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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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4

Hochverehrter Nachtrat! Hochansehnliche Trauerversammlung ...«

»Meine Herre! ... Dees is öffentliche Ruhestörung! Um vier Uhr morgens gehört m'r ins Bett!«

» Sie sind ja auch noch auf, Nachtrat!«

»Morjen, Polype!« schrie von hinten der Fuchsmajor des Korps, ein kleiner, dicker Hamburger. Werner Winterhalter winkte ihn mit der Würde des Ersten Chargierten und Zweibändermanns zur Ruhe und legte, die bunte Mütze schief im Genick, dem Polizeidiener feierlich die Hand auf die Schulter.

»Herr Siebenhaar! Wenn wir keinen Spektakel machten, wären Sie auch überflüssig! Wir sind Ihre natürlichen Ernährer!« Er wandte sich an die drei in der Schar, die nicht farbige Mützen, sondern blaue Stürmer trugen. »Verehrter Korpsbesuch! Ich stelle Ihnen hier den Ersten Nachtrat von Heidelberg, Herrn Siebenhaar, vor! Herr Siebenhaar flieht den äußeren Schein. Er wirkt im Dunkeln. Die Mitwelt verkennt ihn. Ich bin sein einziger Freund ...«

»Sie bringe einen noch ins Grab, Herr Winterhalter!« sagte der alte Heidelberger Schutzmann erschöpft. »Dreißig Jahre bin ich jetzt bei der Polizei. In sellerem Geschäft lernt m'r viel Studente kenne. Aber so wie Sie hot mir noch keiner in der Zeit zu schaffe gemacht!«

»Zigarre, Nachtrat? Was macht die Frau? Die Kinder? Alles wohl? ... Bravo! Silentium! Ich ersuche die sämtlichen Aktiven, einschließlich der Renoncen, die J. A. C. B., die C. K. und M. K. und unsere verehrten P. P. Paukanten aus Freiburg, mit mir einzustimmen in den donnernden Ruf: Der Schutzmann Nummer 187, Herr Christian Adam Siebenhaar ... er lebe hoch ... und abermals hoch!«

»Hoch! ... Hoch! ... Hoch!«

»Tue Sie mir den einzigen Gefallen und höre Sie uff!«

»Guter Mond, du gehst so stille!« schrie der kleine Hamburger und schwenkte begeistert sein Stöckchen.

»Das fehlt noch, daß der Mond aach noch kreische tät! Sie mache scho Lärm genug ... Ach du liebe Zeit .... was habe Sie denn da wieder g'schafft?« An der Terrasse des Hotels zur Rechten, auf der tagsüber die Engländer und Amerikaner saßen, hing ein geraubtes Plakat: »Die Fütterung der Raubtiere findet nachmittags von 5–6 Uhr statt.« Das Standbild des bayerischen Kriegshelden auf dem Platz nebenan trug einen Zylinderhut schräg auf dem ehernen Haupt und hielt eine Virginia im Mund. In den Lüften winselte es. Hoch oben saß in einer ausgelöschten Gaslaterne ein dicker Mops. Der Polizeidiener rang die Hände. »Jesses! Sell is ja der Hund vom Herrn Geheimrat owwe!«

»Nicht wahr? Mal was Neues!« sagte der Studiosus Winterhalter leutselig, als erwartete er eine Anerkennung seitens der Behörden. »Immer tätig! Andere Leute schlafen! Männer wie Sie und ich haben keine Zeit, müde zu sein, Herr Siebenhaar! Kommen Sie an mein Herz! Wir trinken Brüderschaft!«

»Fiduzit!« brüllte der Kleine und rasselte mit seinem Spazierrohr an den Rolläden. Im ersten Stock klirrte ein Fenster. Ein majestätischer Kopf sah in das Morgengrauen hinaus.

»Ich verlasse Heidelberg, wenn dieser wüste Unfug nicht sofort aufhört!« donnerte die wohlbekannte Stimme des akademischen Olympiers. Die Scheiben schlossen sich. Unten war es einen Augenblick still.

»Herr Winterhalter ... Sie hawwe so viel auf dem Kerbholz! ... Ich mein als, Sie werde bald mal relegiert!«

»Den billigen Scherz hat sich das Biergericht in Göttingen auch schon geleistet! Na – nun wollen wir in die Klappe, Nachtrat, was?«

»Gehe Sie awwer auch wirklich heim!«

Der Schutzmann sah mißtrauisch dem Zug nach, der sich paarweise auf den Fußspitzen die Anlage hinunter bewegte, voraus drei Korpshunde, die Stöcke ihrer Herren quer im Maul, dann der kleine Hamburger mit einem irgendwo losgeschraubten Messingschild »Höhere Töchterschule« als Banner, in der Mitte Werner Winterhalter in Hemdsärmeln, die andern um Haupteslänge überragend, riesenstark, Tollheit in den braunen Augen. Neben ihm einer der Freiburger.

»Fechten Sie nicht nächstens, Herr Winterhalter?«

»Leibfuchs, wann geh ich wieder los?«

»Heut vormittag!«

»Mit wem?«

»Kontrahage mit einem Bummler!«

»Weshalb denn?«

»Er hat uns frech angesehen, Leibbursch!«

»Und da kneipen Sie die Nacht vorher so durch?«

»Leibfuchs ... wie oft waren wir jetzt auf Mensur?«

»Sechsunddreißigmal, Leibbursch!«

»Und wie oft abgestochen?«

»Dreißigmal, Leibbursch! Fünfmal ausgepaukt, einmal von den Polypen gesprengt!«

»Freilich ... ein Fechter wie Sie! Bei welcher Fakultät sind Sie eigentlich?«

»Leibfuchs, was studieren wir augenblicklich?«

» Jur. et cam., Leibbursch!«

»Eben! Das dacht ich mir doch!« sagte Werner Winterhalter befriedigt. Sein Korpsbruder Moritz Kühn wandte sein Monokel zu ihm zurück.

»Ja. Du hast's gut. Er hat nämlich ein höchst listiges Abkommen mit seinem alten Herrn. Schon vom Ende seiner Pennälerzeit her, vor dreieinhalb Jahren! Keiner von ihnen kümmert sich um den andern ... Jeder tut, was er will!«

»Schade, daß man den Vater nicht verborgen kann!«

Sie standen an der alten Neckarbrücke. Es war schon heller Tag. Unten rauschte der Fluß in raschem Schwall durch die Sandsteinbögen. Stumm schauten die Minerva und der Kurfürst Karl Theodor von ihren steinernen Sockeln auf die buntbemützte Schar.

