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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 21
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Tinamu & Cie.

»Das ist nicht weit her,« sagt der deutsche Biedermann, wenn er ausdrücken will, daß ein Ding nicht wert sei. Kein Volk der Welt außer uns hat ein ähnliches, von so rührender Selbstlosigkeit zeugendes Sprichwort.

Überall kann man die herrlichen Wirkungen dieses erhebenden Zuges völkischer Uneigennützigkeit erblicken: in der Mode, in der Tierzucht, im Bühnenwesen, in der erzählenden und bildenden Kunst, natürlich auch im Sport.

Ha, und wenn es zur Jagd geht, dann sieht man erst das gute deutsche Biederherz. Grün, das ist gewöhnlich; kariert muß man gehen, als trüge man die von der seligen Urgroßtante mütterlichseits geerbten Umschlagetücher auf. Auf dem Kopfe trägt man keinen Hut mehr, sondern eine Zuhältermütze und um die Hinterbeine eine Kreuzbandage. Mit seinem Eirischsetter oder Pointer spricht man nur im elegantesten Cockney-Englisch, und schießen tut man nur noch mit der Brauning, damit das Ausland darüber hinwegkommt, daß die deutsche Büchsenmacherei sie immer mehr schlägt. Das ist ein schöner Zug von uns: »Deutschland for ever! Vive la Vaterland! Hie bon deutsch. Weidwerk every here!«

Und darum auch: »Unser Wild ist ja nicht weit her!« Fort mit dem Rotwild! Totschießen im Bast, wenn es zu Schaden geht! Das Haselwild sind wir glücklicherweise schon überall los, desgleichen den Urhahn. Und unser Rothirsch, pfui Deibel, wie sieht denn der aus? So altväterlich, so unmodisch, so unverzüchtet, so natürlich! Das muß anders werden, und zwar vom nächsten Ersten ab! Wapitiblut muß hinein, damit unser Hirsch modern wird. M. w! Die Sache schlumpte. Eine Freude war es, die hochmodernen Hirsche zu sehen. Das waren keine so stumpfsinniglangweiligregelmäßigen Geweihe mehr, die die Hirsche schoben, nein, Sezessionsgeweihe, impressionistisch-symbolistisch geschwungene Stangen mit Enden, die wie epileptische Neunaugen aussahen und von denen jedes seinen persönlichen Stil hatte, während die Kronenbildung durch das Yankeeblut glücklich beseitigt wurde. Etwas sind die Wapitis ja aus der Mode gekommen, aber es gibt noch genug Gatterhirsche, deren Giraffenhälse, Pferdeläufe, Eselslauscher und Baumastgeweihe die glücklich abgelaufene Bluttransfusion ad bestiam demonstrieren.

Dann auf einmal hieß es: »Hirsch? Ach was, langweilig! In der Jagd auf das edle Känguruh zeigt sich erst das deutsche Weidwerk in seiner höchsten Blüte!« Und flugs ließ man sich diese Riesenflöhe kommen, setzte sie aus, freute sich an den wunderbaren Fluchten, mit denen sie über die Grenze hüpften, und schrie Mord und Brand über den Aasjäger von Nachbar, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als diesen lebendigen Hohn auf den natürlichen Zusammenhang zwischen der Landschaft und ihrer Tierwelt möglichst schnell zu vertilgen.

Dann wieder setzte man amerikanische Bronzeputer aus, sehr smartes Flugwild, das als echter Amerikaner das nicht unbillige Verlangen stellte, daß sich die Tier- und Pflanzenwelt seiner neuen Heimat ihm anzupassen habe, und voller Entrüstung in einen Fortpflanzungsstreik eintrat, als diesem Wunsche die Erfüllung versagt wurde.

Ein sehr beliebtes Flugwild war eine Zeitlang die amerikanische Baumwachtel. Ob man eine halbe Baumwachtel oder hunderttausend aussetzte, das war ganz gleich. Nach drei Jahren waren sie immer, wie es im Polizeideutsch heißt, unbekannten Aufenthalts verzogen. In derselben Weise benahm sich die Schopfwachtel, ein sehr feinfühliges Tier; denn nachdem es bei seinen Antrittsbesuchen auf kühlen Empfang durch die bereits ansässigen Flugwildarten gestoßen war, sagte es, es wolle nicht länger stören und verschwand spurlos und unauffällig, was allseitig bedauert wurde.

Nicht minder tief bedauerte man, daß der irgendwo in der Kalmuckei aufgegabelte Königsfasan sich hier nicht wohl fühlte. Er war doch so ein herrlicher Piepmatz, und er verursachte auf der Jagd so entzückende Überraschungen. Die Hunde standen ihn freilich nicht, denn sie behaupteten: »Das ist Blech! So 'ne Vögel gibt es gar nicht. Die sind gemacht.« Lief der Königsfasan, so sah er aus, als wälze sich eine Riesenschlange durch die Landschaft, und wenn man auch noch so gut darauf abkam beim Schießen, was herunterflog, das war immer nur ein Stück vom Stoß, so daß manche Jäger behaupteten, dieses Wild bestände aus nichts als aus Federn. Tatsächlich gibt es auch in ganz Deutschland keinen Menschen, der ein Stück Wildbret von diesem Jagdpapagei zwischen den Zähnen gehabt hat.

Auch Perlhühner hat man irgendwo schon ausgesetzt, wahrscheinlich, um diese Radaumacher vom Hofe loszuwerden. Der Fuchs war damit sehr zufrieden, denn während er bei allem anderen Flugwilde die Nase gebrauchen mußte, um es zu spüren, konnte er schon auf eine deutsche Meile feststellen, wo die Perlhühner waren, denn das fortwährende, an die Musik der Scherenschleifer erinnernde Getöse, das sie von sich gaben, ließ ihn darüber nicht lange im unklaren.

