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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 18
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Balzjagdsünden

Zu den hannoverschen Zeiten galt es für unweidmännisch, den balzenden Birkhahn vor dem Tage der Odinsfreite, dem ersten Mai, zu erlegen.

Sie war damals nicht sehr verbreitet bei uns, die Jagd aus dem Schirme, und die, die sie ausübten, waren durch und durch Weidmänner, die genau wußten, was sie taten, und nicht so dumm waren, den Roggen grün zu mähen und den Hahn eher zu schießen, bevor er die Hennen betreten hatte.

Heutzutage ist das anders. Was läuft nicht alles zur Birkhahnbalz! Leute, die die meckernde Bekassine für den balzenden Birkhahn und den Pfiff der Lokomotive für das Bellen des Waldkauzes halten, die den Bock nur mit dem Glase, Trieder natürlich, ansprechen können, und mit großem Getöse den heruntergedonnerten Brachvogel als heiligen Ibis auf den Tisch des Dorfkruges schmettern.

»Es gibt Menschen und es gibt Bergleute,« sagt man auf dem grünen Harze, und es gibt solche Jäger und so'ne; so'ne aber sind die mehrsten. Daß eine Kuh keine Milch läßt, wenn man ihr kein Futter gibt, wissen sie; daß aber eine Birkhenne sich nicht durch Jungfernzeugung fortpflanzen kann, darüber haben sie noch nicht nachgedacht. »Hähne gibt es genug,« sagen sie in ihrer jugendlichen Einfalt, und schießen soviel davon, als sie kriegen können, am liebsten noch einmal soviel, und wenn dann nach drei Jahren der ehemals so fidele Balzplatz so still ist, wie ein Berliner Nachtcafé um elf Uhr vormittags, dann orkeln sie von der sprichwörtlichen Zigeunernatur der Tetraonen im allgemeinen und von der von Tetrao tetrix im besonderen, aber es fällt ihnen nicht im Traume ein, an ihre Männerbrust zu klopfen und »Peccavi!« zu stammeln.

Es gibt ausgezeichnete Waldhuhnmonographien, es gibt herrliche Jagdtierkunden, es gibt vorzügliche Jagdzeitungen, aber was so ein richtiger Jäger vom Asphalte ist, der flötjet auf die graue Theorie und lernt sich alles selber, das heißt, er stellt auf eigene Kanne Bier einen Blödsinn nach dem anderen an, bis er sämtliche vorhandenen Sorten durchgeprobt und noch eine erkleckliche Anzahl neuer dazu herausgetüftelt hat. Da hat er gehört, der Hahn habe auf jeder Feder ein Auge. »Schönchen,« sagt er mit der unfehlbaren Logik des Dilettanten, der stets mit großer Sicherheit daneben haut; »also muß man schießen, ehe es ganz hell ist!« Gedacht, gemacht! Der Hahn steht zu bei schwarzdunkelfinsterer Nacht. Kaum graut sich der Morgen vor dem Jäger, so daß dieser mit knapper Not den Hahn erkennen kann, so wird losgeräuchert. Ob der Hahn getroffen ist oder nicht, der Erfolg ist derselbe; durch den Feuerstrahl sind auf eine Viertelstunde sämtliche Hähne vergrämt und streichen ab. Veranstaltet der Jäger dieses Brillantfeuerwerk drei Vormorgen nacheinander, dann kann er am vierten, so laut wie er nur will, singen: »Ich bin allein auf weiter Flur«, denn er vergrämt dann keinen Hahn mehr. Warum? weil keiner mehr dort balzt! den Knall eines Schusses nimmt ein Birkhahn so leicht nicht krumm; italienische Nächte schätzt er aber nicht im mindesten. Item: du sollst den Drückefinger nicht eher krümmen, als bis du die Reichsfarben am Hahn haarscharf erkennen kannst, bis du also die Rosen glühen siehst.

Des weiteren: du sollst das Gewerbe des Balzjagdausübens nicht im Umherziehen nach Art der Scherenschleifer und Harfenmädchen betreiben. Mache dir feste Schirme, aber keine aus Bambusrohr und Rupfen, die du heute hier, morgen da aufschlagen kannst, wie der Kirgise die Kibitke. Dadurch kommst du bloß auf allerhand Dummerhaftigkeiten. Junge Hähne fallen auf diesen Schwindel wohl hinein, aber ein alter, mit siebenerlei Salben eingeriebener Haupthahn ist nicht so unweise, einen viereckigen Kasten von Sackleinwand für ein abnormes Exemplar von Juniperus communis, zu deutsch: Wacholder, zu halten. Er balzt davor, so lange mitternächtliche Beleuchtung ist; sobald es hell wird, läßt er dich hinter deinem Windschirm sitzen und warten, bis dir die Zehen bis zum Hosenbund kalt werden.