»Meine Herren! Es steigt eine Bierrede!«

»Silentium für Winterhalter!«.

»Verehrte Anwesende! Wir sind den Schergen der Knechtschaft wieder einmal entronnen. Die Pflicht ruft. Die Augen Europas sind erwartungsvoll auf uns gerichtet! Enttäuschen wir das Vertrauen nicht! Meine Herren ... wir stehen hier vor dem Haus eines Philisters. Der Philister beabsichtigt, wie Sie sehen, seinen kümmerlichen Vorgarten mit einer Mauer zu umgeben! Ziegelsteine und Mörtel liegen neben dem Haustor bereit! Meine Herren! Hand aufs Herz: ist es nicht geradezu unsere Pflicht, dies Haustor zuzumauern? Meine Herren! Wozu braucht der Philister ein Haustor? Er kann doch durch das Fenster klettern!«

»Sehr richtig! Sehr wahr!«

»Ruhe! Ruhe! ... Steine her! Von Hand zu Hand ... Ordentlich in Fugen ... Ich verstreich den Mörtel ...«

»Famos machst du das, Leibbursch! Man sollte meinen, du hättest schon einmal auf einem Neubau gearbeitet!«

»Hab ich auch!« sagte Werner Winterhalter. Auf einen Augenblick zerriß der Schleier der Erinnerung ... Es war ein Ausblick in ein fernes, graues, trübes, längst wieder versunkenes Land ... Schmutz und Schweiß und Not. Die flüchtige Spiegelung löste sich auf, schwand im Eifer, den Philister einzumauern. So! Fertig. Stille Seligkeit auf den Gesichtern. Aber nun Dauerlauf! Sonst wurde die Geschichte brenzlig. Erst ein paar Gassen weiter konnte man sich verschnaufen ... Untergefaßt ... Bummeltempo ... Ein schallender Gesang durch die stillen Häuserreihen:

»Geht der Bursch in Amt und Stand,
Ist er auch noch zu was nütze!
Doch an seiner Klause Wand
Hängt er Band und bunte Mütze.«

»Winterhalter ... der Fuchs wird schlapp!«

»Nehmt die Bierleiche untern Arm! Auf dem Bahnhof gibt's schwarzen Kaffee! ... Aber Herr Siebenhaar, schämen Sie sich denn nicht mit Ihren grauen Haaren? Immer noch nicht daheim?«

An der Straßenecke stand händeringend der alte Schutzmann.

»Jesses! Jesses! Do kumme Sie wieder anmarschiert!«

»Der Jüngling da hat sich beim Studieren übernommen, Herr Siebenhaar! Wir bringen ihn in die Klinik!«

»Eine akute toxische Psychose!« brüllte es von hinten.

»Und sie trugen einen Toten hinaus und riefen: Sankte! Sankte! Er aber verstand: Fangt ihn, fangt ihn! Und er entwich.«

»Höre Sie uff, Herr Winterhalter! Sie solle net singe, meine Herre! 's is verbotte! 's wird einem ja angst und bang bei dem Gebawwel ...«

»Wer keine Sorge je
Und kein Verzagen weiß,
Und wer sich rasch erstürmt
Des Lebens lecken Preis ...«

»Seie Sie um Gotteswille schtill!«

»Hier, Herr Siebenhaar! Hier haben Sie diese direktionslose Bierleiche inzwischen zur Aufbewahrung!«

»Wer sich als alter Herr
Doch stolz als Bursch bekennt,
Der bleibt sein Leben lang
Ein richtiger Student!«

» Cantus ex! ... Ein Schmollis den Sängern!«

»Fiduzit!«

»Vorwärts! Weiter!«

»Mit einer Geschwindigkeit von 0,5!« keuchte der kleine Hamburger. Er trug einen Haufen Backsteine von dem Neubau auf dem Arm, um sie nachher als ehrlicher Finder auf der Polizeiwache abzugeben. »Meine Herren ... der Tag hat begonnen. Da steht schon die erste Lerche: der Brezelbub!«

Der Brezelbub war gut fünfzig Jahre alt, ein pfiffig grinsender Kerl, der einen Korb mit Backwaren umgehängt trug. Das brachte den kleinen Hamburger auf eine fürstliche Idee.

»Brezelbub! Wieviel kostet der Kram?«

»Hunnert Mark, Herr Graf!«

Es sollte ein Witz sein. Aber der Kleine gab den blauen Lappen großmütig her, legte sich die Tragbänder des Korbes um die Schultern und pries mit schallender Stimme auf der maihellen, schon von vielen Leuten belebten Straße seine Ware an.

»Frische Salzbrezeln! Wasserweck! ... Herran, das Volk! Es kostet nischt!«

»Is wohr?« fragte ein kleiner Junge gierig, erhaschte eine Semmel und rannte davon. Andere drängten sich herbei. Der kleine Hamburger verteilte unermüdlich.

»Immer heranspaziert! Großer Ausverkauf! Volksfest erster Güte ... kolossaler Betrieb! Sie da, Madame! Befingern ist nicht! ... Tritt mir nicht auf die Hühneraugen, mein Sohn! Einer nach dem andern! Ran zum billigen Mann! ... Wer will den nächsten Wecken? ... Sie, verehrter Zeitgenosse, Sie haben noch nicht gefrühstückt. Ich seh's Ihnen an! Nur keine falsche Scham! Hier, bitte ...«

Er lief mit seinem Korb einem jungen Arbeiter in blauer Monteurbluse nach und bot ihm strahlend seine Semmel an. Der nahm sie, warf sie ihm, ohne ein Wort zu sagen, vor die Füße und ging weiter.

»Unverschämt! So'n Kerl.« ...

»Wer? Wer is hier e Kerl, du Lausbub?«

Der andere machte halt und drehte sich um und hob sich in den Schultern. Werner Winterhalter sprang dazwischen, um eine ganz gewöhnliche Feld-, Wald- und Wiesenkeilerei mit der Plebs zu verhüten. Er schaute dem trotzig dastehenden blonden Schlossergesellen ins Gesicht. Diese frischen blauen Augen und breiten Nackenknochen und Sommersprossen kannte er doch ... Ein Bild tauchte vor ihm auf von einst...

