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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 12
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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Holztreiben

Alles Weidwerks Krone ist die Pirsch aus der freien Hand; darum soll aber der heimliche Anstand, die frischfröhliche Suche und die lustige Treibjagd nicht verachtet sein; sie haben alle ihren Reiz und ihren Wert.

Jede Gesellschaftsjagd hat ihre Licht- und ihre Schattenseiten; sie kann Jäger erziehen und Schießer machen, Weidmänner bilden und Aasjäger züchten, edeln Ehrgeiz wecken und gemeine Rekordsucht hervorrufen. Ein einziger tüchtiger Mann, der sich nicht scheut, selbst als Jagdgast mit seiner Meinung nicht hinter dem Busche zu bleiben, kann an einem einzigen Jagdtage ein Dutzend Schießer auf bessere Wege bringen.

Es ist ein Dutzend Jahre her, da war das Rickenabknallen in vielen Pachtjagden allherbstlich im Schwange. Bei jedem Holztreiben wurde jedes Stück Rehwild, das sich nicht offenbar als Kitz aufwies, mit Schrot bespritzt. Hunderte und Aberhunderte von Rehen wurden angeflickt oder zu Schaden geschossen, kümmerten von da ab oder verluderten in der Dickung. Der Unfug griff, besonders in Nordwestdeutschland, dem Land der Pachtjagden, so um sich, daß es nicht mehr zum Ansehen war. Da fanden sich hier und da einzelne Jäger, die beim Stelldichein offen erklärten: »Auf Rehzeug schießen wir nicht.« Erst wurden sie ausgelacht, aber als sie Hahn in Ruh' ließen, wenn ein Stück Rehwild sie anlief, als sie darauf bestanden, daß jedes beschossene Stück nachgesucht werden müsse, als sie in der Jagd- und Tagespresse dafür sorgten, daß besonders abscheulich ausgefallene Treibjagden als Schlachtfeste unter voller Benennung der Reviere und der Pächter gebrandmarkt wurden, da zeigte es sich, was gute Beispiele helfen können.

Es wurde mit einem Schlage anders. Selbst die hungrigsten Jagdschinder protzten nicht mehr mit großen Rickenstrecken; heimlich trieben sie ihr übeles Handwerk, aber von Jahr zu Jahr fanden sie weniger und weniger anständige und gute Schützen dafür, und da es ihnen peinlich war, wenn man sie mied oder wenn sie in der Presse mit offenem Hohn begossen wurden, so gewöhnten sie sich allmählich das Ausschinden der Jagden ab und ganz ohne ihren Willen weidmännischere Gesinnung an, und heute verabscheut so mancher Mann, der vor einem Jahrzehnt ein in der Wolle gefärbter Schießer und Schinder war, den Abschuß von Rehwild und Treibjagden vollkommen. Immer öfter findet sich auf den Einladungen zu Holztreibjagden die Bemerkung: »Rehwild wird geschont.« Das ist ein sehr erfreuliches Zeichen, denn der Abschuß von Rehen auf Treibjagden ist, ausgenommen in den Fällen, wo es sich um ausgesprochene Feldrehe handelt, die anders kaum zu erbeuten sind, eine Schinderei schlimmster Art, denn selbst bei lauter guten und sicheren Schützen bleibt es nicht aus, daß so manches Stück scheinbar gefehlt wird, aber dennoch ein Hagelkorn abbekam und entweder, ohne Schweiß zu verlieren und eine Nachsuche zu ermöglichen, in der Dickung zusammenbricht und verloren geht, oder monatelang kümmert und schließlich dahinsiecht.

Die Hauptgefahr aller Gesellschaftsjagden liegt in der Rekordschießerei und Kesseltreiben auf Hasen; für Standtreiben auf Fasanen, für Streifen auf Hühner und Treibjagden auf Moorschneehühner kann man das gelten lassen, denn bei ihnen liegt der Hauptreiz lediglich im Vielschießen. Bei Holztreibjagden soll der Reiz nicht darin liegen; eine Holztreibjagd soll still und heimlich sein; sie soll eine fröhliche Geselligkeit vor und nach der Jagd bieten, aber daneben jenen eigenen Zauber, den das Alleinsein mit der Waffe dem wahren Jäger bringt. Sie ist etwas anderes, etwas viel Vornehmeres als das Kesseltreiben auf dem Hartschnee, wenn die Treiberschar klappernd über das Feld rückt und es rundherum kracht wie bei einer Manöverschlacht. »Stille, Stille, kein Geräusch gemacht!« sei ihr Leitwort. Leise den Stand einnehmen, lautlos verharren, auf jedes Geräusch im Fallaube achten, jede Bewegung zwischen den Büschen wahrnehmen, vorsichtig das Gewehr an die Backe ziehen, wenn der Fuchs heranschnürt, blitzschnell anbacken und Dampf machen, wenn das Kaninchen über die Schneise flitzt, eilig mitfahren und vorhalten, streicht der Fasan oder die Schnepfe über die Bahn, und lächelnd dem guten, noch beide Stangen tragenden Bocke nachsehen, der dicht bei dem Schützen vorbeizieht. So soll eine Holzjagd sein.

