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Kornelli wird erzogen

Johanna Spyri: Kornelli wird erzogen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJohanna Spyri
titleKornelli wird erzogen
publisherEnßlin & Laiblin
editorAlexander Troll
year1937
illustratorKarl Mühlmeister
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neues Leben in Illerbach

Der Winter war gekommen. Die Tage waren für alle Bewohner der Mansardenwohnung mit geregelter Arbeit so besetzt, daß jeden Abend, wenn die Feierzeit kam, allgemeiner Jammer erscholl, daß der Tag schon wieder um war und nicht noch viele Stunden hatte. Vor allem war es Agnes, die aussah, als wollte sie vergehen vor Entrüstung, wenn immer wieder alles abgebrochen und zu Bette gegangen werden sollte.

»Mit Schlafen verliert man die halbe Zeit seines Lebens«, rief sie öfters empört aus, »wenn du uns noch erlauben wolltest, die Nächte durch zu singen, Mama, wir wären nachher am Tag nur um so frischer bei der anderen Arbeit; denn so könnten wir doch einmal nach Herzenslust beim Singen bleiben und müßten nicht immer, wenn wir im besten Zug sind, alles abbrechen.« Aber die Mutter war nicht der Ansicht; die Nächte mußten immer wieder zum Schlafen verwendet werden.

Kornellis Gesang war auch für Agnes ein immer neues Entzücken. Mühelos und leicht wie ein Vogel sang Kornelli alles, was sie auch nur einmal hörte und mit einer Stimme, so klangvoll und klar, daß jeder sich daran freuen mußte. In der ganzen Schule war keine zweite Stimme zu finden wie die ihre, so voll und so sicher zugleich. So sagte der Lehrer selbst, und beim allgemeinen Gesangunterricht wollte er Kornelli gleich vor sich an der ersten Stelle haben, ihre Stimme war die sicherste Leiterin des Chores.

Mitten im Winter schrieb der Direktor an die Frau Pfarrer: Da er sein Kind nun so gut untergebracht wisse, habe er beschlossen, jetzt gleich eine Reise zu unternehmen, die ihn längere Zeit im Auslande festhalten werde. Seine letzte Reise hätte er abkürzen müssen, um nicht gar zu lange die gütigen Stellvertreterinnen an sein Haus zu binden. Dem plötzlichen Entschluß sei es zuzuschreiben, daß er sein Vorhaben, einmal nach der Stadt zu fahren und ihr Haus aufzusuchen, nicht ausführen könne.

»So schnell ist es noch niemals Frühling geworden, wie nach diesem Winter«, dachte Kornelli, als eines Tages ein lauer Wind durch die Straßen blies und der schmelzende Schnee von allen Dächern tropfte. Sie kam allein aus der Schule; heute hatte sie früher frei als die anderen. Von einem sonnigen Dach herunter pfiff ein Vöglein wie jauchzend zu dem blauen Himmel hinauf. Kornelli stand still und lauschte. Ein Sonnenstrahl fiel in die Gasse hinein, leise tropfte der aufgelöste Schnee; das Vöglein pfiff fort und fort, so lieblich, so bekannt. Vor Kornellis Augen standen die jungen Buchen droben im Wald mit dem ersten Grün bedeckt, unter der Hecke kamen die Veilchen hervor, die ersten Veilchen, im Garten am Haus glitzerten die gelben Krokusblümchen und roten Primeln, und so pfiffen die Vögel ringsum von allen Bäumen – daheim war's so schön! Oh, das alles wieder zu sehen, wieder zu hören, wieder heimzukommen, wie müßte es doch schön sein! Kornelli lief die Straße entlang und alle Treppen hinauf, um so schnell als möglich zu ihrem Tintenfaß zu gelangen. Da setzte sie sich hin und schrieb:

»Lieber Papa!

Daheim ist es gewiß jetzt so schön, wie sonst nirgends. Darf ich nicht bald heimkommen? Jetzt sind gewiß die Veilchen da, und im Wald ist alles grün, und dann kommen alle kleinen Blumen im Garten, und dann die Rosen und die Beeren und in den Wiesen die Vergißmeinnicht. Oh, es ist nirgends so schön, wie es daheim ist! Ich möchte auch alles so gern der Mutter und Nika und Agnes zeigen, und dem Mux das Geißlein. Dino kennt schon den Garten und die Wiesen; er möchte auch so gern wieder nach Illerbach kommen. Oh, wenn ich nur bald wieder alles sehen könnte! Viele hundert Grüße von Deiner Tochter

Kornelli.«

Erst nach drei Wochen kam eine Antwort vom Vater. Er schrieb, seine Reise hätte sich viel weiter ausgedehnt, als ursprünglich in seiner Absicht gelegen hätte. Daß seiner Tochter plötzlich ins Bewußtsein getreten sei, daß sie eine schöne Heimat habe, freue ihn sehr; aber daß sie nun sofort aus der Schule laufe, dafür sei er nicht. Bis zu den Sommerferien solle sie noch in der Stadt bleiben, bis dahin werde auch er fortbleiben müssen. Dann sollte sie die Familie, in der es ihr so gut gehe, Mutter und Kinder, für die Ferienzeit einladen; da sei Platz genug für alle im Hause, und er, wie auch Kornelli, seien der Frau Pfarrer großen Dank schuldig.

Erst war Kornelli ein wenig enttäuscht, daß es noch so lange währen sollte, bis sie den Garten und die Wiesen und den Buchenwald wiedersehen konnte; denn ihr Verlangen danach war immer größer geworden. Aber die Aussicht, alle mit zu haben, die ganze Familie, auch Dino und auch die Mutter, erfreute sie so sehr, daß die Enttäuschung darüber verschwand. Noch viel größer aber war dann ihre Freude, als sie am Mittagstisch die Einladung ihres Vaters vorbrachte und nun von allen Seiten ein großer Jubel losbrach. Die Mädchen hatten nichts anderes vorausgesehen, als daß sie, wie jeden vergangenen, so auch diesen Sommer, ohne besondere Ferien in ihrer heißen Dachwohnung zubringen würden. Und nun die Aussicht auf ein wochenlanges Herumstreifen in dem herrlichen Illerbach, von dem Dino nicht genug hatte erzählen können. Und dazu sollten sie in Kornellis Haus und Garten wohnen, die nach Dinos Schilderung das Schönste von allem waren. Agnes schrie laut auf vor Freude, Nikas Gesicht leuchtete wie lauter Sonnenschein. Die Mutter war ganz bewegt vor Dank und Wonne. Wie oft schon hatte sie sich heimlich gesorgt, ob sie es wohl dazu bringen werde, ihren Dino zu einer rechten Erholung nach Illerbach zu senden, oder ob sie ihm die Zeit so kurz zumessen müsse, daß ihr wenig Hoffnung auf eine rechte Kräftigung blieb. Und nun hatte der liebe Gott ihr plötzlich nicht nur alle Sorge darüber weggenommen, sondern sie noch in solchen überreichen Segen verwandelt. Dino lächelte in tiefsinnigstem Vergnügen und sagte immer wieder: »Ihr solltet nur wissen, wie schön alles ist. Dieser Garten! Diese Bäume, diese Ställe, diese Pferde! Oh, dieses ganze Illerbach!«

Mux aber schrie immer lauter: »Nimm mich auch mit. Kornelli, nimm mich auch mit!« Denn er konnte nicht begreifen, daß es wirklich so sein werde, daß er auch mitkomme. Noch waren viele Tage, ja noch manche Woche zu durchleben, bevor die schöne Zeit kommen würde; aber in der herrlichen Aussicht, die allen vor Augen stand, mußte es nicht schwer sein, noch durchzumachen, was eben durchzumachen war.

