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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 15
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Hahn in Ruh!

Vier Wochen lang haben sich der Winter und der Frühling geprügelt, jetzt scheint dem Winter die Sache über geworden zu sein. »Ein ander' Mal,« sagt er, und droht mit der Faust, »da kriegst du es aber.« Und damit macht er, daß er um die Ecke kommt. Der Frühling aber, die Hände in den Taschen, lacht hinter ihm drein.

Ja ja, jetzt sind wir so weit. Schon darf die Amsel sagen: »Jetzt kann ich es aber!« und der Fink: »Und ich erst recht!« Alles, was vorne einen Schnabel und hinten einen Schwanz hat, singt, pfeift, flötet, trillert und piept nach der Schwierigkeit; sogar die Krähe macht verzweifelte Versuche, sich lyrisch zu benehmen, obgleich das sich beinahe so anhört, als hätte sie zu viel Schlachtfestabfälle gegessen und ihr sei nun elend geworden.

Nur den Jäger, den singert es nicht; für ihn ist es mit Spiel und Tanz vorbei. Wenn er das Waldhorn blasen könnte, was er als moderner Jäger natürlich nicht kann, dann würde er sich hinstellen und folgendermaßen wie folgt und also Trübsal blasen: »Jagdjahr tot, Jagd vorbei, ha ha lit!« So aber pfeift er bloß aus dem letzten Loche und läßt den Kopf hängen wie ein Huhn, das den Pips hat, einmal, weil er gestern Jagdsilvester gefeiert hat und infolgedessen das Gefühl hat, als schwämme ihm das Gehirn in Mostrichsauce, und dann überhaupt und so, denn an Wald und an der Heide, da hat er keine Freude mehr, der arme Jägersmann, der arme Jägersmann.

»Was hilft mich der Mops, wenn er nicht gerollt ist?« sprach jener Studiosus cerevisiae, und der Jäger denkt: »Was nützt mir die Natur und die umliegenden Bierdörfer, wenn ich nichts darin totschlagen kann?« Denn das ist ihm die Hauptsache bei der Jagd. Eine Träne der Wehmut läuft ihm aus seinen schönen blauen Augen über die etwas verkaterte Backe in den à la Zahnbürste gestutzten Schnurrbart, wenn er die schwarz und grün karierte Hälfte der Hinterfront seines Jagdscheines ansieht und die scheußliche Entdeckung macht, daß im Monat Märzen die Ente tabu ist. »Gemeinerei!« denkt er, »früher war es besser, die Welt wird immer übler.« Ach ja! Früher konnte man im März wohl noch einen Stockerpel herunterholen, und war es zufällig eine Ente, so schadete das auch nichts, denn schließlich ist eine jährige Ente immer noch zarter als ein dreijähriger Erpel und auf die Schönheit allein kommt es auch nicht an.

So hat man Jahrzehnte lang gehandelt und unentwegt die Enten in der Reihezeit totgeschossen, ohne zu bedenken, daß sich das mit der Zeit bitter rächen müsse. Die Ente galt eben, solange sie noch nicht brütete, als Zugwild, und man stellte ihr nach, solange der Jagdschein sie freigab, und womöglich noch länger. Die Köchin fand dann nicht sehr selten in den Enten stark entwickelte Eier, aber sie hielt dem Herrn des Hauses keinen Vortrag darüber und dieser hielt es für unter seiner Würde, sich nach derartigen zarten Angelegenheiten zu erkunden. Wenn er dann im Juli so gut wie gar keine Jungenten fand, so schimpfte er Mord und Brand, daß es mit der Entenjagd von Jahr zu Jahr mäßiger würde, und erging sich in den unziemlichsten Äußerungen gegen den Landrat, der die Jagd erst dann eröffne, wenn die Mutterente das beflogene Schoof schon wer weiß wohin geführt habe. Daß er selber aber die Mutterente samt dem ungelegten Gelege an einem Sonntag Mittag im Märzen sich zu Gemüte geführt hatte, auf diesen Gedanken kam der gute Mann natürlich nicht, und deshalb schoß er, sobald das Frühjahr wieder kam, ruhig und besonnen alles tot, was er am Ufer beschlich oder beim Einfall belauerte.

