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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 19
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Anstandsregeln

Daß man beim Essen keine Degenschluckerei treiben und sich das Messer nicht bis an das Heft in den Mund stoßen soll, ansonsten man leichtlich in die Gefahr gerät, sich die Backen aufzuschlitzen, falls man nicht die Absicht hat, die schwere Kunst zu erlernen, sich selbst etwas in die Ohren zu flüstern, das ist männiglich bekannt in allen Kreisen, so auf Zucht und Sitte halten.

Auch wird ein anständiger Mensch, ausgenommen bei der Table d'hote, sich nicht die ganze Kalbsniere angeln, wird auch nicht, ausgenommen in Italien, auf den Teppich speien, auch nicht, ausgenommen in Amerika, im Salon die Hände in die Taschen stecken, auch nicht, ausgenommen im Lande Habesch, bei Tisch rülpsen, auch nicht, ausgenommen in der Türkei, seinen Reis mit der Hand essen, auch nicht, ausgenommen in Berlin, fremde Damen auf der Straße anquaken, denn ein anständiger Mensch hält auf Anstand.

Ganz besonders tut das der Jäger. Der hält nicht nur auf Anstand im allgemeinen viel, sondern er hat seine eigene Art von Anstand, der mit dem landesüblichen anständigen Benehmen gerade so viel zu tun hat, wie in systematischer Beziehung ein Walfisch mit den Fischen oder die Laus, die einem manchmal über die Leber kriecht, mit den Pediculiden und sonstigen peinlich wirkenden Kerbtieren. Der Anstand, den der Jäger schätzt, ist nämlich eine Art der Jagdausübung, für die es, wie für den gewöhnlichen Anstand, eine ganze Menge von zum Teil sehr verzwickten Regeln gibt.

Es kann einer zwölf Couponscheren im Monat abnutzen, ein Hotel in der Stadt und eine Villa auf dem Lande haben, jedes Jahr nach Marienbad und hinterher nach Ostende müssen, auf Gummi mit oder ohne Benzin fahren, nach der Mode von morgen sich kleiden und Bilder von wer weiß wann an den Wänden haben, nur im Frack Mittag essen und in der elegantesten Kuliuniform zu Bett gehen, deswegen braucht er noch nicht zu wissen, was Anstand ist. Und es kann ein anderer eine Jagd mit zahllosen Hirschen und noch zahlloseren Rehböcken sein eigen nennen, und märchenhaft viel Knochen erster Güte an den Wänden herumhängen haben, und trotzdem bleiben ihm die einfachsten Anstandsregeln ein Buch mit sieben Siegeln und Geheimverschluß.

Im Grunde ist die Sache nämlich ganz einfach. Einer kanns, sobald er das Gewehr schleppen kann, von selber; der andere kann Diezels Niederjagd und Dietrich aus dem Winkell auswendig, ist Mitglied von drei Jägerstammtischen und des Landesvereins des A. D. J.-V., hält sieben Jagdzeitungen, hat alle Wände voller Kröners und Zimmermanns hängen und benimmt sich auf dem Anstand wie ein Heuochse, niest gerade dann, wenn die Sachlage das Gegenteil fordert, hustet, wenn er besser diese seine Äußerung für sich behielte, und gibt sich sonstwie alle mögliche Mühe, Hirsch, Sau, Bock, Fuchs und alles, was sein ist, von seiner Anwesenheit gebührend in Kenntnis zu setzen, was zwar sehr edel, aber schließlich nicht der Zweck der Übung ist, indem der Anstand darin besteht, sich möglichster Zurückhaltung zu befleißigen und von seiner Wenigkeit recht wenig Aufhebens zu machen, auch seine Gefühle zu bezähmen und sich den Hauptpersonen gegenüber, wie Hirsch, Sau, Bock und Fuchs, so lange im Hintergrunde zu halten, bis sie in guter Schußnähe sind, worauf man sein Benehmen allerdings ändern und die höfliche Zurückhaltung aufstecken muß.