Kornelli ging es anders. Ihr Verlangen nach der Heimat wurde mit jedem Tage stärker und heftiger, und wenn sie irgendwo ein grünes Plätzchen oder einen Baum erblickte, da standen der Garten der Heimat, die Wiesen, die Blumen am Illerbach so lebendig vor ihr, daß der Wunsch, das alles wiederzusehen, wieder heimzukommen, ein ganzes Weh in ihr wurde. Zuletzt war ihr so, als würde der Tag, da sie die Heimat wiedersehen würde, nie kommen, nie. Aber er kam doch. Wenn auch vor Freude keiner recht daran glauben konnte, er war wirklich da.

Der große Koffer wurde auf einem Karren fortgebracht; hinterher wanderte die ganze Familie der Eisenbahn zu. Zuhinterst folgte Trine mit ganz erstaunten Augen; denn daß auch sie eine Reise aufs Land machen dürfe, konnte sie noch nicht begreifen, obschon sie nun auf dem Wege war. Kornelli hatte am gestrigen Tag noch so dringend für sie gebeten, daß die Frau Pfarrer nicht mehr widerstehen konnte. Kornelli sollte dann beim Vater selbst den unerwarteten Gast verantworten. Mux war so aufgeregt, daß er beständig dem einen oder dem andern vor die Füße lief und ihn am Gehen hinderte.

»Du unvernünftiger Mux«, rief Dino aus, »wenn du nicht aus dem Wege gehst, kommen wir natürlich zu spät auf die Eisenbahn, und die Reise ist aus.«

Diese Aussicht brachte Mux ganz außer Fassung. Er stürzte davon wie unsinnig, und Dino konnte nun auch laufen, um ihn einzufangen; denn Mux wußte ja weder Steg noch Weg; er lief nur zu, um nicht zu spät zu kommen. Endlich war man doch glücklich an die Haltestelle gekommen, der Zug wurde bestiegen, und nun ging's ins Land hinaus. Die Sonne strahlte über alle Felder und alle Wege; es war keine Wolke am Himmel. Kornelli saß am offenen Fenster und schaute gespannt hinaus. Zwei Stunden und noch eine kleine Zeit waren schnell vorübergegangen; hier mußte ausgestiegen werden.

»Dort kommt er! Dort kommt er!« schrie Kornelli und stürzte der Straße zu, die ins Tal hineinführte.

Eben hielt Mathis seine lustig dahertrabenden Braunen an. Kornelli stand schon vor ihnen.

»Grüß Gott, Mathis, ich komme wieder heim, ist alles noch wie früher daheim?« rief Kornelli dem heruntersteigenden Kutscher zu.

»Willkommen, Kornelli, willkommen daheim«, sagte er freudestrahlend; denn das Kind seines Herrn war sein ganzer Stolz. »Aber wie ist Kornelli gewachsen! Hm, hm, wie hat sich Kornelli verändert!«

Er schüttelte ihre Hand noch einmal in seiner Freude, dann ging er, den Wagen aufzumachen. Die Familie war nun auch herangekommen.

»Oh, da ist noch ein Bekannter, da ist ja der junge Herr von vor dem Jahr«, sagte Mathis wieder; denn Dino war zu ihm herangetreten, um ihm die Hand zu schütteln; »aber der junge Herr sah besser aus bei uns, ja, das ist wirklich wahr, viel besser.«

»Das glaub ich wohl, Mathis, wenn ich jeden Morgen so gute Milch aus dem Stall bekam und sie draußen in der schönen, frischen Morgenluft trinken konnte«, sagte Dino, »in der Stadt war's anders.«

Die Mutter war nun eingestiegen, die Mädchen folgten. Mux stand unbeweglich vor den zwei glänzenden Braunen und starrte sie an. Er war nicht von dem Anblick wegzubringen.

»Wir nehmen sie mit«, verhieß Mathis, dem die unverhohlene Bewunderung des Kleinen gut gefiel. »Da kannst du sie jeden Tag betrachten und darauf zum Brunnen reiten.«

Das half. Nun waren alle im Wagen, Trine kam zu Mathis auf den Bock, und nun ging's sausend ins Hochtal hinein.

»Mutter, Mutter, sieh die roten Margeritenblumen«, schrie Kornelli auf, »sieh die goldenen Bachranunkeln! Oh, alle die blauen Vergißmeinnicht!«

Kornelli war aufgesprungen, sie konnte nicht mehr stillsitzen; sie mußte vorwärts, rückwärts, nach allen Seiten schauen. So voller Blumen von allen Farben waren die Wiesen noch nie gewesen. Alle Augenblicke schrie Kornelli wieder auf vor Entzücken. Jetzt fuhr der Wagen in den Hof hinein. Kornelli sprang zuerst hinunter.

»Esther, Esther, grüß dich Gott!« schrie sie der alten Bekannten zu, die in würdevoller Ruhe und in einer tadellos weißen Schürze herankam, um die Gäste zu empfangen.

»Jetzt bin ich wieder daheim. Ist alles noch, wie es immer war? Ist der Garten noch ganz so wie früher? Und die Marthe und ihr Häuschen?«

»Ja, ja, Kornelli, und grüß dich Gott!« erwiderte Esther, Kornelli betrachtend. »Aber du hast dich verändert, der Tausend, bist du verändert! Du bist nicht mehr wie vorher.«

Kornelli war schon ins Haus gelaufen, nach der Wohnstube, zu ihrem Schrank. Es war alles so geblieben, wie es gewesen war. Kornelli stürzte wieder hinaus, der Mutter entgegen, um sie hereinzuführen. Des Kindes Gesicht strahlte vor Freude.

