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Kraut und Lot

Hermann Löns: Kraut und Lot - Kapitel 10
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typefiction
authorHermann Löns
titleKraut und Lot
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In der Feiste

In den »Fliegenden Blättern« stand vor langen Jahren einmal eine ganz wunderschöne Schauerballade.

Ein Wanderer sieht auf einem Berggipfel eine Burg, von der er vernommen hat, daß eine Sage von ihr gehe. Er fragt Haus bei Haus das ganze Dorf ab, um was für wie'ne Sage es sich handele, bekommt es aber nicht heraus. Schließlich weist man ihn an den ältesten Mann des Dorfes, einen uralten Greis mit ehrfurchterweckendem Tatterich, und dieser flüstert ihm, nachdem er sich erst scheu umgesehen hat, zu: »Es geht von dieser Burg die Sage, daß eine Sage von ihr geht.«

Solche Sage geht auch von dem Feisthirsch. Dem jungen Jäger, der den Hirsch nur aus Jagdzeitungen und Galanteriewarenhandlungsschaufenstern kennt, wird kreidebleich zumute, trägt ihm am Stammtische ein alter Jäger mit geheimnisvoll erhobenem Zeigefinger die Verse vor: »Der Feisthirsch ist das Waldgespenst, das du nur ahnst, doch niemals kennst; denn wo er geht, da steht er nicht, und wo er steht, da geht er nicht, und ist bloß hoch bei Sternenlicht,« und dann die anderen, in denen dem Jäger der billige Rat verzapft wird, den ganzen Tag zu verschlafen, aber wenn die Sonne kommt und wenn sie geht, auf dem Quivive zu sein.

Das tut denn der Jüngling auch, denn das Alter soll man ehren und ihm nachfolgen in Worten und Taten. Nach bewährtem Muster verschläft er den Tag, so gut er kann, und begibt sich, wenn der Abend sich vor ihm zu grauen beginnt, auf den Anstand. Er kriegt alles mögliche zu sehen: einen Fuchs, zwei Böcke, drei Ricken, vier Hasen, bloß keinen Hirsch, ja noch nicht einmal ein Tier. Er hockt so lange auf dem Hochsitze, bis Himmel und Erde zu einer unentwirrbaren Masse verschmelzen und er das Ende des Büchsenlaufes nur noch vermittelst des Ahnungsvermögens feststellen kann. Dann trinkt er einen Kognak oder auch zwei gegen die Überhandnahme der Gänsehäute und schleicht von dannen. Als er so in ziemlich geknicktem Zustande das Gestell entlang stolpert, ist ihm mit einem Male so, als ob, und er sinkt teils in sich zusammen, teils in den Erdboden hinein, denn mitten auf dem Wege, und auf fünfzig Gänge, es können aber auch bloß vierzig sein, steht der Hirsch, oder vielmehr, es stehen zwei da, nein, sogar drei, wenn nicht überhaupt vier, und machen lange Hälse und dienern und prusten, als wenn sie fragen wollen: »Entschuldigen Sie gütigst! Sind Sie vielleicht ein Busch oder das Gegenteil?« An Schießen ist natürlich nicht zu denken, denn Sternenlicht ist kein Büchsenlicht, selbst wenn man einen Kieker für hundert Mark auf der Achtmillimeter hat; so bleibt dem Jäger weiter nichts übrig, als die Luft anzuhalten und so lange achtungsvoll zu verharren, bis die Herren Hirsche sich davon überzeugt haben, daß das da vor ihnen doch bloß ein Busch ist, und infolgedessen ganz gemütlich weiterbummeln.

