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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 23
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Der Bock treibt

Dem einen sin Ul is dem annern sin Achternagel, sagt eine uralte Bauernweisheit.

Das stimmt; wenn die Nächte hell und kalt sind, kommt der Hirsch auf zärtliche Gedanken, wogegen der Rehbock sich dann mächtig beherrschen kann. Ist aber die Luft schwül und weich, dann stellt sich bei ihm ein heftiges Verlangen nach passender Damenbekanntschaft ein, oder vielmehr, der Fall entwickelt sich umgekehrt, denn die Schmalrehe und Altricken singen dann ein Lied, das ihm durch Herz und Nieren geht.

Denn Musche Blix ist, nimmt man ihn unter die Lupe, einer kleinen Courschneiderei eigentlich niemals abgeneigt. Von Rechts wegen hat ihn die Natur so veranlagt, daß er seinem Drange nach statistischer Betätigung im Juli und August Ausdruck geben soll. Daran hält er sich ja auch im allgemeinen; aber wenn es einmal ganz besonders weiche, warme, schwüle Maitage gibt, oder auch im Juni solche von dieser Art, dann poussiert er nach der Schwierigkeit darauf los, selbst wenn er bei seinen Damen auf gänzlich ablehnende Haltung stößt, und es kommt ihm auch nicht darauf an, im September und Oktober, ja sogar im Januar und Februar den angenehmen, oder vielmehr, wie man an dem Benehmen der Gegenpartei ersehen kann, den unangenehmen Schwerenöter zu spielen.

In der Hauptsache aber hält er sich an die gesetzmäßige Zeit und teilt sich seinen Vorrat von Zärtlichkeit auf die Frist von Mitte Juli bis Mitte August ein. Alle die Unbilden, die ihm Winter und Vorfrühling brachte: Äsungsmangel, wunde Läufe, Haarwechsel, Rachenbremsenhusten, hat er, leichtsinnig wie er nun einmal ist, längst verschwitzt, und wenn er auch nicht vergessen hat, daß es grüne Jäger und blaue Bohnen gibt, augenblicklich denkt er mehr an rote Schmalrehe, denn auch darin ist er eigen: im Umfang der Brunftzeit hält er sich an die Mädchen, bis ihm hinterher einfällt, daß er den älteren Damen gegenüber auch noch Verpflichtungen hat, und so läßt er sich schnell eine davon an den linken Hinterlauf trauen, und wenn es nicht anders geht, auch zwei oder drei.

Denn er nimmt es darin nicht so genau. In allen Naturgeschichten heißt es zwar: »Das Reh lebt monogam.« Das Reh vielleicht, wenigstens soweit es weiblich ist. Die Monogamie der Herren Böcke aber schmeckt stark nach Polygamie, doch sollen, einem gut verbürgten Gerücht zufolge, es die Schmalrehe und Altrehe auch nicht so genau nehmen, sondern nach dem Spruche handeln: »Wie du mir, so ich dir« und bei Gelegenheit ganz fidel aus der Reihe tanzen und, wenn der rechtmäßige Alte gerade sein Mittagsschläfchen hält oder botanisieren geht, einem Spießbocke oder Gabelbocke ihre Gunst nicht versagen. Merkt der Gebieter aber etwas von solchen Geschichten, dann geht es den jungen Herren höchst dreckig; wie ein Ungewitter fährt er aus dem Busche heraus, deckt ihn gehörig zu und bringt ihn derartig auf den Schwung, daß er für das Erste sein Weichbild fliehet, denn wo so ein alter Bock hinforkelt, da wächst sobald kein Gras, oder vielmehr, Haar wieder.