Drüben in seiner Arbeitsstube stand der Vater in seine Schreibereien vertieft; eben hörte er den Wagen heranrollen. Er fuhr auf: »Da sind sie ja schon«, sagte er bei sich, warf schnell den Arbeitsrock über den Sessel und zog den guten an. Dann trat er aus der Gießerei und ging über den Hof. »Ach Gott«, seufzte er auf; denn noch stand ihm in frischer Erinnerung, welchen Eindruck sein Kind auf ihn gemacht, als er vor dem Jahr von seiner Reise zurückgekehrt war und Kornelli nun vor ihm stand, scheu abgewandt, seinem Blick ausweichend und anzusehen wie ein noch nie gekämmtes Insulanerkind.

»Was wird jetzt mit dem Kinde sein?«

Er trat ins Wohnzimmer ein. Kornelli schaute ihm eben entgegen. Der Direktor stutzte, er stand unbeweglich da, als könnte er nicht fassen, was er mit Augen vor sich sah. Kornelli stürzte nun auf ihn zu.

»Oh, Papa! Papa! Es ist so schön daheim! Es ist alles noch, wie es war. Oh, ich bin so froh, wieder daheim zu sein!«

Der Vater wollte sein Kind umarmen; aber er hielt es noch einmal von sich, er mußte es noch einmal anblicken. Er hatte Tränen in den Augen.

»Kornelli, mein Kind, du schaust mich an wie deine Mutter. Wie bist du deiner Mutter so ähnlich geworden!« sagte er, in der größten Bewegung, das Kind in seine Arme schließend. »Wie ist es möglich! Wie hast du dich verändert! Wie bist du so geworden?«

»Die Mutter weiß es, Papa, die Mutter hat mir geholfen«, sagte Kornelli, mit leuchtenden Augen die Mutter herbeiholend, die mit ihren Kindern zurückgetreten war.

Der Direktor ging auf sie zu.

»Seien Sie herzlich willkommen in meinem Hause, Frau Pfarrer, und Ihre Kinder mit Ihnen«, sagte er, in der herzlichsten Weise eines nach dem andern begrüßend. Dann, sein Kind wieder bei der Hand nehmend, fuhr er in bewegtem Tone fort: »Und was haben Sie mir hier zurückgebracht! Was haben Sie mit meinem Kinde gemacht? Wie war es möglich? Ist dies dasselbe Kind, das ich Ihnen zuführte?«

Er mußte wieder und wieder Kornelli anschauen; sah sie wirklich so aus, war es keine vorübergehende Erscheinung? Keine Einbildung? War dies sein Kind? Der Vater hielt die Hand des Kindes fest und schaute ihm immer wieder in die glänzenden Augen; es war, als könne er's nicht glauben.

Die sorgliche Esther brachte nun allerlei Geschirr herein; der Tisch sollte gerüstet werden. Unter der Tür teilte sie ihrem Herrn mit, die Zimmer der Gäste seien alle in Ordnung; die Damen würden sich wohl gern noch zurückziehen.

Die Mutter nahm für sich und ihre Töchter den Vorschlag gern an; aber Kornelli sagte: »Gelt, Papa, ich darf schnell zu Marthe hinüberrennen, ich bin bald wieder da?«

Der Vater nickte bejahend.

Dino erbat sich auch die Erlaubnis; er konnte nicht zurückbleiben, wenn es zu der guten Marthe ging.

Die Kinder wollten den Weg hinausrennen; aber Kornelli kam nicht vom Fleck. Die Wiesen waren ja ganz besät mit all den Blumen, die sie so lange nicht gesehen hatte. Sie mußte hier die roten Margeriten, dort die gelben Bachranunkeln holen, die blauen Vergißmeinnicht konnte sie erst recht nicht stehen lassen. Aber Dino mahnte, doch zu kommen; sie mußten ja bald wieder heim, und die Blumen würden doch morgen noch da sein.

Marthe hatte schon vernommen, daß heute Kornelli erwartet wurde und mit wem sie kommen sollte. Lange schon hatte sie nach dem Hof und Garten hinübergespäht, ob sie nicht ein Stückchen von Kornelli entdecken könne, oder vielleicht etwas von Dino. Nun kamen beide miteinander ihr Treppchen heraufgerannt. Marthe lief hinaus. Das war Dino, ja, so wie sie ihn ja wohl kannte. Aber Kornelli – Marthe schaute auf das Kind und drückte ihm die Hände und wollte etwas sagen; aber die hellen Tränen liefen über ihre Wangen; sie konnte nichts sagen.

»Oh, Marthe, ich habe mich so gefreut heimzukommen und bin dann auf der Stelle zu dir gelaufen!« rief jetzt Kornelli. »Freust du dich denn nicht mit mir? Oh, ich bin so froh, so froh!«

»Ich auch, oh, ich auch«, versicherte Marthe; »es ist ja nur die Freude über dich und die Erinnerung. Oh, wie siehst du doch deiner seligen Mutter gleich, und wie anders siehst du doch aus, als da du gingst, Kornelli! Dir hat der liebe Gott dein Stadtleben so gesegnet, daß es mir ist wie ein Wunder; wie habe ich auch gebetet dafür!«

Nun mußte sie auch noch einmal Dino die Hand schütteln und noch einmal; aber in die große Freude, ihn wiederzusehen, mischte sich eine Betrübnis.

»So schmal und bleich, Dino, warum denn bloß?« fragte sie besorgt. »Vor einem Jahr waren die Wangen voller.«

»Eben darum komm ich wieder nach Illerbach«, erwiderte Dino fröhlich, »und nun müssen Sie sich auch mit uns freuen, Frau Marthe; wir sind so unbändig froh, wieder da zu sein, Kornelli und ich. Oh, da ist es noch ganz so schön wie vor dem Jahr, und zu Ihnen kommen wir alle Tage; da bin ich ja ganz daheim.«

Marthe konnte vor Rührung nichts mehr sagen. Da stand Kornelli vor ihr, so frisch und froh wie nur je; alles unbegreiflich Traurige und alle Entstellung an dem Kinde waren verschwunden und ein Ausdruck in die fröhlichen Augen gekommen, der das Herz der Alten im tiefsten bewegte. So hatte die junge Mutter sie angeblickt. Und da stand Dino mit der alten Anhänglichkeit und sprach so freundliche Worte zu ihr; sie konnte sich vor Glück gar nicht fassen.

»Nun müssen wir gehen, Marthe«, sagte Kornelli; »aber du weißt schon, wie es immer war; ich kam ja alle Tage zu dir gelaufen, so soll's wieder sein.«

»Und ich mit! Und ich mit!« rief Dino, und wie sie nun dahinrannten zusammen, schaute Marthe, auf ihrem Treppchen stehend, die Augen voller Freudentränen, ihnen nach, solange sie noch etwas von ihnen sehen konnte.

Mit gefalteten Händen schaute sie noch hin, auch als sie schon verschwunden waren.