Ein frischer, heller Morgen, bereifter, leicht gefrorener Boden, stille Luft und hoher Himmel, ein Dutzend guter Schützen, das ist das Wahre. Zeisigschwärme brausen zwitschernd dahin, Goldfinken flöten in der Dickung, Meisen pfeifen in den Kronen, über den Wipfeln locken die Kreuzschnäbel, und vom Felde her tönt das Quarren der Krähen. Es raschelt im Laube. Eine Waldmaus, die über das Fallaub springt, ist es nur. Aber jetzt meldet der Häher. Und dann bricht es in der Dickung. Vorsichtig, vorsichtig, es kann der Fuchs sein! Aber es wird wieder still. Doch jetzt, endlich, zetert die Amsel. Also ist da doch Wild! Trapp, trapp, trapp geht es und wieder ist es still. Dann bewegt sich etwas langes, rotes zwischen den Stämmen. Auf der anderen Seite knallt es. Der Fuchs, der in guter Deckung lange gesichert hat, schnürt weiter. Jetzt gibt er den Kopf frei. Den rechten Vorderlauf gehoben, äugt er zurück. So steht er gut. Es knallt, und im Feuer macht er dem Schützen seinen ergebensten Diener.

Ein Klopfen ertönt tief im Holze, wieder rauscht es im Dürrlaub. Hopp, hopp, hopp; das ist der Has. Sorglos hoppelt er näher und steht im Schusse auf dem Kopfe. Rechts ein Schuß, noch einer, links ein Doppelschuß, dann eine Ricke mit Kitz, die leise bis an den Rand des Stangenortes ziehen und dann, da der Wind ihnen Menschenwitterung zubringt, zurücktreten. Und wieder Stille; nur die Häher schimpfen mordsmäßig. Achtung, es bricht wieder. Aber es ist ein Reh. Also Hahn in Ruh! Langsam zieht der Bock an dem Schützen vorbei, verhofft, windet und überfällt mit jäher Flucht das Gestell. Noch ein Hase, aber er geht zurück, eh er in Schußnähe ist. Und dann ein Zuruf aus der Dickung: »Zieht hoch! Fasan!« Das Gewehr fliegt empor, der Schütze hat die Augen über sich, terr, terr, braust der blanke Hahn dahin, domm, vorbei, domm, das faßte; prasselnd bricht der bunte Vogel durch das bunte Geäst, und dumpf schlägt er in das bunte Laub.

Zur Rechten flötet es leise. Ein Treiber taucht auf. Das erste Treiben ist beendet. Die Folge geht nach der alten Zwillingsbuche, wo Strecke gemacht und gefrühstückt wird. Man könnte jetzt getrost laut sein, ist es aber nicht; das hat Zeit, bis man am Nachmittage im Kruge ist, denn welcher anständige Mann prahlt im Walde, wie der Häher? Schmunzelnd besieht man die Strecke. »Wenig, aber von Herzen!« meint der Jagdgeber. Ein Fuchs, sechs Hasen, zwei Fasanen und ein Sperber. »Und das noch!« schmunzelt ein Weißbart, langt unter die Joppe und legt einen Edelmarder hin, vor den Fuchs natürlich, denn an den Kopf der Strecke gehört das seltenste Stück. »Und noch etwas!« grinst ein junger Dachs und legt eine Schnepfe vor den Marder. Da lachen alle lustig, selbst die drei Schützen, die nicht zu Schusse kamen. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, denn einer von ihnen macht im zweiten Treiben vor den Treibern einen Doppler auf Hase und Fasan, Kunstschuß erster Güte, der zweite legt einen alten Dachs um, und der dritte bringt Fuchs Nummer zwei zur Strecke. Es werden noch einige Hasen geschossen, vier Fasanenhähne kommen dazu. Summa Summarum: Ein Marder, ein Dachs, zwei Füchse, zwölf Hasen, sechs Fasanen, eine Schnepfe, ein Sperber, also vierundzwanzig Kreaturen mit sechsundzwanzig Schüssen. Nur zwei Fehlschüsse und keine Nachsuche; das ist eine Holzjagd, die die Note eins verdient. »Ich danke Ihnen, meine Herren,« sagt der Jagdherr; »so muß es immer sein!«

Auch in der Nachbarjagd ist Buschtreiben; es ballert dort in einem fort. Vierundzwanzig Schützen, sechs Treiber. Gesamtstrecke: drei Ricken, achtzehn Hasen, zwei Fasanen, darunter eine Henne, ein Mäusebussard, eine Eichkatze, ein Grünspecht und ein Treiber, der ein Korn in die Wade bekommen hat, das mit einer Doppelkrone gepflastert werden mußte. Die Fehlschüsse gehen auf keine Kuhhaut. Der Fuchs ist dreimal vorbeigekeilt; zwei Fasanenhähne und eine Schnepfe sind gefehlt. Zwei Schützen haben sich auf ewig verfeindet; der Jagdherr schnauzt, weil nicht genug geschossen ist.

Er hat Unrecht; der Fuchs weiß besser Bescheid. Ein Bock ist in der Dickung zusammengebrochen. »Er hat nichts abgekriegt,« meinte der Schütze. Auch ein Kitz ist zuschanden geschossen; ein Schrot zerschmetterte ihm den Vorderlauf. Drei Hasen sind kaput, wurden aber nicht gefunden, desgleichen ein Fasanenhahn, der geflügelt wurde.

Reineke ist sehr zufrieden; er kann vierzehn Tage fett leben. »Ich danke Ihnen, meine Herren,« denkt er; »so muß es immer sein nach einem Holztreiben.«

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