»Herrgott ... der Robert!«

»Ja.«

»Weißt du noch, wer ich bin?«

»Ha freilich!«

»Na ... daß man dich mal wieder sieht! Ich wollt damals immer noch mal raus und dir adieu sagen. Aber dann kam ewig was dazwischen. Und dann mußte ich auf die Universität ...«

»Ha ... da is nix zu entschuldige!«

»Doch! Dir verdank ich das alles damals allein!«

»Ja – dees war e G'schicht!« sagte der Robert und lachte. Er war männlicher geworden in den fast vier Jahren und trug ein kleines Bärtchen auf der Oberlippe. Die beiden jungen Männer ließen ihre Hände ineinander ruhen. Sie waren eine Sekunde halb verlegen. Dann fragte Werner Winterhalter: »Na, erzähl doch ... was hast du denn die ganze Zeit gemacht?«

»Ich hab meine zwei Jahre abgedient ... bei den Pionieren ...«

»Ich auch mein Jahr. Bei den Ulanen.«

»Und jetzt bin ich wieder beim Römer in Sandbeuren. Aber wie lang? 's is nix mit dene elektrische Wäge ... heut hab ich grad wieder in Heidelberg e Reparatur!«

»Was macht dein Vater?«

»O mei! Der alti Sterngucker! ... Der treibt's wie immer!«

»Und die blonde Krott ... wie hieß sie doch? Die Seegebiel-Elis?«

»Die heirat ich auf'n Herbst!«

»Famos! Nun besuch ich euch aber wirklich nächstens in Sandbeuren!«

Robert Kienast erwiderte darauf nichts. Er lächelte nur mit einem stillen Vorbehalt des Zweifels.

»Jetzt derf ich aber springe, daß ich zur Arbeit kumm!« sagte er. Werner Winterhalter reichte ihm wieder die Hand.

»Adieu einstweilen ... und die Geschichte da eben –«

»Ach ... der Borsch is besoffe!« sprach der Robert mitleidig. »Des sieht m'r ja. Bringt den norr ins Bett!«

Er ging eilig davon. Als Werner Winterhalter sich umwandte, sah er überall große Augen.

»Na ... hör mal ... Bekanntschaften hast du, so in der Morgenfrühe!« sagte Moritz Kühn. »Wer war denn der Kerl?«

»Ein Freund von mir!«

Die andern lachten über die Kateridee.

»Nee – im Ernst! Das ist mein Freund!«

Werner Winterhalter bückte sich und hob den Wasserweck von dem staubigen Boden auf.

»Herrgott ... laß das Zeug doch liegen!«

»Nein. Brot soll man nicht liegen lassen!«

Er steckte die verschmutzte Semmel in die Tasche. Der Fuchsmajor schnob ihn an: »Beim nächsten Biergericht werde ich gegen dich einen protokollierten Rüffel beantragen! Wegen inkommentmäßigen Verkehrs. Aber nun fall ich in die Klappe! Ich hab mir meine paar Augen Schlaf redlich verdient!«

»Ich bin auch stumpfsinnig!« sagte Moritz Kühn und gähnte. Die andern mit. Plötzlich waren sie übernächtig geworden. Müde. Schweigsam wanderten sie die Anlagen entlang. Irgend etwas hatte sich über ihre Laune gelegt. Die buntbemützten Köpfe hingen nach vorn. Nur Werner Winterhalter hielt seinen aufrecht. Er hatte die Kappe abgenommen, daß der Morgenwind sein braungelocktes Haar umspielte, und lachte und winkte mit der Hand in das offenstehende, ebenerdige Fenster einer Pension zur Rechten.

»Morgen, Kinder!« rief er vergnügt. Seine dunkeln Augen lachten mit. Unter dem brünetten Bartflaum der Lippen war ein verwegener Zug. Als er weiter weg war, lachten auch die drei jungen Studentinnen drinnen an ihrem Frühstückstisch, auf dem schon die schwarzen Ledermappen für die Morgenkollegien bereitlagen. Die eine sagte seufzend: »Randaliert haben sie wieder heut nacht! Man konnte kein Auge zutun!«

»Und der Lange da, der ist immer der Haupthahn!«

»Eigentlich ist's ja ein wunderschöner Mensch!« sprach die kleine Blasse am Fenster und schaute hinter der Gardine dem bunten, von Werner Winterhalters dunklem Haupt überragten Trupp nach.

»Das ist er!« meinte die schwarzhaarige Kandidatin, die dicht vor dem Doktorexamen stand. »Aber ich wollte, er brächte seine Reize weniger lärmend zur Geltung! Immer ist um ihn herum ein Spektakel ... ich kenn ihn schon ...«

»Ich kenn ihn auch!« sagte vom Kaffeetisch her, wo sie sich behaglich einen Kipfel in die Tasse tunkte, die Jüngste mit ihrer tiefen Kinderstimme. »Schon von früher. Der war immer so ein tolles Huhn. Einmalwar er doch vier Wochen bei meinem Vater Taglöhner.«

»Was?«

»Ja. Um seinen Alten zu ärgern! Gelang ihm auch! Das war, wie ich noch in Tertia war.« Die Kleine stand auf und trat mit vollen Backen zum Fenster. »Herrjesus ja ... nun spannen sie doch wahrhaftig an der Schießtorstraße den Droschkengaul aus, und er reitet nach Hause! Es sind wirklich zu dumme Jungen!«

Sie sprach es mit der ganzen Verachtung ihrer achtzehn Jahre. Die andern beiden lachten. Die kleine Blasse nickte: »Ich finde sie ja auch wahnsinnig komisch. Wenn sie sich so feierlich, mit steifem Arm, grüßen, das ist zum Wälzen!« Und die angehende Doktorin, die älter als die andern war, meinte: »Die, die so dick vom Bier sind, die find' ich gräßlich! Aber der da geht!«

Ja. Der ging. Darin waren sie stillschweigend einig. Sie saßen wieder alle drei friedlich am Frühstückstisch. Ein Blütenstrauß überduftete die dampfende Kaffeekanne, das schneeweiße Tuch. Vom Fenster her vergoldete ein schräger Morgenstrahl die frischen jungen Köpfe mit den klaren ausgeschlafenen Augen, die schlanken Gestalten in weißen Blusen und Röcken. In der Ecke durchschmetterte ein Kanarienvogel den häuslichen Frieden. Ganz in der Ferne verklang, um den Droschkengaul und seinen Reiter herum, der Gesang:

»Ich habe keine Pflicht verletzt ...
Ich trinke ... trinke ... trinke!«

Die Jüngste warf einen Blick auf die neben ihr liegende, bis auf die Abschrift fertige Doktordissertation ihrer Kommilitonin.