Wer nun aber denkt, die Hauptsache beim Anstand sei die Unsichtbarkeit, der befindet sich am Abgrund eines Irrtums, die Hauptsache ist, daß man unriechbar ist. Nun soll ja ein verständiger Mensch von Rechts wegen überhaupt nicht riechen, weder gut, also nicht nach irgendwelchen Eaudemilledausendfleur, noch schlecht. Wenn aber ein Mensch von Anstand auf Anstand geht, dann soll seine Witterung durch die Formel ausdrückbar sein: Null hoch fünf dividiert durch nichts. Das ist nun nicht etwa dadurch zu erreichen, daß man die Luft bis zur Bewußtlosigkeit anhält, sich jedliche Spur von Transpirieren verkneift oder sich eine Glasglocke überstülpt, sondern dadurch, daß man sich so anstellt, daß man dem Wilde gegenüber unter dem Winde ist, daß heißt so, daß die Luft ganz oder halb von dem Wildwechsel zu dem Jäger hinstreicht. Alle unsere Jagdtiere, auch der Hase, der ja überhaupt etwas dumm geboren wird, und meist wenig zulernt, weil er vor Ablauf seiner Studien verzehrt wird, haben ein von unserem Standpunkte aus als gänzlich abnorm aufzufassendes Witterungsvermögen, indem sie von der Ausdünstung selbst des rein gewaschensten Jägers ungefähr ebenso betroffen werden, wie dieser von den Dünsten, die ein Gemüsebauer der Atmosphäre mitteilt, wenn er sein Land jaucht. Denn mag einer von uns für den anderen auch scheinbar keine Spur von Geruch an sich haben, auf das Wild wirkt unsere Ausdünstung ungefähr so, wie auf uns die von einem Nigger oder Japp. Und wenn es nur eine Mütze voll Wind ist, die Hirsch, Bock oder was es sonst ist, auf die Geruchsnerven bekommt, das genügt ihm, um sich peinlich berührt rückwärts zu begeben.

Es gibt nun ganz schlaue Jäger, und die sagen: »Tja, und deshalb darf man auf Anstand nicht schmöken.« Das ist, mit Verlaub, Blödsinn. Natürlich, wenn einer solche vulkanmäßigen Ausdünstungen entwickelt, daß es aussieht, als wenn ein Häusling Brot backt oder als ob der Fuchs Bier braut, wenn einer wie eine Kleinbahnlokomotive, die gegen den Wind anjappt, qualmt, so genügt allein schon die optische Wirkung des Tabakdampfes, um das Wild zu veranlassen, die Stätte, der der blaue Nebel entquillt, zu meiden, zumal wenn der Jäger so schnell pafft wie ein Automobilauspuff. Wer aber langsam und ruhig raucht, verstößt nicht gegen die Anstandsregeln, denn ob das Wild den Tabaksdampf oder die Witterung des Jägers in den Windfang kriegt, das ist toute la même Piepe. Der richtige Anstandsjäger schmökt immer auf Anstand, einmal, damit er weiß, was hinten und vorne ist, alsdann, um sich die Langeweile, ferner, um die Mücken zu vertreiben, und drittens, damit er weiß, wie der Wind weht, denn besonders bei unsicherem Wetter quirlt der Wind oft erheblich. Stellt nun so ein rauchloser Jäger sich bei gutem Wetter unter einem Hauptwechsel an und bekommt weiter nichts zu sehen als seine immer länger werdende Nase, so geht er ab und kommt nicht wieder. Hätte er aber einen Nikotinspargel oder die Röchelmaschine zwischen den Zähnen gehabt, dann hätte er sich vielleicht schon fünf Minuten nach bezogenem Anstand davon überzeugt, daß der Wind im Caprivischen Kurse ging, und er hätte sich wärtser begeben.

Wer nun aus der Tatsache, daß dem Wilde der Tabakgeruch nicht unangenehmer ist als der Geruch des Menschen an und für sich, schließt, er dürfe ungescheut die Zigarrenstummel überall herumstreuen oder die Pfeife in der Nähe der Wechsel ausklopfen, der befindet sich auf dem Holzwege. Alte Zigarrenstummel wirken nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf das Wild unästhetisch, und Pfeifenjauche ist etwas anderes als Maiglöckchenduft. Deshalb bohre man mit dem Wanderstabe ein Loch in die Erde und bestatte die Zigarrenleiche in geziemender Weise und mache auf ähnliche Weise die Tabakjauche unschädlich. Auch schleudere man Butterbrotpapier und Wurstpellen nicht in der Natur umher, sondern grabe sie ein, denn der Wald ist weder ein Papierkorb noch eine Abdeckerei. Überhaupt soll der Jäger im Walde so wenig wie nur möglich Spuren seines Daseins hinterlassen, nicht seinen Stand dadurch auf halbe Meilen kenntlich machen, daß er die abgeschnittenen Zweige davor hinwirft oder sie abschneidet, daß die weißen Schnittflächen weithin prahlen, sondern lege die Zweige fein säuberlich auf einen Haufen in das Buschwerk und schwärze die Trennflächen mit feuchter Erde, denn besser ist besser. Am allerbesten ist es, wenn er sich eine geraume Weile vor Anfang der Jagd an allen guten Stellen Lauben und Buchen schneidet, denn als sehr zweckmäßig kann es nicht angesehen werden, fängt er, wenn er sich anstellt, ein Gesäbel und Getrampel an, daß es sich anhört, als wenn eine wilde Sau Eicheln sucht. Auch soll man nicht, tritt der Bock um acht Uhr aus, fünf Minuten vor zu spät angewackelt kommt, sondern lieber eine Stunde früher, denn der Bock ist kein Bureaumensch, sondern macht es oft mit dem Auswechseln so wie der Pfarrer Aßmann, nämlich gerade so, wie es ihm paßt.

