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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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7

Es war um diese zwölfteTagesstunde, in der Augustglut, ein unruhiges Weben und Wirren vor den Fabriken von Sandbeuren. Kein eiliges Zur-Mittagsrast -Heimradeln und -Heimlaufen wie sonst. So wie an heißen Sommertagen die Bienen stoßen, so blieben dunkle Menschenkumpen vor jedem Fabriktor hängen, schwärmten schwarze Punkte umher, bildeten sich zu neuen Knäueln, aus deren Mitte die weißen Papierfetzen von Zeitungen und Extrablättern leuchteten. Ein Pfälzer Geschrei aller in alle, ein Gelächter, ein Stimmengeschwirr, das aus der Ferne wie das dumpfe, tausendfache Summen des aufgeregten Immenschwarms vor dem Abflug klang,

»'s geht los, ihr Leut! 's geht los!«

»Als norr abwarte! ... Das muß alles uff emol gehe wie's Dunnerwetter ...«

»Awwer unne am Rhein hawwe se schon ...«

»Ach, halt's Maul! Nur nix tun, bis aus Mannheim telegraphiert wird ...«

Der Ochsenmetzger Schickedanz rasselte rund und rosig auf seinem Wägelchen vorbei. Hinten lagen auf Stroh die Kälber. Er deutete mit dem Peitschenstiel nach der Rheinebene hinaus.

»Ha ... geht doch nach Mann'em retour, ihr Krischer! Wir halte euch net!«

Und der Altbürgermeister Kaltschmidt XIV., der in blütenweißen Hemdärmeln, die Hacke auf der Schulter, neben seinem kuhbespannten Leiterwagen ging, ergänzte: »Hundertfufzig Prozent Gemeindeumlag hawwe wir wege euch hergeloffene Fawrikler! Steuern zahle tun sie net! Awwer zum Streike – da hawwe se alleweil 's Geld!«

»Zweidreiviertel Millionen Mark!« schrie irgendwo eine Stimme. Die Summe wirkte unheimlich . .. unwahrscheinlich ... berauschend ...

»Hoscht du's g'zählt, du Schote?«

»Der Zittelius hot's g'sagt. Was der Zittelius sagt ...«

»Der Zittelius ist doch in Berlin im Reichstag!«

»Sowie der Zittelius von Berlin telephoniert, geht's los!«

»Wege mir!« Der Rindsmetzger trieb seinen Schimmel an. »Aber sagt nur euren Frauen: geborgt wird bei mir von heut ab nix mehr! Kei Pfund Hackfleisch! Ich kann euch net mäste, wann ihr nix schaffe wollt! Der Bäcker aach net!«

»Ach! Die komme alleweil durch! Wir Landwirt sind die Gestrafte!«

»Wir kriege Geld aus England!« schrie es hinter dem alten Kaltschmidt her.

»Aus Belgien!«

»Von üwwerall!«

Es war eine trunkene Stimmung vor dem Portal der Römerschen Fabrik elektrotechnischer Bedarfsartikel. Vor der Gelatinefabrik drüben standen Dutzende von aufgeregt plappernden Mädchen. Zwischen dem schwarzen Qualm der Dampfziegelei und den weißen Schwaden des Zementwerks war ein Ameisengekribbel hin und her. Von den blauen Pfützen der Ultramarinfabrik bis zur Papiermühle oben im Tal. Nur manche der Frauen, die ihren Männern das Essen gebracht hatten, schauten ängstlich und bekümmert darein.

»Guck emol, Robert, wo wir doch als noch an unsere Wohnungseinrichtung abzahle müsse! Am nächsten Ersten kummt der junge Mann vom Löwenberg in Mannheim wieder ...«

»Bawwel net, Elis!« sagte der Schlossergeselle Robert Kienast. »Wir hawwe Geld auf der Sparkass!«

»Aber der Vater meint auch ...«

»Dei Vatter is Ratschreiber!« schrie eine Mädchenstimme hinter ihr.

»Der hält's mit de Fabrikante!«

»Sie, Herr Kienast! ... Herr Kienast!« Der Pförtner stand vor dem Fabriktor. »Sie möchte doch so gut sein und mal zum Herrn Römer hereinkomme!«

»Ich?«

In seinem Privatkontor saß, bleich und sorgenvoll, tiefe Furchen von den Augen bis zu den Mundwinkeln herunter, Matthias Römer am Schreibtisch und nickte dem Schlossergesellen zu.

»Guten Tag, Kienast! Setzen Sie sich nur hin ... ungeniert! ... So ... Wie geht's denn daheim? Die Frau gesund? Der Peterle munter?«

»Dank schön! Da fehlt nix!«

»Nun sagen Sie mal, die Leute sind ja rein rappelig geworden! Überall im Land! In Mannheim sollen gestern abend zehn Volksversammlungen stattgefunden haben ...«

»Zweiundzwanzig.«

»Und so geht das den ganzen Rhein hinunter.«

»Ja. So spricht man, Herr Römer!«

»Und wenn es nun wirklich zu diesem Riesenstreik kommt ... Kienast, Sie sind doch einer meiner ältesten Leute: wie ist denn die Stimmung hier in der Fabrik?«

»Ha ... die mache halt mit!«

»Alle?«

»Ha, freilich!«

»Sie auch?«

»Ha ... ich muß doch!«

»So? Sie müssen?«

»Ja, wann's doch befohle wird!«

Matthias Römer sprang von seinem Stuhl auf und fuhr sich nervös mit den Händen durch das ergraute Haar.

»Wer befiehlt euch denn, zum Kuckuck?«

»Es kommt aus Berlin! Der Zittelius ist doch vorgestern nacht nach Berlin gefahren!«

»Und ihr tanzt hier wie die Puppen am Draht. Kienast, jedes Kind in Sandbeuren weiß, daß ich hier in der Fabrik keine Seide spinne! Seit Jahren habe ich nichts mehr verdient! Trotzdem hab ich ausgehalten wie ein Soldat auf dem Posten, bin alt und grau geworden und habe euch jeden Samstag den Lohn auf Heller und Pfennig hingelegt. Ist's wahr oder nicht?«

»Ha schon!«

»Aber wenn ihr mich jetzt mitten in den Aufträgen sitzen laßt ...«

»Da läßt sich nix dagege mache, Herr Römer!«

Es klang wie die dumpfe Stimme von Tausenden. Von Zehntausenden. Von hundertausend. Der Fabrikant stand eine Weile schweigend vor dem jungen Mann.

»Kienast ... wenn ein paar von euch ein gutes Beispiel geben wollten .. einfach sagen: › Wir arbeiten weiter!‹«

»Ich werd mich hüte, Herr Römer! Da hätt ich ja kein ruhige Stund mehr!«

»So! Und daß wir das nicht leisten können ... einfach nicht können, was da verlangt wird? Was? Es geht schon, meinen Sie? Nein! Es geht nicht, mein Lieber! Bei der augenblicklichen Geschäftslage nicht! Das muß ich besser wissen!«

»Wo doch der Dr. Winterhalter drübe noch vorige Woch öffentlich erklärt hat, m'r sollt halt zwei Prozent Dividende weniger gewwe und dafor ...«

»Jawohl! Herr Werner Winterhalter!« Der Fabrikant schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. »Der hat euch gerade gefehlt. Der bringt euch ganz aus dem Häuschen. Was meinen Sie? Wenn bloß alle so wären? Na, ich kann Ihnen nur sagen, lang geht das mit dem Herrn Winterhalter so nicht weiter! Das dürfen Sie mir glauben!«

Robert Kienast schwieg, die Mütze in der Hand, den Gleichmut des Massenwillens auf dem breiten, freundlichen Gesicht.