»Au fein!« sagte sie, an ihrem Kipfel kauend. »›Das Mehl im Welthandel‹ ... Ich wollt, ich kriegt mal auch so was!«

»Na, vorläufig bist du erst im zweiten Semester, Eva!«

»Ja, leider!«

»Was hören Sie denn heute, Fräulein Römer?«

»Ach, ich schinde für den Anfang noch so 'rum! Allgemeine Nationalökonomie ... und dann will ich mal bei Kuno reinschauen!«

Der vertraulich mit seinem Vornamen »Kuno« Genannte war der weltberühmte Philosoph der Universität. Die drei Mädchen erhoben sich, fuhren sich vor dem Spiegel über die Haare, setzten sich ihre Strohhüte auf und traten, die Mappen unter dem Arm, vor das Haus. Auch andere kamen aus der Pension. Ein paar Japaner, Yankees, Russinnen, ein türkischer Arzt. Alles wanderte dem Museumsplatz, der fünfhundertjährigen Weisheit der Ruperto- Carola zu.

Den ganzen Vormittag war von dem unansehnlichen Gebäude mit dem Uhrturm auf dem Schieferdach ein Kommen und Gehen. Während der akademischen Viertel standen da dicke Gruppen von Studenten, junge Mädchen mit Kollegienheften darunter. Der Droschkenhalteplatz daneben am Brunnen war heute leer. Alle Landauer waren drüben überm Neckar, um den C. S. zum Paukboden in die Hirschgasse zu bringen. Erst als mittags die Vorlesungen und die Mensuren zugleich ihr Ende erreichten, belebte sich die Hauptstraße wieder von Rädergerassel, Hundegebell und farbigen Mützen. Eva Römer trat mit ihren Freundinnen aus dem Tor der Universität und sagte: »Also ... mit Althochdeutsch könnt ihr mich jagen! Der sieht mich nicht wieder!« und unterbrach sich: »Gott, da sind die Kinder ja wieder ...«

Unter den »Kindern« verstand sie die Kämpen der Hirschgasse.

»Da kommt ja unsere Beauté!«

»Warum hat er denn die kleine Reisemütze auf?«

»Ich weiß nicht!«

»Vielleicht reist er ab, und der Straßenlärm nachts hört auf!« meinte die Kandidatin hoffnungsvoll.

»Ach – das tät mir leid – ich seh ihn so gern!«

»Ich auch!«

Werner Winterhalter schlenderte in einer elastischen und selbstbewußten Haltung heran, das Stöckchen in der Hand. Er war ausnahmsweise allein. Vor der Universität blieb er einen Augenblick gedankenlos stehen und sah sie an.

»Jetzt wundert er sich nämlich, was das für ein Haus ist!« sagte Eva Römer zu ihren Freundinnen.

»Nein! Er hat Angst gekriegt. Er macht, daß er weiterkommt!«

Der Studiosus Winterhalter ging vorbei. Von den »Bummlern«, wie sein Sprachgebrauch die Kollegbesucher auf der Hochschule nannte, nahm er keine Notiz. Aber er hörte die drei Mädchen neben sich lachen und sah auf die Gruppe mit einem zerstreuten Wohlgefallen. Schritt weiter, einen vergessenen kleinen Blutspritzer hinten im Genick. Blieb stehen. Fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schaute zurück. Kam wieder. Er und Eva Römer lachten zugleich und gaben sich die Hand.

»Herrgott ja ... heut find ich alle alten Freunde wieder, von damals«, sagte er. Er hatte noch den stämmigen pomadigen Backfisch jener Zeit im Sinn. Jetzt war sie gewachsen, schmächtig und schlank. Mädchenhaft geworden. »Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihre Ferienaufgaben gemacht hab?«

»Gott und wie!«

»Und nun studieren Sie hier?«

»Schon im zweiten Semester.«

»Komisch ... Ich hab Sie nie gesehen!«

»Ich Sie oft!«

»Wirklich?«

»Erst heut nacht, wie Sie mit dem Mops unter dem Arm den Laternenpfahl hinaufgeklettert sind. Ich wohn doch gerade gegenüber.«

Er runzelte mißmutig die Stirn und ging neben ihr in der Richtung nach der Peterskirche weiter.

»Na ... diese Heldentaten ... ich war nämlich eben im Begriff, einen leichten Moralischen ins Grüne zu führen. Einer von meinen Korpsbrüdern hat überhaupt das heulende Elend. Liegt auf dem Sofa und revoziert und depreziert seine Existenz. Aber nun erzählen Sie mal: Wie geht's Ihnen denn?«

»Ganz gut! Ich büffel nach Noten! Ich arbeite auf die Fabrikinspektorin oder so was Gutes hin.«

»Das wäre doch schade ...«

»... wenn man seinem Vater so rasch wie möglich aus der Tasche kommen muß? Ja, Sie haben leicht lachen. Ihr Vater verdient Geld wie Heu. Meinem gelingt's regelmäßig vorbei. Es geht daheim bei uns gar nicht gut – nee, gar nicht. Das ist ein offenes Geheimnis!«

Sie stieg frisch bergauf, das Grün des Heidelberger Kastanienwaldes über ihrem blonden Haupt, Sonnenzittern durch die Lücken des Laubs auf ihrem weißen Kleid.