Eine der wichtigsten Anstandsregeln ist die, daß es gar keine gibt, sondern daß man, wie im Kriege, in der Politik, beim Skat und ähnlichen Angelegenheiten, von Fall zu Fall handeln muß. Wer sich zum Beispiel einbildet, guter Wind sei der beste, der kann manchmal dumm anlaufen. Angenommen: ein alter, geriebener Geheimrat von Bock trete aus einer Dickung auf eine Wiese, in der allerlei Ellernbüsche stehen. Eines Abends zieht der Wind steil von der Dickung in die Wiese. »Famos,« denkt der junge Jägersmann, »Besseren Wind kriege ich nicht,« und so stellt er sich in einem der Ellernbüsche an. Er lauert eine Stunde; der Bock kommt nicht. Er lauert noch eine Stunde; er kommt abermals nicht. Endlich, als Tag und Nacht sich »guten Abend!« sagen, kommt er, das heißt, es kommt etwas, aber es kann ebensogut eine Ricke, wie ein Bock sein, falls es nicht ein Weidenbusch ist. Der Bock ist nämlich folgender Ansicht: »Der Wind ist für einen etwa vorhandenen Jäger tadellos, also ist er für mich schäbig. Also werden wir warten, bis das Büchsenlicht durch Abwesenheit glänzt, und derweilen in dem Stangenorte von der Dickung ein wenig äsen.« Wäre der Jäger etwas weniger grün gewesen, so wäre er dem Bock auf halbem Wege entgegengekommen und hätte sich zwischen Dickung und Stangenort angestellt, denn dann hätte er den Bock schon in der ersten von den drei Stunden auf die Decke gebracht.

Überhaupt, wer da wähnt, ein starker Bock sei am besten auf der Äsung zu erbeuten, der wird meistens ohne den Bock, aber mit der Überzeugung im Rucksack heim pilgern, daß das Sprichwort: »Hoffen und Harren macht manchen zum Narren« zu Recht bestehe, denn auf die blanke Äsung, also auf die Wiese oder den Klee, tritt der gute Bock entweder erst aus, wenn das Büchsenlicht heidi gegangen ist, oder wenn er sich durch Umziehen der Äsung davon überzeugt hat, daß es nirgendwo frisch nach Mensch duftet. Darum ist der beste Anstand, wo die Verhältnisse es erlauben, immer zwischen dem Hauptstande des Bockes oder Hirsches und der Äsung, denn im Holz sind Bock und Hirsch viel vertrauter und lange nicht so aufmerksam, als wenn sie auf das blanke Feld oder in die offene Wiese austreten. Ferner ist nicht der gute Wind meist der beste, sondern der schlechte, oder der mittlere, und darum stellt sich ein abgefeimter Jäger am liebsten mit halbem Winde, also so, daß der Luftzug in schräger Richtung zwischen dem Stande des Wildes zieht, wenn es irgend geht, am liebsten gegen den Wind. Und weiter stellt sich ein ausgepichter Weidmann nie so an, daß er seinen Stand nicht verlassen kann, ohne von dem Wilde gewahr zu werden, denn stellt man es noch so gerissen an, sehr oft muß man hinterher denken: Wilhelm Busch hatte ja so recht, als er so schön sang: »Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt«. Nichts ist erschütternder, als wenn man sich in einen kleinen Wiesenbusch eingeschoben hat und der vermaledeite Bock zieht gegen jede Verabredung zu weit vor dem Jäger aus, aber doch so, daß er ihn eräugen kann, verläßt dieser seinen Stand, und der steht da zwischen den grünen Ellernbüschen, wie Butter an der Sonne, und sieht dem Bock mit den gemischtesten Gefühlen nach.