»Nun gehen Sie also in Gottes Namen wieder, Kienast! 's ist gut! Ich weiß jetzt Bescheid. Sagen Sie nur allen draußen: Einmal ist die Fabrik schon abgebrannt. Jetzt zündet ihr sie mir zum zweitenmal an! Bildlich gesprochen! Und diesmal wird sie nicht wieder aufgebaut wie damals, wo der Herr Winterhalter mir höchsteigenhändig die Steine dazu gekarrt hat!«

Matthias Römer starrte, allein geblieben, vor sich auf das grüne Tuch. Auf dem lagen Depeschen in Haufen. Die letzten Meldungen vom industriellen Kriegsschauplatz. Dazwischen die Nummer eines Arbeiterblatts. Der Leitartikel blau angestrichen: »Ein weißer Rabe!«

»Dr. Werner Winterhalter ist keiner der Unsern! Im Gegenteil! Er erklärt das bei jeder Gelegenheit selbst, und wir sind weit entfernt, ihn für uns in Anspruch zu nehmen. Was ihn von seinesgleichen unterscheidet, das ist sein Gefühl auch für Dinge außerhalb seiner Welt und seiner Kaste. Das Verständnis für unsere Forderungen. Wenn ein Mann wie er ein Nachgeben unserer Gegner auch jetzt noch in zwölfter Stunde für möglich hält und öffentlich empfiehlt ..«

Der Fabrikant schob seine Zeitung von sich, atmete schwer auf, verschloß seine Bücher und ging langsam hinüber in den Salon. Dort tönte in durchgeistigtem Tastenschlag, leise, geheimnisvoll der Karfreitagzauber aus »Parsifal« ... Seine Frau saß am Instrument. Seit die Töchter aus dem Haus waren, spielte sie ganze Vormittage hindurch, spielte sich über die Einsamkeit hinweg und erst recht in die Einsamkeit hinein.

Sie schaute ihn, die Hände auf der Klaviatur, mit einem geistesabwesenden Blick an, als er sie anredete.

»Ja ... nun kommen schlimme Zeiten ...«

Die Saiten rauschten. »Durch Mitleid wissend .... Der reine Tor« ... Überirdisch hell klang der Ton auf dem »rein«.

»Wenn man so denkt, Mathilde, man hat das alles hier gebaut, hat dich in dies Haus geführt, seine Kinder hier aufwachsen sehen, sie von hier aus in die Ferne gegeben, hat redlich gearbeitet ... Daß die Elektromobile versagt haben, ist doch nicht meine Schuld ...«

Unter ihm wogte es in den Tasten ... die letzten Rätsel ... »Zum Raum wird hier die Zeit« ... Glitzernd wie eine silberne Vision aus Meeresgrund wölbte sich das Gralsmotiv ... Matthias Römer fuhr sich mit der Hand über die sorgengefurchte Stirn und wandte sich ab. Seine Frau merkte im Meer der Töne kaum, daß er das Zimmer verließ.

Auf dem Weg zum Bahnhof kam er überall durch kleine Gruppen von aufgeregt herumstehenden Arbeitern. Es war ihm, als brodelten unruhig Blasen über einem wallenden Kessel. Ein unbestimmtes Zittern war in der Luft. Im Zug ein Stimmengewirr in allen Abteilen ... das rasende Steigen der Kohlenpreise in den letzten Tagen ... »Ja, aber Krupp! Verehrtester, die preußische Regierung!« ... Er sah still und war froh, als das Münster von Freiburg im Breisgau im Abendgold vor seinen Augen auftauchte. Da stieg er aus, schritt durch die engen Gassen der Altstadt, überquerte die Kaiserstraße, betrat ein Haus am Schloßberg und klopfte im zweiten Stockwerk an eine Tür.

»Eva? ... Bist du daheim?«

»Herrjesus! ... Da ist auf einmal der Papa!«

»Gelt – das wundert dich?«

Matthias Römer nahm ermüdet Platz und ließ einen lächelnden, zerstreuten Blick über das weibliche Junggesellenstilleben der Studentin gleiten ... Blumenstöcke hinter den Scheiben, ein Strauß lachsfarbener Nelken auf dem Tisch zwischen den Heften des »Vereins für Sozialpolitik«, Nähgarn und Zwirn über der »Kommunalen Arbeitslosenfürsorge«, ein Stoß Enqueteformulare: »Die Lage der Heimarbeiterinnen« als Unterlage für ein Teemaschinchen mit Tasse und angebissenem Zwieback.

»Immer fleißig, Eva?«

»Na, und ob!«

»Arbeitest du nicht zu viel?«

»Ach Gott! Ich steig doch nächste Woche ins Examen!«

»Du siehst eigentlich ein bißchen elend aus!«

»Mir geht's großartig! ... Mach mich jetzt bloß nicht vor dem Examen nervös! Das könnt ich grade noch brauchen!«

»Hast du nicht irgendeinen Kummer?«

»Ich?« sagte Eva Römer langsam und ganz erstaunt mit ihrer tiefen Stimme. Es klang fast verächtlich. Ihr Vater betrachtete schweigend die zarte, fast überschlank gewordene Gestalt, das hübsche, blasse, jugendliche Gesicht mit den kummervollen blauen Augen, über dem sich wie früher das Blondhaar in zwei eigenwilligen Schnecken an den Ohren wellte.

»Aus dir kriegt man ja doch nichts heraus! Das kenn ich! Eva, wenn du nun die Prüfung bestanden hast, hast du dann wirklich eine Stellung in Aussicht?«

»Drei zur Auswahl, Papa!«

»Wo du auch etwas verdienst?«

»Aber gehörig! Das ist doch der Zweck der Übung! Ich bin doch so ein Hans Huckebein. Ich hab ewig die Idee: lange geht's in Sandbeuren nicht mehr!«

»Nein, Eva! Jetzt geht's zu Ende!«

»Ach, du liebe Zeit! Also wirklich?«

»Der Streik gibt mir den Rest! Ich muß liquidieren! Mit allem Anstand! Es bleibt mir hoffentlich noch eine kleine Rente, so daß Mama und ich irgendwo in einer kleinen Villa an der Bergstraße wohnen können, bis uns der liebe Gott abruft. Die Hauptsache ist, daß ihr versorgt seid.«

»Na ... um mich laß dir keine grauen Haare wachsen! Ich arbeit für euch mit, Papa! Ich schlepp uns zur Not alle drei durch!«

Matthias Römer mußte trotz seines Grams lachen und legte ihr die Hand auf den blonden Mädchenscheitel. Sie lachte mit und schaute zu ihm auf.

»So! Nun weißt du's! Du bist ja ein tapferer kleiner Kerl, Eva! Es ist auch nicht so schlimm! Gott verzeih mir's, aber ich bin eigentlich beinah froh, daß es endlich so weit ist. Ich bin müde. Todmüde. Ich will nur noch Ruhe!«

»Und dabei schaust du schon wieder auf die Uhr, Papa?«

»Herrgott, ja! Beinah sieben! Im ›Geist‹ erwarten mich schon die Herren! Ich muß meine Schwarzwälder Aufträge rückgängig machen ... Adieu, Kind ... Immer den Kopf hoch! Adieu!«

Matthias Römer küßte seine Tochter mit feuchten Augen, griff nach Hut und Stock. Sie sah vom Fenster, wie er unten die Straße hinging, den Graukopf gesenkt, in Gedanken die Begegnenden anstoßend, mehr einem unpraktischen Gelehrten ähnlich, der er eigentlich sein ganges Leben hindurch gewesen, als einem Mann der Geschäfte. Nun war er weg. Abendrot über den Dächern der Stadt. Als altersgraue Schattenklötze über ihnen die Umrisse von Schwadentor und Martinstor, drüben, jenseit der Rheinebene, über dem dunstigen Blau der Vogesen schweres violettes Gewölk, von Blutstreifen durchzogen ... ein schwüler Windstoß durch die geblähten Gardinen. ... Eva Römer fuhr aus ihrer starren Versunkenheit empor, setzte sich jäh an den Tisch, griff zur Feder, schrieb, ohne aufzusehen:

»Lieber Werner!