»Warum haben Sie denn heute Ihre schöne bunte Mütze nicht auf?«

»Ich hab nicht aufgepaßt vorhin ... Ich hatte was anderes im Kopf ... Da schlug mir der Stöpsler wahrhaftig eine Prim herein. Na ... der Knabe besah ja dann sein Teil... Aber die Mütze hält nicht auf dem Verband.«

»Und das nennen Sie studieren?«

»Diese rhetorische Kunstfrage höre ich öfters«, sagte Werner Winterhalter tiefsinnig. »Nun auch gleich wieder von Ihnen. Alle Leute in Heidelberg haben was gegen mich. Ich hab so eine dumpfe Vorstellung, ich werd hier nicht alt! Im Vertrauen: das consilium abeundi ist schon unterschrieben!«

»Also hatte Ihr Vater eigentlich ganz recht, daß er Sie damals nicht von der Strippe lassen wollte!«

Werner Winterhalter schlug sorglos mit seinem Stöckchen einem unsichtbaren Feind eine blitzschnelle Doppelterz über den Stulp. Unwillkürlich gefiel ihr das kraftvolle Ungestüm der kindischen Bewegung. Sie sah von der Seite sein trotziges Profil mit den lachenden dunklen Augen. Die Freundin hatte heute früh recht: er war wirklich ein schöner Mensch!

»Sorgen Sie sich nur nicht um meinen alten Herrn. Der benimmt sich seit Jahren unerwartet anständig. An dem könnten sich andere Väter ein Beispiel nehmen.«

»Aber was er sich dabei im stillen denkt ...«

»Gott – das ist doch unmaßgeblich!« sprach Werner Winterhalter leichthin. Seine Worte atmeten eine milde Nachsicht mit den Schwächen der älteren Generation.

»Und wie lange wollen Sie denn das noch so treiben?«

»Keinen Schimmer! Vorläufig bin ich im Korps direkt unentbehrlich ... Wenn nicht der Prorektor mit roher Faust meine Studien unterbindet ... sagen Sie mal: wohin klettern wir denn hier eigentlich?«

»Ich geh nach Hause! Durch den Wald! Immer über den Sonntag. So. Nun adieu. Sie müssen doch wieder zu Ihrem Korps zurück.«

»Nee ... ich überlass' die Blase heut mal ihrem Schicksal!«

»Ich denke, es geht nicht ohne Sie?«

»Einmal muß es ja doch. Geben Sie doch her. Ich kann das gar nicht sehen, daß Sie sich mit der schweren Mappe schleppen!«

»Das ist gewiß auch das erstemal, daß Sie so etwas in die Hand kriegen!«

»Na natürlich!« sagte er, beinah erstaunt über ihr Lachen. Er kam sich selber komisch vor mit der dicken, schwarzen Kollegmappe unter dem Arm: Gut, daß einen niemand sah. Er nahm eins von den Heften heraus und blätterte darin ... Stichworte in steiler, großer Mädchenhandschrift: ›Wirtschaftliche Krisen ... Arbeitslosigkeit... Rückgang der Lebenshaltung ... Durch Sinken der Kaufkraft Rückschlag auf die allgemeine Produktion ... Verringerung der nationalen Arbeitskraft durch schlechtere Wohnungsverhältnisse ... Säuglingssterblichkeit ...‹ »Das schreiben Sie sich nun so alles auf, was Ihnen da der Greis auf dem Katheder vorspiegelt!«

»Dazu bin ich auf der Universität.«

»Kapieren Sie's denn auch?«

»Wenn man's daheim ewig vor Augen hat? Papa muß ja fortwährend Arbeiter entlassen. Jetzt schon. Leute mit fünf, sechs Kindern!«

Plötzlich der Ernst des Lebens ... eine sonderbare Frühreife auf ihrem frischen Gesicht. Er schüttelte den Kopf, wie um einen Gedanken zu verscheuchen, der ihn ansummte gleich einer zudringlichen Fliege, und musterte sie von der Seite beim Weitergehen mit einem verstohlenen Lächeln. Eigentlich sehr niedlich ... noch so ganz jung, knospend, knapp achtzehn, in ihrer schmächtigen, sorglosen Anmut, im raschen Faltenschlag ihres weißen Kleides um die zarte Gestalt, während sie die braunen Schnürschuhe energisch voreinander setzte. Den Hut hatte sie abgenommen und trug ihn in der Hand. Ein drolliger Eigensinn lag um die roten Lippen, die blauen Augen waren klar und ahnungslos wie die eines Jungen.

»Wie nett Sie sich die Zöpfe um die Ohren gelegt haben!« sagte er und wies auf die goldblonden Schnecken rechts und links. Es war ihm, als sei auf ihren Wangen einen Augenblick eine feine Röte. Aber sie antwortete nur: »Ach, lassen Sie doch den Blödsinn!« Es klang wenig verbindlich. Das Gefühl harmloser Kameradschaft, das sie mit den andern Hörern im Kolleg, Studenten und Studentinnen, verband, brachte sie ihm gegenüber nicht auf. Er kannte ja die Hörsäle nur von außen. Er kam ganz von wo anders her.

Er atmete tief die reine Luft. Alles so rein. Nichts von Tabaksqualm und Kellnerinnen und dem Gelichter. Säuberlich wie 'ne Puppenstube! Finkenschlag und Mailaub und Sonnengold und Himmelblau ... ein gesittetes Gespräch mit einem kleinen Mädel statt des homerischen Wortwechsels mit dem Nachtrat ... Eigentlich Torheit! Wozu gehörte 'n Mops in die Laterne? So kolossal war der Scherz, bei hellem Tag besehen, gar nicht...

»Mein Moralischer verstärkt sich, Fräulein Römer!«

»Glaub ich nicht!«

»Doch! Mir ist so sonderbar!«

»Ach! Ich höre Sie schon morgen nacht wieder randalieren!«

»Nee ... ich weiß nicht ... wenn man so denkt ... es muß doch alles mal ein Ende nehmen ...«

Und er dachte sich: Ja, was denn? Die Kleine da, die ist ja wie der Vorbote der Wirklichkeit ... Man lebt ja wie in einem dumpfen Nebel mit Plempengeklirr und Biergerichten und Renommierbummelei ... und der Scheitel beim Friseur ... und –

»Pfui!«

»Was denn?«

»Ihr Karbolgeruch ... 's ist wirklich schade um die schöne Waldluft.«

Er ärgerte sich wieder. Frei ist der Bursch! Das verstand so ein Wurm natürlich nicht! Ein Kind, das man Hals über Kopf da drüben in der Ruperto- Carola mit Weisheit vollnudelte. Er bemitleidete die Kleine: »Haben Sie denn wirklich die versteckte Absicht, künftig so in Fabriken herumzuklettern, ob da alles in Ordnung ist?«

