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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 13
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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In Reih und Glied

Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden; der eine trinkt gern echten Kognak und Sekt, der andere einen Kümmel und eine große Weiße. Das ist ein wahrer Segen, besonders in jagdlicher Hinsicht. Wenn alle Jäger Pirschjäger wären, so wären Rehböcke und Hirsche längst Fabelwesen, wie das Einhorn und die Seeschlange.

Darum ist es besonders lobenswert, daß es Männer gibt, die sich aus dem heimlichstillen Weidwerk im einsamen Walde durchaus nichts machen und denen die Jagd erst dann ein Vergnügen ist, tritt der Mensch bei ihr rudelweise auf, um den Hasen zu erlegen. Der eine mag's, der andere nicht; beide soll man nicht schelten. Hat die Gesellschaftsjagd auch nicht den Wert für die Gesunderhaltung der Rasse, wie die Einzeljagd, bei der der Mann auf sich selbst gestellt ist, ihre großen Reize hat sie dennoch und einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert, denn eine gutbesetzte Feldjagd steht heute hoch im Preise und liefert viel Ware auf dem Markt, und außerdem: jeder Jäger jagt dort vor den Augen der Öffentlichkeit, sein Können findet dort den verdienten Lohn und sein Nichtkönnen nicht minder.

Das Treffenkönnen ist allein schon etwas wert, denn ein Mann, der es versteht, den Hasen im Feuer Rad schlagen zu lassen, liefert damit den Beweis, daß seine Nerven mit dem Willen in Einklang sind, er wird, schon um Jagdkönig zu werden, ein vorsichtiges Leben nach mancher Richtung führen, nicht zu oft und nicht zu lange den Becher schwingen und sich auch sonst Maß auflegen in allem, was in die Knochen zieht, denn es ist ein peinliches Gefühl für den Mann, der ein Jahrzehnt unbestrittener Jagdkönig bei allen Hasenschlachten war, mit einem Male auf der untersten Bank sitzen zu kommen.

Dann herrscht bei der Gesellschaftsjagd noch der gute alte Brauch, daß der Mensch nicht nach Rang, Stand, Titel und Vermögen eingeschätzt wird, sondern lediglich danach, ob er seine Sache gut oder schlecht macht. Was Ahnen, was Mammon? Heute geht es nur danach, wer am schnellsten darauf ist, und am besten abkommt. Der wird am höchsten geehrt, kommt obenan zu sitzen, und wird am meisten angeprostet, der die meisten Treffer und die wenigsten Fehlschüsse aufzuweisen hat, und ist er sonst auch eine Null in geistiger und sonstiger Hinsicht, während des Schüsseltreibens und einige Tage hinterher ist er eine Respektsperson und ein großes Tier. Es gibt ja Männer, die weiter nichts können, als Schießen; im allgemeinen aber ist der gute Schütze auch im Leben ein tüchtiger Kerl und ein braver auch sehr oft, denn Können ist ein Zeichen von Kraft und aus Kraft entspringt sehr oft Güte.

Noch eins ist, das den Gesellschaftsjagden einen hohen Reiz gibt, der harmlose Humor, der bei ihnen zutage tritt. Das Leben hat so seine Mucken und wer sich lachend darüber hinwegsetzen kann, hält es am besten aus. Und wo wird froher und freier gelacht, als bei und nach der Treibjagd, wenn Meier Müllern seine heutigen und Müller Meiern seine geringen Pudel vorwirft, weil Müllern die Hasen vorn zu schnell und hinten zu kurz waren und Meier wieder einmal aus Versehen krummes Pulver und Butterschrote geladen hatte? Und diese allbekannten, oft belachten und doch immer wieder ziehenden Jagdscherze, wie z. B., wenn es gelang, einem, der seine Fehlschüsse immer damit entschuldigt; »Aber Wolle ist geflogen!« Patronen in die Tasche zu mogeln, die mit Gänsedaunen geladen sind, und er hält hin und es kracht, und die weiße Wolle fliegt, und der Hase läuft wie verrückt und hinterher zeigt es sich, daß er Gänsefedern gelassen hat. Da ist der Mann, der furchtbar darüber schimpft, daß er keinen Anlauf hat, und alles grinst, aber keiner sagt es ihm, daß er sich mit seinem hochmodischen langen Mantel, Deutsches Reichs-Patent Nummer Soundso, alle Krummen selber wegwinkt, und da ist der Herr, der jedesmal, wenn ein Hase auf ihn losrennt, schon so früh anbackt, daß der Löffelmann sofort einen Haken schlägt und einem anderen Schützen kommt, der das Talent etwas länger halten kann. Aber dort die beiden Athleten mit den Browninggewehren! Nicht umsonst machte der Jagdherr sie zu Nachbarn, denn es sind die besten Schützen und jagdliche Todfeinde bis aufs Messer, und nun gönnt der eine dem andern nichts, sie knallen schon auf hundert Gänge in den Kessel hinein und der eine schießt dem anderen den Hasen vor den Stiefelspitzen tot und ringsumher freuen sich die andern Schützen über die Maßen; ist das nicht ein Anblick für Götter? Und dann nachher das Gezanke darum, wem nun eigentlich der Hase da gehört, diese hagebüchenen Redensarten, die haßerfüllten Augen, die puterroten Köpfe, und beim Schüsseltreiben sind sie wieder die dicksten Freunde, wie sie es seit fünfundzwanzig Jahren sind. Aber deswegen schreit der eine doch, wenn der andere nach endlos langem Jagdgericht die Königswürde zugesprochen bekommt: »Gemeinerei! Ich haben sieben mehr, aber er hat alles mitgezählt, was bei ihm umfällt!« Der andere aber grinst und kommt ihm einen Trosthalben.

