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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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6

War denn heute Sonntag? Unmöglich! ... Gestern am Mittwoch war man ins Examen gestiegen ... Mittwoch, den dreißigsten April. Gestern abend hatte man sich verlobt. Den Tag vergaß man doch wahrhaftig nicht, und wenn man hundert Jahre alt wurde. Oder war heute Feiertag? Auch nicht. Es waren alle Läden innen in der Stadt offen gewesen, die Kinder zur Schule gegangen, die Soldaten zum Exerzierplatz marschiert. Alles da drinnen wie sonst. Nur hier ... hier außen ... im Reich der Räder und Riemen schien die Welt verwandelt.

Werner Winterhalter hatte, vom Bahnhof seiner Heimatstadt kommend, die Vorstadtviertel erreicht auf dem Weg zur väterlichen Fabrik. In seinem Kontor hatte Papa stets den Kopf voll Geschäfte, den Tisch voll Papiere, das Vorderzimmer voll Menschen, fand nicht viel Zeit zu der Gewissensfrage: »Was nun mit dir, mein Sohn?«, wenn man sich ihm anstandshalber als neugebackener Doktor der Weltweisheit vorstellte. Denn die Antwort war schwer und keine Antwort der Weisheit: »Ich weiß es noch nicht!« – Papa begriff so etwas gar nicht. Der hatte dafür nur ein grausam vergnügtes Lächeln. Der packte das Leben an und nahm es auf die Hörner, wie der Stier den Feind. Da ich – dort die andern! Nun wollen wir mal sehen, Herrschaften, wer stärker ist!

Auch schön ... die alte Weisheit der Heidelberger Hirschgasse. Hiebe sind immer gut, ob man sie gibt oder kriegt! Aber daß man sich mit der Nützlichkeit nicht begnügt, daß man über sich hinaus will und hinausdenkt und hinausfühlt und auf ein Zeichen wartet und hinter jeder Straßenecke die Offenbarung stehen kann: Das ist dein Weg! Ja, rechts oder links, man muß sich entscheiden, wenn man nicht als Nachtwächter durchs Leben bummeln will – Werner Winterhalter fuhr aus seinen Gedanken auf, hob den Kopf, sah in neuem Staunen um sich. Was war das nur? Diese Stille ... diese Leere am Wochentag? Kein Mensch auf der Straße, als dort in der Ferne ein dicker Schutzmann mit nachdenklich auf dem Rücken gekreuzten Händen. Kein Rauch aus den Schloten, kein Summen und Brummen hinter den staubigen Scheiben, keine berußten Gestalten und flackerndes Helldunkel der Kesselglut...

Werner Winterhalter schüttelte das Haupt und ging weiter. Zu beiden Seiten lagen mit geschlossenen Gittertoren die Fabrikhöfe in Kirchhofsruhe, hörten auf, begannen schon die Neubauten, träumten Mörtelkelle und Tragbrett in der Frühlingswärme, Wasserwage und Winkelmaß und Senkschnur ... keine Hand, die sie führte. Kein Laut zwischen diesen ragenden Mietkasernen, die, noch unbewohnt, halbfertig, mit leeren Fensterhöhlen ihre Schatten über gelbe Pfützen, graue Plankenzäune, weiße Kalkgruben, rote Ziegelhaufen warfen. Das fraß sich weit in das grüne Land hinein wie Schwären in Gottes Erde, schob Kieslöcher, Kehrichtlager, Kohlenberge vor sich her in einem Schweigen, einer Einsamkeit, als habe über Nacht eine Seuche alles, was hier werken sollte, hingerafft. Leer lehnten die langen Leitern. Kein Hall von Nägelstiefeln auf den Laufbrettern. Kein Hammerschlag. Nur Sonnengeflimmer, Spatzengepiep ... irgendwo jankte ein einsamer Spitz.

Es war fast wie ein Grauen am hellen Tag, ein Mahnen: Licht und Luft ist jedes Menschen Recht. Du sollst sie ihm nicht rauben. Nicht Wucher treiben mit unserer Allmutter Erde. Stumm ging Werner Winterhalter durch diese tote Welt. In ihm stürmten plötzlich Gedanken, sprachen Staub und Steine mit Stimmen der Stille: Hier könnten Menschen wohnen, zufrieden und unter einem eigenen kleinen Dach. Ein Vorgärtchen mit Blumen, die Ziege im Stall, Obstbaum und Geißblattlaube. Ein bißchen Land. Es ist ja so viel da ... so unermeßlich viel ... soweit das Auge reicht, dehnt sich die Rheinebene. Es ist etwas Heiliges um die Sehnsucht nach der Scholle. Ich hab's erlebt als Flüchtling und Gast der Armen, vor langen Jahren, in der Laubenkolonie, unter den Wanderzelten der Heimatlosen auf ihrer ewigen Flucht vor dem Maurerpolier.

Ein Zukunftsbild: die Arbeitsstadt von einst, mit breiten, baumbepflanzten Straßen, schimmernden Teichen, grünenden Parks, in einer Flut von Licht und Luft und Sonne. Und die Fabrik selbst: nicht mehr das berußte Gespenst der Nützlichkeit aus rohem Backstein und blinden Scheiben, mit Absicht jeder geringste Reiz von Form und Farbe verbannt wie der Inhalt eines Lebens voll Novembergrau.... Wir sind so stolz auf unsere Arbeit! Warum nicht auch auf die Stätten der Arbeit? Wir machen dem Arbeiter das Leben so freudlos wie möglich und verlangen dann, daß er Freude am Leben hat.