»Oh, du lieber Gott«, sagte sie leise, »mein Herz ist übervoll von Dank. Du hast es alles gesegnet, was hart für das Kind war, es ist alles zum Guten geworden.«

Als die Kinder ins Haus traten, sagte Kornelli: »Geh nur hinein, Dino; ich komme gleich nach.«

Dann schwenkte sie ab und trat in die Küche ein.

»Hab ich doch gedacht, daß unser Kornelli noch den Weg zur Küche finden wird«, sagte Esther befriedigt. »Komm, laß dich einmal recht ansehen, Kornelli.«

Esther stellte sich breit vor das Kind hin.

»Du bist aber ordentlich gewachsen in dem Jahr, und so geordnet und schön gekämmt siehst du jetzt aus. Ja, ja, unser Kornelli darf man schon anschauen.«

Kornelli wurde ein wenig rot. Sie dachte daran, wie sie ausgesehen hatte, als sie fortging; sie wußte nun wohl, wie alles gewesen war, und wie sie sich gegen allerlei gute Meinung der anderen gesperrt hatte.

»Esther, ich muß dir etwas sagen. Wo ist die Trine, die mitgekommen ist?« fragte jetzt Kornelli.

»Ich habe ihr gesagt, sie soll hinters Haus gehen und den Gemüsegarten ein wenig betrachten«, sagte Esther; »sie stand mir in der Küche überall im Weg, sie sieht nicht gerade flink aus.«

»Nein, das tut sie nun schon nicht. Siehst du, Esther, wegen der Trine wollte ich dir gerade etwas sagen: gelt, du willst schon gut mit ihr sein?« sagte Kornelli ganz bittend. »Siehst du, die Trine ist viereckig und vernagelt, aber sie kann nichts machen, daß sie anders wird. Du weißt vielleicht nicht, wie es ist; aber ich weiß es ganz gut. Und wenn du recht gut zu ihr bist, so tut es ihr dann weniger weh, daß sie so sein muß. Gelt, du willst es mir schon zu Gefallen tun?«

Esther schaute ganz erstaunt auf das Kind, das nun der Stube zurannte.

»Wie nur unserem jungen Kinde solche Gedanken kommen!« mußte Esther bei sich sagen. »Man könnte meinen, unser Kornelli hätte selber ganz unten durch müssen und wäre nicht die Direktorstochter, die haben kann, was sie will.«

Noch lange mußte Esther von Zeit zu Zeit den Kopf schütteln; aber sie wollte Kornelli beweisen, daß sie die einzige Tochter vom Hause sei, die zu befehlen habe; denn sie war stolz auf Kornellis Stellung; sie wollte zeigen, wie sie die Wünsche ihrer jungen Herrin zu erfüllen wußte.

Nach der ersten fröhlichen Mahlzeit rannten die Kinder, wie ihnen erlaubt worden war, nach dem Garten hinaus. Sie wußten, was da alles zu sehen war. Wie begeistert hatte Dino bei seiner Heimkehr den Garten mit den Blumen aller Farben, mit den Spalieren voll roter Pfirsiche geschildert! Die fruchtbeladenen Birn- und Apfelbäume, die großen Ställe drüben mit den glänzenden Kühen, den stolzen, prächtigen Pferden; nun sollten sie alles selbst sehen. Mit dem gleichen Verlangen stürzten sie alle fünf davon.

Der Direktor saß noch bei seinem Kaffee, und die Frau Pfarrer leistete ihm gern Gesellschaft.

»Nun, Herr Direktor«, sagte sie, als die Tür sich hinter den Kindern geschlossen hatte, »lassen Sie mich endlich aus tiefstem Herzen meinen Dank aussprechen für Ihre große Freundlichkeit.«

»Was? Wie? Sie wollen mir danken, Frau Pfarrer?« unterbrach sie der Direktor. »Sie mir? Nun lassen Sie mich sprechen! Wie kann ich je den Dank abtragen, den ich Ihnen schulde! Was haben Sie aus meinem Kinde gemacht! Wie haben Sie dieses störrische, eigensinnige Kind so zurechtgebracht, so verwandelt, so entwickelt! Wie sieht mein Kind aus! Ich muß es immer wieder ansehen, ob es wirklich sein kann. Wie war es möglich? Und wie soll ich Ihnen danken? Wie könnte ich Ihnen je vergelten, was Sie an Mühe, Sorge, Geduld – ach, ich weiß ja nicht, was Sie alles an mein Kind gewandt haben, daß Sie es so mir wiedergeben können!«

»Nein, Herr Direktor, so steht die Sache wirklich nicht«, sagte die Frau Pfarrer, »Kornelli hat mich weder Mühe, noch schwere Sorge, noch Geduld gekostet. Wenn ich den guten Kern ihres Wesens herausholen und durch Liebe zu seiner erfreulichen Entfaltung etwas beitragen konnte, so ist es alles, was ich getan habe. Schwer hat mir Kornelli meine Aufgabe keinen Augenblick gemacht. Wir alle haben das Kind so lieb gewonnen, daß wir mit Schmerzen daran denken, die Zeit könnte nahe sein, da es unser Haus wieder verlassen müßte. Welche schöne Zeit Kornelli besonders meinem Dino während seiner Krankheit, und meinem freundschaftbedürftigen Kleinen fortwährend durch ihre unveränderliche Heiterkeit und Freundlichkeit bereitet hat, das will ich dem lieben Kinde nie vergessen. Ja, Herr Direktor, Sie haben ein liebes Kind.«

Der Direktor war aufgesprungen vor Erregung. Er lief hin und her im Zimmer. Es war eine andere Erregung als diejenige, die ihn vor dem Jahr so in der Stube auf und nieder getrieben hatte.

»Sie wissen nicht, was Sie mir sagen, Frau Pfarrer«, sagte er jetzt, vor ihr stillstehend, »Sie wissen nicht, von welcher Qual Sie mich befreien! Wie habe ich gelitten unter dem inneren Vorwurf, ich hätte das Kind meiner Kornelia vernachlässigt, bis alles zu spät, bis das Kind völlig verdreht und verstockt war für immer, und nun kommen Sie und bringen mir das Kind so wieder, daß ich die Mutter in seinen Augen, in seinem Ausdruck, in seiner ganzen Erscheinung erkenne, und Sie sagen mir, unveränderliche Heiterkeit und Freundlichkeit sei sein Wesen; das ist ja meine Kornelia ganz und gar, ganz so, wie sie war.«

»Noch eins möchte ich berichtigen, Herr Direktor«, wandte die Frau Pfarrer ein. »Ich bin zwar überzeugt, daß es gar nicht gleichgültig ist, unter welchen Einflüssen ein Kind schon in den ersten Jahren steht; auch glaube ich, Kornelli hätte der liebevoll leitenden Hand der Mutter wohl bedurft. Dennoch muß ich sagen, Ihre Kornelli war durchaus kein vernachlässigtes Kind, als sie zu mir kam, und aus allem, was ich von ihr selbst und was ich von Dino weiß, der ja bei der guten Frau Marthe wohnte, muß ich glauben, daß diese Frau Ihrem Kinde das Beste gegeben hat, was wir den Kindern an innerer Erziehung geben können. Frau Marthe halte ich recht hoch, sie ist eine wahre Kinderbeschützerin.«

»So sagte auch meine Kornelia, darum hatte ich Vertrauen in sie. Aber dann kam die Zeit, da ich denken mußte, es sei alles gefehlt. So habe ich doch zu wenig geschätzt, was sie dem Kinde war. Sie erinnern mich an meine Schuld.«

Ein so lauter Jubel erscholl jetzt vom Garten herauf, daß die beiden ans offene Fenster traten.

