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König und Kärrner

Rudolf Stratz: König und Kärrner - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKönig und Kärrner
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
addressBerlin
year1921
firstpub1921
printrun56.-65. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100605
projectid7ad4d4db
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3

Als noch nix von Ihrem Sprößling, Herr Winterhalter?«

»Als noch nix! Vier Wochen ist er jetzt fort, und wir wissen nur von ihm, daß er noch lebt und gesund ist! Alle acht Tag kommt von ihm eine Postkarte an meine Frau. Die Karte ist immer in Mannheim selber aufgegeben! Also weit kann er nicht sein! Aber wo sich der Strick rumtreibt ...«

Leopold Winterhalter leerte finster am Frühstückstammtisch in der »Wolfschlucht« seinen Schoppen Hardtwein. Die Zornröte war dem dunkelbärtigen, heißblütigen Mann ins Gesicht gestiegen. Die Industriellen um ihn schwiegen mit still zwinkernden, vergnüglichen Pfälzer Augen. Eigentlich, da ja keine Gefahr vorlag, war es ein Hauptspaß: dies Versteckspiel zwischen Vater und Sohn. Am andern Ende der Tafelrunde raunte der dicke Herr Lay zu seinem Nachbar: »Das geschieht dem Krischer ganz recht, daß mal einer früher aufsteht als er!«

»Morgen, Herr Stadtrat!«

Der andere stand halb auf und begrüßte den hereintretenden alten Kobus mit dem verschwiegenen Freimaurerhändedruck von unten, und der lange, weißköpfige Herr nahm seinen Platz am Eckfenster des Rundtisches ein, von dem aus die Stadt zum guten Teil regiert wurde, und sprach weinerlich: »Karl – e Viertelche Überrheiner!« und dann, die Zigarre an dem Knipser zum Besten des Lahrer Reichswaisenhauses abschneidend, zu seinem Schwiegersohn: »Leopold, vor dir könnt sich ein Truthahn fürchte! Halt den Kopf in die Wasserbütt. Du bist ja kirschrot!«

Leopold Winterhalter schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser tanzten: »Ja ... ist's denn nicht 'ne Sünd und Schand, ihr Herren? Da zahlt man Steuern, daß man schon am liebsten sein Hemd rübertragen möcht aufs Finanzamt ... Da setzt's Strafbefehle, weil ein Hutzelweib aufm Glatteis vorm Haus hingeschlittert is ... da heißt's Marken kleben, bis man schwarz wird ... und wenn man dann bloß einmal von dem Herrn Staat verlangt, daß er einem so 'nen ungeratenen Sohn wieder beischafft, do weiß keiner Rat! ... Ha – wozu kriegen denn die Beamten e Sündengeld? He, Herr Staatsanwalt?«

Der Erste Staatsanwalt Dr. Kneufler, der ihm gegenübersaß, legte großen Wert auf den ihm zukommenden Amtstitel »Erster« und wurde deswegen allgemein »Kneufler der Erste« genannt. Er erwiderte etwas kühl: »Ihr Sohn ist freiwillig fort. Es liegt keine Entführung eines Minderjährigen vor. Ich habe keinen Anlaß, strafrechtlich einzugreifen! Wenden Sie sich doch an die Polizei!«

»... Als ob die mich nicht schon seit vier Wochen uzen tat!« brummte Leopold Winterhalter wütend. Neben ihm sagte der graubärtige Altbürgermeister Schröll, um das Gespräch abzulenken: »Winterhalter ... wie wird's denn mit der neuen Fabrik?«

Bei seinem Nachbar kam die Energie wieder in die heißen, schwarzen Augen.

»Morgen früh ist auf dem neuen Terrain die Grundsteinlegung. Und heut abend ist bei mir die Vorfeier.«

»Ohne das Wernerche!« sprach Jakob Kobus kläglich. Sein Schwiegersohn schnauzte ihn an.

»Soll ich das Früchtle vierspännig heimfahren, wann ich nicht weiß, wo er ist? Ihr habt ihn so verwöhnt, du und die Großmama! Wenn sich der ungeratene Bub Zeit nimmt – ich geh auch meinen Weg. Ich tu ihm nicht den Gefallen und .... Karl ... jetzt schreibe Sie sich's endlich mal hinter die Löffel: Man soll einen nicht unterbrechen, wenn man red't!«

Aber der Kellner beugte sich doch über die Lehne und flüsterte Leopold Winterhalter etwas zu. Gleich darauf stieß der krachend den Stuhl zurück, sprang auf, stürmte hinaus, verhandelte hastig im Gang mit einem dort harrenden Mann, kam zurück, riß Hut und Mantel vom Haken und winkte den Stadtrat in eine Ecke.