Die Steine sangen: Du träumst, du träumst! ... Sieh da, zwischen den Haufen umgehauener Bäume die Grundfesten neuer Zinskasernen. Sieh dort, wie die wachsenden Mauern schon der Sonne den Zugang zu dem Boden verwehren, den sie seit Jahrtausenden beschienen. Ist der Hofschacht erst fertig, so werden Hunderte von Menschen in seinem Düster wohnen, abgesperrt von Tageshelle und frischem Wind, blasse Männer, bleiche Frauen, blutleere Kinder. ...

Ein Frösteln. Der Widerhall der eigenen Schritte in der Maienstille. Wo seid ihr hin, die ihr hier baut? Die ihr hier wohnen sollt? In diesem neuen steinernen Ameisenhaufen. Kein Laut.... Doch jetzt ... dort drüben ein Hüsteln, das Geräusper eines alten Mannes. Storchbeinig steigt er über die Schutthügel, den langen Oberkörper mit dem kleinen, schlohweißen Kopf vorgebeugt, auf einen Stock gestützt, prüft ... rechnet ... mißt im Geist, mit zusammengekniffenen Augen. Herrgott ... der Großpapa! Der Stadtrat! Er hebt zum Zeichen des Erkennens seine gichtige Hand. Eine weinerliche Stimme: »Guck emol, der Musje Werner! Was schaffst denn du hier? Du solltest lieber in Heidelberg hinter deinen Büchern hocken! Aber deine Studien kennt man! Die Frauenzimmer studierst du! Du hast dich mit so ›ere Krott‹ behängt ... alle Tage sieht man euch beisammen, hab ich mir sagen lassen! Auf die Art wird nie was aus dir, mein Sohn ... du weißt nicht, wie gut du's hast!«

Jakob Kobus schnaubte sich umständlich in ein rotgewürfeltes Sacktuch, steckte es in die Tasche und beschrieb mit dem Stock vor sich einen zittrigen Halbkreis durch die Luft.

»Da guck das Bauterrain an! Das hat schon meinem seligen Vater gehört. Ich hab dazugekauft, was ich gekonnt hab. Hab's mucksstill liegen lassen. Jetzt ist's reif ... jetzt kommt die Stadt anmarschiert ... jetzt muß mir der Bätzle und seine Bank jeden Quadratmeter mit Markstückche einrahmen. ...«

»Das hier gehört auch dir, Großpapa?«

»Ha, wie lang denn noch? Ich steh bald nicht mehr auf meinem Boden, sondern lieg in ihm drin. Du erbst das alles mal, du dummer Bub! ... Du wirst mal ein schwerreicher Mann ... und statt daß du einem dafür dankbar bist ... ach, was soll man mit dir ernsthaft sprechen? Man fuchst sich bloß! Du hast doch keinen Kopf fürs Geschäft!«

»Nee, Großpapa!«

»Also das kriegen alles noch mal die Waisenkinder, wenn du noch lang redst!« sagte der Alte plötzlich wütend. »Ich stoß noch mal mein Testament um. Nachher sitzt du da! Laß mich nur jetzt in Frieden! Ich hab hier zu tun, wo's heut leer ist.«

Er humpelte davon, begann schon wieder murmelnde Berechnungen mit halb offenem, zahnlosem Mund. Sein Enkel schaute ihm nach und ging dann weiter. An den Häusergerippen entlang. Pferdehufe klapperten hinter ihm. Ein schnurrbärtiger Gendarm ritt auf dickem Braunen vorbei, hoch im Sattel, mit umgeschnalltem Revolver. Er zog zwischen den toten Mauern dahin wie ein versprengter Söldner aus dem Dreißigjährigen Krieg durch eine zerstörte Stadt, hielt dort am Rand des freien Felds, spähte nach vorn, galoppierte zurück, daß der Staub stob.... Sonderbar das alles....

Da war die weite Ebene, drüben begrenzt von dem Stadtwäldchen, sonst dem Ziel der Sonntagsnachmittagsausflüge. Werner Winterhalter stand und staunte. Was war das? Die ganze Fläche vor ihm schwarz von Menschen ... Ein Ameisengewimmel unzähliger dunkler Punkte, nach dem Wäldchen zu ein unablässiges Strömen aus der Stadt dahinten ... wieder, aus der Ferne, wie ein Bild aus dem Dreißigjährigen Krieg, nur diesmal ins Gewaltige vergrößert. Ein Fluten anscheinend ungeordneter Massen, Fahnen und Banner in Mengen über den Köpfen, vereinzelt die Schattenrisse von Reitern in dunklem Mantel und blitzendem Pickelhelm, Musikfanfaren, ein Summen und Brausen von Tausenden von Stimmen, Männer, Frauen, Mädchen, Kinder . . , da gerade vor einem eine Kolonne junger Turner, rasch marschierend, in gleichem Schritt und Tritt, ein Chorgesang:

»Sei uns gegrüßt, du junger Mai!
Du froher Blütenbringer!
Du Hasser kalter Tyrannei!
Du Winternachtbezwinger ...«

Und plötzlich begriff Werner Winterhalter: der erste Mai! Der Weltfeiertag....

Jetzt lösten sich schon, beim Näherkommen, die einzelnen Farbenflecke aus dem Massenbild, die blauen Uniformen der Schutzleute, die weißen Armbinden der Ordner, die vier rot ausgeschlagenen Rednertribünen wie blutige Klippen aus einem unruhig ragenden Meer von Hüten, Federputz, Sonnenschirmen, bloßen Häuptern, ein Schleier von Staub und Hitze, Menschengedräng und Menschengeruch, Pfälzer Tabak und Schweiß und Rippenstöße. Vorn, unermüdlich, der Elektrotechniker Zittelius mit seinem feinen, nervösen, blondbärtigen Gesicht, wie ein Privatdozent anzuschauen.