Von unten herauf schrie Mux wie unsinnig: »Mama! Mama! Schau! Ein lebendiger Geißenbub und eine lebendige Geiß! Komm herunter, Mama, und sieh!«

Wirklich, auf dem hohen Sitz eines schönen Korbwagens saß Mux, zwei Zügel in der einen, eine große Peitsche in der anderen Hand. Eine schlanke junge Geiß zog den Wagen. Agnes und Kornelli liefen als Beschützerinnen neben dem Wagen her, Dino hielt die Geiß leicht am Zügel fest, damit sie nicht ausreiße. Alle jubelten und jauchzten über die herrliche Fahrt.

Hinten beim Gebüsch stand Mathis und überwachte diesen ersten Versuch, ob etwa seine Hilfe noch nötig sein könnte. Er hatte den Wagen für Kornelli hergerichtet und sehr schön aufgerüstet. Die Geiß hatte er schon mehrmals eingespannt, damit sie sich unter Kornellis Leitung ordentlich benehme. Als nun Mathis sein Fuhrwerk den Kindern vorgeführt hatte, da hatte Kornelli gleich gefunden, da gehöre Mux hinauf. Dann werde ganz lebendig das Bild erstehen, das den Mux in seinem Buche am meisten entzückte.

Mux schrie vor Wonne wie außer sich auf seinem Wagen der Mutter zu; sie mußte wirklich die Herrlichkeit in der Nähe sehen; sie kam heraus.

Auch der Direktor verließ das Haus; er ging einer anderen Seite zu. Bald nachher stieg er das Treppchen zu der kleinen Galerie hinauf, wo die Marthe auf ihrem Flickstühlchen saß. »Herr Direktor«, rief sie überrascht und machte die Tür zur Stube auf; denn draußen war nicht Platz genug für beide.

Er trat ein.

»Marthe, ich habe Ihr Geschäft verdorben, das fordert Entschädigung«, sagte er im völligen Geschäftston zu Marthes größtem Erstaunen, »ich habe Ihnen Ihren Pensionär abspenstig gemacht und für alle Zeit. Nun habe ich soeben dem Bauer drüben Ihr Häuschen abgekauft mit dem kleinen Stück Land hier davor; da werden Sie etwas mehr Platz für Ihre Nelken haben. Wirtschaften Sie gut, und aus dem Zins machen Sie sich jährlich ein paar gute Tage. Ist's Ihnen so recht?«

»Herr Direktor, mein Häuschen frei, und einen Garten dazu! Oh, Herr Direktor!«

Aber er ließ sie nicht weiter kommen; er schüttelte ihr herzlich die Hand und lief fort.

Die großen dunkelroten Himbeeren glühten noch aus den grünen Blättern hervor, und schon fielen von den reichlich behangenen Zweigen goldgelbe Mirabellen auf den grünen Rasen. Mux schwamm vom Morgen bis zum Abend ununterbrochen in Glück. Jeden Morgen in der ersten Frühe, bevor er die Augen recht offen hatte, schrie er die Mutter aus dem Schlaf auf mit seinem Alarmruf: »Mutter, sind wir auch noch da? Sind wir noch nicht fort?« Dann begannen die Stunden des Tages, eine schöner als die andere; Mux wußte nicht, welches die schönste war. Die Mutter hatte wirklich eine eigene Stallbekleidung für ihn verfertigen müssen; denn Mux ging nicht nur ab und zu in den Stall, er brachte den ganzen Tag in der Scheune, auf dem Heuboden, bei den Pferden, bei der Geiß und beim Melken der Kühe zu.

Mathis war sein bester Freund geworden, der denn auch immerfort etwas Erfreuliches für den Mux erdachte; denn er hatte ein großes Wohlgefallen an dem eifrigen Mux mit seinen landwirtschaftlichen Neigungen. Hatte Mathis eine notwendige Arbeit vor, bei der er seinen kleinen Schützling nicht brauchen konnte, dann hatte er schon immer Ersatz für ihn gefunden: »Geh dort an die Himbeerhecke unterdessen«, sagte er dann meist; »aber nicht hier oben, dort, weit unten sind die schönsten, die allergrößten Beeren, die noch so recht von der Sonne ausgekocht sind. Und nachher geh unter den Mirabellenbaum und warte auf mich.«

Pünktlich gehorchte dann Mux, und von den roten Himbeeren, die er gehörig gelichtet hatte, wanderte Mux unter den Mirabellenbaum und setzte sich beschaulich auf den Rasen hin, bis Mathis erschien. Dieser schüttelte alsobald den Baum so mächtig, daß eine Flut von goldenen Pfläumchen über Mux hinrollte und er nur so aus der Fülle schöpfen konnte.

Wenn Mathis einmal nicht zu finden war und Dino und Kornelli ihre eigenen Angelegenheiten verfolgten, so daß von ihrem Beistand nichts zu erwarten war, dann wußte Mux noch eine Freundin, von der er allezeit eine liebevolle Aufnahme erfuhr. Mux wanderte dann zu Esther nach dem Gemüsegarten. Hier erwarteten ihn neue Unterhaltung und erfreuliche Dinge. Daß hier die grünen Erbsenschoten, die zu Hause nur an großen Festtagen auf den Tisch kamen, in solchen Massen von den Stauden niederhingen, war ihm wie ein Wunder. Er konnte ganz ängstlich werden beim Zuschauen, wie Esther einen ganzen Korb voll abpflückte.