»Wir haben ihn am Schlawittich, Schwiegerpapa! Wir haben ihn!«

»Daheim?«

»Du rätst nicht, wo der Lausbub hockt! .. In Sandbeuren. Beim Rindsmetzger wohnt er. Rein per Zufall ist es rausgekommen. Die Tochter von dem Metzger hat 'ne Freundin zu Besuch gehabt ... die dient hier in der Stadt ... Die kennt den Werner vom Ansehen und hat gleich losgekrischen. Jetzt zum Glück hat der Gemeindediener dabei gestanden und ihr hurtig 's Maul zugehalten, damit der Werner nichts merkt! Sonst geht er wieder auf und davon! Komm nur rasch! Ich lass' anspannen ... der Polizist setzt sich auf den Bock. Los!«

Schon hatten sie die Stadt im Rücken. Da war das neue Fabrikgebäude. Keine Spur der Laubenkolonie und ihrer Bewohner mehr: nur eine öde Schuttfläche. Am Eingang eine schwarzweißrote und eine rotgelbe Fahne am hohen Mast als Zeichen der morgigen Feier. Dahinter die weite Pfalz, jetzt nicht mehr herbstsonnenhell, sondern in seinem weißen Dunst eines letzten, trüben Oktobertages. Die Felder abgeerntet, die Obstbäume früchtefrei, welkes Laub am Boden, weiße Sommerfäden über den Stoppeln. Langsam rückten aus der nebligen Ferne die Höhen des Odenwaldes näher. Der Fabrikant brach das Schweigen: »Als Hausbursche Philipp Schaefer hat er sich angemeldet. Mein Sohn ein Hausbursch! Die Kränk möcht man kriegen! Was? ... Das Drecknest dahinten – das ist schon Sandbeuren? Na, warte Alterle! Jetzt reden wir deutsch miteinander!«

Vor dem Dorf gab er ein Zeichen zu halten und stieg mit dem Stadtrat aus.

»Unter Tag geht er auf Arbeit, hat das Mädchen gesagt. Halb fünf ist's jetzt schon. Da brauchen wir nicht lang zu warten. Am besten ist's, wir setzen uns ins Wirtshaus und schauen von da auf die Straße.«

Bald füllte sich die breite Dorfgasse mit den heimkehrenden Kolonnen der Arbeit. Wie jeden Abend kamen die Trupps aus dem Zementwerk und der Ultramarin- und der Jalousiefabrik, aus der Kunstmühle und der Dampfziegelei, aus der Papier- und der Gelatinefabrik und drüben vom Elektrizitätswerk her, wo nun schon im rohen Verputz der erste Stock des Neubaus sich auf der Brandstätte erhob. Aber der, den Vater und Großvater und Geheimpolizist suchten, war nicht unter den Hunderten.

Der war nach Feierabend in der entgegengesetzten Richtung vom Arbeitsplatz weggegangen, längs des Parkgitters hin, über dessen Eisenspitzen man an einer bestimmten Stelle sich mit geübter Turnerwende hinwegsetzen konnte. Drüben raschelte der Fuß im welken, feuchten Laub. Die Sträuche und Büsche waren schon vielfach von Blättern leer. Man mußte aufpassen, daß man nicht von dem weißen Haus aus gesehen wurde, bis man die von dicken Bäumen umschützte Lichtung erreichte.

Dort saß die Kleine schon auf einer Bank und wartete. Sie sah in dem langen, dunklen Lodenmäntelchen und der spitzen, über den Kopf gezogenen Kapuze in der Entfernung wie ein Waldgnom aus. Erst als sie aufsprang und herankam, lugte das frische, rotwangige Kindergesicht unter den Falten hervor. Er blieb stehen und wehrte ab.

»Geben Sie mir nur nicht die Hand! Meine ist ganz voll Erde!«

»Ach, Blech!« Sie wischte sich unbekümmert nach der Begrüßung ihre kleine rote Rechte am Mantelzipfel ab. Ein kurzes Schweigen. Dann fragte er: »Also morgen früh geht's wieder nach Karlsruhe?«

»Ja. Übermorgen geht das Pennal wieder an. Mein neuer Klassenpauker wird sich wundern! So feine Ferienaufgaben hab ich noch nie mitgebracht, wie Sie sie mir in den vier Wochen gemacht haben.«

Sie lachte. Er mit.