»Herr Wachtmeister, tue Sie mir den einzige Gefalle und kreische Sie mir die Leut net so an! Es geschieht ja alles in Ordnung! Ich bin Ihne gut dafor. ... So ... als weiter, ihr Männer! Net stehebleibe!«

Der schnurrbärtige Briefträger Ringewald und der kleine, runde, immer pfiffig vergnügte Straßenbahnschaffner Lutz schoben sich an ihm vorbei. Sie waren beide wohlweislich in Zivil. Aber der dicke Schutzmann Knorsch erkannte sie doch und schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wann so zwei alte Rindviecher wie ihr nach noch unter die Soze gehe ...«

»Steig mir'n Buckel ruff!« brummte der Kaninchenzüchter. Neben ihm die rastlose Stimme des Gewerkschaftssekretärs Zittelius: »Fraa ... bleib Sie besser hinte mit Ihrem kleine Kind uff'm Arm! ... Wer steigt denn do über den Strick? Sind Sie vom Arbeitersängerbund? No hawwe Sie da nix zu suche! Gehe Sie retour!«

»Mit Sektionen rrrechts schwenkt! Halt! Richt euch! Augen gerrade aus! Rührt euch!«

Schnell und sicher, wie auf dem Exerzierplatz, ordnete sich die einmarschierende Sängerkolonne in zwei Gliedern, lauter gediente Leute. Die Stimme des Unteroffiziers der Reserve mit der roten Rosette im Knopfloch gellte. Dann setzte der Chor ein, brauste über die Massen:

»Steigt herauf aus Tal und Schächten,
Aus dem Dunkel, aus den Nächten,
Hebt empor das Angesicht!
Aus den Nöten, aus den Plagen,
Aus den lastbedrückten Tagen
Schaut, o schaut empor zum Licht! ...«

Die Sänger trugen rote Schleifchen. Rote Punkte waren überall, wie Blutstropfen, in der Menge, rote Schlipse, rote Taschentuchzipfel, rote Federchen am Filzhut ...

»Uffgebaßt, ihr Leut! 's hot Spitzel hier!«

Der junge Metallarbeiter Ott stellte sich mißtrauisch, die Hände in den Hosentaschen, den Pfälzer Stummel schief im Mund, vor Werner Winterhalter hin. Aber der Elektrotechniker Zittelius war an drei Orten zugleich, er kannte jenen und bahnte sich eine Gasse zu ihm.

»Komme Sie nur ungeniert nach vorn! Gleich geht's los!«

»Pscht!«

»Pscht!« Trompetenstöße ... das Signal: Gewehr in Ruh ... Von drüben von den andern Tribünen ein Widerhall. Ein Ebben des Stimmengewirrs, eine plötzliche tiefe Stille ... die ersten Sätze des Festredners ... von fern, von den übrigen roten Kanzeln, wie ein Echo, undeutlich, windzerrissen, die gleichen Worte. Werner Winterhalter stand ganz vorn vor Karl Mattrian, dem früheren Tabakwickler und jetzigen Stadtrat und Zigarrenhändler. Ein ruhiger, vollbärtiger Mann, kleinbürgerlich, schwer und nachdrücklich in der Sprache. Diese Stille unter ihm ... diese atemlose Stille. Ein Mensch redete, ein anderer Mensch hörte tausendfach zu. Stumm wie aus Wachs die Köpfe. Werner Winterhalter allein wandte den seinen, sah rechts und links, sah die dumpfe Andacht auf den groben Zügen des Ziegeleikutschers Friese ... Dort, ragend über die anderen, ein langbärtiger, wildgrauer Kopf unter mächtigem Schlapphut, als stände Wotan, der Wanderer, in der Menge, und es ist doch nur der alte Maurer Hildebrand. Und da drüben der Robert ... der Robert Kienast, aus Sandbeuren herübergekommen, auch sein gutmütiges, sommersprossiges Antlitz so feierlich wie in der Kirche. Neben ihm seine blonde junge Frau, sein Vater, der Fabriknachtwächter. Ein Genosse neben dem andern. Die meisten wohlgenährt, sonntäglich gekleidet, friedlichen Pfahlbürgern gleich. Zwischen dem Volk, die Schmisse auf dem Gesicht des Kassenarztes, der Zwicker vor den Augen des Rechtsanwalts, die hageren, glatt rasierten Lippen des einstigen Kandidaten der Theologie ... wer zählt euch alle? Nennt euch beim Namen? Und mitten unter euch – ich, der Reiche, für den ihr morgen wieder die Stahlgewinde schneidet und Zylinder bohrt und Zahnräder fräst.

Der da oben spricht noch immer ... er hat eine fast phlegmatische Art, mit den Händen auf die rote Balustrade gestützt, seine Sätze kurz und schwer in das Volk hinunterzuwerfen, wie Steine in einen stummen See. In dem bilden sich laufende Ringe, zittern auf der Oberfläche, ein hundertstimmiges Aufbrausen ... stoßweise ... um so stärker, je langsamer und nachdrücklicher der Redner Pausen hinter jedem Schlagwort macht ... einmal trifft sein Auge durch Zufall den jungen, eleganten Mann gerade unter ihm ... ein kurzes Befremden im Blick: Warum schüttelst du da unten den Kopf? Du, der einzige? Warum diese ungeduldige Bewegung mit der Hand, als wolltest du es wagen, mich, den Festredner des ersten Mai, zu unterbrechen? ... Weiter. ... Die leidenschaftslose Baßstimme hallt an Werner Winterhalters Ohr. Irgend jemand stößt ihn achtlos an ... da, dicht neben ihm, steht der junge Schlossergeselle aus Sandbeuren mit seinem Schwager, dem Maschinenbauer.