Die übelsten Vertreter sind in dieser Beziehung die uralten Böcke, die schon ganz weiß um den Windfang sind und von Jahr zu Jahr weniger Sorgfalt auf die Anschaffung der Hauptzierde legen. Wenn so ein alter Bock sich aus den kleinen Ricken keinen Deut mehr macht, sondern ihnen als vereidigter und geschworener Misogynerich am liebsten im großen Bogen aus dem Wege geht, dafür ist er um so feinfühliger in seinem moralischen Empfinden geworden gemäß dem alten Spruche: »Jugend hat keine Tugend; dafür hat das Alter aber die Moral.« Sobald er nun vernimmt, daß irgendwo ein Schmalrehchen, natürlich nur aus Ziererei, aufquietscht, oder wenn es gar »Mämä, Mämä« schreit, dann steigt ihm die moralinsaure Entrüstung bis in den Hals, und wupp, wupp, wupp ist er da und beult den verliebten jungen Bock für alles das, was ihm, dem alten Herrn, in seinen grünen Jahren doch so viel Freude machte, ganz abscheulich durch. Er nennt das dann: moralische Entrüstung. Der andere aber schimpft aus der Dickung hinter ihm her: »Bö, böö, bööö,« das heißt: »Neid der besitzlosen Klasse.«

Mit diesen Umwandlungen der Rehe, und zwar a) mit der Unmoral der Schmalrehe, Ricken und jüngeren und b) mit der über jeden Verdacht erhabenen Moral der alten Böcke rechnet der Jäger bei der Blattjagd, indem er dabei teils auf die Unmoral, teils auf das schöne Gegenteil spekuliert. Er zieht zu Holze, holt sein Messer heraus, schneidet sich einige Rotbuchen- oder Birnbaumblätter, oder ein Stück Birkenrinde, oder einen Gras- oder Schilfhalm, verfertigt daraus mehr oder minder einfache Lockinstrumente und macht damit jene süße Musik nach, der kein fühlendes Rehbockherz auf die Dauer widerstehen kann. Das heißt, heute macht der Jäger das nicht so, sondern er steckt sich einige Goldfüchse in die Westentasche und pilgert damit zu seinem Waffenhändler, um sich dort die neueste patentierte Rehlocke zu erstehen. Davon gibt es verschiedene, solche zu einer Mark und andere, die fünf und mehr kosten. Alle miteinander aber haben das gemeinsam, daß ein Stümper in der edlen Kunst des Blattens damit ebenso gute Erfolge erzielt, wie mit einem Feuerwehrhorn oder einer Automobilhupe, wogegen ein gerechter Blattjäger mit dem Mundstück einer Gießkanne oder einem alten Stiebelschacht besser plattet, als die andern mit System Ulenhut, Buttolo oder wie die Dinger sonst heißen.

Es gibt nämlich beinahe mehr Systeme von Blatten heute, als gute Blattjäger. Ulenhut ist großartig; wer damit nicht umzugehen weiß, dem rücken, nimmt er die Fiepblatte, sämtliche Bussardweibchen der Umgegend auf die Pelle, weil der gute Mann auf dem kleinen schwarzen Ding genau so piept wie ein hungriges Bussardkücken. Nimmt er dagegen den Geschreiblatter, so wird er von sämtlichen umliegenden Hasenmamas bestürmt, oder, fängt er es noch ungeschickter an, so kommen die Krähen in hellen, oder richtiger, in dunklen Haufen angefuchtelt, während auf die falsch gehandhabte Buttolo sogar alle alten Frauen, die Holz oder Beeren sammeln, herbeikeuchen, in dem Wahne, es martere irgendein Unmensch einen Säugling. In Sauenrevieren kommen womöglich alte Bachen, deren Mutterinstinkte durch das Kunstgequietsche heftig erregt wurden, angetobt, so daß unter Umständen so ein Tapps von Jäger mehr Schwein hat, als ihm irgend jemand von seinen guten Freunden gönnt.