Überhaupt, wer Überraschung liebt, der übe die Anstandsjagd aus. Manchmal, ja meistens, werden die Überraschungen ja nicht so sein, als wenn man bei der Staatslotterie mit einem Bombentreffer herauskommt, sondern eher umgekehrt, aber auf jeden Fall kann der Jäger sich hinterher sagen: »Na, dümmer werde ich davon auch nicht.« Wer sich z. B. ein bildschönes Loch vor dem Felde buddelt und es dicht mit Zweigen umsteckt, sodaß er bloß geradeaus kucken kann, dahin nämlich, wo der Bock nach der Volkssage Tag für Tag sich einfindet, und mit einem Male steht der Bock unmittelbar neben dem Jäger, aber an der ungefährlichen rechten Seite, der weiß, wie einem Menschen zumute ist, der in Damengesellschaft sitzt und die Entdeckung macht, daß ein Floh auf seinem Rücken Tiefbohrungen veranstaltet. Ober aber, und das ist auch sehr schön, der Bock steht famos, bloß er ist noch von einigen Halmen gedeckt, so daß an ein Schießen nicht zu denken ist, und das Schmalreh zieht im spanischen Tritt auf den Jäger los, streckt seinen Windgang in den Schirm, erschrickt maßlos und geht mit Getöse ab, und hinterdrein der Bock, bloß noch mit viel mehr Getöse. Oder eine alte Tante stellt sich vor den Jäger, dreht ihm den enormen Spiegel zu, äst sich eine geschlagene Stunde auf demselben Fleck und versperrt mit ihrer matronenhaften Fülle dem Unglücksmenschen von Jäger nicht nur die Aussicht auf die Landschaft, sondern auch auf den Bock, der sich vor der Ricke äst, das ist ebenfalls eine von den Gelegenheiten, die den Jäger veranlassen können, zu denken: »Sie gefallen mir nicht.« Derartige Scherze stoßen einem meist aber nur zu, wenn man sich ansetzt, und darum ist es besser, man stellt sich an, damit man, wollen die Rehdamen zudringlich werden, es machen kann, wie Knopp, von dem es heißt: »Knopp begibt sich weiter fort und an einen andern Ort.«

Sehr scherzhaft ist es auch, wenn es dem Jäger plötzlich kreidebleich zumute wird, weil der Bock mit einem Male vor ihm steht und der Jäger, so gespannt er auch selber ist, hat vergessen, die Büchse zu spannen. Wenn er bis dahin noch nicht wußte, was Angstschweiß ist, so lernt er diese Flüssigkeit bestimmt jetzt kennen. Oder der Bock ist da, der Jäger backt an, und der Bock ist fort; der Jäger setzt ab, schon ist der Bock wieder da, aber so wie der Jäger wieder in Anschlag geht, ist Urian verschwunden. Es ist nämlich gar nicht der Bock, es ist noch nicht einmal ein Reh, es ist eine rote Spinne, die an einem Faden gerade vor den Augen des Jägers hängt und von den überreizten Sehnerven zum Bock umfrisiert wurde. Dieselbe witzige Rolle kann auch ein rotes Blatt, eine Sauerampferrispe oder Lichtnelkenblüte spielen, und mehr als ein Weidenbusch hat schon sein junges Leben lassen müssen, weil er einen Rehbock markierte. Das ist dann ja weiter nicht gefährlich, aber wenn es knallt und der Jäger rennt durch den Dampf, um sich an Auslage und Perlung des Gehörns zu laben, und er hat weder das eine noch das andere, weil es trotz allen Fählens und Fummelns nicht vorhanden ist, indem der Rehbock sich mit dem letzten Rest von Lebenskraft in ein Schmalreh oder sogar in eine alte Ballmutter von Ricke verpuppte, dann ähnelt das Gesicht des sicheren, allzu sicheren Schützen auffallend den Photographien, die wir von Marius aus jener Zeit besitzen, da er auf den stilvollen Ruinen von Karthago saß und philosophische Betrachtungen über die Eitelkeit der irdischen Dinge anstellte.

Manchmal ist der Bock hinterher aber kein Schmalreh und eine Ricke erst recht nicht, sondern ein Mensch, denn die Dämmerung ist eine arge Hexe und hat schon mehr als ein Menschenleben und viel Not auf dem Gewissen. Wer solange ansteht, bis er das Ende der Büsche nicht mehr sehen kann, der kann zu leicht in die Gefahr kommen, ein Unglück anzurichten, denn aus Büschen macht das böse Weib Böcke, aus Böcken Ricken und manchmal aus Rehen und Hirschen einen Menschen. Die Augen auf, aber weit, ganz weit, und immer kalt Blut, und nie eher den Finger krumm gemacht, ehe man todsicher erkennt, was man vor sich hat, das ist die erste und letzte von allen Anstandsregeln.

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