»Und in allem! In Deutsch. In Latein. In Mathematik. Kolossal!«

»Ich hab's gern getan!« sagte er. »Wo Sie mir doch auch den Gefallen getan und dreimal Postkarten an meine Mutter drüben in der Stadt in den Kasten gesteckt haben!«

»Kunststück ... wenn man ohnedies zum Anprobieren hinüber muß ... Hören Sie mal: darf ich wirklich gar niemand mehr was von Ihnen sagen? Auch jetzt noch nicht?«

»Nein. Ich hab Ihr großes Ehrenwort!«

»Aber wenn jetzt der Winter kommt, wie wird denn das werden?«

»Weiß nicht! Papa soll nur zappeln!«

»Nun ja ... ich setz ja auch so wahnsinnig gern meinen Kopf durch. Wenn ich mal groß bin, tu ich nur, was ich will! ... Das hab ich jetzt von Ihnen gelernt! Die Eltern haben ja keinen Schimmer! Herrgott ... da bammeln sie schon wieder zum Kaffee ... den ganzen Tag futtern sie ... na, adieu ... dank schön ... Und lassen Sie sich's recht gut gehen!«

»Sie auch!«

Eva Römer wandte sich ab, lief über die Lichtung, blieb noch einmal stehen und winkte mit der Hand zurück: »Adieu!« Dann schoß sie in ihrem flatternden, grauen Mäntelchen wie eine gescheuchte Fledermaus quer durch den Park dem Elternhaus zu.

Der junge Arbeitsmann war wieder draußen im Grau und Kot der Landstraße. In einer ungewohnt gedrückten Stimmung schritt er dem Park entlang. Sterbensbuntes, welkes Laub flog im Abendsturm aus dessen Wipfeln, wirbelte in der Luft, tanzte am Boden, regenschwere Wolken segelten am Himmel, vom Rhein und Wasgenwald her, die Luft war kalt, der Herbst war da. Der Winter vor der Tür. Nun auch das Mädel da drüben weg ... Ein kleines, dummes Mädel ... aber immerhin ... das letzte Band ... Nun verknüpfte einen nichts mehr mit der Oberschicht des Lebens, aus der man kam ...

Nur nicht zurück. Lieber weiter in die Schweiz, rüber nach Italien, wenn es hier keine Arbeit mehr gab. Schlimmstenfalls als Stromer im Straßengraben einschneien ... erfrieren ... auch kein Schade! Werner Winterhalter warf den Kopf in den Nacken, blieb stehen und lachte.

»Na, Papa Kienast? An Ihnen ist ein Sterngucker verloren gegangen!«

»Gucke Sie emol die Krabbe an!« sagte geheimnisvoll der grauhaarige, verwitterte Nachtwächter, der wie ein Schattenriß in der Dämmerung vor dem Römerschen Neubau stand. Eine vielhundertköpfige Krähenschar flatterte über ihm in allabendlichem Massenflug am stürmenden Himmel. »Die unvernünftige Viecher könne fliege und der Mensch net!«

»Das ist nichts Neues!«

»Wenn man so'nen Krabben schießt, plumpst er runner wie e Stein! Der wiegt grad so schwer wie wir! Aber er hot's in sich! ... Ich hab's aach in mir! Ich bau daheim 'nen Apparat. Ich flieg aach noch mal!«

Die eingesunkenen Augen des alten Philosophen suchten fanatisch die Höhe ... Funkelnd stand dort als erster Gast am Himmel der Abendstern.

»Do nuff gehöre wir ... Wir alle, Herr Schaefer, nit bloß die Reiche! ... Die bilde sich bloß ein, sie wäre was Besseres. Vor der Frau Haubold sind wir alle gleich!«

Frau Haubold war die Leichenwäscherin im Dorf. Der Greis sah auf seine Uhr, hustete und ging, plötzlich schweigsam geworden, über den Fabrikhof zum Kontrollapparat, der ihn überwachte, wie er hier Staub und Steine in langer, dunkler Nacht. Werner Winterhalter pfiff sich eins im Weiterwandern, die Mütze in der Stirne, die Hände in den Hofentaschen, mit schlürfenden Nagelschuhen, wie der erste beste junge Pfälzer Kerl, der von der Arbeit kam. Vor dem Laden des Ochsenmetzgers im Dorf stand ein unbekannter Mann, ging auf ihn zu und sagte plump: »Guten Abend, Herr Winterhalter! Kommen Sie nur gleich mit!«

Der junge Tagelöhner verzog trotz des Schreckens keine Miene. Jetzt nur kalt Blut! Zeit gewinnen ... und dann irgendwo hinaus in die Nacht ...