Wenn er dann aber warnen wollte: »Nimm nicht alle auf einmal, sonst haben wir nachher keine mehr«, dann lachte sie nur und sagte: »Sie wachsen immer wieder; über acht Tage sind noch viel mehr da.«

Schaute Mux die ungeheuren Kohlköpfe, die daneben standen, etwas von der Seite an, dann sagte Esther: »Vor denen mußt du dich nicht fürchten, Muxchen; müssen die auf den Tisch, so koch ich so gut, daß die andern alle davon haben wollen, und du kriegst nur lauter gelb gebratene Kartöffelchen auf den Teller, die kommen immer dazu.«

Vom Gemüsegarten begleitete Mux Esther nach der Küche, wo er wieder zu vielen nützlichen Kenntnissen gelangte. Kein Pastetchen kam auf den Tisch, von dem er nicht sagen konnte, wie es zubereitet war und genau wußte, wie es schmecken würde. Mux verlebte goldene Tage.

Nicht weniger golden waren sie für die anderen Geschwister. Dino und Kornelli hatten ein großes Werk unternommen; sie legten den Garten der Marthe nach eigenem Plan an und hatten nun soviel zu erfinden und auszuführen, daß die beiden niemals zu finden waren, wie sehr auch Agnes immer wieder mit Dino um die Freundschaft von Kornelli kämpfte. Dino blieb immer wieder Sieger, und Kornelli rannte mit ihm davon.

Dino war ihr erster Freund gewesen und hatte die Freundschaft so fest gehalten; sie blieb ihm dafür unverbrüchlich treu. Agnes fand auch bald wieder Trost darin, daß sie zu jeder Stunde und solange sie wollte gänzlich ungestört an dem schönen Klavier sitzen und spielen durfte, und zum Singen mit Kornelli, wie sie es wünschte, kam sie doch jedenfalls immer am Abend. Dann setzte sich der Herr Direktor in den Lehnstuhl, und nun mußte gesungen werden, ein Lied nach dem anderen. Er konnte nie genug bekommen und sagte von Zeit zu Zeit mit strahlenden Augen zur Frau Pfarrer: »Das Kind hat seiner Mutter Stimme; nur noch voller und dazu weicher war die Stimme der Mutter.«

Dann glänzte auch das Gesicht der Frau Pfarrer vor Freude, und sie sagte immer wieder: »Nur ein klein wenig Geduld, Herr Direktor; Sie werden Kornellis Stimme noch einmal hören, daß Ihnen nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Ihr Lehrer hat keinen höheren Wunsch, als diese Stimme ausbilden zu können.« Dann nickte der Vater wieder und legte sich mit einem glückseligen Lächeln in seinen Stuhl zurück. Nika war wie verwandelt. Kein Schatten verdunkelte mehr ihr Gesicht; in fortwährendem stillem Glück wanderte sie mit ihrem Malkasten von einer schönen Stelle im Garten zur anderen, bald zum Buchenwald hinauf, bald wieder nach der Anhöhe, wo die Eiche stand mit der Bank darunter, auf der sie sich niederlassen und Haus und Garten und weit hinaus das grünende Tal überschauen konnte. Da konnte Nika überall ganze Stunden lang an ihrer beglückenden Arbeit sitzen und träumen und wieder schaffen; kein Mensch störte sie, durch keine unerwünschten Geschäfte wurde sie unterbrochen.

In unaussprechlichem Glücke schaute die Mutter auf den frisch aufblühenden Dino, auf die freudeleuchtenden Gesichter ihrer Mädchen; aber plötzlich stiegen dann wieder in ihr die Gedanken auf: wie anders würde es mit allen wieder kommen, wenn nun diese Tage des Glückes zu Ende sein und das Leben in den engen Schranken mit den drohenden Schatten der kommenden Jahre wieder aufgenommen werden mußte.

Die Ferienzeit ging ihrem Ende entgegen; aber noch hatte niemand recht Zeit daran zu denken; denn ein großes Fest sollte noch vorher gefeiert werden. Der Geburtstag des Direktors nahte, und die Mutter hatte angeordnet, daß jedes der Kinder in irgendeiner Weise das Fest verherrlichen sollte; in welcher Weise sie es tun wollten, blieb ihnen überlassen.

Den kleinen Mux allein ließ die Mutter einen schönen Glückwunsch einstudieren, den sie verfaßt hatte. Es brauchte aber viel Zeit und Mühe, bis der Spruch in dem kleinen Kopf sitzen blieb; denn dieser war immer so voller Gedanken an Scheune und Stall, an Küche und Geißenkutsche und Pflaumen und Käfer und Ameisen, daß etwas anderes fast nicht haften wollte. Nika brauchte keinen Rat; sie hatte längst beschlossen, was sie tun wollte, und war immer spurlos verschwunden, sobald das Ende einer Mahlzeit das Verschwinden erlaubte. Agnes und Kornelli verriegelten die Tür des Klavierzimmers und ließen geheimnisvolle Gesänge daraus erschallen. Nur Dino stand unentschlossen vor der Aufgabe und sagte von Zeit zu Zeit, wenn die Festvorbereitenden mit ihren Arbeiten beschäftigt waren und er allein bei der Mutter und bei Mux geblieben war: »Was könnte ich nur tun, Mutter?«

»Zeichne ihm seine schöne Geiß«, riet Mux jetzt, als die Frage wieder kam. Er wußte, wie schön der Dino allerlei Tiere zeichnen konnte, und etwas Schöneres als die junge Geiß gab es für ihn nicht.

»Oh, du tierkundiger Geißen-Mux!« rief Dino aus; aber trotz der Ablehnung des Geißenbildes hatte er von Mux eine Idee erhalten: »Ich zeichne die beiden Braunen«, rief er plötzlich erfreut aus, »den einen im Schritt, und den andern im Trab; Mathis muß mir sie vorführen.«

Dino lief erfreut hinaus und der Scheune zu. Manchen Tag hatte er nun mit Mathis geheimnisvolle Zusammenkünfte.

Der Geburtstag war da.

Als der Direktor zum Frühstück in die Stube trat, ertönte im Nebenzimmer ein so schöner Gesang, daß er eintreten mußte: Agnes und Kornelli sangen ihr Festlied für ihn, und so schön und ergreifend war heute ihr Gesang, daß der Direktor nicht sprechen konnte. Er klopfte nur den beiden Kindern mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Schultern, dann ging er ins andere Zimmer zurück. Hier kam ihm Mux entgegen und sprach seinen Spruch untadelhaft und richtig mit lauter Stimme heraus. Vom Tische her lachten ihm zwei Bilder entgegen. Das waren seine Braunen; er erkannte sie augenblicklich. Eine gute Weile konnte er die Blätter nicht aus der Hand legen, so groß war seine Freude daran. Aber er hatte noch etwas erblickt. Mitten auf dem Tisch, so groß, daß es sorgsam gestützt werden mußte, stand in frischen, völlig naturtreuen Farben sein Haus vor ihm, der baumreiche Garten, die Wiese weiterhin mit dem Blick ins Tal hinaus, bis zu den fernen blauen Bergen. Der Direktor stand ganz stumm davor: das war der Blick, den er von Kind auf geliebt hatte wie keinen zweiten.