Auch das Strafgeldeinziehen macht ebensoviel Spaß, wie die ganze Jagd. Da sperrt sich der Millionär ebenso sehr wie der Mann mit dem schmalen Gehalt, nicht von wegen der einen Mark mehr oder weniger, sondern weil man doch kein vorbestraftes Individuum sein will. Schade, daß die alte schöne Sitte, auf Strafen mit der kalten Waffe zu erkennen, so ganz abgekommen ist! Strafgelder sind ja ganz schön, besonders wenn sie in die Kasse des Vereins Waldheil fließen und den Hinterbliebenen im Dienst verunglückter Forst- und Jagdbeamten zugute kommen; aber es hatte doch einen mächtig erzieherischen Wert, wenn irgendein Sünder über die Strecke gebogen wurde und es hieß dann bei sichtiger Schurhand: »Das ist für unsern genädigsten König und Herrn, und das für die Ritter und Edelknecht, und so ist das edele Jägerrecht!« und das Sitzfleisch des Verbrechers erbebte unter den Schlägen des Weidblattes. Und noch eins ist Schade, daß das Jagdhorn fast ganz verschwunden ist. Da wird gepfiffen und gebrüllt und gehupt, aber an- und abblasen, das kann kaum einer mehr und beim Schüsseltreiben vertritt womöglich das Klavicymbalum das Jagdhorn, wenn nicht gar das Grammophon laut und anhaltend beteuert, daß es den Hirsch im wilden Forst und so weiter schieße. Ganz anders macht sich ein Treiben, wenn Hornruf es eröffnet und Hornklang es schließt, und wer anderer Ansicht ist, der wird nie hinter den wahren Sinn der Jagd kommen, die ein Spiel, aber ein edel und gerecht Spiel mit harten Gesetzen und strengen Regeln sein muß, soll sie nicht zum sinnlosen Morden werden.

Darum kann nicht streng genug darauf geachtet werden, daß die Jagdregeln bis zum letzten Tüpfel beachtet werden. Wer nach dem Signal »Treiber vor!« noch in den Kessel knallt, wer vor jedem Triebe ladet und nach jedem Triebe nicht sofort entladet, wer durch die Schützenkette durchzieht, wer die Waffe wider die Regel trägt, und selbst wer sich kleine Verstöße zuschulden kommen läßt, die Strecke übertritt oder dem Hasen nachsagt, daß er einen Schwanz habe, der soll es büßen mit schmerzhaften Pfunden auf den Keulen oder mit einem bitteren Gefühl in der Portemonnaiegegend.

Wer sich kleine Verstöße gegen die Jagdregeln erlaubt, dem sind auch schwere zuzutrauen. Irgendwelche Nachsicht ist darum nicht am Platze. Möge der Mann, der allein jagt, das so machen, wie er es vor sich selber verantworten kann; anders aber ist es bei der Gesellschaftsjagd, bei der eine Unvorsichtigkeit ein schweres Unglück herbeiführen kann.

Nicht umsonst sind die militärischen Strafen gegen Verstöße und Vergehen, begangen in Reih und Glied, besonders hart; wer öffentlich sündigt, den soll auch eine Strafe treffen, die man weithin sieht.

Und so sei es auch auf der Treibjagd, denn da ist man auch in Reih und Glied.

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