»Robert ...«

»Jesses! Wie komme Sie denn hierher?«

»Robert ... hör doch mal um Gottes willen, was der da oben spricht!«

»Freilich hör ich's!«

»Kein gutes Haar läßt er an allem, was in Deutschland ist! Robert, zuckt's dir denn da nicht in allen zehn Fingern?«

»Ha, warum denn?«

»Soll man sich denn das gefallen lassen? Herrgott ... mir ist ja unter euch zumut, als war ich gar nicht mehr daheim, sondern im Mond oder irgendwo ...«

»Ich werd doch net gescheiter sein wolle wie der Mattrian!«

»Man muß ja rasend werden! Habt ihr denn gar kein Gefühl dafür? ... Ich weiß nicht ... wir sind doch alle Deutsche ...«

»Ha, freilich sind wir's!«

»Ob' schd' jetzt still bischt, Robert!« sprach der große, stattliche Maschinenbauer Ortlieb und legte die Hand ans Ohr, um besser zu hören. Von hinten rief es: »Maul halte da vorn!«

»Was hawwe denn die zu dischkuriere?«

Oben auf dem Rednerpult ein erhobener Arm, der tiefe Baß in dröhnendem Schluß. Unten ein tausendfacher Wirbel geschwungner Hüte und Hände, wehende Tücher ... ein Massenaufschrei ... »die Internationale hoch! und hoch! und wieder hoch!« Musikwirbel. Der Stadtrat Mattrian trocknete sich den Schweiß von der Stirn, stieg die Stufen hinab, raffte seine Papiere zusammen, machte erstaunt halt.

»Was wollen Sie, Sie junger Mann da?«

»Wie können Sie das verantworten?«

»Was denn? Sie sind ja ganz außer Atem. Haben Sie am Ende zu viel getrunken?«

»... was Sie da alles erzählen, wie es bei uns zugeht! ... So arg wie nirgends sonst auf der Welt...«

»Jesses ... wer ist denn das?«

»Wer kreischt denn da so, ihr Leut?«

»Wenn man Sie hört, da möchte man ja meinen, ganz Deutschland wäre ein Saustall! Da müßt sich ja jeder Ausländer schämen, ein Stück Brot von uns anzunehmen! Als ob wir hier auf allen vieren herumliefen, so haben Sie geredet ...«

»Sind Sie organisiert?«

»Ein guter Deutscher bin ich, zum Donnerwetter! Und schäm mich nicht, daß ich's bin ...«

»Ich auch nicht! Aber wenn Sie nicht organisiert sind, dann seien Sie still!«

»Ich bin nicht still, sondern red mal hier deutsch. Und sag hier meine Meinung. Da kann man mir lang mit den Fäusten vor der Nase rumfuchteln! Das ist mir höchst Wurst! Ich bin kein Hasenfuß! Ich bin zu wütend! Ich ... lassen Sie mich los, zum Donnerwetter ...«

Polizeihelme schoben sich durch die gestauten Massen. Ein Geschrei. Ein Gedränge.

»Was gibt's denn da vorn?«

»Da hält eines e Red!«

»Ruhe, ihr Leut! Als norr Ruhe!« Der grobe gemütliche Schutzmann Knorsch stemmte mit ausgebreiteten Armen seinen umfangreichen Rücken gegen den Ansturm von hinten. »Die Festrede is polizeilich erlaubt. Aber kei Gebawwel hinterher! ... Wie, Herr Mattrian? Sie wolle gar keine Diskussion. Der Mann da g'hört an die Luft? Ha, der is ja scho an der Luft! Lache Sie net, meine Herre! Losse Sie mir den jungen Mann da los, oder 's setzt was! So! Halte Sie sich an mir fest ... Ich bring Sie raus ... es bassiert Ihne nix! ... Als bei, die Ordner! Auf die andere Seit von ihm! ... Uff! ... Jetzt ist's geschafft ... Jetzt könne Sie ungeniert heim!«

Werner Winterhalter stand erhitzt allein, schon fern vom Rand des Wäldchens, zupfte sich die Krawatte zurecht, fuhr sich mit der Hand über das in Unordnung geratene Haar. Um ihn plötzlich Stille, die weite Fläche, nur spärlich Menschen da und dort auf ausgetretenen Graswegen, ein paar Buben mit einem Drachen. Der Wind trug einen Hauch des Volksfestes herüber. Staub, Tabaksdunst, den fetten Duft von Bratwurstküchen und Waffelbäckereien, den dumpfen Zapfenschlag am Bierfaß, das Geleier der Karussels. Dort drüben begann jetzt das Behagen des Seins ... das Allmenschliche ... die Fröhlichkeit der Tausende auf grünender Erde.

Und diese Erde trägt den Ärmsten wie den Reichsten, ist unser aller Mutter und Ende. Kann euch denn keiner die Liebe zur Erde wiedergeben? Zur deutschen Erde? Zum deutschen Land? Es gab einen Riesen, der neue Kräfte gewann, sobald er die Erde berührte. Jeder Mensch ist solch ein Riese. Jeder arbeitende Mensch. Gebt dem Arbeiter Land. Wer ihm das Land gibt, gibt ihm das Vaterland ...

Und dann in Werner Winterhalter ein jäher Schrecken: Dieser Boden da, unter meinen Füßen, gehört einem einzigen Menschen. Gehört einmal mir! Das ist ja hier weithin alles das Spekulationsterrain des Großpapa Stadtrat...