»Kornelli, komm her«, rief jetzt der Vater, »sieh das Bild an. Hast du nicht eine schöne Heimat? Liebst du deine Heimat nicht so, wie dein Vater?«

»O ja, ich liebe sie, Papa, so sehr«, sagte Kornelli, »und jeden Tag muß ich es denken. Ich habe nie gewußt, wie schön es daheim ist. Jetzt weiß ich es, seit ich wieder in der Heimat bin. Oh, wie schön steht sie da auf dem Bild!«

»Ach, Kornelli, wenn du nur diese schöne Heimat gar nicht hättest!« rief Agnes, die hinter ihr stand, leidenschaftlich aus.

»Agnes«, sagte die Mutter erschrocken, »was soll das unpassende Wort bedeuten?« Der Direktor schaute erstaunt auf die erregte Agnes, die wütende Blicke auf das Bild warf.

»So habt ihr euch einmal recht stramm gezankt, daß du wünschest, Kornelli möchte keine so schöne Heimat haben«, sagte er mit heimlichem Lächeln.

Agnes wurde purpurrot.

»O nein, so meine ich es nicht, Herr Direktor«, sagte sie, »gewiß nicht. Ich habe mich auch noch nie mit Kornelli gezankt, nur mit dem Dino, weil er Kornelli immer für sich haben will. Aber wenn nun Kornelli diese schöne Heimat nicht hätte, wenn sie es hätte wie ich, daß sie auf einmal alle Musikstunden aufgeben und einen Beruf ergreifen müßte, dann könnten wir zusammen etwas Schönes unternehmen, weil sie eine so herrliche Stimme hat. Wir könnten dann zusammen eine Harfe mieten und könnten in fremde Städte reisen und vor den Häusern singen, und später könnten wir auch Konzerte geben und eine Singschule errichten; aber so allein kann ich ja nichts machen, gar nichts.« Die Mutter überlief es heiß und kalt vor Schrecken bei diesem Ausbruch, den kein Blick noch Wink von ihr fernzuhalten vermochte. Noch funkelten die Augen von Agnes wie feurige Kohlen vor leidenschaftlicher Erregung.

»Ich bin für die Singschule«, sagte der Direktor jetzt ganz ernsthaft, »vor allem aber dafür, daß man sich nun zum Frühstück niedersetze. Ich hoffe, für die Jugend ist die übliche Schokolade da, das ist ein guter alter Brauch bei Geburtstagen, der nicht vernachlässigt werden soll. – Also eine Singschule wird gegründet«, fuhr er fort, als nun alle festsaßen und der Mux in feierlicher Stimmung die dreierlei Kuchen betrachtete, die die drei ungeheuren Schokoladekannen umkränzten. »Die wandernden Harfinistinnen sind ein wenig zu poetisch für meinen Geschmack, dagegen die Singschule, die gefällt mir; aber ich will auch etwas haben davon, auf meinem Gebiet soll sie errichtet werden. Da sind eine Menge Arbeiter drüben in der Gießerei, die haben Kinder, kleine und noch kleinere, und die Mütter haben genug zu tun mit den Allerkleinsten und dem Haushalt. Agnes und Kornelli gründen eine Singschule in Illerbach, da kommen alle Kinder hinein, deren Mütter keine Zeit zum Singen haben. Den Kindern wird je bei der Ankunft eine Schüssel mit Milch und Brocken verabreicht, um die Stimmen klangvoller zu machen. Da hätten wir denn die Singschule. Den Lehrerinnen werde ich zwischendurch den nötigen Unterricht erteilen lassen, damit sie mir nicht aus der Übung kommen. Für die Nika habe ich auch einen Beruf bereit; sie soll mein Haus von oben bis unten mit Malereien füllen, und damit sie immer neue Ideen findet, schicke ich sie noch eine gute Zeit lang zu ihrem Professor in die Lehre. Dino soll mir helfen, meine Braunen in Bewegung zu erhalten. Er muß nun zu reiten beginnen und recht tüchtige Übungen machen, so wird es ihm und den Braunen wohltun. Den Mux kann ich außerordentlich gut brauchen; der wird mein Gutsverwalter. Der gute Anfang, den er in den Kenntnissen der Landwirtschaft bei Mathis und Esther gemacht hat, wird noch fortgesetzt, solange der Boden grünt und die Bäume Früchte tragen, und die Mutter bleibt zum Schutze aller bei uns. Nun, findet der Antrag Gefallen? Wollen wir's so halten?«

Eine lautlose Stille war eingetreten. Die Kinder konnten nicht fassen, daß es wirklich so sein könnte, wie sie die Worte verstanden. Die Mutter war von solcher Bewegung ergriffen, daß sie kein Wort hervorbringen, auch die Tränen nicht zurückhalten konnte, die nun ihren Augen entfielen. Konnte es denn möglich sein, konnten ihre schweren Sorgen, ihr großer Kummer ihr so plötzlich abgenommen sein, durfte sie das glauben?

Jetzt sagte Mux mit lauter Stimme: »Ja, wir wollen!« Denn es war ihm klar geworden, daß die Fortsetzung des guten Anfangs bedeute, er solle weiter bei Mathis und Ester tun, was er bis jetzt getan hatte. Der Direktor lachte laut auf.

»Die Hauptstimme ist für mich! Frau Pfarrer, lassen Sie uns teilen; aber ich will den besseren Teil, das sage ich Ihnen gleich: im Winter haben Sie die Kinder und regieren, wie Sie wollen, mit allem, was gelernt werden soll; im Sommer habe ich sie bei mir und genieße die Ergebnisse aller Studien und dazu den Vorteil, daß die Mutter mein Haus in Ordnung hält. Ist's recht so, oder kommt zuviel auf meinen Teil?«

Jetzt hatte die Mutter sich gefaßt.

»Oh, Herr Direktor, wie kann ich Ihnen danken?« sagte sie, ihm die Hand reichend, die noch vor Bewegung zitterte. »Ich weiß nicht, wie ich aussprechen könnte, was in meinem Herzen ist, wie ich Ihnen danken soll für solche unfaßliche Güte. Sie können ja nicht wissen, was Ihre Großmut für uns alle ist.«

Aber nun hatten auch die Kinder begriffen, daß das ganze unfaßbare Glück wahr sein sollte. Nika lief mit strahlenden Augen auf den Direktor zu und erfaßte seine Hand; auch sie konnte keine Worte für ihren Dank finden. Agnes war ihr nachgestürzt, Dino war ihr zuvorgekommen; der Direktor wußte nicht, wie er die Hände alle zusammenfassen sollte. Mux, der keinen Zugang zu seinem Wohltäter mehr offen fand, kletterte von hinten auf seinen Stuhl, umfaßte mit beiden Armen seinen Hals und schrie ihm viele tausend Danksagungen aus der nächsten Nähe in die Ohren hinein. Der Dankesjubel wurde immer lauter..

