache noch recht begreife, läuft der tote Hahn zwischen meinen Beinen laut kullernd aus dem Schirme heraus und rückt dem anderen Hahn auf den Balg, der ihm entgegenlief und ihn gleich annahm. Na, und als sie sich dann am Wickel hatten, schoß ich und hatte alle beide.« So wunderbar die Geschichte sich anhört, so einfach ist sie. Der erste Hahn hatte wahrscheinlich einen Prellschuß bekommen, der ihn betäubte. Als er aus der Ohnmacht wieder erwachte, hatte er wahrscheinlich solches Schädelbrummen, daß er sich über den Sachverhalt nicht ganz klar war, seinen Dröhnkopf mit dem vor ihm balzenden Hahne in ursächlichen Zusammenhang brachte und sich rächen wollte.

»Es geht nirgendswo doller her als auf der Welt,« sagen die Bauern in der Lüneburger Heide. Das stimmt. Jeder Mensch weiß, wie vorsichtig der Bock ist. Dabei habe ich einmal eine halbe Stunde neben einem schlafenden Gabelbock gestanden, ihn erst angeblattet und als er dann nicht aufwachte, ihm guten Morgen gesagt. Aber auch das half nichts; er klappte seine Lichter nur halb auf und pennte weiter. Da setzte ich mich auf den Grabenbord, frühstückte in aller Gemütsruhe, steckte mir dann die Pfeife an und blies dem Bock den Tabakdampf in den Windfang, und da erst stand er verdrossen auf und verzog sich langsam und mißmutig. Ein anderes Mal drückte uns im Spätherbste der Jagdaufseher eine Kieferndickung durch. Plötzlich hörten wir Hilferufe, und als wir hinliefen, sahen wir den kleinen, aber zähen Kerl an der Erde liegen und sich mit einem starken Bock herumzanken, den er am Gehörn festhielt. Es war ein großartiges Theater, und wir mußten so lachen, daß wir nicht daran denken konnten, Fritzen beizustehen. Bald lag er oben, bald der Bock, und Kiefernadeln, Zweige, Moos und Sand flogen in schöner Reihenfolge in der Natur herum. Mit einem Male bekam der Bock Vorhand und heidi ging er. »So 'n Schwaan,« sagte Fritze in seinem schönen hannöverschen Dialekt, womit er meinte, daß der Bock ein Schwein war, »So'n Schwaan! Sitzt da und schläft wie ein Nachtwächter! Ich nicht faul und packe ihn. In meinem Leben nicht wieder! Meine Hände sind ja rein kaputte und, o Gotte, ich bin ja halbig nackigt!« Das war auch so, der Bock hatte ihm mit den scharfen Schalen die Hosen von oben bis unten aufgeschlitzt.

Derartige heftig nach Latein duftende Fälle sind gar nicht so selten. Ich baute mir einst in meiner Jagd unter einer krausen Kiefer einen Sitz aus Torfsoden. Dann steckte ich mir die Pfeife an und warf den Tabaksbeutel neben mich, und gerade einer Birkhenne auf den Rücken, die neben mir auf ihrem Gelege gesessen und es ruhig abgehalten hatte, daß ich zehn Minuten lang unmittelbar bei ihr herumwirtschaftete. Als Junge stieg ich auf eine große Höhlung, und als ich eine Weile still gesessen hatte, kam es mir so vor, als atmete etwas in dem Loche. Ich leuchtete mit einem Streichholze hinein und sah einen Marder daliegen, der fest zusammengerollt war und schlief. Ich machte meinen Rucksack auf, packte zu, stopfte den Marder hinein und schnürte den Rucksack zu. Der Marder rührte sich nicht und schlief weiter. Der Bock kam nicht und ich schob, als es dunkel wurde, mit meinem Marder ab, der sich auch dann noch nicht rührte, als er auf dem Gute in eine Kiste geschüttelt wurde. Erst am anderen Morgen ermunterte er sich. Nach der Menge von Losung, die in der Kiste lag, mußte er sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgewürgt haben. Ähnlich ging es einem mir befreundeten großen Bauern mit einem Fuchse. Es war zur Strichzeit. Der Bauer trampelte sich neben einem Ellernbusche, an den er seine Flinte gestellt hatte, mit viel Getöse einen Stand in dem dürren Gekraut, deckte dann seinen sehr hellen Hund zu, und als er sein Gewehr zur Hand nehmen wollte, sah er, daß in dem Ellernbusche ein Fuchs lag und sanft und selig schlief. Zum Aufwachen kam er nicht mehr, denn mein Freund schoß ihn auf zehn Schritt in den Nacken und das konnte der Fuchs nun doch nicht gut vertragen. Ein anderer mir als durchaus wahrhaftig bekannter Bauer erlegte beim Frühanstand auf Enten fast auf dieselbe Weise seinen stärksten Otter, nachdem er dicht neben ihm, der in einem Hinterbusche schlief, eine Ente geschossen hatte. Sowohl der Fuchs wie der Otter werden, wie mein Marder, so fett gelebt haben, daß der Verdauungsvorgang ihnen alle Besinnung genommen hatte.