Er ging in tiefen Gedanken, das Haupt gesenkt, in die Stadt hinein, der elterlichen Villa im Parkviertel am andern Ende zu. Leopold Winterhalter saß da in seinem Privatkontor über Stößen und Stapeln von Papieren, tätig wie immer, nun schon nicht mehr Alleinbesitzer seiner ständig vergrößerten Fabrik, sondern Vorsitzender des Aufsichtsrats der Aktiengesellschaft vormals L. Winterhalter, von deren Anteilen er mehr als die Hälfte besaß. Er war nun schon Mitte der Fünfzig. Graue Fäden in dem dunklen Bart, an den Schläfen, in dem lichter gewordenen Haar. Aber seine Schultern so breit, seine Augen so heiß, seine Stimme so stark wie je. Er schob die Berge von Briefen von sich zurück und wandte den Kopf: »Jean! Wer ist denn da draußen? Und wenn's der Kaiser von China ist ... Ich hab keine Zeit! Ich muß zum Zug! Nach Mannheim hinüber!«

»Es ist der junge Herr, Herr Kommerzienrat! Der Herr Doktor!«

Leopold Winterhalter lachte, erhob sich, blieb breitbeinig mitten im Raum stehen, steckte eine Hand in die Tasche und gab drei Finger der andern dem Sohn, der über die Schwelle trat. »So? Der neugebackene Doktor? Sehr freundlich, daß du wenigstens kommst und dich zeigst. Na, zwischen uns gibt's ja weiter keine Sentimentalität! So stehen wir nicht miteinander! Geh nur jetzt zur Mama hinauf! Die freut sich mehr als ich über den Herrn Filius!«

»Nachher gleich! Papa, aber zuerst ...«

Leopold Winterhalter tat einen geschäftsmäßigen Griff nach dem Kassenschrankschlüssel in seiner Tasche.

»Ach so ... Na, wieviel?«

»Kein Geld, Papa ...«

»Sondern?«

»Ich möchte einmal mit dir sprechen über meine weiteren Lebenspläne.«

Der Vater faßte nach seinem Hut und zündete sich bedächtig eine Zigarre an.

»Nee, mein Sohn! Das ist gegen die Abrede! Tu du, was du willst! Ich hindere dich nicht ...«

»Aber wenn ich ...«

»Ich hab keine Zeit! Ich muß nach Mannheim!« Er unterbrach sich und rief mit verstärkter Stimme durch die Nebentür zu dem Sekretär: »Herr Krause, telephonieren Sie ins Konstruktionsbureau: Wenn ich zurückkomme, will ich noch einmal die Zeichnung des 100– P. S.–Spezialmotors für die Taunuskonkurrenz sehen.«

»Sehr wohl, Herr Kommerzienrat!«

»Und legen Sie mir die Offerten von den zäh veredelten Stahlsorten heraus ... samt den Ergebnissen aus dem Prüfungsraum ... Ich will das nicht noch einmal erleben, daß mir das Schwungrad springt! Da könnt ihr mich mal kennen lernen ... ihr alle zusammen!«

Seine Augen glühten in einem plötzlichen Zorn. Er fuhr mit Hilfe des Dieners in den Mantel.

»Ich muß alles machen! Ich schufte wie ein Neger! Das danke ich dir, mein lieber Werner! Wie du klein warst, da hab ich gehofft, ich könnte einmal auf meine alten Tage Schicht machen und hätte einen Sohn zur Seite, der mir hilft. Na, vorläufig geht's ja auch noch so.«

Er lief, Schriftstücke unter dem Arm, die breite Freitreppe seines Hauses hinab.

»Wegen dir hab ich die Aktiengesellschaft gründen müssen! Ich will nicht, daß mein Lebenswerk gleich nach meinem Tode wieder vor die Hunde geht, weil mein Nachfolger noch nicht ein Vorgelege vom Differential unterscheiden kann und, wenn die Herrschaften da draußen heut ihren ersten Mai feiern, dasteht wie die Kuh, wenn's donnert! Na, gottlob ... unsere Direktoren hab ich eingefuchst! Die verstehen ihr Handwerk! Du hast seinerzeit nichts zu tun, als die Coupons zu schneiden ... Das wirst du wohl noch fertigkriegen! Und nun Gott befohlen ... ich hab keine Zeit.«

»Papa ... ich hab eine Bitte ... zeig mir einmal die Fabrik!«

»Die Fabrik?«

»Ja. Sobald es dir möglich ist!«

Leopold Winterhalter musterte seinen Sohn mit einem langen, forschenden Blick, entschloß sich: »Nach Mannheim telephonieren, ich komm erst nachmittags!« schrie er zum Kontor hinauf, dann: »Ankurbeln!« hinunter. Sein Automobil stand da bereit. Ein sehniger, kleiner, grauangestrichener Rennwagen riß die beiden im sausenden Singen des Viertakts dahin, und der Ältere sagte unterwegs, den Hut festhaltend: »Jetzt bauen wir längst in Serien, mein Sohn ... haben die Kinderkrankheiten hinter uns ... jetzt bleibt uns so ein Kasten nicht mehr auf einmal in Gedanken auf der Chaussee stehen wie noch vor ein paar Jahren.«

»Aber es hat doch keinen Zweck, wenn wir jetzt in die Fabrik fahren, Papa!«

»Warum?«

»Es ist doch alles geschlossen! Es wird doch heute gefeiert!«

Leopold Winterhalter lachte und warf seinen ausgerauchten Stummel mit einer energischen Handbewegung hinter sich in den wirbelnden Luftzug.