Ich bitte Dich, komm zu mir nach Freiburg herüber. Sobald Du irgend kannst. Sag nicht wie gewöhnlich, die ewigen Arbeitergeschichten ließen Dich nicht weg! Es wird schon einen Tag bei Euch drüben gehen, ohne daß Du den Hecht im Karpfenteich spielst und alles auf den Kopf stellst. Hier schimpfen sie auch alle mörderisch auf Dich.

Komm jedenfalls, eh Du dann wieder von Deiner Offiziersübung mit Beschlag belegt bist. Irgend etwas hast Du ja immer. Ich weiß kaum mehr, wie Du aussiehst. Ich habe Wichtiges und Ernstes mit Dir zu besprechen, Werner. Dinge, die ich jetzt erst diesen Augenblick erfahren habe, und die mein Leben mehr noch innerlich, vor mir selbst, als nach außen beeinflussen. Bitte, laß mich nicht lange warten. Du findest mich in den nächsten Tagen immer daheim. Ich sitze und büffle über den Büchern. Ich muß Dich sprechen. Es drückt mich zu sehr. Komm bald!

Eva!«

»Soll ich de Brief in de Kaste stecke, Fräule?«

Das Mädchen war eingetreten, um das Zimmer für den Abend zurechtzumachen. Eva Römer stand auf und fuhr in ihr Jäckchen. Ihre Hände zitterten, während sie die Nadel durch Hut und Haar stieß.

»Nein, danke, Sannchen! Der Brief pressiert! Den trag ich selber zum Zug an den Bahnhof!«

Sie kam vor der Station kaum durch. Auf dem weiten Platz drückte sich die Menge Kopf an Kopf. Eine endlose Waggonreihe hielt draußen auf einem Gleis. Zwei Lokomotiven davor. Die Fenster der Abteile waren rot von Uniformkragen und glitzerten von Pickelhaubenspitzen, Pferdeköpfe glotzten stumpfsinnig aus den Rolltüren der strohgepolsterten Lastwagen, eine Gruppe von Offizieren in hohen Stiefeln, feldmarschmäßig, stand einsam auf dem abgesperrten, völlig menschenleeren Bahnsteig. Es schwirrte von Stimmen um die Studentin.

»Die viele Soldate beisamme!«

»Da fährt's Militär ins Streikgebiet!«

»Is es denn schon losgegange?«

»Es weiß keiner was!«

»Und e Hitz hot's dabei!«

Auch in der Dunkelheit wich die Glut nicht aus der stauberfüllten Luft. Die ganze Nacht wetterleuchtete es über den Vogesen, liefen die huschenden, weißen Lichtwände hinüber bis zur Hardt und Donnersberg. Vom Taunus her antwortete es. Von Hochwald und Hunsrück und Eifel, über halb Südwestdeutschland züngelten die Blitzschlangen in den Lüften und rollte dumpfer Donner. Und doch stand am andern Morgen die Sonne heiß wie all die Tage bisher an dem blauen Himmel, und die Herren des Aufsichtsrats, die allmählich, einer nach dem andern, die Stufen zu dem Konferenzsaal im Verwaltungsgebäude der Aktiengesellschaft vormals L. Winterhalter hinaufstiegen, trugen die Strohhüte in der Hand und wischten sich, trotz der frühen Stunde, die Stirn.

Ein mächtiger, eichengetäfelter Raum. Ein langer Tisch mit zwei Stuhlreihen in der Mitte, über ihm ein paar Glatzen, auf ihm weißes Papier, rote Löschblätter, schwarze Mappen. Die Tritte unhörbar in dem dicken Teppich. Das blaue Aroma von sechs, acht Frühstückszigarren in dem kühlen Raum ... ein Murmeln ... Immer wieder Türengehen.

»Morgen!«

»Morjen!«

»Nette Schweinerei ...«

»Was Neues?«

Frühzeitungen raschelten. Blaue Wolffsche Depeschen. Telegramme. Ein schwaches Summen und Brummen durch die Stille, ganz anders als sonst der stürmische Lebensatem und hämmernde Herzschlag der Fabrik da draußen vor den Fenstern. Die Höfe leer. Da ging einmal ein Arbeiter. Da wieder einer. Statt der Hunderte sonst ...

»Wieviel Arbeitswillige noch?«

»E Schtücker fuffzig, Herr Kommerzienrat! Aber wieviel von dene am Nachmittag wiederkumme ...«

Leopold Winterhalter zuckte grimmig die breiten Schultern und knackte einen Bleistift zwischen seinen Fingern in zwei Stücke. Seine südlich dunklen, hitzigen Augen suchten feindselig etwas draußen auf der Straße: ein paar junge, sonntäglich gekleidete Männer, die müßig da und dort an Bäumen und Bauplanken lehnten.

»Sind denn die verfluchten Streikpostensteher immer noch da?«

»Der Wachtmeister von der Gendarmerie sagt, so lang als die Leut ruhig dastehn, könnt er nix machen! Das wär halt nit verbotte!«

Der Kommerzienrat Winterhalter wandte sich ab und stampfte mit dem Fuß. Vom Tisch her meinte der Syndikus, der junge Kühn: »Wir werden ohnedies den Betrieb einstellen müssen bis zum Abend.«

Und Karl Schweikardt, der fünfunddreißigjährige Rentner, ergänzte, sich eine neue Havanna anzündend, mit seiner lässigen, durch zu viel Fettansatz weichlich klingenden Stimme: »Vor allem haben wir nur noch zwei Mann im Elektrizitätswerk. Na, Herr Stadtrat?«

Jakob Kobus schlürfte herein. Die Beine trugen den steinalten Herrn nur noch mühsam. Er meldete weinerlich: »Alleweil hot mir mein Schwager, der Oberbürgermeister, vom Ruhrgebiet her telefoniert. Dort unte schaut's schon wüst aus. Nachts keine Hochöfen mehr zu sehen. Die Zechen still. Die Leut gehe spaziere, als ob von jetzt ab ewig Sonntag wär. Es kommt den Rhein herauf, wie e Lauffeuer.«

»Einmal mußte die Kraftprobe kommen«, sagte der kleine, dicke Doctor juris Bätzle, der bisher Aktenstücke studiert hatte, in seiner scharfen Art und rückte sich, wie um den Feind besser zu sehen, den Zwicker vor den klugen, runden Augen zurecht.

»Nun wird die Sache aber durchgebissen! Lieber Gott – in England ...«

»Aber die Kurse!«

»Unbesorgt! Wir halten die Kurse, Herr Stadtrat.«

»Und wenn nicht?« ...

»Dann bleib drauf sitzen«, herrschte Leopold Winterhalter ungestüm seinen Schwiegervater an. »Du hast es doch zum Kuckuck nicht nötig zu verkaufen.«

Der alte Herr schwieg verschüchtert und setzte sich.

»Du tust, als ob man schon rein tappig war«, sagte er resigniert.

Aus der Ecke rief Doktor Bätzle: »Meine Herren! Die Hauptsache ist jetzt der Wille zur Macht!«

Wie eine Verkörperung dieses Willens stand in der Tür ein hoher, hagerer, sorgfältig gekleideter Herr mit leicht angegrautem, feinem, kleinem Kopf und kalten, durchdringenden, blauen Augen. Die meisten erhoben sich beim Eintritt des Geheimen Kommerzienrats Kühn, des reichsten Mannes der Stadt. Er schüttelte allseitig die Hände, ohne daß das rosig getönte Antlitz seine strenge Ruhe verlor.