»Quos ego!« denkt der Jäger, das heißt: »Ich wer' euch besalben,« macht einen gefährlichen Bogen, um die Fährte der Edelen nicht zu kreuzen, kommt klappermüde in der Jagdbude an, würgt seinen Ingrimm und ein Schinkenbutterbrot hinunter und schläft erst gar nicht und dann mit Fußnoten, denn er träumt in einem Ende von Hirschen, so feist wie Molkereimastochsen und mit soviel Enden, daß einer allein sie ohne Logarithmentafel nicht zählen kann. Längst bevor die Weckuhr ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan hat, ist er hoch, host sich an, stülpt sich eine Tasse Kaffee in sein Inneres, nötigt ein Stück Butterbrot hinterher und schleicht wieder nach dem Hochsitze. Eine ganze Weile bekommt er gar nichts zu sehen, dann dasselbe, wie am Abend vorher, nur in umgekehrter Reihenfolge, nämlich vier Hasen, drei Ricken, zwei Böcke und einen Fuchs, aber mit den Hirschen geht es ihm genau so, denn dieselben sind nicht daselbst, sondern sie glänzen durch Längstdagewesensein, wie folgendermaßen wie folgt und also im Sande an ihren Fähren zu sehen ist. »Hol's der sogenannte dieser und jener!« denkt der Jäger, döst noch eine halbe Stunde auf dem Hochsitze herum und als die Sonne nach allen Regeln der Kunst auf ihn losscheint, schiebt er ab, nicht für fünfzehn Pfennig grüner Hoffung in der Seele. Ebenso geknickt, wie am Abend vorher, pintschert er das Gestell zurück. Da fällt ihm auf einmal der Nikotinspargel aus der verlängerten Physiognomia, denn hundert Gänge vor ihm, es können aber auch achtzig sein, treten die vier Hochgeweihten über die Bahn, äugen ihn an, als wollten sie ganz ergebenst fragen: »Wat seggst'e nu?«, halten sich aber nicht solange auf, bis er die Knarre vom Rücken gelangt und scharf gemacht hat, sondern empfehlen sich mit unangenehmer Plötzlichkeit.

»Das entfamtige Gesindel hat doch noch im vordersten Jagen gesteckt!« denkt der Jäger und schämt sich gar nicht wegen dieses groben Verstoßes gegen die anerkannten Regeln der Weidmannssprache. »Na, dümmer wer' ich da auch nich von,« denkt er weiter und stellt sich am anderen Morgen auf der Bahn an. Wer aber nicht kommt, das sind die Hirsche, und als ihm gegen acht Uhr der Magen bis in die Kniekehlen hängt, macht er, daß er fortkommt, läßt aber dabei den Kopf hängen wie ein Leithund, einmal aus allgemeiner geistiger Körperschwäche, zweitens, um abzuspüren. Er spürt die Hirsche aber nicht und denkt: »?« Einem inneren Drange folgend, dreht er sich um, und möchte sich am liebsten selber in das Gesicht springen, denn gerade beim Busche, hinter dem er drei ausgeschlagene Glockenstunden gelauert hat, treten die vier Hirsche in aller Seelenruhe über das Gestell, beäugen anscheinend seine Fährte oder überzeugen sich davon, daß er juchtenlederne Schuhe mit Gummisohlen trägt, und schlagen sich dann seitwärts in die Büsche. Einen Augenblick überlegt der grüne Jägersmann, dann reibt er seinen inneren Menschen mit einem Kognak ein, teils des Heißhungers halber, teils überhaupt und so, und dann macht er, daß er nach dem Quergestelle kommt, um ihnen auf der nächsten Bahn aufzulauern. Er lauert bis neune, er lauert bis zehne, er lauert bis elfe; aber wer immerzu nicht kommt, das sind eben die vier Feisthirsche. Mit einem Gefühl, als hätte er seit vierundzwanzig Stunden keinen warmen Löffelstiel im Leibe gehabt, geht er zurück und wankt das Hauptgestell entlang, und als er auf die Landstraße kommt, denn er will zum Dorfe und einmal wieder richtiggehend zu Mittag essen, da kommt der Briefträger angeradelt und sagt ihm, daß eben die vier Hirsche in langsamem Schritt quer über die blitzblanke Heide spaziert seien. Wahrscheinlich steckten sie nun längst im Königlichen.