»Losse Sie mir mei Ruh ... gelle Se?« sprach er kurz und grob in der heimischen Mundart.

»Kommen Sie mit!«

Der andere faßte ihn rüde am Arm. Aber zugleich erhielt er von zwei arbeitsgewohnten Fäusten einen Doppelhieb unter das Kinn und gegen die Magengrube, daß er hinflog.

»Hoscht genug, du Rindvieh?« So! ... Nur jetzt schnell die Treppe hinauf. Die guten Kleider holen ... weg ... Der Fremde schrie, noch am Boden, blutspuckend: »Hebet ihn! ... Hebet ihn!« Plötzlich war Volk überall. Fragen... Geschrei.., Werner Winterhalter kannte seine Leute ... ersah seinen Vorteil...

»Obacht, ihr Männer! Das ist einer von der Polizei! Das ist ein Spitzel!«

»So haltet ihn doch, ihr Leut! ... Himmeldunnerschlag!«

Der Mann raffte sich mühsam auf. Gekreisch von Fabrikmädchen gegen ihn ... Bubengebrüll ... Die Stimmen junger Arbeiter ... im blitzschnellen Zusammenschluß ... im selbstverständlichen Masseninstinkt des Widerstands.

»Der Borsch hot nix getan! Losse Sie den Borsch! Der Borsch g'hört frei!«

Der junge Tagelöhner hatte Zeit, das Weite zu gewinnen. Da scholl hinter ihm ein Ruf: »Werner ...«

Herrgott ... Der Vater! Da stand er mitten auf der Straße. Vor dem Vater Reißaus nehmen, atemlos, wie der Dieb in der Nacht? Nein ... da war der Trotz stärker. Werner Winterhalter machte auf halber Treppe halt, die Hände gleichgültig in den Taschen, lächelnd, als sei gar nichts geschehen ... Alles so dreist wie möglich. Der Fabrikant musterte unten mißbilligend den Privatdetektiv, der sich fortwährend die Nase schnaubte.

»Das haben Sie schön tappig angestellt. Da kostet einem der Lausbub schon wieder Schmerzensgeld! Wie ist's denn, Werner? Schlägst du auch deinen Vater? Nein? Gut! Dann komm ich zu dir hinauf!«

Sie standen sich bei dem Flackerlicht einer Kerze unter dem niederen, abgeschrägten Dach des Mansardenstübchens gegenüber. Der Fabrikant sah kopfschüttelnd auf das ärmliche Gemach und dann auf dessen Bewohner. War das wirklich sein Sohn? Dieser achtzehnjährige, trotzige Tagelöhner mit dem verwilderten Haarschopf über der gebräunten Stirn, dem kastanienfarben gebrannten Hals und Nacken? Und eigentlich, bei näherer Betrachtung, doch kein Proletarier, sondern ein junger Athlet in verschlissenen Kleidern und derbem Schuhwerk.

»Also in dem Loch hast du die ganze Zeit gehaust?«

»Oh, hier ist's famos!«

»Und da drüben in der Fuhrmannskneipe gegessen?«

»'ne Köchin hab ich mir nicht gehalten, Papa!«

»Bist du schon wieder frech?«

»Ja.«

Eine Pause. Leopold Winterhalter runzelte die Stirn.

»Und um Tagelohn hast du gearbeitet? Schämst du dich denn nicht?«

»Wenn sich alle schämten, um Tagelohn zu arbeiten, dann könntest du ja deine Fabrik zusperren, Papa!«

»Verfluchter Bengel! Und davon hast du wirklich gelebt?«

»Großartig! Und werd's auch weiter ...«

Der Ältere ging finster die drei Schritte im Gaubzimmer auf und nieder. Er kam nicht in vollen Grimm. Er kämpfte mit unwillkürlicher Hochachtung. Immerhin! ... Und verändert war der Bub ... gar nichts Scheues mehr ... nichts Unterdrücktes ... nichts mehr vom verprügelten Jagdhund ... stand breitbeinig vor dem Vater... frisch, frei, froh, frech ...