»Meine Herren – ich weiß nicht, ob ich hier als schlichter Aktionär einmal hereinschauen darf.«

»Hohe Ehre, Herr Geheimrat!«

Sein Sohn Moritz, der Syndikus, schob ihm einen Stuhl hin. Der Millionär setzte sich und fuhr fort: »Ich habe nämlich immer gefunden, daß die Herren mehr Rückgrat haben, wenn ich dabei bin.«

»Bravo!«

»Meine Herren! Sie wissen, daß ich im allgemeinen nicht gerade zu den Leuten gehöre, die sich fürchten. Ich fürchte mich auch nicht, die Wahrheit zu sagen, wenn es sein muß. Auch Ihnen, meine Herren,«

»Bitte, bitte!«

»Ob ich dabei Anwesende in ihren väterlichen und großväterlichen Gefühlen kränken muß, tut nichts zur Sache. Meine Herren! Kurz und gut: ich sehe das jetzt nicht länger mehr so mit an! Die Zeit ist zu ernst dazu. Ich trete hiermit in meiner Eigenschaft als Großaktionär auf das entschiedenste und feierlichste gegen Herrn Direktor Werner Winterhalter auf. Ich lege nachdrücklich Verwahrung dagegen ein, wie er die Interessen der Gesellschaft vertritt. Oder vielmehr das Gegenteil vertritt.«

»Hört! Hört!«

»Sehr richtig!«

»Meine Herren! Haben Sie von seiner letzten öffentlichen Erklärung Kenntnis genommen? Die eigentlich auf eine Unterstützung der Lohnbewegung hinausläuft? Haben Sie den Leitartikel ›Ein weißer Rabe‹ im Volksblatt gelesen? Meine Herren! Ein Mann, den der Gegner lobt, gehört nicht in unsere Reihen ...«

»Na endlich!« brummte hinten Herr Schweikardt.

»... und ich erkläre hiermit: entweder ich ziehe meine Hand von dem Unternehmen zurück, zusammen mit der ganzen, mir nahestehenden Bankgruppe ...«

»Na, na – erschrecken Sie uns nicht, Herr Geheimrat!«

»... oder Herr Direktor Werner Winterhalter zieht seinerseits die Konsequenzen aus seiner mir unverständlichen Auffassung seiner Pflichten und ...«

»Da unten kommt er!«

Der Geheimrat Kühn schaute durch das Fenster.

»Und mit wem? Das Bild da unten enthebt mich aller weiteren Worte! Mit dem Haupthahn des Umsturzes hierzulande! Mit dem roten Stadtrat Mattrian!«

»Eigentlich könnten wir hier zu seinem Empfang gleich das Heckerlied anstimmen«, sprach Karl Schweikardt nachlässig.

»Da stehen sie noch immer und reden aufeinander ein!«

»Jetzt gibt er ihm weiß Gott zum Abschied noch die Hand!«

»Ein Wunder, daß er ihn nicht gleich mit hier hinaufbringt! Hören Sie mal, teuerster Winterhalter: haben Sie mit dem Mattrian schon Brüderschaft getrunken? Sie werden ja nachgerade gemeingefährlich!«

Werner Winterhalter ging, durch die Tür tretend, an dem dicken jungen Mann vorbei.

»Ihre Junggesellendiners in Ehren, Herr Schweikardt«, sagte er, ihn kaum anschauend. »Von Trüffeln in der Serviette verstehen Sie was! Aber hier handelt es sich um das tägliche Brot!«

»Vielleicht nehmen Sie mich ernst, Herr Winterhalter.«

»Bitte, Herr Geheimrat ...«

»Halten Sie es wirklich für zweckmäßig, da unten coram publico mit dem Feind zu verhandeln?«

»Warum nicht? Wenn der Feind, wie Sie ihn nennen, mit sich reden läßt ... Herr Mattrian springt einem ja nicht gleich an die Gurgel.«

»Aber ein Roter ist er!« sagte Jakob Kobus weinerlich.

»Ein Stadtrat wie du, Großpapa!«

»Ein ehemaliger Zigarrenwickler ...«

»Ein Selfmademan wie du, Papa!«

Eine ungeduldige Handbewegung des Geheimrats Kühn. Ein sofortiges Schweigen der andern.

»Herr Winterhalter, ich beobachte Ihre Tätigkeit hier nun seit fünf Vierteljahren ... Wie Sie Ihr Geld und Ihre Zeit privatim verwenden, darüber steht uns hier kein Urteil zu ...«

»Bitte! Ich trete für alles ein, was ich tu! In und außer Dienst!«

»Wenn Sie regelmäßig Vorträge in Arbeiterbildungsvereinen halten, bedeutende Summen für Volksbibliotheken hergeben, Ihre sozialpolitischen Anschauungen wahllos in Zeitungen veröffentlichen, gleichviel ob Sie damit unsern Gegnern Wasser auf die Mühle liefern ... Nein ... bitte ... lassen Sie mich ausreden! ... Versetzen Sie sich einmal im Geist in unsere Lage. Da hört man: Herr Doktor Winterhalter, ein Direktor unseres Unternehmens, sitzt alle Augenblicke des Abends in der »Herberge zur Heimat« mit wandernden Handwerksburschen an einem Tisch zusammen ...«

»... Glauben Sie, die Kerle, die durch halb Deutschland marschiert sind, hätten einem nichts zu erzählen? Da hör ich interessantere Dinge als am Stammtisch in der ›Wolfsschlucht‹.«

»... oder ein Mann Ihrer Stellung steht am Sonntag nachmittag auf dem Fußballplatz unter jugendlichen Fabrikarbeitern?«

»Die Bengel sollen sich nur tummeln! Ich hab ihnen den Platz selbst gepachtet, weil ich aus meiner eigenen Erfahrung als Erdarbeiter weiß, wie stumpfsinnig so ein Sonntagnachmittag ohne Geld ist.«

»Oder zum Beispiel neulich – ich war ganz entsetzt«, mischte sich Karl Schweikardt ein. »Ich geh hier über den Hof. Wer steht in der Kantine mitten zwischen den Schlossern und Tischlern, hat ein Butterbrot in der Hand und beißt hinein? – Sie! – Jawoll, Sie!«

»Und denken Sie sich, ich lebe noch.«

»Aber die Achtung geht zum Kuckuck, die ...«

»Wissen Sie was, Herr Schweikardt, wir wollen uns einmal vor die Leute hinstellen und sie fragen, vor wem sie mehr Achtung haben: vor Ihnen oder vor mir? Auf die Antwort bin ich gespannt!«

»Niemand wird mir vorwerfen, daß ich nichts für die arbeitenden Klassen übrighabe«, sagte der Geheimrat Kühn langsam. »Ich sorge nach bestem Wissen und Gewissen für sie. Ich nehme die Pflichten nicht leicht, die mir vom Schicksal auferlegt sind. Ich denke, ich darf das aussprechen, meine Herren?«

»Vorbildlich sind Sie uns, Herr Geheimrat!«

»Ich dringe grundsätzlich bei allen Aktiengesellschaften, bei denen ich Einfluß habe, auf umfassende, regelmäßige Rückstellungen zugunsten der Wohltätigkeitsfonds. Ich tu damit nur meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Aber da soll mir keiner dreinreden! Nicht der Staat. Und nicht die Masse. Über die Masse gehört die zügelnde Hand. Hat immer gehört. Sie aber nehmen uns die Zügel aus der Hand, Herr Winterhalter.«

»Weil ich die Leute nicht beherrschen will, sondern überzeugen«, sagte Werner Winterhalter. Er stand mitten im Saal. Die andern im Kreis um ihn. »Das ist freilich schwerer, denn es heißt: das zurückerobern, was hier und überall seit Jahren und Jahrzehnten versäumt und preisgegeben worden ist: der Einfluß auf das Volk. Warum soll denn immer und ewig nur ein Zittelius oder Mattrian das Volk führen? Warum kann ich es denn nicht? ... Ich bild mir ein, daß ich gerade so gut dazu imstand bin ... Wozu denn diese unnötige Bescheidenheit bei uns allen, meine Herren? Wir sind doch sonst nicht so.«

»Auch 'n Standpunkt ...« murmelte hinten der Syndikus Bätzle.