Das tun sie aber gar nicht, sondern im Gegenteil, mitten in der Heide ist eine junge Kieferbesamung, und darin haben sie es sich so gemütlich wie möglich gemacht. Da sitzen sie in ihren Betten, lassen sich von den Grillen und Heidlerchen Musik vormachen und beschäftigen sich mit Dösen und Wiederkäuen, und das bekömmt ihnen denn so schön, daß sie gar nicht daran denken, zur Äsung zu ziehen, ehe Himmel und Erde zusammenfließen. Denn es ist eine Sage, daß der Feisthirsch besonders schlau sei; das ist einfach nicht wahr. Faul ist er in der Feiste, sündenfaul sogar, und das Sprichwort: »Ein voller Bauch studiert nicht gern,« trifft auf ihn ebenso voll wie ganz zu. Warum soll denn der Feisthirsch besonders schlau sein? Vielleicht, weil er zwei Zoll feist auf der Probierstelle zu sitzen hat? Steigt beim Menschen etwa die Menge der Gehirnwindungen mit der Zunahme des Bauches? Julius Cäsar, ein ziemlich gerissener Vertreter, war gegenteiliger Ansicht, sonst hätte er, wenigstens bei Shakespeare, nicht den Wunsch geäußert, lauter schlachtereife Mitbürger um sich zu sehen, da ihm die Dürren in politischer Hinsicht unzuverlässig vorkamen. Wer am hellen Tage in aller Gemütsruhe über die Bahn bummelt, wer seine Siesta in der blanken Heide verbringt, von dem kann man doch wahrhaftig nicht sagen, daß er an allzugroßer Gerissenheit krankt. Faul ist er und Zeit hat er, eine ganze Masse sogar, das ist der ganze Zauber. Der Jäger aber ist nicht faul, und Zeit hat er auch nicht, und deswegen ist er so oft der Dumme.

Er denkt: »Tja. Ist denn das keine Schlauheit, wenn der Hirsch erst nach dem Ende des Büchsenlichtes auf das Geäse zieht und vor Tau und Tag seinen Kirchgang macht?« Nein, mein Lieber, das ist keine Schlauheit, das ist einfach Faulheit und Bequemlichkeit. Wenn Sie sich von drei bis sieben Uhr durch ein Diner von neun Gängen durchgequält haben, wetten, daß Sie nicht schon um acht Uhr zum Abendessen hinauswechseln?

Wozu soll denn der Hirsch bei hellichtem Tage auf die Äsung treten, wenn er Nacht für Nacht ein Souper von neun Gängen ausstehen muß, nämlich 1. Johannistriebe im Walde; 2. Wildklee auf der Waldwiese; 3. junges Gras auf der Bahn; 4. frische Brombeerspitzen im Vorholze; 5. Seradella; 6. Rauhfutter; 7. Hafer; 8. Spörgel; 9. Kartoffeln? Bloß etwa um Ihnen einen kleinen Gefallen zu tun? So menschenfreundlich ist er nun doch nicht. Er bleibt eben so lange im Bette sitzen, bis ihn wieder hungert, und da das meistens vor neun oder zehn Uhr nicht der Fall zu sein pflegt, so tritt er erst dann aus, aber nicht etwa aus Gemeinheit und Niedertracht. Außerdem ist er kein Freund von labbriger Kost, und wenn den ganzen Tag die Sonne nach der Schwierigkeit geschienen und der Wind wie wild geweht hat, so daß die Äsung welk und unappetitlich ist, dann tritt er erst aus, wenn der Tauschlag sie wieder schmackhaft und lecker machte, und der Jäger, eingebildet wie er sich hat, glaubt, das täte der Hirsch eigens und nur alleine, um ihm einen Kaspar zu bauen. Aber was soll der Hirsch mit welker Seradella und staubigem Klee, wenn in den engen Stangenörtern das bildschönste saftige Gras wächst? Er wäre doch ein Riesen- oder Abgottsesel, sein beschauliches Dasein aufzugeben und bei vollem Büchsenlicht eine Äsung aufzusuchen, die nicht ohne Leibes- und Lebensgefahr genossen werden kann. Selbst dem dämlichsten Edelknaben, der zum ersten Male mehr als sechs Enden trägt, fällt das nicht ein, geschweige denn einem älteren Herrn vom soundsovielten Kopfe, der schon manche Kugel pfeifen und manche Nummer Nullnull flöten hörte. Das wäre wirklich grobe Fahrlässigkeit in Verbindung mit schwerer Selbstmordanwandlung, und an so etwas denkt kein anständiger Hirsch, denn er weiß, daß er sich für die Brunft seiner Familie zu erhalten hat. Und so bleibt er in der Dickung, so lange es ihm paßt, und wenn der Jäger das auch noch so rücksichtslos und unliebenswürdig findet.