Das Blatten ist nämlich gar nicht so einfach, wie es nach den gedruckten Beschreibungen, die den käuflichen Blatten beigegeben sind, aussieht. Wer es kann, der hat meist Jahrzehnte dazu gebraucht, um es zu lernen, und außer seinem Sohne bringt er die Kunst niemand weiter bei. Wer noch nie ein Schmalreh oder eine Ricke hat piepen hören, wer noch nie das Angstgeschrei von Kitz, Schmalreh, Ricke, Spießbock, Gabelbock und Sechserbock vernahm, dem kann ja wohl einmal der richtige Ton gelingen, einer von denen, die zwischen dem einfachen, verlangenden Pi und dem langhingezogenen, angstvollen Piä liegen, und es kann ihm darauf auch wohl einmal ein Bock springen, aber ebensogut kann sich das ereigenen, wenn er eine laut quietschende Schiebkarre schiebt oder sich derartig schnäuzt, daß ein Ton von Herz und Gemüt dabei zutage gefördert wird. Dagegen gibt es wiederum Männer, die fiepen mit den blanken Lippen so schön wie das niedlichste Schmalreh, und plärren mit dem Halse so ergreifend, daß selbst ein Obergeheimrat von Urbock vor Wut und Ingrimm aus der Dickung fährt und sich zum Schusse stellt.

Es gibt Leute, die noch nie das Angstgeschrei eines Rehes gehört haben und sich einbilden, sie könnten mit dem Geschreiblatter arbeiten. Eitler Wahn! Krähenangstgeschrei, Hasenklage, Entengequake und den Todesschrei der Leberwurst bringen sie hervor, aber im Leben nicht den Jungfernschrei des vom Bock getriebenen Schmalrehchens. Der klingt nämlich so, wie der Angstschrei des Frosches oder der Knoblauchkröte, die ein Igel oder eine Natter am Hinterbein erwischt, ist ein schrilles, durchdringendes I-i-i, das aber auch manchmal auf E oder Ä oder Ö und mitunter auf A gestimmt ist, je nachdem das Rehchen bloß Angst vorschützt oder wirklich welche hat. Am gräßlichsten hört sich das Angstgeplärre eines Bockes an, den ein anderer zuschaden forkelt, denn so harmlos, wie er von Dichtern und Malern dargestellt wird, ist der Bock nicht, was ja schon allein aus manchem Unglück zu ersehen ist, das in Gefangenschaft aufgewachsene Rehböcke anrichteten. Nicht nur des Mordes am Nebenbuhler, auch des Lustmordes macht sich der Bock schuldig, indem er, ist er toll vor Brunft, die Kitze zu Tode forkelt.

Das sind natürlich Ausnahmefälle, denn im allgemeinen hat er Auswahl genug. Da jeder Jäger nur gute Böcke schießen will, gibt es fast überall zu wenig davon, so daß auf jeden guten Bock zwei bis siebzehn Schmalricken und Altrehe kommen. Wer in einem solchen Reviere blattet und sich wundert, daß ihm kein Bock springen will, höchstens die Untertertianer und Quartaner mit Spießen und Gabeln, der liefert den Beweis, daß er von der Naturgeschichte des Wildes so viel weiß, wie der Eskimo von der Pferdezucht. Der Bock ist mit Gelegenheit zur Liebe so übersättigt, daß er froh ist, wenn er seine Ruhe hat und sich höchstens noch dünne macht, hört der Jäger mit seinem Gefiepe nicht auf. Denn nur ein brunfttoller Bock stürmt ohne Besinnung los, vernimmt er den Fieplaut; ist er aber bereits etwas abgebrunftet, so verhält er sich vorsichtig, erkennt entweder schon von weitem, daß hier eine Metallzunge oder ein Hornblättchen Musik macht, aber kein Schmalreh, oder aber er schleicht sich unter dem Winde an den Jäger heran und sobald er sich überzeugt hat, daß es vor ihm nach Mensch riecht erst recht, wenn auch sein höhnisches »Bö, böö, bööö« dem Jäger nicht gerade wie Gesang erscheint.