»Bei den meisten schon. Das sind Schlappiers! Aber bei mir nicht! Ich hab meine Leute in der Hand!«

»Aber du kannst sie doch nicht zwingen!«

»Man kann vieles zwingen, wenn man der Kerl danach ist, mein Sohn! Furchtbar einfach: wenn ich nicht nachgeb, müssen's eben die andern! ... Die kennen mich! Die wissen, daß mit mir schlecht Kirschen essen ist! Bei mir wird gearbeitet!«

Er wies heißblütig mit dem Zeigefinger nach vorn, in einem zähen Triumph: »Schau, ob ich Herr im Haus bin oder nicht!«

Da lagen, eine kleine Stadt für sich, mit langgestreckten Dächern und qualmenden Schornsteinen, mit hochstöckigen Verwaltungsgebäuden und weitläufigen Höfen, Schuppen, Anschlußgleisen, Kantinen die Werke der Aktiengesellschaft vormals L. Winterhalter. Vater und Sohn traten durch das Gittertor, stiegen in Donner und Glutgeflacker und Zickzack der Arbeit hinein. In dem riesigen Montagesaal schossen von der Decke hernieder Hunderte von eiligen Riemen und surrten und stiegen geschäftig-endlos im majestätischen tiefen Summen der Räder. An jedem Riemen ein Mann. Bei jedem Mann ein Hammer. Ein hundertfaches Pink-Pank durch den hellen Raum – eine Hitze – ein Sturmwind wie aus dem Backofen, der einem dort an der Tür fast den Hut vom Kopf reiht ... hinter den Türen neue Säle ... neue blaue Blusen, schwarzrußige Gesichter mit weißen Augen.... Säle ohne Ende ... die Schleiferei... die Dreherei... die Stanzerei. .. die Fräserei ... Nun das betäubende, nervenzerrüttende Geklemper der Blechspannerei ... der Roh-Karosseriebau mit seinen plump und unfertig wie Holzschlitten aussehenden Gestellen ... die plötzliche, unwahrscheinliche Stille der Lackiererei und des Lackmontagesaals mit ihren Hunderten von feucht dastehenden, ängstlich vor Fingerdruck behüteten Limousinen und Phaethons, Landaulets und Sporttorpedos.

Leopold Winterhalter sah alles, prüfte alles, stieß da mit dem Stock den festgebackenen Sand von einem eben fertig gegossenen, noch ganz schwarz daliegenden Zylinderstück, blieb dort in tiefem Sinnen vor den Revolverköpfen der Karussellbänke stehen, machte jetzt wieder vor seiner fertigen Ware halt.

»Für Rußland braucht man hohen Unterbau und doppelt starke Federn wegen der schlechten Wege! Die argentinischen Wagen bekommen keine Abgaszufuhr zum Gemisch, sondern nur Außenluft. Dort ist's von selber warm. Aber die Zündung wasserdicht wegen der Sümpfe .... Wir arbeiten für jedes Land besonders!

Wir holen die Kerls, die Franzosen, schon noch ein! ... Da ist die Roßhaar-Zupfmaschine für die Polsterung ... Da ist die Sattlerei mit den Lochmaschinen ... da die Wagnerei ... drüben der Holzbearbeitungsraum ... dahinter die vielen Schuppen sind die Magazine, mein Sohn ...«

Und überall Menschen! Arbeitende Männer!... Hunderte und Tausende von schwieligen Fäustepaaren. Dazwischen Buchhalter mit Papieren, Ingenieure in weißen Kitteln, auswärtige Vertreter, Geschäftsfreunde, da die Kontrollabteilung ... die Versuchsabteilung ... die Lehrabteilung mit den riesigen Papptafeln der vier Hubzeiten an der Backsteinwand. ... Es nahm kein Ende.

Draußen auf dem Hof standen wie Batterien die laufbereiten Wagen, kamen fauchend von ihren Probefahrten angeschossen, rollten langsam durch das Gittertor hinaus. Werkmeister liefen, Notizen in der Hand, und schrien die Namen einzelner Fahrer, Käufer standen da, Herrenfahrer, Chauffeurschüler, Schlosser ... Leopold Winterhalter ging rasch und wuchtig durch, wieder in die Fabrik hinein, sprach wenig, fand nur, seiner Meinung nach, Unordnung an allen Ecken und Enden, schleuderte kurze, zornige Befehle in das funkensprühende Durcheinander von Menschen und Maschinen, hemmte schließlich beinah andächtig in der Bremsstation seinen Schritt.

Das war der geheimnisvolle Ort des »Es werde!« – die Stelle, wo der kunstvoll zusammengesetzte Motor zum erstenmal zum Leben erwachte. Ganz vorn in der Reihe stand ein Prunkstück der Fabrik ... ein Kerl von hundert Pferden ... Konstrukteure, Mechaniker, Monteure, Schlosser in stummer Spannung um den schlafenden Stahlklotz.

»Jetzt wolle wir mal gucke, was der Motor sächt!«

»Ist der Vergaser angeschlossen? ... Los! ...«

Nichts rührt sich ...

»Noch einmal andrehen!«

Ein Pfauchen ... Ein Zischen ... Ein Frohlocken: »Er niest! .. Er niest!«

»Er läuft! ...«

Plötzlich beginnt sich der Motor zu schütteln ... holt Atem ... stampft in rasendem Takt ... die Kolben zucken ... die Ventile klappen ... die Maschine keucht gleich einem ungeduldigen Renner, als könne sie es nicht mehr erwarten, mit ihrer Last hinauszufliegen ins Weite, über Länder und Berge ... Der Menschenwille hat das tote Erz beseelt, legt ihm jetzt die Maßbremse an ... das Gewicht am Hebelarm steigt! ... Die Konstrukteure stehen und berechnen aus Last und Tourenzahl die Pferdestärke. ... Und mitten in diesem Lärm erhob Leopold Winterhalter seine Stimme, stand wuchtig da, funkelte seinem Sohn ins Auge: »Kennst du die Stelle da, Werner? Nicht? .... So? ... Na... Ich hab sie mir gemerkt!«

Sie waren zehn Schritte von den Arbeitern entfernt. Die hörten nicht, was sie sprachen. Die ganze Luft war durchschüttelt von nahem und fernem Lärm.