Es gibt mehr Dinge in Wald und Heide, als die Bücherweisheit der Stadtmenschen sich träumen läßt. So sind mir zwei völlig gleiche Fälle bekannt, in denen je ein Bock mit der Kugel noch eine Weile abging und, als er zusammenbrach, von je einem anderen Bocke, der aus der Dickung herausstürmte, angenommen und geferkelt wurde, wobei die beiden Mordböcke gleichfalls zur Strecke kamen. Ich selber bekam als Junge von vierzehn Jahren meinen zweiten und dritten Bock auf ähnliche Weise. Ich wollte Jungkrähen schießen und nahm den alten Vorderlader mit. Als ich so durch den Wald bummelte, hörte ich ein Reh ganz schrecklich klagen. Ich pirschte mich heran, glaubend, es hätte sich in einer Schlinge gefangen, denn in jener Gegend wurde viel geströppt, und sah einen Bock, der einen anderen zu Tode forkelte. Den Mörder, einen alten Gabelbock mit fast endlosen, nadelscharfen Stangen, schoß ich an den Hals, dem anderen, dem das Gescheide fußlang aus der rechten Dünnung quoll, gab ich den Kälberfang. Der Gutsförster sagte mir nachher, daß der Mörder in demselben Frühjahr schon ein Schmalreh und einen Spießbock umgebracht hatte. Der Rehbock ist nämlich gar nicht so harmlos, wie er aussieht, und wenn weichherzige Dämchen mich mit vorwurfsvollem Augenaufschlag zwischen Fisch und Braten fragen: »Wie können Sie es über das Herz bringen, einen Rehbock zu schießen? Sie haben doch so wundervolle Augen!« dann führe ich sie mit dem Mordbocke meist sehr schnell ab. Allerdings ist es mir dabei schon einmal begegnet, daß mir eine hübsche Frau lächelnd sagte: »Na, das ist doch wohl Jägerlatein?«

Und ich antwortete: »Ist es, gnädige Frau! Ich war dabei, als ein Förster eine Krähe aus einer Fichte schoß, und mit der Krähe kam ein Edelmarder heruntergeplumpst. Ich habe an einer steilen Felswand sieben Male mit der Kilometerbüchse nach einem Bocke geschossen, der auf über zweihundert Gänge vor der Felswand stand, so daß die Kugeln immer pitsch patsch gegen den Kalkstein prasselten, und nach jedem Schusse trat der Bock näher, bis er schließlich so stand, daß ihn die siebente Kugel herunterholte. Ich war dabei, daß jemand mit Vollmantelgeschoß auf einen auf einem Torfhaufen sitzenden Birkhahn schoß, worauf der Hahn abritt und auf zweihundert Gänge wie ein Stein herunterkam, und als wir ihn aufnehmen, hatte er auch nicht eine Spur von Verdauungswerkzeugen mehr im Leibe. Ich war dabei, als jemand mit Nummer Null auf eine Gans schoß, die nach dem Schusse himmelte und aus unglaublicher Höhe mit solcher Wucht dem Teckel des Schützen auf den Kopf stürzte, daß dieser eine halbe Stunde in Ohnmacht lag. Ich habe es erlebt, daß als wir nach einer Drückjagd frühstückten, ein mausetoter Fuchs plötzlich zwischen zwei Jägern saß und wahrscheinlich weggekommen wäre, wenn nicht der Jagdaufseher ihn mit dem Jagdstuhle eins übergezogen hätte. Ich habe es gesehen, daß ein toter Hase einem Treiber aus der Kiepe sprang und nie wieder gesehen wurde. Es geht eben nirgends doller her als auf der Welt.« Das Hübscheste aber habe ich einmal auf einer Eisenbahnfahrt erlebt. Zu uns drei Jägern stieg ein großer Jagdjäger vor dem Herrn ein, der uns allerlei wüste Sachen erzählte. Unter anderem prahlte er damit, daß sein Freund, bei dem er schießen gehen wollte, wie er sagte, mit einem Schusse vier Stück Rotwild umgebracht habe. Als wir drei sonderbare Augen machten, sagte er: »;Sie glauben wohl, das ist Jägerlatein?« Da sprach der Älteste von uns, ganz langsam und ruhig: »I wo, Jägerlatein ist das nicht, aber eine ludermäßige Aasjägerei.«

Sodann erzählte er uns, daß sein Lehrprinz, einer von der althannoverschen grünen Gilde, den Reihern die Hälse abschoß, den flüchtigen Sauen mit Vorliebe die Kugel zwischen Licht und Lufer antrug und bei Treibjagden stets die Büchsflinte führte, weil er, wenn die Hasen sich genierten, auf Schrotschußnähe zu kommen, ihnen das dicke Blei gab, und nun dachte der Jagdjäger, er redete lateinisch, und grinste hinter seinem Gesichte.

So aber ist es: was man nicht kennt und kann, daß kommt einem unglaublich vor. Daher der Name: Jägerlatein.

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