Man geht nicht zu weit, wenn man sagt: »Von hundert Jägern haben fünfzig von einer pfleglichen Behandlung der Jagd keinen Schimmer von einem Schein von einem Dunst einer Ahnung.« Es fehlt nicht an guten Jagdzeitungen, es gibt hervorragende jagdliche Werke, wie die neueren Ausgaben von Dietrich aus dem Winkell, von Diezel und, um ein ganz neues Buch zu nennen, die ausgezeichnete Jagdkunde des Zoologen Dr. Ernst Schäff. Aber man gehe einemal hin und stöbere die Bücherschränke der Durchschnittsjäger durch und man wird sich wundern. Tolstoi, Zola, Gorkij, Ibsen und ähnliche moderne deutsche Klassiker, die Memoiren des Obergauners Manulescu, der Amethyst und andere Zeitschriften für Hypersexualität, die findet man wohl, denn das gehört zur Bildung, aber sehr selten trifft man ein gutes Lehrbuch der edlen Jägerei an. Den meisten Jägern geht es so, wie jener Protzensgattin, die da sagte: »Vor das Französche halten wir unsere Tochter einen Moßjöh und vor das Engelländische eine Miß,« und als man sie fragte: »Und Deutsch?«, da sprach sie voller Würde: »Das lernen wir se!« So ist es; der Durchschnittsjäger von heute lernt sich selbst die Jagd, denn er ist Selfmademan in allen Dingen. Einen Lehrprinzen braucht er nicht, denn er hat Pinkepinke, und wem das Schicksal Moneten gab, dem gab es auch den nötigen Sachverstand. Jäger wird man heut dadurch, daß man sich eine Jagd pachtet, einen Jagdschein löst, sich eine Schrotspritze, womöglich eine Browning, kauft und einen englischen Jagdanzug, Wickelgamaschen, karierte Joppe und Schlachtermütze, und dann kann der Spaß losgehen. Was da fleugt und kreucht, wird heruntergedonnert, und stimmt die Beute einmal nicht mit dem, was der Jagdschein erlaubt, na, der Himmel ist hoch und der Landrat weit. Alle unsere Naturschutzbestrebungen, soweit sie sich auf die Tierwelt beziehen, werden in der Hauptsache zwecklos bleiben, ehe nicht an den Erwerb des Jagscheins eine Prüfung geknüpft ist, in der der Jäger zu beweisen hat, daß er nicht nur mit einer Schußwaffe umgehen kann, sondern auch, wenn auch nur oberflächliche, jagdzoologische Kenntnisse besitzt. Jahr für Jahr wird eine Unmenge von Menschen auf unsere Tierwelt losgelassen, die von der Natur soviel Ahnung haben, wie Cook vom Nordpol, und denen die einfachsten Begriffe von pfleglicher Jagdausübung Hekuba sind.