»Die da drüben wissen ganz genau, daß ich ihre politischen Ziele nicht teile. Ich sag es ihnen auch jeden Tag. Und doch haben sie in ihrer Art Vertrauen zu mir. Sogar ein großes. Wie geht das zu, meine Herren? Da muß doch offenbar etwas an mir sein, das sie die Kluft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vergessen läßt. Ja, und je mehr solcher Leute mir in unseren Reihen haben, desto besser war es doch für beide Teile – für die Arbeiter und für die Fabrik auch ...«

Einige Aufsichtsräte tauschten staunende Blicke. Der Geheimrat Kühn zuckte die Achseln.

»Utopien!«

Werner Winterhalter trat, die Zigarre in der Hand, dicht vor den Gewaltigen hin: »Für Sie ist jeder ein Träumer, der immer noch hofft, in diesen Tagen ohne den Schutzmann auszukommen. Für Sie gibt es nur das Recht des Stärkeren ... Nicht ein Recht in den Dingen selbst. Wie? Die Forderungen der Leute sind unannehmbar? In ihrer jetzigen Form gewiß! Da können wir die Bude überhaupt gleich schließen. Aber warum stellen sie unerfüllbare Bedingungen? Weil niemand von uns sich ja je die Mühe gibt oder gegeben hat, mit ihnen vernünftig zu sprechen.– sich irgendwie um sie zu kümmern. Das überlassen wir ja alles den Herren Zittelius und Genossen.«

»Wir haben dem Siebenerausschuß unsere Berechnungen gezeigt.«

»Sie glauben euch die aber nicht. Mir hätten sie geglaubt. Mich hat man absichtlich von den Verhandlungen ausgeschlossen.«

Werner Winterhalter wandte sich an die Umstehenden: »Rein geschäftlich gesprochen: wir sind frei, an keine Syndikatsbeschlüsse gebunden. Wir können gar nichts Gescheiteres tun, als human zu sein und uns mit unseren Arbeitnehmern zu einigen, während ringsum alles streikt. Dann gehen wir mit Volldampf an der Konkurrenz vorbei! Gewinnen einen Vorsprung, den keiner mehr einholt.«

»Die Leute sind dazu viel zu unvernünftig.«

»Die Bedingungen, die sie stellen, sind Blech.«

»Wir fallen den andern damit in den Rücken.«

»Das ist Verrat.«

»An wem?« fragte Werner Winterhalter. »Ich betrachte einen Menschen deswegen noch lange nicht als meinen Nächsten, weil er zufällig auch daheim 'nen Kassenschrank stehen hat.«

»Hören Sie!« Der Geheimrat Kühn schnellte von seinem Sessel empor und streckte den Arm aus. »Hören Sie! Das ist die Sprache des Umsturzes.«

»Werner – besinn dich, wo du bist!« raunte der jüngere Kühn zu dem Korpsbruder. Der schob ihn achtlos zur Seite.

»Umsturz? Nein: Aufbau! Je mehr sich die Lebenshaltung unseres Arbeiters bessert, desto besser auch für uns und für alle in Deutschland. Daran arbeit ich, und dabei bleib ich.«

»Das gibt Ihnen ja jeder zu. Aber der Weg ...«

»Ruhe meine Herren ... Ruhe!«

»Wir sind hier doch nicht in einer Volksversammlung.«

»Das Volk pfeift überhaupt auf Sie, mein lieber Winterhalter.«

»Größenwahn!« sprach der Geheimrat Kühn trocken und setzte sich. Ein Diener trat mit einer Meldung heran. »Wieder ein Lebenszeichen von dem roten Generalstab drüben?«

»Ja. Die drei Herren telephonieren eben noch einmal ...«

»Der Reichstagsabgeordnete Zittelius – der ist diese Minute aus Berlin zurück –, der Stadtrat Mattrian und noch einer ... ein Maschinenbauer ... ich glaube, Ortlieb heißt er.«

»Na, und?«

»Sie möchten noch eine letzte Unterredung wegen des Streiks haben.«

Es war ein kurzes Schweigen. Dann stand Leopold Winterhalter, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, auf: »Wo warten Sie denn? Im Gewerkschaftshaus? Also in Gottes Namen, lassen wir sie kommen! Helfen wird's ja nichts! Was haben Sie denn noch?«

Der Diener zögerte.

»Die Herren lassen noch sagen, sie wollten nur mit Herrn Direktor Werner Winterhalter verhandeln. Jeden andern lehnten sie ab. Da hätt es gar keinen Zweck.«

Wieder herrschte Stille in dem Raum. Die Herren saßen, rauchten, sahen vor sich hin. Aus den Tiefen seines Klubsessels sprach Karl Schweikardt gedehnt und aufmunternd: »Na ... Genosse Winterhalter ... los ... das Volk ruft.«

»Bitte Ernst, meine Herren!«

Leopold Winterhalter war auf seinen Platz zurückgekehrt.

»Also gut! Man gehört zum alten Eisen«, sagte er und streckte die Beine. »Man erlebt schon Freud an seinen Kindern. Was, Schwiegerpapa? Da haben wir uns ein nettes Kuckucksei ins Nest gelegt.«

Der Diener kam wieder: »Die Herren möchten Antwort. Um zwei Uhr wär die Volksversammlung. Bis dahin müßten sie wissen, woran sie sind.«

Der Geheime Kommerzienrat Kühn hob entschlossen den Kopf: »Meine Herren. Ich habe ja eigentlich hier nicht mitzureden. Es ist ja auch keine formelle Sitzung. Ich spreche rein privatim den Wunsch aus, Herrn Winterhalter mit der Mission zu betrauen. Mög er sein Glück versuchen! Wir werden ja sehen, wie groß sein Einfluß ist ... Ich glaube, es erhebt sich kein Widerspruch?«

»Nein!«

»Nein!«

»Jeder blamiert sich, so gut er kann«, murmelte Schweikardt im Klubsessel.

»Na ... deswegen gibt der alte Kühn doch auch nur scheinbar nach.«

»Ach so!«

»Sie sind doch recht naiv, Schweikardt, das nicht zu merken.«

»Also Arm- und Beinbruch! Sie Mann des Volkes ...«

Werner Winterhalter machte auf der Schwelle noch einmal halt: »Ja, ich bin auch Volk«, sagte er. »Sie alle sind Volk. Das ist ja eben Blödsinn, daß wir einem Bruchteil des Volkes den Ehrennamen überlassen haben.«

»Empfangen Sie die Leute unten im Kontor?«

»Nein, ich geh lieber selbst ins Gewerkschaftshaus.«

Als er fort war, trat eine erwartungsvolle Ruhe ein. Draußen verkündeten schrille Dampfpfeifen durch die leeren Höfe und Fabriksäle die Mittagsrast. Nur ein dünnes Bächlein von Menschen rieselte statt des sonstigen tausendköpfigen schwarzen Schwalls durch das Ausgangstor, verlor sich auf der Landstraße. Einzelne Gestalten, die da draußen geharrt, lösten sich hinter Bäumen und Zäunen los, traten drohend auf die Gruppen zu. Es hoben sich Fäuste. Schimpfworte hallten bis hinauf in das Beratungszimmer.

»Da schlagen sie doch wieder einem Arbeitswilligen den Deckel vom Kopf!« rief Moritz Kühn wütend oben am Fenster. »Der Mann blutet. Herrgott! Wozu haben wir denn eigentlich ... na, endlich kommt 'n Schutzmann.«

»Das findet Herr Winterhalter wahrscheinlich auch in der Ordnung«, sprach sein Vater, der Geheimrat, ohne vom Schreibtisch aufzusehen. Er füllte eine lange Depesche aus und gab sie dem Diener. »Nach Belgien! Dringend! Mit bezahlter Rückantwort! Aber sofort expedieren und keinem Menschen zeigen.«

»Was ist denn das für ein gefährliches Dokument, Herr Geheimrat?«

»Später, Doktor Bätzle! Vorläufig hat Herr Winterhalter jun. das Wort.«

»Zeit nimmt er sich«, brummte der dicke Schweikardt und sah auf die Uhr. »Gerechter Strohsack, nun kolken sie schon zwei geschlagene Stunden. Ich hab' einen Hunger ...«

Und noch eine Stunde. Bätzle war an das Telephon gegangen. Er kehrte kopfschüttelnd zurück.