»Hast du wenigstens noch einen anständigen Anzug statt der Fetzen? Dann zieh den auf der Stelle an und komm! Jetzt hat die Komödie ein Ende!«

Werner Winterhalter retirierte hinter den einzigen wackeligen Tisch.

»Hallo! So rasch geht das nicht, Papa!«

»Was – du willst noch Bedingungen stellen?«

»Na gehörig!«

»Du stehst unter väterlicher Gewalt!«

Der junge Erdarbeiter hatte seine verschwitzte Jacke abgeworfen. Er streckte die beiden muskelstrotzenden Arme aus und lachte: »Mit dem Latein und Griechisch, das sie mir beigebracht haben, da hätt ich gleich verhungern können. Das ist alles Mist! Sag das nur den Ochsen! Aber zwei Hände sind zwei Hände – weißt du? Das Geheimnis hab ich entdeckt: ich bin überall drei Mark zwanzig den Tag wert...«

»Du sprichst gerade wie einer von meinen Arbeitern!«

»Ich bin ja auch einer, Papa.«

»So? Wo eine ganze Fabrik mit tausend Arbeitern auf dich wartet ...«

»Und du darauf, daß du mich wieder knuffen kannst!«

Der junge Tagelöhner streckte den dunklen Krauskopf in die Waschschüssel, ließ die Seife zwischen den arbeitsharten Fingern schäumen, begann ein umständliches Säuberungswerk. Sein Vater betrachtete schweigend das Muskelspiel des geschmeidigen Jünglingskörpers.

»Willst du mich wirklich zwingen, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen?«

»Wenn's dir Spaß macht!«

»Gut. Dann werd ich es tun!«

»Aber helfen wird es dir gar nichts, Papa«, sagte der Sohn hinter dem groben Handtuch her, mit dem er sich geschäftig Brust und Schultern rieb. »Wie willst du mich denn halten? Übermorgen bin ich ja doch wieder über alle Berge!«

»Was?«

»Wo ich doch jetzt genau weiß, daß ich mit meinen zwei Fäusten überall durchkomm! Wovor soll ich mich denn da fürchten?«

»... daß ich hinter dir her bin, mein Lieber!«

»Oh ... dann geh ich als Kohlentrimmer nach Amerika! Da findest du mich nicht!«

»So ... und wenn du einmal dein Einjährigenjahr abdienen mußt?«

»Einfach als Gemeiner! Das kostet nichts! Im Gegenteil: da krieg ich noch was raus vom Staat!«

Leopold Winterhalter wandte sich, vor Wut zitternd, ab.

»Das ist der Geist der Widersetzlichkeit!« sagte er zu seinem Schwiegervater, der nach vergeblichem Anklopfen eingetreten war. »Derselbe Geist, der aus meinen Arbeitern spricht. Von denen ist der Bub da angesteckt. Keine Gewalt mehr über sich! Dann sind sie zufrieden!«

Der weinerliche alte Stadtrat hatte diesmal wirklich die Augen voll Tränen. Er legte dem andern die Hand auf die Schultern: »Leopold ... merkst du denn nicht, daß das dein Geist ist da drüben? Das ist d ein Dickschädel. Den hast du dem Werner vererbt!«

»Hörst du, Papa?«

»Du sei jetzt mal still ... du in deinem Eck da!«

»Leopold, der Bub will doch nichs Böses! Der will bloß nach seiner Fasson durch die Welt! Ja, wenn er dumme Streiche gemacht hält! Aber daß sich eins hinstellt und schafft wie ein Neger ... Leopold ... hast du dir denn je was von 'nem Menschen sagen lassen?«

»Ich hab's auch zu was gebracht!«

»Wer sagt dir denn, daß es der Werner zu nichts bringt? Laß ihm doch Zeit! Laß ihm sei Ruh! Mit deine Benzinmaschine geht's auch langsam vorwärts, jedes Jahr ein Stückche ... Jeder Mensch hat seine Mucke! Als nur Geduld, Leopold ... als nur Geduld!«

Und endlich halblaut im Winkel an der Tür: »Schau ihn doch an, wie er dasteht! ... Leopold, den zwingst du nicht mehr! Der wächst dir doch über den Kopf! An dem Bub hast du auch mal deinen Meister gefunden! Das kommt davon, wenn man den Bogen zu arg anspannt! Jetzt gib nach ... denk an deine Frau ... der bricht ja das Herz, wann der Werner noch einmal aus dem Haus geht und dann womöglich gleich nach Amerika ... der Bub ist ja jetzt zu allem fähig ...«

Leopold Winterhalter trat finster in die Mitte des Zimmers.