Bald rennt die weiße Bachstelze über den Acker und verkündet die Ankunft der Schnepfe. Sofort holt der Schießer den Hund aus dem Stalle, stopft sich den Rucksack voller Patronen und gondelt los, denn wenn er auch sonst von der Jagd nichts weiß, so kennt er doch den alten Weidvers: »Reminiscere, putzt die Gewehre« und so sucht er nach Schnepfen. Er sucht heute und sucht morgen und sucht übermorgen und überübermorgen, und damit der Vogel mit dem langen Gesichte ja nicht auf den tobsüchtigen Gedanken komme, daß man in Deutschland auch brüten können, wird er abends, wenn er streicht, auch noch mit Nummer sechs bespritzt, bis es ihm zu albern wird und er mit Busch denkt: »Knopp begibt sich weiter fort bis an einen anderen Ort.« Der Ente hat das neue Jagdgesetz vernünftigerweise einen Monat Schonzeit mehr zugebilligt, der Schnepfe hat sie nicht gedacht, und so kann bis zum sechszehnten April, wo die meisten Schnepfen schon auf dem Gelege sitzen, zum mindesten aber legereife Eier tragen, die Schnepfe beschossen werden, und sie wird es, denn von hundert Jägern sind kaum sieben Weidmänner. Ehe nicht mit dem letzten Märzen die Jagd auf die Schnepfe schließt, ist unsere Jagdgesetzgebung noch lückenhaft. Nicht viel besser steht es um das Birkwild. Sobald der erste Hahn kullert und bläst, wird er unter Feuer genommen und das geht so vom März ab bis zum Juni hin. Hinterher klagen die Jäger dann, daß das Birkwild von Jahr zu Jahr abnähme. Würden die Schießer ihre drei bis vier Sinne einmal zusammennehmen, so würden sie bald herausbekommen, woran das liegt. Du lieber Himmel, jedem Menschen ist es peinlich, wenn er bei seiner Liebeserklärung gestört wird, und dem Birkhahn geht es nicht anders. Die ganze Nacht über hat er sich die Sache zurechtgelegt; aber so wie er anhebt, vor seiner, oder meistens seinen, Herzallerliebsten herumzuhopfen und zu schwärmen: »O due du du du,« rabums, knallt es aus dem Schirm und wenn er nicht tot wäre, der Hahn, so könnte er nach Wilhelm Busch singen: »Und hinderlich, wie überall, ist hier der eigne Todesfall.« Wenn ein Bauer seinen Roggen mäht oder seinen Legehennen den Kragen umdreht, so setzt er sich dem Verdachte aus, daß in seinem Zentralnervensystem die Ventile nicht mehr genügend funktionieren; räuchert aber der Jäger seine Birkhähne gerade dann tot, wenn sie mit den besten statistischen Vorsätzen umgehen, dann denkt obbemeldeter Grünkittel nicht daran, daß er mehr als unklug handelt. Im Märzen und April soll man dem Hahne Zeit lassen, die Hennen zu betreten, und ihn erst im Maien schießen, denn dann balzt er noch flott genug und der Jäger holt sich dann nicht so leicht irgend etwas Übles an den Hals, das er erst mit Fliedertee, Packungen und Antipyrin wieder los wird. Mindestens den März, am besten schon den Februar, sollte der Birkhahn gesetzliche Schonzeit genießen, und dem Urhahne sowie dem Haselhahne könnte es auch nur nützen, schlösse die Jagd auf sie am letzten April oder spätestens am fünfzehnten, denn bis dahin können die überzähligen Hähne abgeschossen sein.

Die Zeiten haben sich eben geändert. Die Anzahl der Jäger hat sich so sehr vermehrt, ohne daß die Weidgerechtigkeit zugenommen hat, daß die Jagdgesetzgebung sich danach richten muß, soll nicht eine ganze Anzahl der interessanten Wildarten von Jahr zu Jahr mehr abnehmen. Die Umformung des Geländes durch die Zunahme der Bebauung und Aufforstung, das Verschwinden der Ödländereien, die Entwässerungen, Uferbegradigungen und Verkoppelungen sorgen so wie so schon dafür, daß alle die Wildarten, die auf Urland angewiesen sind, stark zurückgehen. Verhältnismäßig wenige Jäger mausern sich zur Weidgerechtigkeit durch und handeln pfleglich; die weitaus meisten knallen einfach drauf los und bedenken nicht, daß eine toter Birkhahn keine Henne mehr tritt und daß eine gebratene Ente kein Gelege mehr macht. Deshalb hat der Staat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß der Schießer nicht mehr in die Lage kommt, unpfleglich zu handeln, und das kann er auf die einfachste Weise dadurch erzielen, daß er noch einige der grünen Felder des Jagdscheines schwarz anstreicht.

Wären alle Jäger, oder auch nur die Hälfte, gerechte Weidmänner, so wäre das nicht nötig. Wenn der Schießer schon oder noch den Finger auf Ente, Schnepfe und Birkhahn krumm macht, dann bleibt der Weidmann zwar nicht zu Hause, aber er hält den Hund an der Leine und läßt das Gewehr ungespannt. Wohl zieht er zu Holze, holt sich auch wohl die erste und zugleich letzte Schnepfe aus dem Striche oder pirscht sich an einen einzelnen balzenden Hahn heran, aber er ist nicht so dumm, daß er sich selbst das Wasser abgräbt, indem er die Schnepfe solange belästigt, bis sie macht, daß sie weiterkommt, und er läßt seine Birkhähne erst ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit tun, ehe er sich einige von ihnen langt.

Im allgemeinen läßt er jetzt den Hahn in Ruh'.

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