»Genau an der Stelle da, Werner, hast du vor sechs, sieben Jahren als dummer Lausbub gehockt ... in einer lumpigen Bretterhütte, und ringsum war der Lumpenkram von der Laubenkolonie, Kartoffeläckerchen und Kompost und Dreck! Da bin ich beigegangen und hab das alles da aus dem Nichts heraus geschafft! Wie's da steht, ist's mein Werk ... Guck dir's an, mein Sohn! ... 's ist das erstemal, daß ich mit dir darüber red! ... Du machst dir's leichter im Leben wie dein alter Papa!«

Wie ein Unterton zu seinen Worten grollten hundertstimmig um ihn seine Maschinen.

»Hab du mal die Verantwortung auf dem Buckel, Werner! ... Die tausend Leute, die von einem abhängen, die Aktionäre, die einem ihr Geld anvertraut haben! Da möcht man manchmal Blut und Wasser schwitzen, wenn die Herren vom technischen Bureau reingesprungen kommen und melden: ›Drüben in Mannheim oder in Stuttgart oder sonstwo hat die Konkurrenz schon wieder was Neues auf dem Markt!‹ ... Die Arbeiter lassen sich keine grauen Haare darüber wachsen ... die kriegen ihren Wochenlohn! Die Aktionäre schnarchen wie die Ratzen auf ihren zwölf Prozent Dividende .... Aber ich . . ich . . wer nicht schlafen kann, das bin ich! .. Bei mir kannst du oft um zwei Uhr nachts noch Licht im Kontor sehen!«

»Ja. ... Ich weiß, Papa ...«

»Nix weißt du! ... Seit du konfirmierst warst, hast du mich gehaßt, weil ich's gut mit dir gemeint hab! Vielleicht war ich zu streng. Wer seinen Sohn lieb hat, der züchtigt ihn. Geschehen ist geschehen ... Treib du, was du magst! Badd's nix, so schadt's nix! Aber wenn ich 'ne Dummheit mach, so spür ich's in Valparaiso und Konstantinopel!«

Er folgte mit den hitzigen, schwarz überbuschten Augen einem heimkehrenden Rennwagen. Der vierräderige graue Fisch triefte vom Kot der Landstraße. Braune Schlammspritzer sprenkelten die Gesichter der beiden barhäuptigen jungen Fahrer, die steifbeinig von dem schmalen Blechsitz herunterkletterten.

»Wo kommt ihr denn her?«

»Vom Kräheberg, Herr Kommerzienrat!«

»Läuft er jetzt?«

»Der Motor mächt sich! Aber der Schinnos, der Vergaser, hot als noch sei Mucke!«

»Papa .. hör mal... Ich glaube, du tust mir unrecht, wenn du sagst, ich lebte ohne Verantwortung! Gerade die such ich ...«

»Du hast ja studiert. Schreib du gelehrte Bücher, die tun keinem weh!«

»Aber ich bin nicht für die Bücher geschaffen. Ich muß hinaus ins Leben!«

Der Mann der Tat und des Erfolgs wandte jäh den Kopf.

»Und wer hat dich denn vor sechs Jahren nach England schicken wollen? Nach Belgien ... überallhin, wo man was lernen kann? Ich, dein alter Esel von Vater. ... Du aber ...«

»Papa .. eine Frage ...«

»Bitte!«

»Kannst du mich bei dir hier brauchen?«

Leopold Winterhalter riß die Augen auf.

»Hier?«

»Ja!«

»In der Fabrik?«

»Ja.«

»Für wie lang denn?«

»Als Lebensziel!«

Die Dampfpfeifen brüllten von den Dächern und riefen zur Mittagsrast. Die Flügeltore der Werkstätten öffneten sich, die Pforten des Verwaltungsgebäudes, die streng bewachte Türe zum Konstruktionsbureau, die Ausgangsgitter am Pförtnerhaus. Männerscharen quollen heraus, junge und alte, Männer in blauen Blusen und grauen Röcken, holten ihre Fahrräder, überfluteten die Landstraße, strömten zu den Kantinen. Immer neue, schwarze Menschenzüge aus schwarz gähnenden Wölbungen. Ein einheitliches, hart geschultes Heer der Arbeit nach dem Dienst.

»Werner .. ist das dein Ernst?«

»Mein heiliger Ernst!«

»Wirst du's nicht bereuen?«

»Ich glaube, ich werde nie in meinem Leben etwas bereuen. Denn wenn ich etwas tu, dann muß ich's eben!«

Sein Vater stand in Gedanken. Plötzlich reichte er ihm die Hand.

»Also .. dann sei willkommen!«

Und nach einer Weile: »Ich will nicht triumphieren und sagen, ich hätt's ja gleich gewußt. Nein, ich hab's nicht gewußt und nicht gehofft. Schon lang nicht mehr!«

Gegen innerliche Ergriffenheit gab es bei ihm nur ein Mittel: die Barschheit.