Nachdem man so Asien, Afrika, Amerika und Australien abgeklappert hatte, um die deutschen Wildbahnen zu vervollständigen, auch durch Einführung von Mufflons und anderen wilden Schafböcken dem strotzenden Geldbeutel wohltuende Erleichterung verschafft hatte, kehrte man reuevoll zur paläarktischen Fauna zurück und begnügte sich mit dem welschen Rothuhn und dem schottischen Moorhuhn, auf deutsch Grause. Ersteres war infolge seines krankhaften Chauvinismus nicht zu bewegen, sich fortzupflanzen, und gehörte bald unter die in historischer Zeit in Deutschland ausgestorbenen Tiere, wie Wisent und Bär; letzteres macht es meist ebenso.

Da in unserer jagdbaren Tierwelt das Romano-Amerikanertum noch nicht vertreten war, so sind opferfreudige Menschen, die aus ihrem Edelmut ein Geschäft machen, augenblicklich dabei, uns das argentinische Steißhuhn aufzuhalsen, das sie aber wegen seines anstößigen Namens Tinamu getauft haben. Dieser Vogel ist sehr bescheiden und es ist ihm peinlich, wenn er Aufsehen erregt; deswegen fliegt er nur, wenn man ihn in die Luft wirft. Am besten geht das mit einer Tontaubenwurfmaschine.

Man muß übrigens nicht denken, daß nur der augenblicklich lebende deutsche Jäger am Wildaussatz erkrankt sei; o nein, schon die Großväter unserer Ahnen litten daran. Denen genügten die Hasen nicht mehr, und so führten sie das Kaninchen ein, ein dankbares Tier, dessen Vermehrungskraft bis an die Barrieren der Unmöglichkeit geht. Setzt man in einer Jagd ein paar dieser Nagetiere aus und stellt den berühmtesten Rechenkünstler daneben, so ist der Mann nicht imstande, auch nur annähernd der Vermehrung des Paares zu folgen, selbst nicht mit Hilfe der Integral- und Differentialrechnung.

Da das Kaninchen ein Amphibium ist, das mit der gleichen Fertigkeit über und unter der Erde fortkommt, und da es ferner, wie man auf allen Treibjagden sehen kann, hieb- und schußfest ist, so wird es in absehbarer Zeit die gesamte Pflanzenwelt Deutschlands vernichtet haben. Darum hat das neue preußische Wildgesetzbuch es von der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen, es in Acht und Aberacht erklärt und jedem Menschen erlaubt, es totzuschlagen. Es fällt aber keinem ein, das zu tun, denn es hat keinen Zweck. In der Zeit, daß man eins vom Leben zum Tode bringt, haben die übrigen schon wieder zweimal gejungt. So hat wenigstens ein eingeführtes Säugetier sich dankbar gezeigt, und auch ein Vogel, der Fasan. Sein Wildbret muß zwar erst ein bißchen riechen, ehe es für einen anständigen Menschen zu genießen ist, und dann richtet er auch dreimal so viel Wildschaden an, als er einbringt, aber das wahre Weidwerk hat ja auch mit der Volkswirtschaft nichts zu tun, und wie beim Rehbock das Gehörn, so ist beim Fasan der Schuß die Hauptsache.

Seit einiger Zeit sind wir um ein neues schönes Wild bereichert, den böhmischen Rübenhasen, Lepus intimidus tschechicus L. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die deutschen Hasen entartet sind. Sie entwickeln eine krankhafte Flüchtigkeit, halten höchstens auf zwanzig Schritt und sind infolgedessen sehr schwer im Lager zu erlegen. Diesen Entartungserscheinungen will man durch die Kreuzung mit den künstlich auf Vertrautheit und Langsamkeit massenhaft gezüchteten Böhmaken abhelfen, ein Beginnen, das höchst lobenswert ist. Denn gelingt es, dann braucht man sich nicht mehr mit dem schweren Gewehr abzuschleppen, sondern kann mit dem Spazierstock auf die Hasenjagd gehen.

Welche ungeheueren Vorteile die Einführung fremden Blutes mit sich bringt, das hat die Einfuhr böhmischer Krebse gezeigt. Sie verschaffte uns die für den Bakteriologen höchst interessante Krebspest, und da es infolgedessen keine Krebse mehr in Deutschland gibt und die Bakteriologen in Verlegenheit um Studienmaterial sind, so wird ihnen die Einführung bömischer Hasen bald Gelegenheit zu neuen Entdeckungen geben, denn da, wo es geschehen ist, sind die Hasen in größerem oder kleinerem Umfange an allerlei schlechten Krankheiten zugrunde gegangen. Und deswegen ist es vielleicht nicht ganz unangebracht, die zur Einführung bestimmten böhmischen Häsinnen, ehe man ihnen gestattet, ihr liederliches Gewerbe im Umherziehen zu betreiben, unter sittenpolizeiliche Kontrolle zu stellen.

Aber einen kleinen Fehler hat schließlich alles. Ein wenig Franzosenkrankheit oder Sauenräude kann man schon mit in Kauf nehmen. Die Hauptsache ist und bleibt, daß unsere lieben, guten Freunde in Böhmen, die sich ja erst kürzlich wieder Deutschen gegenüber so gebildet benommen haben, recht viel an uns verdienen.

Und deshalb: Es lebe die Firma Tinamu & Cie!

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