»Ich muß sehen, wo ich 'ne Stellung krieg! Zu tun ist überall furchtbar. Die Not ist groß.«

Es klang sonderbar von diesen jungen, roten Lippen: »Die Not ist groß.« Beinah feierlich. Wissend. Und wie eine Verwirklichung ihrer Worte, wie ein mächtiges, unwahrscheinliches Spiegelbild erhoben sich vor ihnen, während sie aus dem Wald traten und die weite Rheinebene vor sich liegen sahen, dicht da vorn am Hang, die Burgen der Arbeit, die Fabriken von Sandbeuren, von schwindelnd hohen Schloten überragt, von schwerem, funkenreichem Qualm überbrütet. Die Fensterreihen der vierstöckigen Sandsteinkasernen glitzerten blutrot in der Nachmittagsonne. Kein Mensch war zu sehen. Aber ein gedämpftes unermüdliches Summen und Brummen der Maschinen erfüllte von nah und fern mit einem geheimnisvollen düsteren Klang die Welt.

Eva Römer wies auf die toten Fische am Rand eines Bachs.

»Die Papierfabrik!« sagte sie. »Die Singvögel sind bei uns auch schon beinah alle weg.«

Die Luft hatte sich verschleiert. War grauer, schwüler, schwerer. Zeigte, je näher man kam, die Dinge wie durch ein trübes Glas: Die Ultramarinfabrik mit ihren blauen Pfützen im Hof, ihren blaubespritzten Türen, ihren blaugefärbten Arbeitern, die blendend weiß überpuderte Kunstmühle, in deren Dunkel Dutzende von Schneemännern hantierten, das weithin gelagerte, unheimlich in dräuenden, weißlichgrauen Schwaden dünstende Zementwerk, die Dampfziegelei, die aus ihrem riesigen Ringschornstein eine pechschwarze, pilzartig nach oben verbreiterte Wolke verfinsternd über den halben Himmel sandte. Vom Römerschen Werk her kamen, obwohl es noch lange nicht Feierabend war, ein paar Gruppen. Ein schnurrbärtiger Mann mit Frau und Kindern ... ein älterer Arbeiter ... noch einer...

»Das ist eben schrecklich!« sagte Eva Römer. »Papa muß Samstags immer Leute entlassen! Er läßt sie lieber schon vor Arbeitsschluß gehen. Es gibt sonst immer solche Aufregung. Guten Abend, Frau Schönke! Philippche ... mach mir mein Kleid nicht schmutzig! Du hast Dreckfingerche, Alterle! Weißt du das? ... Wie ist's denn, Frau Schönke? Hat Ihr Mann schon Arbeit?«

»Er geht jetzt gleich ins Hessische hintere ... zu der Überlandzentrale ... ich bleib mit den Kinnern hier und wasch!«

Der Student und die Studentin waren stumm weitergegangen, an dem Neubau der Fabrik elektrischer Artikel entlang, und Werner Winterhalter sagte lachend, wie um sich von einem Druck zu befreien: »Toller Gedanke, daß das auch meiner Hände Werk ist! Das Steinekarren war kein Spaß!«

Sie blieb am Gittertor der väterlichen Villa stehen und sah ihn an, als suche sie in dem übermütigen jungen Nichtstuer den sonnengebräunten, knabenhaft trotzigen Athleten im Arbeitskittel von einst.

»Ein netter Zeitgenosse war ich damals – was?«

Eva Römer nahm ihre Mappe an sich, reichte ihm die Hand zum Abschied und fragte mit ihrer tiefen, aufrichtigen Kinderstimme: »Soll ich Ihnen einmal etwas sagen?«

»Bitte!«

»Sie haben mir damals viel besser gefallen! Adieu!«

Sie lief, ohne sich nach der Wirkung ihrer Worte umzusehen, ins Haus. Sie hatte nachträglich einen roten Kopf bekommen und war doch froh, daß sie die Wahrheit nicht bei sich behalten hatte. In seinem Privatkontor, am offenen Fenster, an dem sie vorbeikam, saß ihr Vater und fragte, halb geistesabwesend, den Buchhalter, der neben ihm stand: »Also müssen wir heute wieder fünf Leuten innerhalb vierzehn Tagen kündigen? Haben Sie die Liste? ... Die mit dem Kreuz? ... Der Kappel ... der Grainer...

Dossenbach II... Flieg ... Bühler ... alle verheiratet?«

»Darum können wir uns jetzt nicht mehr kümmern!«

»Nein! Wenn man selber ... man wird müde in der Tretmühle, lieber Braun, man wird müd! Also gehen Sie und schreiben Sie's in Gottes Namen den fünfen.«

Theodor Römer blieb, nachdem ihn der Buchhalter verlassen, still am Schreibtisch sitzen. Er stützte den Kopf auf die Hand und stöhnte schwer auf. Gram und Mutlosigkeit auf dem gealterten und gefurchten Gesicht. Der Seufzer kam ihm ebenso aus dem tiefsten Herzen wie denen da draußen, den Entlassenen, die auf der Landstraße einer ungewissen Zukunft entgegenwanderten. Es war ein Gesetz über den Dingen. Ein unerbittliches Muß ... Stärker als Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ein eherner Zusammenhang von Ursache und Wirkung, wie seine junge Tochter drüben in Heidelberg sich das mit ihren festen, eckigen Schriftzügen ins Kollegheft schrieb... die industriellen Krisen und ihre Not.

Es tutete tief dröhnend um die Ecke herum. Das wilde Gelächter einer Heulsirene schrillte warnend durch das Schnattern der Auspuffklappe. Ein grau getünchter, niederer, fischförmiger Rennwagen schoß in atemloser Hast vorbei, Monteure auf ihm, die Hauben in der Stirn, den Blick stählern gradaus über Steuer und Weg ... Auf dem tanzten die Kiesel, wirbelte der Staub, füllte durchdringender Bezingeruch die Luft ... Blieb in ihr stehen wie eine Mahnung, lange, nachdem das Automobil der Firma Winterhalter wieder verschwunden ... Die siegreiche Konkurrenz war vorbeigerast, den feindlichen Fabrikanten mitsamt seinen Arbeitern hinter sich auf der Strecke lassend, und der Mann am Schreibtisch oben schüttelte den Kopf und malte umsonst Ziffern und Zeichen vor sich auf das weiße Papier. Es half nichts. Noch immer war kein Ersatz für das schwere Blei der Akkumulatoren gefunden. Seine Elektromobile erlagen der toten Last ...