Und noch eins: pirsche dich nie an den Hahn heran! Falle nicht auf das Wort von Mohammed und dem Berge hinein; ein Birkhahn ist kein Berg und du bist kein arabischer Kolonialpionier. An einen Birkhahn im Moore kann sich mit Erfolg nur ein alter, abgefeimter Pirschjäger heranpirschen, vorausgesetzt, wenn er sich nicht geniert, wie die bibliche Schlange auf dem Bauch zu kriechen und Erde, in diesem Falle Moorerde oder Bleisand, zu fressen, und in neunzig von hundert Fällen hat auch er nur den Erfolg, daß der Hahn entweder vor dem Ziele abstreicht, oder daß er ihn im besten Falle mit der Kugel vorbeikeilt; denn wenn er ihn trifft, fliegt das halbe Wildbret in der Nachbarschaft umher und drei Mark sind hin und futsch.

Das führt uns zu Nummer vier. Es gibt Leute, die die Stirnhaut in weiße Querfalten legen und sagen: »Der kleine Hahn gehört zur hohen Jagd, also gebührt ihm die Kugel!« Wer so spricht, dem gebühren Pfunde, drei wohlgezählte Pfunde, aber nicht Silbers oder Goldes, sondern Stahles, erstens vor unsern König und Herrn, zweitens vor die Ritter und Knecht, Klatsch, Klatsch, Klatsch, denn so will es das edle Jägerrecht! Nur ein zielbewußter Idiot kann auf die Idee kommen, ein Stück Wild von Birkhahngröße mit einer Kugel zu spicken. Schießt man Vollmantel, so geht der Hahn ab und verludert; nimmt man Halbmantel oder Vollblei, so bleibt von dem ganzen Hahn nicht viel mehr übrig als die Schwungfedern ersten Grades und bestenfalls das halbe Spiel. Also mache keine Sportwitze, lieber Freund, und schieße mit Hagel.

Fünftens: Aber sei nicht so töricht und lasse dir vorschnacken, Nummer drei zu nehmen. Davon kriegt bestenfalls der Hahn ein Korn und reitet damit von dannen und du stehst da und siehst ihm nach und dein Gesicht wird immer länglicher und du kannst beim Barbier nachher die doppelte Taxe bezahlen, nimm getrost Nummer sechs, junger Mann, und schieße nicht auf mehr als fünfundzwanzig Schritt, und halte auf Hals und Kopf. Man hat dir gesagt, du sollest Nummer drei nehmen und den Hahn von hinten in das Spiel schießen. Tue das ruhig, denn dümmer wirst du davon nicht! Erstens schießt du das Spiel kapores, zweitens das Gescheide, und deine Frau Gemahlin oder die Köchin machen hinterher einen Riesen- oder Abgottskrach über die Ferkelei von wegen der zu Heringssalat zerschossenen Gedärme nebst Inhalt, oder aber, du schießest den Hahn weidewund und hast dann das Vergnügen, in der Achtung von Reineke Rotvoß um ein Erkleckliches zu steigen, denn er mag Birkhahnbraten ebenso gern wie du.

Also: Nicht zu früh mit dem Abschusse beginnen, nicht zu viele Hähne schießen, erst schießen, wenn du die Rosen sehen kannst, keine fliegenden Schirme bauen, keinen Hahn anpirschen, nicht mit der Kugel auf den kleinen Hahn schießen, sondern mit Hagel, aber nicht mit Nummer drei, sondern mit sechs, und nicht von hinten, sondern von der Seite, und auf Kopf und Hals hinhalten. Hast du den Hahn, so proppe ihn nicht in den Rucksack, sondern hänge ihn daran, nachdem du ihn etwas umschnürt hast, und iß ihn am dritten Tage. Will er sich nicht erweichen lassen, so schmore ihn in zugedecktem Topfe und tue einen guten Eßlöffel guten, oder sogar noch besseren Rum oder Kognak, das heißt, nicht das, was man dafür gewöhnlich trinkt, daran, und iß den Hahn mit Verstand und Sauerkohl, und gedenke dabei dankbar dessen, der dir so viele gute Ratschläge gab zur Vermeidung von Balzjagdsünden.

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