»Sollt man es für möglich halten: er kriegt sie herum.«

»Was?«

»Ich hab' ihn selbst gesprochen. Sie einigen sich. Sie sind gar nicht mehr weit voneinander.«

»So? Na ... ich hab ein Mißtrauen«, sagte nach einem langen, allseitigen Schweigen der Geheimrat Kühn. »Ich habe seit vierzig Jahren ein Mißtrauen gegen Leute, die es eilig haben. Sehen Sie nur, wie Herr Winterhalter da unten die drei Stufen am Eingang auf einmal nimmt.«

»Ach – was wollen Sie? Ein junger Mann.«

Die Tür flog auf. Werner Winterhalter stürmte herein. Das war, als bliese ein Windstoß durch offene Fenster, so füllte sich um ihn herum das Zimmer mit einem Atem von Spannkraft und Frische. Ein Ungestüm, das auch die anderen belebte. Sie sprangen auf. Gespannte Gesichter. Fragende Blicke.

»Sieg?«

»Nicht Sieg, sondern Frieden.«

»Unter welchen Bedingungen? Zeigen Sie mal erst die Abmachungen her. Dann wollen wir ... Vorlesen? ... Nee ... bitte ... lassen Sie erst mal mich ... das ist in erster Linie meine Sache ... Donnerwetter! Das haben Sie doch von der Gesellschaft erreicht?«

»Wir sind uns genau auf halbem Weg entgegengekommen.«

»Hm ...«

»Wie Sie das den drei Häuptlingen mundgerecht gemacht haben ...«

»Ich hab sie schließlich herumgekriegt ... weil sie mich kennen. Eben tagt die Versammlung. Sowie dort unser Einverständnis eintrifft, empfehlen sie der die Annahme unserer Abmachungen. Die Arbeit wird sofort wieder aufgenommen, der heutige Tag zählt voll für den Lohn,«

»In Gottes Namen!«

Die Herren lachten. Die Stimmung schlug plötzlich ins Rosige um.

»Heut nachmittag noch ist hier alles in vollem Betrieb – das hab ich ausbedungen – nicht erst morgen. Wir werden arbeiten, wenn die andern feiern, Geld verdienen, wenn die andern zusetzen, und vor allem, über das hinaus, ein Beispiel geben ... einen Beweis, daß es geht, wenn man nur wirklich will.«

»Das Kunststück muß ich erst mal sehen.«

»Sie werden es sehen. Aber lange ist nicht Zeit! Sie müssen sich entscheiden: Ja oder nein.«

»Meine Herren! Ich warne vor Nachgiebigkeit«, sagte vom Fenster her der Geheimrat Kühn. »Nachgiebigkeit ist vielleicht nicht immer Schwäche. Aber wird immer als Schwäche aufgefaßt ...«

Er stand auf und hielt sich die Ohren zu.

»Meine Herren ... ich bin nicht taub! ... Ich verstehe Sie, auch wenn Sie nicht alle zugleich auf mich einschreien! Sie betrachten das als einen großen Triumph des Herrn Winterhalter, daß wir schon vor dem Kampf die Hälfte unserer Stellung räumen. Ich bin anderer Meinung. Nun gut! Tun Sie, was Sie nicht lassen können!«

»Herr Geheimrat, wenn Sie nicht von der Vorstellung loskommen, das Wirtschaftsleben als einen stillen Bürgerkrieg zu betrachten ...«

»Sie sind noch sehr jung, Herr Doktor Winterhalter! Sechs-, siebenundzwanzig, nicht? Wenn Sie älter sind, werden Sie merken: das ganze Leben ist ein Krieg. Im übrigen: ich sehe da ja eben schon meinen Filius mit einem Ja und Amen der Herren ans Telephon stürzen. Sie haben sich entschieden. Ich bin ja auch nur einfacher Aktionär und dresch hier leeres Stroh.«

Der Geheimrat ging in das Nebenzimmer, warf seine lange, hagere Gestalt mit einem zornigen Ruck in einen Sessel und griff nach einer Zeitung. Werner Winterhalter schaute ihm lachend nach. Sieg in den dunkeln Augen. Den energischen Kopf noch von Erregung gerötet. In einem fiebernden Vollgefühl des Vollbringens. Er reckte sich in der Schulter.

»Uff! Das wäre nun also vorläufig getan«, sagte er. Und dann zu dem Diener: »Was haben Sie denn da? Briefe? Geben Sie her.«

Er öffnete nur eins der vielen Schreiben, die Adresse in steiler, großer Mädchenhandschrift mit dem Poststempel Freiburg, und las.

»Ja ... ja ...« murmelte er, etwas ungeduldig, vor sich hin, wie ein Mann, den man mitten in wichtigen Dingen stört, trat in den Vorraum und schlug da das Kursbuch nach. Moritz Kühn sah es durch sein Monokel.

»Du willst doch nicht jetzt verreisen?«

»Doch. Am Abend, sowie hier alles in Ordnung ist.«

Lange schon hatten draußen die Dampfsirenen ihre langgezogen heulenden Rufe zur Nachmittagsarbeit über die Dächer ergehen lassen. Die Fabrik lag still wie ein Kirchhof. Keine Menschenseele weit und breit. Ein weißer Kater, der sich auf einem Anschlußgleis im Hof sonnte, das einzige lebende Wesen. Die Herren standen dicht gedrängt, die Zigarren nervös im Mundwinkel, die Hände in den Hosentaschen, an den Fenstern des Beratungszimmers und schauten gespannt hinunter nach dem Eingangsgitter. Dort schimmerte nur die rote Mütze des Pförtners hinter der Glasscheibe. Sonst nichts. Jetzt endlich Schritte ... Nein, nur ein Schutzmann, der um die Ecke bog, sah, daß es hier für ihn nichts zu tun gab, und bedächtig wieder kehrtmachte. Auch die Streikpostensteher waren verschwunden. Die Straßen völlig leer.

»Na – wann beginnt denn nun die Völkerwanderung zur Arbeit?« brummte der dicke Schweikardt.

Und wieder, nach einer Viertelstunde vergeblichen Wartens, schon ein wenig schadenfroh: »Vorläufig seh ich viele, die nicht da sind.«

Werner Winterhalter fühlte sonderbare Blicke auf sich gerichtet. Eine leichte Unruhe befiel auch ihn. Er zog die Uhr.

»Die Leute können doch nicht hexen«, sagte er ärgerlich. »Um zwei war die Versammlung.«

»Und jetzt ist's vier!«

»Und jetzt halb fünf!« brach Moritz Kühn nach langer Pause das Schweigen. »Werner – Werner – was hast du uns da eingebrockt?«

Karl Schweikardt wies auf ein greises Mütterchen, das unten den Portier nach dem Weg fragte.

»Vorläufig hält sich der Andrang in bescheidenen Grenzen. Mit der alten Dame allein können wir den Betrieb doch nicht eröffnen.«

»Lassen Sie doch endlich einmal Ihre faulen Witze!«

»Na, ob der Witz, den Sie sich mit uns machen, besser ist ...«

Moritz Kühn war an das Telephon gegangen und hatte das Gewerkschaftshaus angerufen.