»Was willst du also eigentlich?«

»... bloß, daß du nicht über mich verfügst und mich jetzt nach England schickst und dann wieder woanders hin, sondern daß ich selbst wählen kann, was ich werden will und was ich tu!«

»Wenn du das jetzt, nach bestandenem Abiturium, noch nicht weißt ...«

»Du hast mir ja nie Zeit gelassen, mich zu besinnen! Du hast immer bloß kommandiert! Das lassen sich deine Arbeiter nicht von dir gefallen, Papa – und ich auch nicht ...«

»Er ist der reine Fabrikbursch geworden!« klagte der alte Kobus. Leopold Winterhalter schwieg eine Weile. Dann sagte er langsam und nachdrücklich: »Ich tu nichts halb! Ich übernehm entweder ganz eine Verantwortung oder gar nicht! Wenn ich dich von jetzt ab deinen eigenen Weg gehen lass', dann kümmere ich mich aber auch um nichts mehr, als daß ich dir so viel Geld geb, als du brauchst! Dann trag du deine eigene Haut zum Markt! Aber mach mir hinterher keine Vorwürfe.«

»Nein ... sicher nicht, Papa!«

»Du denkst jetzt: da hat man schon das Leben in der Tasche, wenn man sich in die Hände spuckt und einen Karren voll Dreck vor sich her schiebt. Wenn's bloß das wäre, mein lieber Werner, so wäre ja jeder Taglöhner ein großer Mann! ... Ich hab dir viele Erfahrungen ersparen wollen! Du willst sie lieber am eigenen Leib fühlen! Wegen mir! ... Also mich geht's nichts mehr an! Tu du von heute ab, was du willst!«

»Dein Wort, Papa?«

»Mein Wort drauf! Aber jetzt nix wie fort von hier!« Der Fabrikant schaute auf die Uhr. »Herrjesses ja ... in einer Stund hab ich daheim das Haus schon voller Gäst und schlag mich hier mit dem Malefizbuben herum ... Vorwärts ... marsch!«

»Gleich! Ich muß nur noch dem Robert adieu sagen!«

»Wer ist denn der Robert?«

»Mein bester Freund hier ... ein Schlossergeselle!«

Vater und Großvater tauschten einen verzweifelten Blick. Der Sohn lief auf den Treppenabsatz und schrie hinunter: »Robert , . . Robert ... wo steckst du denn?«

Aus dem Schlächterladen unten schrillte die eifersüchtige Stimme der schwarzen Walburg: »Do müssen Sie die Seegebiel-Elis frage, Herr Schaefer! Mit der is er wieder ins Dunkle spazieregeloffe ...«

Ein Gekicher von Mädchenstimmen hinterher.

»Na – dann grüßen Sie den Robert schön von mir. Und ich wär plötzlich eingeheimst worden. Aber ich käme in den nächsten Tagen mal nach ihm schauen!«

Draußen hielt die väterliche Equipage. Die ganze Dorfgasse umher im Laternenschein war voll staunender Menschen. Der Gemeindediener hielt den Weg frei, der Ratsschreiber stand kopfschüttelnd neben dem Kutscher, die Buben glotzten mit offenen Mäulern . . Leopold Winterhalter sah nicht rechts und links, schob Schwiegervater und Sohn in den Wagen, stieg hinterher ... nur los!

»Nein! Halt! Halt! Ich muß noch meinen Lohn holen, Papa! Das hätt ich beinah vergessen!«

In der niederen Stube eines Bauernhauses zahlte der Polier bei der Lampe die Wochenlöhne aus. Ein Gedräng von Arbeitern um den groben, mürrischen Mann. Ein Geruch von Schweiß, Schmierstiefeln, feuchten Röcken und Pfälzer Tabak. Aufgerissene Augen ... ratloses Schweigen: alles war schon dagewesen ... aber ein junger Erdarbeiter, der in der Equipage vorfuhr, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen, noch nicht! Der aber tat, als sei das ganz selbstverständlich, schob eine Rolle Silberstücke in die Tasche und schlug, wieder im Wagen sitzend, triumphierend mit der Hand darauf, daß es klirrte: »Selbstverdientes Geld, Papa!«