Denn hat der Hirsch da nicht alles, was sein Herz begehrt? Ruhe und Frieden, kühlen Schatten und eine noch viel kühlere Suhle? Blühen da nicht die Blümelein so schön, wächst da nicht mannigfaches Kraut, das lieblich zu sehen und gut zu äsen ist, und auch so manch leckerer Pilz? Und singen da nicht die Vögel so tadellos, und rauschen die Zweige dort nicht wirklich großartig? Was soll er darum jetzt vor dem Felde, wo die grünen Jäger sitzen und die blauen Bohnen flitzen? Wer das kennt, der reißt sich nicht darum, der kann sich mächtig beherrschen! So denkt der Hirsch, wenn er überhaupt denkt, und danach handelt er. Fällt es ihm aber aus irgendeinem Grunde ein, vielleicht, weil es ihm in der Dickung zu kühl wird, oder zu warm, oder weil ihm dort die blinden Fliegen zu frech werden, oder die, die gar nicht blind sind, oder weil es dort mehr Holzböcke gibt, als ihm lieb ist, oder Hirschläufe, oder weil er gerade auf dieses oder jenes Kraut Appetit hat, dann kann es sich begeben, daß er sich wärtser begibt und zum baffen Erstaunen etwelcher Holzweiber oder Beerenkinder mitten auf der Schneise steht, oder der Schäfer oder der Briefträger oder die Botenfrau oder der Doktor oder Tierarzt sehen ihn nachmittags um halb fünfe quer über die Heide spazieren, und so etwas hält dann der Jäger, dem das noch kuhwarm hinterbracht wird, für eine ganz ausbündige Schlauheit, weil wieder einmal er selber nicht derjenige welcher war. Es war aber weiter nichts, als etwas Magendrücken oder ein kleine Blähung, die den Braven veranlaßte, sich ein bißchen Bewegung zu machen, weiter nichts.

Eins vergißt der Hirsch aber nie, und das ist das, was seine Mutter ihm in ziemlich unsanfter Weise eingebläut hat: die Nase nach dem Winde zu drehen, und deswegen ist er dem Jäger meist über. Der Hirsch weiß, daß es optische Täuschungen gibt, daß ein Wacholderbusch unter Umständen keiner ist, sondern ein Ding, das donnert und blitzt und sich einer Körperverletzung an einem friedlichen und harmlosen Hirsche schuldig macht, aber von Nasentäuschungen hat er noch nie etwas vernommen und ein Wacholderbusch, der nach Mensch riecht, ist kein Wacholderbusch, sondern eins von jenen niederträchtigen Wesen, die den ganzen Mund voll edler Redensarten und das Herz voller heimtückischer Absichten haben. Und darum sagt sich der Hirsch jeden Tag dreimal dasselbe vor, und das heißt: »Immer an dem Waldrand lang,« bis er merkt, ob die Luft rein oder, für sein Gefühl wenigstens, dreckig ist. Und ist das der Fall, na, dann wartet er noch ein Weilchen, denn er hat Zeit, und der Jäger auch, wenn es ihm auch nicht so vorkommt, denn der hockt da zwischen Holz und Feld, läßt sich lebendig von den Mücken treffen, schwitzt Blut und Wasser, und denkt in einem fort: »Jetzt kommt er!« denn er hat hinter sich etwas brechen gehört. Er kommt auch, bloß noch nicht so schnell, und auch nicht da, wo der Jäger kauert, sondern dreihundert Schritte oberhalb der Stelle, und dann läßt er sich den Hafer schmecken, daß es eine Freude ist, und schlägt die Kartoffeln mit einem Getöse heraus, daß es dem Jäger vorkommt, als wenn ihm eine ganze Schale Vanilleeis über den Puckel liefe, und hinterher ein Teller voll Krebssuppe, aber sehr heißer, und er sockt heim und sagt: »Es war wieder mal nüscht!« So geht ein Tag hin und noch einer; der Jäger handelt nach dem bewährten Reimrezepte, das aber mehr ein Leimrezept ist, sitzt abends an, sitzt morgens an und verschläft die schönen Tagesstunden, sogar auch an dem Tage, da es Ritzeratz und Kladderabums am Himmel macht und Wald und Heide in die Waschbütte kommen. Würde er nun machen, daß er hinauskäme, und, sobald es nicht mehr so gießt, die Stangenörter abpirschen, und einen Blick auf die Besamungen und Lichtschläge werfen und sich an den Kreuzgestellen ein Weilchen aufhalten, dann hätte er vielleicht Glück und erwischte einen von den Vieren. Aber er hält sich an die Regel und die lautet, daß man dem Feisthirsche nur in der Frühe und in der Späte aufpassen soll, und so bleibt der Hirsch ungeschossen und der Fleck an der Wand leer.

Denn die erste Regel für den Mann, der einen Feisthirsch erlegen will, die lautet: es gibt keine Regel für die Jagd auf den Hirsch in der Feiste.

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