»Keine vernünftige Verbindung zu bekommen«, sagte er zurückkehrend. »Man hört nur einen unbestimmten Mordslärm durcheinander.«

Im Nebenzimmer hob der Geheimrat Kühn bei diesen Worten den gebieterischen, rosigen, graublonden Kopf, lächelte halb einen Augenblick und las dann weiter. Leopold Winterhalter sah seinen Sohn lange an, fuhr dann plötzlich auf und schlug mit der Faust auf den Tisch: »Jetzt stecken wir in der Sackgasse! Wir haben uns festgelegt, und die drüben spielen die großen Herren. Wie ist denn das mit deinen roten Duzbrüdern – he?«

»Nur noch eine Stunde bis Feierabend«, sagte Doktor Bätzle. »Es würde sich nicht mehr lohnen, anzufangen.«

»Aber wenn sie heut nicht kommen, kommen sie überhaupt nicht mehr. Da wird die Nacht hindurch mit Hochdruck gegen uns gearbeitet.«

»Und wir sind die lackierten Mitteleuropäer«, sprach Karl Schweikardt. »Herrschaften – wir antichambrieren ja hier sozusagen in unseren eigenen Gemächern.«

»Weil Herr Winterhalter keinen Sinn dafür hat, wer hier Herr im Haus ist. Herr Winterhalter – Sie haben uns versprochen, die Leute zur Arbeit zurückzuführen. Bitte, tun Sie's.«

Werner Winterhalter hatte nach seinem Strohhut gegriffen.

»Ich hole Nachricht!« sagte er finster und trat hinaus auf die Straße. Seine Schritte hallten wie sonst zur Nachtzeit auf dem leeren Pflaster. Still, ohne ihren schwarz qualmenden Atem, standen nah und fern die Schlote vor dem blauen Abendhimmel. Da einmal ein Gendarm, fern ein Straßenbahnwagen, ein paar gleichgültige Leute. ... Das, was kommen sollte, der schwere Tritt der Arbeitswilligen, die heranwandelnden dunklen Massen, das blieb ein Trugbild sinkender Hoffnung. Gruppen freilich – immer mehr stehende, händefuchtelnde, in Flugblättern lesende Gruppen, je mehr man sich dem Platz vor dem Gewerkschaftshaus näherte. Lauter unbekannte Gesichter. Feiernde aus andern Fabriken. Und noch einmal in Werner Winterhalter die stürmende Kampflust: »Ich hol mir meine Leute! Mitten durch euch hindurch – euch allen zum Trotz!«

Die Kontrolleure am Eingang des Hauses erkannten ihn, grüßten, ließen ihn durch. Er fragte hastig: »Wo ist denn der Herr Zittelius? Und die andern?«

»O mei! 's kommt ja keiner mehr zu Wort. Horche Sie nur, wie sie kreische. Der Berliner macht die Leut ja rein toll!«

Der Berliner ... Werner Winterhalter konnte sich kaum erinnern, den stämmigen kleinen Mann mit dem schwarzen Schnurrbärtchen und den stechenden schwarzen Augen je in der Fabrik gesehen zu haben. Jetzt stand er da oben auf der Rednerbühne ... oder hatte sich ihrer bemächtigt ... seine Freunde als Leibwache um ihn her, zwischen dem umgestürzten Vorstandstisch, den umgeworfenen Stühlen, den am Boden zerstreuten Papieren. Er warf die Arme in die Luft, beugte sich vor, schrie, was er konnte, in den tosenden Strudel von Köpfen, Zigarrenrauch, geschwungenen Fäusten da unten. Seine Anhänger im Saal waren auf Stühle geklettert, schrien mit, wiederholten seine Worte. Seine Stimme übergellte sie alle ... Von dem andern Ausgang des Saals her arbeiteten sich Schutzmannshelme durch die Flut.

Die Versammlung schien polizeilich aufgelöst, gärte und kochte doch in sich weiter ... »Proletarier ... « Die Kehle des Berliners schnitt wie ein Messer durch die Massen ... »Proletarier ...«

»Um Gottes wille ... gehe Sie net so nah bei!« Der Kontrolleur faßte Werner Winterhalter ängstlich am Arm. Der machte sich frei. Ganz erstaunt. »Mir tun die Leute doch nichts!« sagte er und trat vor. Es war ihm, als stände er am Strand des Meers. Ein einzelner Mensch vor etwas Uferlosem, Unbestimmtem, Brausendem, in blinder Naturkraft Wogendem. Die weißen Flecken von Hunderten von erhobenen Händen im blauen Tabaknebel, von erregten, von laut lachenden, von verbissenen, verzerrten Gesichtern. Ein Dutzend der schnurrbärtigen Männertöpfe wandten sich ihm zu. Er fing an zu sprechen. Umsonst. Der Volksredner da oben war anders geschult. Er selbst vernahm kaum seine eigene Stimme. Dann, durch den Lärm in sein Ohr hineinbrüllend, die des blonden, stattlichen Maschinenbauers Ortlieb, der plötzlich neben ihm auftauchte: »So halte Sie doch um Gottes wille die Gosch! Es hilft ja nix!«

Jetzt hatte ihn auch der Berliner gesehen, wies mit der Hand auf ihn.

»Da schaut, Genossen! Da kriechen die Brüder drüben schon zu Kreuz! Da schicken sie und möchten um Frieden betteln. Nee! Jetzt gibt's Senge!«

»Herrgott ... mich kennt ihr doch!«

»Ach ... was liegt denn an Ihne?«

»Ich mein's doch wahrhaftig gut mit euch!«

»Mische Sie sich doch net als ewig hinein.«

»Sie sind grad so e Bourgeois!«

»'ne weiße Salbe sind Sie!« schrie oben der Berliner. »Mit Ihnen halten wir uns nicht lang auf. Sie sind ungefährlich. Gegen den Kühn geht's. Der ist der Feind!«

»Gegen den Kühn!«

»Wedder den Kühn ... den alten Hund!«

»Proletarier ...«

»Im Namen des Gesetzes!«

Eine ganze Polizeikette bewegte sich jetzt durch den Saal, schob die widerwilligen Massen vor sich her, zwängte sie durch die aufgerissenen Nottüren, fegte sie in einem Schwall die paar Stufen hinunter und hinaus auf den Platz.

Da löste sich das auf. Wurde zum Gewimmel. Zum Stehenbleiben. Zum erregten Ineinanderreden. Werner Winterhalter mitten darin. Um ihn herum das Stimmengewirr. Das »Weitergehen!« der Schutzleute, die Mahnungen der Ordner »Norr als ruhig, ihr Leut, norr ruhig!« Ein lachendes: »No, da seid ihr ja, ihr Rindviecher!« von jungen Arbeitern aus den Stahlwerken drüben, die alle schon seit gestern in offenem Ausstand ohne Ausgleich und Verhandlungen waren, ein triumphierendes: »Do kumme se!« ...

»Dees hat awwer lang gedauert, bis die Simpel sich besonne hawwe!« ... »Jo ... ihr wart scho die Dümmschte!« schrie der riesenhafte alte Maurer Hildebrand, der mit seinem Wotansbart und Schlapphut weithin die Menge überragte, und dann, mit einer ungeduldigen Handbewegung gegen Werner Winterhalter, der ihn anreden wollte: »O mei! Lasse Sie sich doch heimgeige!«

Auch die andern Leute, die ihn erkannten, grüßten nicht. Es war nichts Feindseliges in ihren Blicken. Eher ein Erstaunen, eine Abwehr. Was machst du denn noch hier? Zwischen den Heeren, die zum Kampf aufmarschieren? Niemand braucht die Schlachtenbummler ...

Auf einmal fühlte er das selbst. Sah vor sich die zahllosen Dächer der Fabrikvorstadt, die Schornsteinwälder darüber, sah das Häuflein von einigen hundert, von tausend Menschen, das er hatte halten wollen, hinweggerissen werden wie ein paar Tropfen in das Meer – das Meer, das jetzt von Holland bis zum Schwarzwald überall im Sturm donnerte und wogte, wo Fabriken standen. Was wollte er dagegen, der Einzelne, der Einsame? Um ihn drängte es sich. Er bekam unbeabsichtigte Rippenstöße. Jemand trat ihm auf den Fuß. Ein heißer Brodem von Menschen, Tabak, Schweiß schlug über ihm zusammen. Und doch war ihm, als stände er ganz allein auf dem weiten Platz. Plötzlich allem fremd, nun, wo der Ernst da war. Die Bande, die friedliche Arbeitstage geknüpft hatten, zerrissen gleich Spinnweben ...