Sie fuhren hinaus in die Nacht, jagten durch die dunkle Rheinebene dahin. Der Fabrikant drängte den Kutscher: »Jean! Lassen Sie die Pferd springe! Herrgott! ... Hockt der Mann denn wieder auf seinen Ohren? ... Zufahren, Jean! Sonst kommen wir zu spät – und 's ganze Haus ist schon voller Gäst!... Gott sei Dank, da sind wir ... So! Da bring ich dir den verlorenen Sohn, Mutter!«

Und nach einer Weile, schon wieder ungeduldig, während Frau Winterhalter ihren Einzigen in den Armen hielt: »Schluß, Mama! Für heute ist's genug geflennt! Der Werner verdient's gar nicht! Was liegt denn dem an dem Kummer von seinen Eltern, wenn er nur Bauschutt karren darf! Jetzt schau, Werner, daß du dich schnell umziehst!«

»Soll er denn heute noch unter die Leute?«

»Freilich soll er!« brauste Leopold Winterhalter auf und besann sich. »Das heißt, es wäre mir lieb, wenn du kämst, Werner! Die Feier gilt doch dir! Du erbst ja doch die neue Fabrik, sobald du mich mal erst mit deinem Dickkopf unter die Erd' gebracht hast ...«

Werner Winterhalter stand allein in seinem Zimmer, sah sich um ... merkwürdig ... es hatte sich so gar nichts verändert in diesen vier Wochen ... so, als hätte man die nur mit unruhigem Kopf nach dem Abiturientenkommers geträumt. Auf dem Tisch noch die Examenbücher ... Ein Aufsatzheft ... der letzte Aufsatz in Oberprima ... ein Schillerscher Vers: »Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.«

Ihm war, als käme er aus einem dunklen, fernen Land, in dem er, durch Wochen und Monate hindurch, Kärrner gewesen und seinen Karren mit Staub und Steinen unermüdlich zwischen den anderen Mühsamen und Beladenen vom Bauplatz zur Schuttabladestelle und zurück gefahren hatte, und als erwachte er jetzt in einem bunten Märchenreich, wo er noch nicht König war, aber Kronprinz und Erbe von Gut und Gold, von Geburt Herr über die Massen, sein Wille dereinst Befehl. Und beides er! ... In ihm war ein Staunen ... eine Geistesabwesenheit ... Er fuhr zusammen. Der Diener war geräuschlos eingetreten, legte, ohne ein Wort zu sagen, mit einem stummen, ängstlichen Gesicht vor ihn den Frackanzug aus seinem schwarzen Tuch hin, die schwarzseidenen Socken, das Plätthemd, die Lackschuhe ... vor ihn, den Tagelöhner bei Römer und Sohn ... Mechanisch griff er nach Kölnisch Wasser und Veilchenseife ... zog sich an ... Unten summten viele Menschenstimmen, klang Musik, fiel greller Lichtschein in den von bunten Glühbirnen erhellten Park der weißen Elternvilla ... Das nannten die Leute hier allgemein »die Protzeburg« ... Früher hatte man das ihm, dem Sohn des Hauses, nie gesagt. Jetzt hatte er es oft gehört ... dort drüben ... Es war ihm unwahrscheinlich, daß es ein Drüben gab und ein Hier ... eines von beiden konnte doch nur sein ...

Die Tür flog auf. Der Vater schaute herein, auch schon im Gesellschaftsanzug.

»Bist du fertig? Tu mir den Gefallen und behalt die weißen Glaces an, daß man deine Hand nicht sieht ... Oder zeig's ihnen in Gottesnamen! Ich weiß schon, was ich sag!«

Er war jetzt ganz der Mann der Tat. Kraftgeladen, breitschultrig, laut und jovial stand er unten im großen Saal und schlug lachend seinem Sohn auf die Schulter. »Da haben wir den Ausreißer, meine Herren! Der hat heimlich in der Zeit einen praktischen Kursus durchgemacht! Die richtigen Fabriklerfaust hat er heimgebracht! Mir ist's recht. Praxis ist 's halbe Leben! ... Ich hab's ja seinerzeit grad so gehalten! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!«

Nie hätte er freiwillig eine Niederlage eingestanden. Für ihn mußte sich, wenigstens nach außen hin, alles in Sieg und Erfolg drehen. Dafür war er Leopold Winterhalter, der Selfmademan, der Erste in der Bresche, von Kopf bis zu Fuß ein einziger Wille. Sein Sohn stand stumm in einer Ecke. Jetzt auf einmal, hinterher, wunderte es ihn selbst, daß er wirklich diesen Willen gebrochen! Sonderbar das alles! Der jähe Wechsel... Er trank hastig ein Glas Sekt und hörte durch die rauschende Musik noch ganz von fern das Husten der Zementarbeiter im Mittagsschatten. Hatte helle Mädchenstimmen ringsumher im Ohr und zugleich noch das schwere Schnarchen der betrunkenen Ziegelformer, sah farbige Damenkleider und weiße Schultern um sich und drüben, in dem nachtfinstern Fabrikhof am Odenwald, den alten Kienast, den Blick sehnsüchtig nach den Sternen.