Werner Winterhalter ging unterdessen langsam dem Dorf zu. Die Sonne war jetzt schon im Sinken und warf vor ihm her seinen eigenen langen schwarzen Schatten über den weißen Staub. Es sah sonderbar aus. Fast unheimlich. Und plötzlich längst vergessene heulende Laute in der Luft, schrille Pfiffe, Gebrüll aus Dampfrohren, wie die Stimme eines Riesen: Feierabend über Rädern und Riemen ...

Die Eisengitter der Fabrikhöfe taten sich auf. Erst zeigten sich an ihnen einzelne schwarze Punkte, dann begann es plötzlich zu quellen wie aus einem geöffneten Wehr, floß in langen dunklen Bächen über die Feldwege, rann nach der Eisenbahnstation und der Straßenbahn, strömte von allen Seiten, überflutete die Chaussee. Unversehens war Werner Winterhalter mitten zwischen diesen ernsten Gesichtern, diesen klappernden Blechgefähen, diesem Dunst von Menschen und Kleidern: jäh rief ihm der Geruch die Erinnerung wach. Ein Mädchen lachte und zeigte auf die beiden bunten Bänder auf seiner Brust. Er schob sie unter Weste und Krawatte zurück, in einem merkwürdigen schlechten Gewissen, und ging zwischen den Gruppen weiter, unwillkürlich mit in demselben gleichmäßig schüttelnden Tritt der Männer, der an gediente Soldaten erinnerte. So war er damals auch vom Bauplatz hereingegangen. Ein junger Arbeiter unter andern. Seltsam: jetzt tauchte das alles wieder auf ...

Und über Schlot und Abendrot, über Mensch und Masse die ewige Mahnung des Buches Mosis: ›Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. ...‹

Vorhin, im Maienwald, an der Seite der kleinen Römer, hatte er einmal wie durch einen Wolkenriß in die Zukunft gesehen und sich gedacht: Vor mir, im Leben, steht die Frau! Jetzt, im Abendgrauen, unter diesem wandernden Strom dunkler Hüte, dunkler Röcke, dunkler Stimmen dachte er sich: Vor mir im Leben steht die Arbeit ... steht das Volk ...

Im Dorf lehnte, feist und rosig wie damals, der Metzgermeister Schickedanz vor seinem Laden. Gegenüber begoß der Ratschreiber Seegebiel die Nelken im Vorgarten. Seine Tochter, die blonde Elis, schwatzte mit der schwarzen Walburg von gegenüber und wurde feuerrot auf die Frage, ob da noch der Robert Kienast wohne.

»Jawohl! Als noch wie früher!«

»Sei Babbe auch, der alti Simpel!« schrie die Walburg.

Niemand erkannte den fremden Herrn. Man wunderte sich, wie er ohne weitere Erkundigungen den Weg fand, die steile Hühnertreppe hinaufstieg, an die Tür rechts klopfte. Das Zimmer, in das er trat, schien ihm im Dämmern leer. Vor dem Dachfenster gurrten, wie einst, die Tauben. Auf dem Holztisch in der Mitte lagen mühsame, die schwere Hand eines jungen Arbeiters verratend, Maschinenzeichnungen aus dem abendlichen Fortbildungskursus. Es erinnerte ihn an Eva Römers Kolleghefte. In beiden, dem Schlossergesellen wie der Studentin, der gleiche Wille zum Wissen. Auf dem Wandbrett standen geliehene Bücher aus dem Volksbildungsverein ...›Sonntag eines Arbeiters‹ ...›Aus der Werkstatt des Lebens‹ ... ›Gut Deutsch ohne Lehrer‹ ... ein Hunger nach Licht hier überall. Ein Unbehagen in Werner Winterhalter. Er dachte an den nächtlichen Mops in der Laterne. Und um einen rang es hier mit tausend Seelen ...

»Der Robert is weg!« sagte eine Stimme aus der Ecke. »Sie habe ihn hole lasse. Es is eins auf der Streck verunglückt!«

Da saß der alte Fabriknachtwächter Kienast auf seinem vom Tagesschlaf zerwühlten Bett, die Augen noch tiefer eingesunken, die Züge unter dem schütteren grauen Vollbart noch gefurchter wie damals. Neben ihm starrte es links und rechts wie zwei riesige Teufelshörner schräg in die Luft. Die Rippen seines nie fertigwerdenden Flugzeugs, an dem er herumbastelte. Es war unbegreiflich, wie er in dem Zwielicht noch etwas sehen konnte. Aber seine Pupillen waren seit Jahren an das Dunkel der Sterne gewöhnt.

»Na, Papa Kienast ... immer noch im Geist in den Lüften? Kennen Sie mich noch?«

»Freilich kenn ich Ihne!« sagte der Alte geheimnisvoll und stand auf. »Aber ihr kennt mich noch nit, ihr Leut: 's is so weit! In vierzehn Tagen flieg ich!«

»Wahrhaftig?«

»Sell macht mir Bläsier, mal dem Römer sei Fabrik von obe anzugucke, statt sie ihm jedi Nacht zu bewache ...« Er knüpfte seine alte Joppe zu, hustete und öffnete die Tür, um zu gehen und seinen Nachtdienst anzutreten. Auf dem Vorplatz, vor dem offenen Nebenraum, hemmte er den Fuß. Dort hantierten Männer, flatterten Kerzen, polterten dumpfe Schritte.

»Jesses! Do hawwe sie ihn gebracht,« sagte er halblaut, »is er tot, Robert?«

»Ha ... soll eins noch lebe, mit hundertzwanzigtausend Volt im Leib! Ganz fest am Mast von der elektrischen Leitung hot er gehange! Wir hawwe die ärgst Müh gehabt, ihn mit Isolierzange herunterzuhole, ohne daß es uns auch noch gepackt hot.«

»Dees war e bös Stück Arbeit!« sagte ein anderer junger Monteur.