Ganz gleichgültig, ganz unbeträchtlich, ob man hier stand oder nicht. Es kümmerte sich auch niemand weiter um ihn. Überall liefen die Fragen des Tages, der Stunde, jeder Einzelheit der Mobilmachung sachverständig von Mund zu Mund: »In der ersten Woch gibt's kei Streikgeld! Do hoscht noch dei Lohn!« ... »Die ledige Leut reise halt ab! So e Borsch findet sich immer durch!« ... »Jo ... wenn dei Fraa wasche geht.« ... »Zwei Mark im Tag! Abah ... zwei Mark fuffzig Penning.« ... »Ha ... wann m'r kei Bier trinkt ...«

Ein winziger, fünfzehnjähriger Fabrikknirps stand da, breitbeinig, die Hände auf dem Rücken, schaute altklug, im Vollgefühl des Lohnkampfs, zu den Männern hinauf. Werner Winterhalter sah das stumpfnasige, bewußte Gesicht mit dem breiten, andächtig offenen Mund. Dachte sich: Ja, du hast deine Welt! Stehst fest auf ihr, mit deinen dicksohligen, geflickten Schaftstiefeln, packst sie derb an mit deinen kleinen frostroten Fäusten, weißt nichts anderes ... Der Maschinenbauer Ortlieb, Robert Kienasts Schwager, schob den Jungen beiseite.

»Sind Sie als noch hier, Herr Doktor?«

»Zum Donnerwetter! Ich werd doch noch hier die Geschichte anschauen dürfen!«

»Es ist mir ja auch nit wege Ihne! Aber es soll nix bassiere! Net die kleinste Unordnung ...«

»Mir tut keiner was!«

»Ungebildete Leut hot's überall! Gucke Sie nur den Berliner an, wie er dahinte wieder dischkoriert und auf Sie zeigt. ... Was wolle Sie denn noch hier? Gehe Sie doch heim zu Ihre Leut!«

›Zu Ihre Leut.‹ ... Es klang in Werner Winterhalter nach, während er langsam, von niemand behelligt, dem Platz den Rücken wandte, die leeren Straßen hinabschritt. Dort drüben erwartete einen neuer Kampf. Man kam wieder in Feindeslager, wie man es hier verlassen. Stand zwischen zwei Mächten. Blinden Mächten. Und eben deswegen stärker als der, der zu weit sah, zu tief dachte, zu viel wollte. Erkenntnis macht schwach. Wehe dem Menschen der Mitte! ...

Im Verwaltungsgebäude wußten sie schon alles. Der dicke Schweikardt sagte, als er eintrat, die Zigarre zwischen den Zähnen: »Da kommt er glücklich ... wie der Napoleon aus Rußland!«

Und Moritz Kühn ergänzte: »Nun ist die Gesellschaft drüben natürlich doppelt üppig, wo wir unnütz nachgegeben haben. ...«

»Ein schwerer taktischer Fehler!« bestätigte über seinen Papieren der Doktor Bätzle.

Leopold Winterhalter saß mit finsterem Gesicht, die geballte Faust auf der Tischplatte.

»Jetzt tut's mir leid, daß du nicht für immer deinen Willen durchgesetzt hast und nie die Nase in die Fabrik gesteckt hast. Du bringst uns keinen Segen!«

»Wahrhaftig nicht!« sprach der alte Kobus weinerlich. »Jetzt kriegen wir's von beiden Seiten!«

Werner Winterhalter zuckte die Achseln.

»Wir haben wenigstens alles versucht. Daß die Bewegung über ihre eigenen Führer weggeht ... Nun muß man abwarten, bis die Leute wieder zur Vernunft kommen. ...«

»Es wird nichts abgewartet! Sondern gehandelt! Der Betrieb geht weiter!«

Das hagere Haupt des Geheimrats Kühn war nur noch Wille. Er gab dem Diener ein Bündel Depeschen, der damit verschwand.

»Geht weiter ...?«

»Ich hab mehr Erfahrung in so Sachen als Sie, Herr Doktor Winterhalter! Ich bin grau geworden in Lohnkämpfen! Ich weiß, daß wir jeden Zoll Boden verteidigen müssen, sonst erreichen die Leute zu viel und eben dadurch zu wenig ... Legt man uns zu drückende Bedingungen auf, so arbeiten wir hinterher ohne Nutzen und müssen wieder Leute entlassen und gelten für hartherzig, weil wir vorher zu nachgiebig waren. Deshalb kämpfen wir eigentlich für die Arbeiter, wenn wir gegen sie kämpfen, wenn sie es auch nicht einsehen! Und müssen gerade jetzt, nach dieser Schwächeanwandlung, rücksichtslos kämpfen. Ich habe Ihre Seitensprünge nicht hindern können, aber inzwischen alles vorbereitet! Und jetzt Vollmacht von den Herren! Morgen wird hier gearbeitet, wenigstens das Allernötigste!«

»Mit wem?«

»Mit Arbeitswilligen aus Belgien!«

»Mit Streikbrechern!«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen!«

»Um Gotteswillen ...«

»Sehen Sie, meine Herren, da haben wir die bekannte Angst vor der ganzen Maßregel!« Der Geheimrat stand mit einer wegwerfenden Handbewegung auf: »Sie wissen: ich war seinerzeit grundsätzlich gegen die Berufung des Herrn Doktor Winterhalter. Ich bin immer gegen Herren dieser Art! Es fehlt ihnen das Unmittelbare der Praxis. Hinter jedem ›Ja‹ haben sie ein ›Aber‹ ...«

»Herr Geheimrat! Bisher haben die Leute Ordnung gehalten! Sie werden es auch weiter tun! Die Führer haben den besten Willen! Aber mit Streikbrechern beschwören wir Blutvergießen herauf! Das lassen sich die Leute nicht gefallen!«

»Darf ich denn über die Straße gehen und den Schuster da drüben gewaltsam an seiner Arbeit hindern?« fragte der Geheimrat. »Nein! Dann bin ich aber auch so frei und nehm auch für mich das Recht auf Arbeit in Anspruch.«

»Aber die Leute werden sich zusammenrotten! Es gibt Tumulte!«

»Dann rufe ich die Hilfe des Staates an! Wozu zahl ich denn meine Riesensteuern? Der Staat hat mich zu schützen!«

»Aber er kann es nur mit Gewalt.«

»Das ist seine Sache! Wie er's macht, geht mich nichts an!«

Werner Winterhalter schaute auf die anderen Herren. Die saßen stumm mit ernsten Gesichtern.

»Ich sehe, Herr Geheimrat: Ihr Einfluß ist wieder allmächtig, wie immer in solchen Zeiten!« sagte er. »Aber ich mache das nicht mit!«

»Ich hoffe, daß Sie jetzt endlich die Unhaltbarkeit Ihrer Stellung einsehen!«

»Wir müssen jetzt geschlossen sein!« versetzte Moritz Kühn schroff.

Leopold Winterhalter erhob sich: »Ich will lieber selbst als Vater das erlösende Wort aussprechen! Es liegt uns ja allen auf den Lippen: Werner, du paßt nicht zu uns! Es ist besser, du erklärst deinen Austritt aus unserm Betrieb.«

»Ja. Das tue ich hiermit.«

»Vielleicht nehmen sie dich auf der anderen Seite mit offenen Armen auf!«

»Die drüben – das seid ihr, nur in anderer Form!« sagte Werner Winterhalter, verließ den Sitzungsraum und stieg zum letztenmal die Stufen des Verwaltungsgebäudes hinab.

 

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