Dann scharte sich alles unten im Garten. Zwei mächtige Glutaugen leuchteten, kamen näher, fauchend rollte ein Automobil aus dem Dunkel des Gebüsches, von einem unheimlichen Gesellen in schwarzem Ledergewand, Rennhaube und Schutzbrille gelenkt. Neben ihm eine weißgekleidete Mädchengestalt. Der Genius des zwanzigsten Jahrhunderts begrüßte Leopold Winterhalter zum morgigen Tag. »Das Sabinche Bätzle!« raunte es umher. Und der Fabrikant legte die Hand auf die lauwarme Haube des Fahrzeugs, des neuesten seiner Art, das zum erstenmal den Motor vorn statt hinten trug, und sprach beinahe feierlich: »Auf dich setze ich meine Hoffnung und meine Zukunft! In deinem Zeichen wollen wir siegen! Merk's dir, mein Sohn Werner!«

Und wiederum wandte sich später bei der Tafel im großen Saal der dicke Fabrikant Lay, als er den Toast auf den Hausherrn ausbrachte, an den einzigen Sohn und Erben: »Das Leben Ihres Vaters ist bisher köstlich gewesen. Denn es ist Mühe und Arbeit gewesen! Lernen auch Sie von ihm die Arbeit und ihren Segen.«

Und Werner Winterhalter saß stumm und dachte sich: Arbeit? Ich weiß doch wahrhaftig besser als ihr alle hier am Tisch, was Arbeit ist! Zweiunddreißig Pfennig die Stunde ...

Nach aufgehobener Tafel trat sein Mitabiturient Moritz Kühn, der Sohn des Bankkrösus, an ihn heran. Er markierte den jungen Weltmann und bemühte sich, noch etwas unsicher, ein Monokel in der rechten Augenwölbung zu erhalten.

»Na!« meinte er gönnerhaft. »Mit Gottes Hilfe wieder im Lande? Verrücktes Huhn! Was machst du denn nun?«

»Ich weiß noch nicht ...« sagte Werner Winterhalter. Er war ganz unsicher, mit allem unzufrieden, was er von andern hörte und selber sprach. Aus dem Rauchzimmer kam der junge Rentier Schweikardt, der größte Feinschmecker der Stadt, ein dicker, fünfundzwanzigjähriger Junggeselle, die Havanna in der Hand. Er war mit dem Essen unzufrieden. »Ein Fraß!« murmelte er. »Ein Fraß ...« Und dann lauter, zu dem Sohn des Hauses: »Na, lassen Sie sich mal anschauen, Sie junger Proletarier! Sie haben ja förmlich Edelrost angesetzt! Verbrannt wie 'ne Rothaut... gesund das Erdbuddeln – was?«

»Für Sie noch viel mehr!« sagte Werner Winterhalter. »Wo Sie so unanständig dick sind!«

Herr Schweikardt ließ ihn stehen und ging auf den Gastgeber zu.

»Gratuliere, Verehrtester! Bestechende Umgangsformen hat Ihr Stammhalter von seinem Ausflug mitgebracht! Wenn er nicht noch ein halber Schulknabe wäre, müßte ich eigentlich wirklich ...«

»Ach... lassen Sie mich in Ruh! Ich hab schon grad genug Verdruß!«

»Das Wernerche ist halt noch ein bißche auseinander!« meinte der Stadtrat Kobus. Kneufler der Erste, der Staatsanwalt, pflichtete bei: »Das gibt sich!«

Der Bankherr Alfred Kühn, weitaus der Reichste und dabei der Klügste im Kreise, wandte seinen herrischen, leicht angegrauten Blondkopf hinüber nach dem jungen Mann. »Das kann man nie wissen, Herr Erster Staatsanwalt!« sagte er langsam. »Das kommt auf den Menschen an. Manchem geht so etwas zeitlebens nach!«

 

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