»Kornelli«, sagte der Vater jetzt, »bring du deinen Dank deiner Pflegemutter dort; sie hat den ganzen lauten Dank verdient; sie hat die Freude in unser Haus gebracht.«

Das tat Kornelli recht von ganzem Herzen. Sie wußte am besten, was sie der Mutter zu danken hatte. Dann plötzlich, wie von demselben Gedanken erfaßt, stürzten Dino und Kornelli davon; sie konnten nicht länger warten, der Marthe die große Nachricht zu bringen; da war ja niemand auf der ganzen Welt, der die ungeheure Freude noch so mit ihnen teilen konnte, wie Marthe es tun würde.

Mit welch überströmender Freude nahm auch ihre alte Freundin die Nachricht auf. Unter den reichlich fließenden Tränen mußte sie nur immer wieder sagen: »Oh, Kornelli, hat es der liebe Gott nicht so gut gemacht, wie wir es nicht zu erbeten gewußt hätten? Wir wollen ihm immerdar alles übergeben, alles ganz und gar in seine Hand legen. Das wollen wir tun, Kornelli, unser ganzes Leben lang, nicht?«

Kornelli nickte ganz verständnisvoll; sie hatte gar nicht vergessen, wie sie bei Marthe gejammert und zu wem diese sie hingewiesen hatte, Hilfe zu suchen; wenn diese auch anders komme, als sie erwarte, so komme sie doch. Und wieviel herrlicher, als Kornelli je gedacht, war sie nun gekommen!

Ein Jubel, wie ihn Agnes noch einmal und erst recht aufschlug, als sie am Abend mit Nika in ihrem Zimmer stand und Kornelli aus der offenen Tür des ihren eintrat, um den gewöhnlichen Abendbesuch zu machen, war in dem Hause noch nie erklungen: »Kein Kümmern und heimliche Schreckbilder mehr!« rief sie, im Zimmer auf und niederhüpfend und tanzend, wie ein der Haft entronnener Vogel. »Weitersingen und musizieren, immer weiter und weiter! Jeden Sommer mit dir hier daheim sein, Kornelli! Wir sind die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt, und das hast du herbeigeführt, Kornelli, du unvergleichliches Kornelli!«

Jetzt packte Agnes die Freundin und tanzte in solchen Freudensprüngen mit ihr im Zimmer herum, daß Nika daran erinnern mußte, der Herr Direktor könnte auch seine Einladung zum bleibenden Aufenthalt bereuen, wenn er mit einem solchen Spektakel beginne. Aber auch sie sah aus, als würde sie nicht ungern mithüpfen vor Freude.

»Es ist wahr, Kornelli«, sagte sie, »der Tag, an dem du in unser Haus kamst, war ein solcher Segenstag, wie kein anderer im ganzen Jahr. Wir wollen ihn alle Jahre als das größte Fest des Hauses feiern.«

Nika war schon seit lange so freundlich und herzlich zu Kornelli gewesen, daß diese ganz glücklich darüber war; aber daß sie einmal so sprechen würde, das hatte Kornelli sich nicht denken können.

Als die Nachricht von dem bleibenden Zusammenhang der Familien und dem jährlichen Wiederkehren der Städter auch in die Küche drang, da sagte Esther: »Recht so; gefällt mir besser, als wenn wieder andere Leute kommen müßten. Besser so für mich und Kornelli und das ganze Haus!«

»Oh, wenn ich doch ein andermal wieder mitkommen dürfte!« sagte Trine, die jetzt ein immer lachendes Gesicht zeigte. »Oh, wie ist es einem so wohl hier!«

»Das ist es auch«, bestätigte Esther, »und ich wüßte auch nicht, warum nicht. Du brauchst dich nicht zu sorgen, Trine; wenn Kornelli und ich eines in unseren Schutz nehmen, so wüßte ich nicht, warum es nicht wiederkäme!«

»Frau Pfarrer, wenn wir dies Jahr den Landaufenthalt der Kinder bis zum Spätherbst ausdehnen würden«, sagte der Direktor, der jeden Tag weniger gern daran dachte, seine Familie wieder fortziehen zu lassen, und für so lange. »Dino, für den ja der Unterricht am wichtigsten ist, kann am wenigsten schon jetzt wieder nach der Stadt. Der hat durchaus nötig, einmal gründlich erfrischt und gestärkt zu werden. Im Notfall haben wir immer unseren guten Herrn Mälinger; sollte irgendein Lernbedürfnis sich zeigen, so wird er geholt.« Die Mutter war ganz derselben Ansicht und unsäglich dankbar, daß der Herr Direktor diese Kräftigung für den Jungen möglich machte. »Dann ist noch ein Grund, der Ihr längeres Bleiben nötig macht«, fuhr der Direktor fort. »Ich wünsche, Sie und die Kinder im Winter dann und wann zu besuchen; da wäre mir dann die öftere Besteigung Ihrer turmartigen Wohnung etwas beschwerlich. Ich habe deshalb eine bequemere Wohnung für den Spätherbst gemietet und hoffe, Sie sind darüber nicht unzufrieden mit mir. Da dann vielerlei Geschäfte auf Sie warten, so ist vorher eine rechte Kräftigung auch für Sie ganz notwendig.«

»Ich kann nur noch danken, nur immer danken«, sagte die Frau Pfarrer, als eben die Kinder alle herbeigerannt kamen und ihr Freudensturm alle weiteren Worte verschlang. Kornelli hatte die Absicht ihres Vaters verraten, daß sie alle bis zum Winter in Illerbach bleiben sollten.

Als alle Bäume voll reifer Früchte standen und an dem einen Dino, an dem anderen Kornelli schüttelte, unter jedem aber immer wieder eines der Kinder zum Vorschein kam, das in einen Apfel oder eine Birne biß, da schaute Mathis vom Scheunentor herüber und rieb sich vergnügt die Hände.

»Jetzt geht's anders zu als im letzten Jahr«, sagte er lächelnd; »da ist kein verfaultes Pfläumchen, kein verlassenes Birnchen im ganzen Garten zu finden.«

Jeden Abend, wenn die letzten Lieder aus den Fenstern des Direktorhauses erschallten, waren es Lob- und Danklieder, die wie lautes Jauchzen zum Himmel aufstiegen. Mehr als einmal, wenn der Direktor seinem Töchterchen den Nachtkuß gab, sagte er lächelnd: »Nicht wahr, Kornelli, mit uns hat der liebe Gott es gut gemeint, daß es unserer alten Marthe einfallen mußte, einen so einladenden Zeitungsartikel zu schreiben.«

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