So ist im allgemeinen in Jagden, wo jeder Bock einen fünf- oder mehrköpfigen Harem um sich hat, mit dem Fiepblatter nicht viel zu machen, und oft auch mit dem Geschrei nichts, vorausgesetzt, daß nicht ein mit sieben Salben eingeriebener alter Blattjäger den Bock aus seiner leicht verständlichen Faulheit herausstört. Es kommt auch ganz darauf an, um welche Zeit man blattet. Wer im Anfang der Brunft, wo der Bock beim Schmalreh steht, mit Rickenton reizt, der wird ebensowenig Erfolg haben, als wenn er später, wo der Bock sich an die Ricken heranschlängelt, mit Schmalrehlaut vorgeht. Aber mit dem Kitzangstschrei läßt sich dann unter Umständen etwas machen, denn darauf springt die Ricke selbst dann noch, wenn sie ihre eigenen Kitzen schon abgeschlagen hat, und hat der Bock sie sehr lieb, dann poltert er womöglich hinterher. Sehr oft kommt auch auf den Fieplaut des Schmalrehes ein Schmalreh angezogen und zottelt den Bock hinter sich her, aber mitunter stürmt auch eine alte Ricke, vor Eifersucht auf die jungen Mädchen beinahe platzend, dem Jäger vor die Nase, bekommt Wind und geht mit Getöse von dannen. Kurzum: so ganz einfach ist die Geschichte nicht.

Einen ganz krummen Haken bekommt die Sache noch dadurch, daß die wirklich guten Böcke, solche, deren Gehörne an der Wand sofort die Augen jedes Besuchers an sich reißen, polizeiwidrig gerissen sind und den Jäger oft eine halbe Stunde lang warten lassen, ehe sie sich aus der Dickung herausbemühen. Ist der Jäger nun ein Anfänger in der Kunst, dann geht er nach zehn Minuten ab, oder aber, er bleibt sitzen, und dann ist er erst recht der lackierte Mitteleuropäer, denn was so ein alter Bock ist, der denkt: »Wollen doch lieber mal die Kehrseite der Medaille beaugen- oder besser benasenscheinigen,« und indem macht er einen beträchtlichen Bogen um den Jäger, bis sein Geruchsorgan unrein ist, worauf er sich auf französische, oder, wenn es ihm gerade paßt, auch auf deutsche Art empfiehlt. Darum blatten viele Jäger am liebsten vom Hochsitze, aber dann fehlt der Jagd der Hauptwitz. Ein gerechter Blattjäger macht es deshalb anders; er blattet vor dem Hauptstande des Bockes und verkrümelt sich dann schnell, aber lautlos, nach rückwärts, sucht sich gute Deckung und wartet, bis der Bock zwischen dem Platze, wo der Jäger steht, und dem, von wo aus er blattete, vorbeizieht. Wenn es auch eine Stunde dauert, er wartet, denn er hat ebensoviel Zeit wie der Bock, ja sogar noch mehr, denn er kann sich die Ungeduld mit Schmöken vertreiben, und der Bock kann das nicht. Und deshalb dauert es meist nicht allzulange, und er kommt angezogen.

Der beste Blattjäger aber ist der, der am liebsten gar nicht blattet, weder mit dem Fiepblatter, noch mit dem Geschrei, sondern der zur Blattzeit nur pirscht, nur noch langsamer und bedächtiger als sonst, der auch nicht vor Jammer umkommt, bringt er kein Gehörn mit, sondern der schon zufrieden ist, gewann er nur eine wichtige Beobachtung. Jeden Tag in der Jagd sein, weniger, um zu jagen, als um die Sinne zu schärfen, um das Leben und Treiben des Rehwildes zu beobachten, um die so gewonnenen Erfahrungen dazu zu verwerten, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Böcken und Ricken zu schaffen, minderwertige Stücke auszumerzen, vielversprechende zu schonen, dem Jammerbock die Kugel anzutragen, ehe er sich vererbt, und den alten Einsiedler, der weit und breit keinen anderen Bock um sich duldet, mit dem Geschrei aus der Dickung herauszuziehen und auf die Decke zu bringen, ein solches Tun kennzeichnet den gerechten Weidmann.

Wer aber im Heumond und Erntemond lediglich zu dem Zwecke zu Holze zieht, um sich seine Wände vollzuschießen, wer vor Knochenhunger nicht auf die feinen Unterschiede in dem Ton der Stimmen des Rehes merkt, wem ein Durchschnittsgehörn lieber ist denn eine außergewöhnliche Feststellung im Benehmen des Rehwildes, der weiß es nicht, was das Schönste ist in der schönen Zeit, wenn der Bock treibt.

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