»Blau und grüne Flamme hot's aus dem Kurzschluß rausgehaue – so lang wie mei Arm ...«

Bleiche Gesichter über den blauen Blusen. Werner Winterhalter stand hinter den anderen. Sah über ihre Köpfe hinweg. Sah das wachsbleiche Haupt eines älteren schnurrbärtigen Mannes auf dem weiß und blau gestreiften Kissen, die bläulichen Lippen verzogen, das bläuliche Weiß der Augäpfel offen im Kerzenlicht. Ein Gemurmel: «Wie heißt er denn?«

»Wir habe ihn als norr den Philipp genannt. Er is von owwe runner, aus'm Schwarzwald!«

»Hot er Fraa und Kinner?«

»Vielleicht daheim!«

»Also schreiben wir vorläufig: Ein Arbeiter.« Der Kassenarzt sagte es halblaut und machte sich Notizen für den Totenschein in sein Taschenbuch. Es klang seltsam in Werner Winterhalters Ohr – dies trockene »ein Arbeiter« ... Es umfaßte in seiner Unbestimmtheit etwas Wesenloses, Ungeheures. Schien ein Sinnbild für millionenfaches Sein und Atmen und Vergehen. Und wie er wieder in den kahlen, schrägen Dachraum schaute, erfaßte ihn ein Schrecken. Das war ja seine eigene Schlafstelle von damals, das war sein wurmstichiges, niederes Bett, auf dem jetzt der Tote ruhte, und ihm schien, als suchten dessen offene weiße Augen durch das Gedränge der Arbeiter ihn – gerade ihn – als wollten sie ihn stumm etwas fragen ...

Er wandte sich ab und drückte Robert Kienast, der ihn jetzt erst erkannte und verblüfft ansah, die Hand.

»Ich komm ein andermal!« sprach er und stieg vorsichtig, die bunten Bänder goldenen Studentenleichtsinns unter seinem Rock bergend, die Treppe hinab. Die Menge, die vor dem Haus unten schon die Gasse füllte, hielt ihn für einen Amtspraktikanten oder sonst einen Vertreter der Behörden und machte ihm Platz. Er drängte sich durch und lief hinaus in das Dunkel der Frühlingsnacht ... zu Fuß den stundenweiten Weg nach Heidelberg zurück ...

Die Korpskneipe donnerte vom Gepolter des Fuchsritts: »Was kommt dort von der Höh?« Eine dicke blaue Rauchwolke stand längs der Decke über der langen Tafel mit ihren Krügen und Kommersbüchern, trübte die zahllosen, buntbemützten Bilder der alten Herren an der Wand. Vor dem Bierfaß hockte »Herr Maier«, die alte einäugige Bulldogge, und schlapperte gedankenvoll, wie jeden Samstagabend, das Tropfbier aus der Blechschüssel unter dem Hahn. An ihr vorbei, von der einen Schmalwand zur andern, ritten die Füchse im Gänsemarsch auf den Strohstühlen, in verschnürten Pekeschen, das gestickte Zerevis hinten auf dem Haarwirbel. Der kleine Fuchsmajor dirigierte mit erhobener Hand tiefernst: ›Was macht die Frau Mama?‹, und jauchzend tönte der Chor:

»Sie fängt dem Papa Flöh!
Sie fängt dem ledernen Papa Flöh!
Ça, ça, Papa Flöh!
Sie fängt dem Papa Flöh!«

»Winterhalter, warum bist du denn heute so stumpfsinnig?«

»Schon den ganzen Abend ist er's!«

»Laßt ihn! Er hat einen Bombenmoralischen!«

»Hab ich auch!«

Die lustigen jungen Leute lachten. Werner Winterhalter erhob sich mit einem jähen Ruck.

»Es hat alles seine Zeit, Kinder! Das ist nun gewesen!«

»Wohin, Leibbursch?«

»Nach Hause!«

»Um halb eins! Bist du bierkrank?«

»Dageblieben! Die Polypen erwarten heute noch von uns Großes!«

»Gute Nacht!«

»Ach, der kommt ja wieder!« meinte sein Leibfuchs. Aber die Zeit verstrich, die Fidelitas erreichte ihr Ende und pflanzte sich tosend auf die Straßen hinaus fort, ohne daß Werner Winterhalter noch einmal im Kreis der Genossen erschien.

Mit ungewohnt klarem Kopf stand er am andern Morgen am Fenster seiner Bude. Draußen summten die Kirchenglocken durch die Feiertagstille. In ihm war ein sonderbares Staunen. Am meisten über sich selbst. Daß man auf einmal so anders werden konnte ... oder war das nur ein Zeichen von Schwäche? Mußte man solche Anwandlungen nicht mannhaft niederkämpfen, ehe sie einem das Leben trübten? Dies freie Burschenleben – die Lust der Waffen und der Lieder: »Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren?«

Ja, freilich war man zur Herrlichkeit geboren. Ein Sonntagskind des Glücks. Aber eben darum. ... Er fuhr in den Rock, den er gestern früh beim Nachhausekommen von der durchbummelten Nacht über das Sofa geworfen. Den hatte die Phileuse inzwischen ausgebürstet. In der Tasche stak etwas Hartes. Er nahm es heraus. Es war ein Stück zerdrücktes und verstaubtes Brot. Die Semmel, die gestern Robert Kienast dem kleinen Hamburger vor die Füße geworfen ...

Er legte das hart gewordene Brot auf den Tisch, stand davor, sah es an. Es sprach eine stumme Sprache von Millionen, die im Schweiß des Angesichts dies Brot verdienten und doch oft Not litten und den Tod fanden um das Brot, wie gestern abend in der Dachkammer drüben der stille Mann mit den bläulichweißen Augen. Es war wie ein feierlicher Dreiklang: »Brot, Not und Tod!« Und mahnend wie Menschenstimmen riefen von nah und fern die Glocken.

Moritz Kühn war eingetreten, mit ihm die verkaterte Bulldogge, die am Schwanzstummel an kurzer Strippe scherzhafterweise einen roten Kinderluftballon trug.

»Na ... du kümmerliches Gebilde! Was macht das graue Elend?«

»Wir müssen heute einen C. C. einberufen und die erste Charge neu besetzen!« sagte Werner Winterhalter. »Ich werde heute noch inaktiv! ... Nein – rede nicht, Moritz! Das verstehst du nicht! Jetzt fängt der Ernst des Lebens an.«

»Ernst des Lebens ist gut! Was willst du denn tun?«

»Arbeiten!«

 

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