»Jetzt tu mir den einzigen Gefallen und trödel mir hier nicht mehr so lang herum, Werner! Komm mit heim! Die Mama wartet mit der Suppe.«

Aber trotzdem schickte er vor dem Tor seinen Wagen weg und meinte: »Ich lauf lieber zu Fuß. Ich hab 'nen ganz dicken Kopf gekriegt. Du liebe Zeit ja ... Jetzt kommt der Bub doch noch zu einem zurück!«

Sie schritten durch die Stadt und durch das Villenviertel dahinter. In einer der Parkstraßen hoben sich hinter Baumwipfeln schloßartige Türme eines im englischen Stil gehaltenen Herrschaftssitzes, tummelten sich weiße Gestalten auf dem Sandplatz im Grün der Rasenfläche, flog der Tennisball über das Netz. In dem halb vom Laub verdeckten, der Öffentlichkeit entzogenen Palast thronte der ungekrönte König der Stadt, der Multimillionär Alfred Kühn. Sein Sohn und Sozius Moritz trat lachend, das Rakett in der Hand, an das Gitter und reichte durch dessen Zierstäbe dem Schulkameraden und Korpsbruder die Hand.

»Na, kriegt man dich auch mal zu Gesicht? Was treibst du denn?«

»Hoffentlich was Nützlicheres als du augenblicklich!«

»Hoho! Glaubst du, das ist 'ne Kleinigkeit ... die Stefanie nach allen Regeln der Kunst einzuspielen? Das muß ich machen. Ich als Bruder werde allein grob genug zu dem verwöhnten Balg!«

Er wies auf seine Schwester, die lang und schlank in ihrer blonden, blendenden, zwanzigjährigen Schönheit mitten auf dem Rasen stand. Wirre Haare hingen ihr um das vom Spiel erhitzte Gesicht, ein weiter, weißer Flanellmantel lose um die Schultern. Sie reckte unbekümmert, mit einer ungezwungenen, jungenhaften Bewegung, die Arme.

»Die Stefanie trainiert doch für das gemischte Doppelspiel im Homburger Turnier«, erklärte ihr Bruder. Sie hatte jetzt die Herren am Gitter bemerkt und kam lachend, burschikos, in ihrem fußfreien weißen Kleid herangeschlendert und schüttelte dem Kommerzienrat und seinem Sohn die Hand. Es war ein fester, beinah zu männlicher Druck. Sie verkehrte mit den jungen Männern im Ton sorgloser, sportlicher Kameradschaft. Unbefangenheit lag darin. Oder Geringschätzung: Mir tut ihr nichts! Eine fast grausame Gesundheit sprach aus ihren fröhlichen Zügen. Eine naive, kraftschwellende Selbstsucht. Werner Winterhalter hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Sie mißfiel ihm gründlich, trotz ihrer Schönheit. Er hatte ein Gefühl, als verkörpere sich in ihr sein eigenes Gegenteil. Da stand man am Scheideweg. Da teilte sich das Leben in Spiel und Ernst.

Sein Vater drängte zum Weitergehen. »Ich habe Hunger«, sagte er wohlgelaunt und dann, mit Donnerstimme, im Treppenflur seines eigenen Hauses: »Mama! Da bringe ich den Ausreißer! Guck ihn dir an, den verlorenen Sohn! .. Dir schlachten wir ein Kalb, Wernerche. Du kriegst ein hübsch Pöstche in der Direktion für den Anfang... Du bist doch ein gelehrter Mann .. hast Volkswirtschaft mit Auszeichnung studiert ... So Leut wie dich kann man immer brauchen!«

Und nicht lange Zeit danach lag auf dem Tisch der reichen, neu eingerichteten Junggesellenwohnung im Elternhaus der Anstellungsvertrag. Viele Tausende von Mark jährlich. Werner Winterhalter stand davor. Er dachte sich: Wie lange müssen andere kämpfen, keuchen, die Ellbogen brauchen, ihren Nächsten niedertreten, bis sie das erreichen? Ich gab mir die Mühe, geboren zu werden ... Mir fällt es in den Schoß ...

Und nicht das allein! Da ein feierlich lateinisches Pergament: Die Ruperto-Carola sendet dir, vir juvenis orantissimus, ihr Doktordiplom. Und hier das Hohenzollernwappen unter friderizianisch ehrwürdigem Deutsch: »Nachdem Seine Majestät in Preußen in Gnaden resolvieret und beschlossen ...« Die Herren des Bezirkskommandos haben dich zum Reserveleutnant gewählt, und der Kriegsherr verleiht dir das Offizierspatent und das Prädikat »Hochwohlgeboren« .. und dort: »Unsern Gruß zuvor!« Zweimal das dreifarbige Band ... die Aktiven deiner beiden Korps schreiben dir, ernennen dich zum Alten Herren. Und da ein Amtsstück vom Notar: Der Großpapa hat dich in der Freude seines Herzens über deine Heimkehr in aller Form Rechtes zum Universalerben eingesetzt. Millionen sind das und Millionen ... Und da vor allem: eine Photographie, heute gekommen – ein zartes, eigenwilliges Mädchengesicht – kein Wort dabei, nur unten in der Ecke eine Inschrift: »Eva. 30. April.« Du Frühlingsanfang, du neues Leben, du gutes Vorzeichen für die Zukunft und ihr Glück ...

Unten im Garten flimmerten Lichter, schimmerten weiße Tafeln, stimmten Musikanten ihre Instrumente. Der Vater ließ es sich nicht nehmen, den Eintritt seines Sohnes in die Firma festlich zu feiern. Die halbe Stadt war geladen. Werner Winterhalter trat zum Fenster. Der Abendhimmel war feierlich klar, voll Sterne. Er schaute hinauf, und es war in ihm ein stummes Gebet: »Gott – gib mir Kraft, daß ich all mein Glück verdiene.«

 

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